Handy & Urlaub

Versuchen Sie es später

Von Eva Tenzer

18. Juli 2008 Endlich Urlaub. So richtig abspannen und alles vergessen, was einen im Büro auf Trab gehalten hat. Der Meeresbrandung lauschen, dem Ruf der Berge, dem Säuseln des Wüstenwindes. Man könnte die schönsten Wochen des Jahres genießen, wäre da nicht dieses schleichende Gefühl, das sich wie ein fieser Wurm ins Unterbewusstsein gräbt: Läuft das aktuelle Projekt? Ist die neue Mitarbeiterin gut gestartet und der schwierige Kunde endlich zufriedengestellt? Kommen die Kollegen ohne mich zurecht?

Solche Fragen machen viele unsicher, wie sie sich ihrem Unter-nehmen gegenüber verhalten sollen, vor allem wenn sie Personalverantwortung und Führungsaufgaben haben, wenn ein anderer sie nur schlecht vertreten kann oder wenn sie als Freiberufler eng mit Auftraggebern, Klienten und Patienten zusammenarbeiten.

Das Büro am Strand

Die Extremlösungen sehen so aus: Die einen schalten völlig ab, widmen sich ausschließlich Familie und Reiseplanung. Sie verschwinden auf Trekkingtour in den Himalaja oder ziehen sich meditierend in ein Kloster zurück. Erreichbar sind sie, wenn überhaupt, nur im Notfall und mit Zeitverzögerung. Die anderen schleppen eine perfekt ausgestattete Kommunikationstechnik mit an den Urlaubsort, der noch dazu so gewählt ist, dass man im Notfall schleunigst wieder nach Hause kommt. Mobiltelefon, Handheld, Laptop, Fachliteratur, alles liegt einsatzbereit im Koffer. Dieses Art "Urlauber" liest stündlich die eingegangenen E-Mails, erteilt am Südseestrand heftig gestikulierend Anweisungen und lässt sich laufend über den Stand der Dinge berichten - meist zum Leidwesen der Familie. "Das ist Stress pur, schlimmer als im Büro, weil ich zwischen Arbeit und Urlaubsverpflichtungen hin- und hergerissen bin", sagt ein Mitarbeiter aus dem mittleren Management im Automobilbau.

Welche Lösung ist die bessere? Wirkt der hektische Strandtelefonierer auf Vorgesetzte verantwortungsvoller als ein abgetauchter Urlauber? Oder ist es am Ende ganz anders und die disziplinierte Ruhe doch besser?

Erfahrungen in Firmen

Es kommt ganz darauf an, meinen Personalverantwortliche. Zunächst einmal gilt, dass, wer meint, ohne ihn liefe während des Urlaubs nichts, nicht zwangsläufig besser dasteht. "Es gilt vielfach sogar als Schwäche, sich für unersetzbar zu halten. Eine gute Führungskraft hat ihren Laden so im Griff, dass er auch einmal drei Wochen ohne sie läuft. Qualifizierte Stellvertreter oder Mitarbeiter kommen eine begrenzte Zeit auch alleine aus", betont Heiko Mell, Personal- und Unternehmensberater in Rösrath bei Köln. Experten sind überzeugt, die Vorstellung, selbst im Urlaub für die Firma arbeiten zu müssen, sei oft aus der Angst gespeist, in Abwesenheit von Kollegen ausmanövriert zu werden, oder der Angst, laufende Projekte könnten misslingen. In diesem Fall ist das Agieren aus den Ferien heraus ein Zeichen von Unsicherheit. In den meisten Firmen gilt daher: besser nicht zu viel tun.

"Man ist ja geradezu verpflichtet, sich im Urlaub auszuruhen und so seine Arbeitskraft zu erhalten oder wiederherzustellen. Wer einfach weiterarbeitet, gefährdet diesen wichtigen Erholungseffekt", erklärt Siemens-Sprecher Karlheinz Groebmair. Generelle Erwartungen an das Verhalten der Mitarbeiter oder gar konzernweite Vorgaben gibt es bei Siemens wie in den meisten Firmen nicht. Vieles liegt im Ermessen der Mitarbeiter und der zu Hause gebliebenen Kollegen. "Vor allem bei Positionen, die stark an die Person gebunden sind, ist ein völliges Abschalten im Urlaub nicht immer möglich. Die hohe Kunst besteht dann darin, vor den Ferien alles so zu organisieren, dass man nach drei Wochen kein Chaos vorfindet. Vor allem muss die Urlaubsvertretung mit dem nötigen Wissen versorgt werden", rät Groebmair.

Arbeitsökonomie

Immerhin dürfte jemand, der die Arbeit mit an den Strand nimmt und sich nächtelang den Kopf über Verkaufsstrategien zerbricht, kaum erholt zurückkommen. Und eben das ist ja Sinn des Urlaubs: Regeneration, um anschließend wieder fit zu sein. Arbeitspsychologen raten dringend, das ernst zu nehmen. Denn wer auf Dauer auf die eigene Erholung verzichtet, büßt an Leistungsfähigkeit ein und mindert früher oder später auch seinen Wert für die Firma. Anstatt durch den unermüdlichen Einsatz die eigene Position zu stärken, untergräbt man sie am Ende. Wer sich nicht einmal im Urlaub erholt, schliddert leicht in den Burn-out. Daher wird auch führenden Mitarbeitern geraten, sich Erholung zu gönnen. Ohnehin dürften die meisten Chefs wissen, wie wichtig Erholung für sie selbst ist und das dann auch für ihre Mitarbeiter akzeptieren.

Ausnahmen gelten nur dort, wo ein Urlauber über unersetzliche Kenntnisse verfügt und man bestimmte Probleme ohne ihn gar nicht lösen kann. "Dann ist er gut beraten, einen Kompromiss einzugehen. Ein vernünftiger Chef wird ihm das ,vergüten', wobei nicht unbedingt Geld fließen muss", sagt Mell.

Anders sieht die Situation in Notfällen aus. Steht ein wichtiges Projekt auf der Kippe, gibt es ernste Probleme bei der Markteinführung einer Innovation, gar Insolvenz- oder Übernahmegerüchte, sollten sich Urlauber tunlichst über den Stand der Dinge informieren und den Kollegen zur Seite stehen, da ja alle auf Hochtouren arbeiten. Das gilt jedoch nur für außergewöhnliche Krisen, nicht für alltägliche Routineprobleme. Ist die Sache gelöst, darf man sein Mobiltelefon wieder abschalten. Natürlich gelten hier für "einfache" Mitarbeiter andere Regeln als für höhere und vor allem höchste Ebenen. So behalten sich viele Firmen aus Gründen des Risikomanagements vor, wichtige Mitarbeiter in dringenden Fällen aus den Ferien zurückzurufen - oder sie verhängen gleich eine Urlaubssperre.

Vorausplanen und dann ausspannen

Für alle anderen gilt: Ferien dienen der Erholung. Um zu vermeiden, dass der Urlaub zum Arbeitsurlaub wird, sollten Führungskräfte wie Mitarbeiter ihre Ferien schon früh planen und Ansprechpartner aus laufenden Projekten rechtzeitig informieren. Außerdem tut man gut daran, einen gut informierten Stellvertreter mit Entscheidungsbefugnissen zu bestimmen. Und das gilt auch für Freiberufler. So mancher Arzt kennt die Situation, dass Patienten hysterisch werden, sobald er sich für einige Wochen verabschiedet. Aber auch hier kann im Notfall eine Urlaubsvertretung den Job meist genauso gut erledigen. Und auch ein Arzt kommt gerne erholt wieder aus dem Urlaub, um sich dann wieder mit voller Kraft seinen Patienten zu widmen.

Über die Faustregel "Urlaubsarbeit nur im Notfall" hinaus ist es ratsam, sich an die Gepflogenheiten eines Unternehmens zu halten, ob man die nun richtig findet oder nicht: "Ist bekannt, dass der Chef aus dem Urlaub heraus ständig kommuniziert, erkennt man daran auch seine Erwartungen an die Ebene darunter. Die Mitarbeiter müssen ihn zwar nicht übertreffen, aber ein bisschen müssen sie in der Richtung auch tun", rät Heiko Mell. Ignoriert der Chef dagegen während seines Urlaubs das Telefon, dürfen seine Mitarbeiter ihm auch das nachtun.

Nur wer besondere Fachkenntnisse hat, die für die Firma existentiell sind, wer sich einer unanfechtbaren Position und legendärer Erfolge erfreut - oder wer nicht mehr weiter aufsteigen will, kann firmenübliche Gepflogenheiten getrost ignorieren. Dabei sollte man sich seiner Sache allerdings sehr sicher sein.

Mehr unter www.arbeitsratgeber.de, www.berufsstrategie.de, www.business-wissen.de, www.heiko-mell.de.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: dpa

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