Von Bernd Kregel
11. April 2008 Sie galt als unsinkbar - doch das war sie nicht. Noch während der Jungfernfahrt ging die Titanic unter. Der Schock über das Desaster lief um die ganze Welt und begründete einen Mythos, der bis heute nichts von seiner Wirkung verloren hat.
Die Hafenstadt Halifax im kanadischen Nova Scotia lag dem Unglücksort am nächsten und wurde so zu einem Teil dieses Mythos. Ihr fiel die traurige Aufgabe zu, viele der Opfer zu bergen. So kam es, dass 121 der Titanic-Opfer ihre letzte Ruhe auf dem Fairview Lawn Cemetery fanden. Nicht nur Angehörige der Toten machen sich auf den Weg dorthin; Urlaubern ist er zu einer Sehenswürdigkeit geworden.
Der Mantel der Geschichte
Eine schattige Baumallee gibt in der ausgedehnten Parkanlage die Richtung vor, vorbei an gepflegten Gräbern aus alter und neuer Zeit. Doch schon bald hinter dem Friedhofseingang fallen vier Grabreihen durch die einheitlich schlichte Gestaltung auf. Und natürlich auch durch das gleiche Todesdatum auf allen Grabsteinen: 15. April 1912. Es ist, als könne man dort vom Mantel der Geschichte wenigstens einen kleinen Zipfel ergreifen.
Umso intensiver werden die Namen studiert und persönliche Würdigungen gelesen. He remained at his post of duty, seeking to save others, regardless of his own life and went down with the ship, steht da etwa - eine Würdigung, die der White-Star-Line-Direktor J. Bruce Ismay auf dem Grabstein seines Assistenten Ernest Freeman anbringen ließ. Doch fehlten nicht gerade in jener Nacht dem Direktor Ismay die von ihm hier gerühmten heroischen Eigenschaften?
Blaue Augen, blaue Lippen
In der zweiten Grabreihe geraten die Pilger ins Stocken. Sie kommen miteinander ins Gespräch: Ist er es, oder ist er es nicht? Der Grabstein ist schlicht gehalten und trägt den Namenszug J. Dawson. Mit diesem Namen werden schnell vertraute Szenen der letzten Titanic-Verfilmung assoziiert: Ja, Jack Dawson, der junge Liebhaber aus dem Film! Keiner hier, der die dramatische Schlussszene nicht vor Augen hätte, in der Jack Dawson, gespielt von Leonardo DiCaprio, mit blauen Lippen vor den blauen Augen von Rose im eisigen Wasser versinkt. Wäre also die Leiche des Passagiers Jack Dawson aus dem Wasser gezogen und hier beigesetzt worden? DiCaprio-Fans sind davon überzeugt und legen regelmäßig frische Blumen nieder.
Einige Besucher wissen mehr. Den offiziellen Registern sei zu entnehmen, dass J. Dawson nicht Passagier, sondern Besatzungsmitglied war. Und dieser J. Dawson arbeitete tief im Bauch der Titanic als Kohlentrimmer, weit entfernt von den Oberdecks mit ihrer feinen Gesellschaft, in der Rose verkehrte. Welch ein Aufstieg vom Niemand im Kohlenbunker zum Publikumsliebling im Film.
Ein Grabstein für das unbekannte KInd
Nur wenige Meter entfernt am Ende der Reihe unterscheidet sich ein Grab von allen anderen. Buntes Kinderspielzeug am Fuße des Grabsteins zeugt von liebevollem Gedenken. Mit diesem Grab verbindet sich eine seltsame Geschichte. Erected to the memory of an unknown child whose remains were recovered after the disaster to the Titanic April 15th 1912, steht auf dem Grabstein. Besatzungsmitglieder des Rettungsschiffes Mackay-Bennett sollten den kleinen Körper einige Tage nach dem Unglück aus dem Wasser gezogen haben. Weil sich keine Familie meldete, um sich der Leiche anzunehmen, stifteten sie dem Kind diesen Grabstein.
Immer wieder wurde versucht, das Rätsel um das unbekannte Kind zu lösen. Vergeblich. Und dann, so weiß sogar einer der Besucher am Grab, habe die Entwicklung der Genanalyse einen vermeintlichen Durchbruch gebracht. Das mit Spannung erwartete Ergebnis wurde im Jahre 2002 verkündet: Das Kind sei der damals dreizehn Monate alte Eino Viljami Panula aus Finnland gewesen. Es wurde sogar seine Umbettung erwogen. Aber dann entdeckte man Fehler in der DNA-Analyse. Das Kind war plötzlich wieder namenlos. Welch ein Wechselbad der Gefühle. Erst recht, als im Sommer 2007 ein neues Ergebnis bekannt wurde: Das Kind sei der damals neunzehn Monate alte Sidney Leslie Goodwin und stamme aus England.
Unterwegs in der dritten Klasse
Tatsächlich ist der Passagierliste zu entnehmen, dass der kleine Sidney mit seinen Eltern und fünf Geschwistern in der 3. Klasse unterwegs war in die Neue Welt. Die Identität scheint nun also geklärt - und es wird seither diskutiert, ob der historische Grabstein durch einen neuen ersetzt werden sollte.
A Night to Remember heißt der literarische Klassiker über die Katastrophennacht der Titanic. Auch auf dem Fairview Lawn Cemetery, daran besteht kein Zweifel, wird diese Erinnerung in würdiger Form wachgehalten - auch von den Besuchern.
Fairview Lawn Cemetery, Chisholm Avenue. Anfahrt vom Zentrum Halifax über die Connaught Avenue. Geöffnet täglich von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP
