Von Inka Wichmann
17. Juli 2008 Unsere Gastgeber sind nirgendwo zu entdecken. Wir stehen am östlichen Steg des Circular Quay, wo Fahnen knattern und Bootsmotoren dröhnen. Benzindämpfe und Meersalz liegen in der Luft, Fähren hupen, Möwen kreischen. Wer an Sydneys Uferpromenade nur fünf Minuten wartet, kann siebzehn Mittagspausenjogger zählen, dazu zwei Opernfreundinnen mit Leopardenhandtaschen, drei Flaneure mit Goldknopfjacketts und einen Paul-Hogan-Doppelgänger. Mit heiserer Stimme preist er seine schnittigen Motorboote an. "Mit achtzig Stundenkilometern durch den Hafen!", schallt es unter dem Akubrahut hervor. Ein paar Frauen mit verspiegelten Sonnenbrillen wollen sich das Angebot genauer ansehen. Andere Besucher drängen Richtung Hafenbrücke oder Opernhaus, zu einer Victory-Bitter-Kneipe oder einer Traditionsbäckerei, die Hähnchen-Spargel-Kuchen verkauft. Nur unsere Gastgeber können wir in der Menschenmenge nirgends entdecken.
Dann endlich kommen sie: auf dem Seeweg. Neben einem der Achtzig-Stundenkilometer-Boote legt die "Deerubbun" an, ein Ausflugsschiff mit ockerfarbenem Deck und tiefschwarzem Rumpf. Es gehört der Tribal Warriors Association. Die Aborigines-Organisation will dafür sorgen, dass Nachkommen der Ureinwohner Australiens miteinander in engen Kontakt und zugleich in ein festes Arbeitsverhältnis treten. Zu diesem Zweck unterhält sie seit sieben Jahren unter anderem die "Deerubbun". Während ihrer Hafenrundfahrten schildern Angehörige verschiedener Klans, wie die Aborigines die Ankunft der Europäer in der Bucht erlebten, ob sie sich anpassten und dass sie sich wehrten. "Deerubbun bedeutet ,fließendes Wasser'", sagt Ronny, der diesmal die Erläuterungen übernimmt. Er ist aus dem Norden Queenslands nach Sydney gezogen. Sein Haar ist zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und sein Bart kurz gestutzt; am Saum seiner olivgrünen Hose mit den vielen Seitentaschen klebt ein weißer Farbklecks. Mit Ronnys Worten legt die "Deerubbun" ab und lässt den Circular Quay hinter sich.
Wenige Spuren
Wo heute der Circular Quay angelegt ist, versammelte Gouverneur Arthur Phillip einst seine Männer, um eine Stadt zu gründen. Am 26. Januar 1788 ließ er rechtzeitig zum Sonnenuntergang den Union Jack hissen. Er war der Kommandant der ersten Sträflingsflotte, die die britische Regierung nach Australien geschickt hatte. Insgesamt mehr als tausendfünfhundert Seeleute, Gefangene und Soldaten. Seine elf Schiffe hatte er schwer beladen; sie beförderten Schweine und Schafe, Saatgut und Sämlinge. Zwei Jahre sollten sie ohne Nachschub überdauern können. Hunderte Einheimische hatten das Einlaufen der Schiffe beobachtet; einige hatten den Neuankömmlingen den Weg zu einer Wasserquelle gewiesen und dafür Glasperlen erhalten. Felsmalereien, die verraten könnten, in was für ein Leben die englischen Siedler einbrachen, haben in der Region kaum überdauert. Auch andere Hinterlassenschaften fehlen. In abgeschiedenen Landesteilen geben immerhin Muschelhügel zumindest kleine Informationsbrocken preis.
Werkzeuge aus Knochen, Holzkohle für Lagerfeuer, Panzer von Schalentieren türmten sich auch in der Bucht zu Muschelhügeln - sie hätten über die Lebensweise der Aborigines Auskunft geben können. Allein: Die Muschelhaufen bargen nicht nur archäologische Fundstücke, sondern auch nützliches Kalkpulver. Das benutzten die Siedler als Mörtelgrundlage für ihre Sandsteinunterkünfte. Und so tilgten sie, indem sie die Muschelberge abtrugen, die Spuren der Aborigines. Bleiben also nur die Akten, Briefe und Notizen der Angehörigen der ersten Flotte selbst. Etwa die des Schiffsastronomen William Dawes. Er wohnte mit einer jungen Frau namens Patyegarang zusammen, die vermutlich seine Dienerin und Geliebte zugleich war. Ihre Gespräche hielt er in einem Tagebuch fest. Da vertraute sie ihm etwa an, dass die Landnahme und das Musketenfeuer ihrem Stamm Angst machten. Er hingegen erzählte ihr, wenn sie sich nur oft genug wasche und schrubbe, werde sie eine helle Haut bekommen. "Tyera barr bowar yaou", soll sie erwidert haben. "Ich beabsichtige nicht, weiß zu werden."
Listen von Wörtern und Motiven
Wenn Schüler an Bord sind, händigt Ronny Arbeitsblätter aus. In Vokabellisten finden die Kinder Wörter, die die Seeleute und Soldaten der Flotte anfangs aufschnappten. "Woroo-woroo!" lautete der erste Ausruf, den die Siedler hörten. "Geht fort!" Ein paar andere Aufgabenpapiere verteilt Ronny nach Altersstufen. Jüngere Grundschüler lernen, welche Muster und Motive Aborigines auf Haut oder auf Rinde malen, um ihren Platz innerhalb des Klans zu beschreiben oder Geschichten der Ahnen zu erzählen. Ein Strich ist ein Mann, ein Bogen eine Frau, ein Kreis ein Kind. Will jemand von seiner Familie berichten, malt er in das vorgesehene Feld einen Strich, einen Bogen und einen Kreis. Und fügt dann vielleicht eine Schlangenlinie hinzu. Könnte fließendes Wasser, könnte aber auch aufsteigenden Rauch bedeuten, je nach Gefahrenlage. Ältere Jugendliche erhalten ein Glossar mit wichtigen Begriffen zur aus-tralischen Geschichte, zum Beispiel Einmarsch, Enteignung, Massaker, Ausgrenzung. Eine Landkarte bekommen alle.
Auf der Kommandobrücke lehnt Ronny an einem Baumstamm. Der ragt gleich neben dem Steuerrad auf, in der Astgabel klemmt ein Kopfhörer. Es sieht so aus, als stütze ein Zweig das Dach des kleinen Befehlsstands. Freiwillige Helfer haben das frühere Kriegsschiff in ein Ausflugsboot verwandelt. Sie haben Koalas in die Vertäfelung auf dem Zwischendeck geritzt, Eidechsen auf die Plastikplane an der Reling gedruckt - und den polierten Baumstamm neben dem Ruder aufgebaut. Wer die "Deerubbun" ausgestattet hat, verrät eine Inschrift. "Marcus, Byouma, Elias und Micaiah gehörten zu den Handwerkern", steht an der Holzdecke. Warum die "Deerubbun" hergerichtet wurde, erzählt Ronny, begleitet vom Knarzen des Bordlautsprechers. "Wir wollen unsere Kultur mit anderen Menschen teilen." In der rechten Hand hält er das Mikrofon. Mit der anderen blättert er die eingeschweißten Seiten eines dickes Ringbuchs voller Daten und Namen um. Doch schaut er nicht auf die Stichworte. Sein Blick bleibt auf das Opernhaus gerichtet.
Zwischen den Stühlen
Wo sich jetzt der Opernbau erhebt, stand einst eine Steinhütte. Sie gehörte dem jungen Aborigine Bennelong. Gouverneur Arthur Phillip hatte ihn im November 1790 entführen lassen. Damals waren die Siedlungsvorräte merklich geschrumpft; aus den verbliebenen Reissäcken krabbelten Rüsselkäfer. Wer beim Kartoffelklauen erwischt wurde, musste mit dreihundert Peitschenhieben und sechs Monaten Gefangenschaft in Ketten rechnen. Die Nahrungssuche im Landesinneren brachte ebenfalls Gefahren mit sich: Dort musste man mit giftigen Pflanzen und Speerangriffen rechnen. Als sich auch in Gouverneur Phillips Brustkorb eine Speerspitze bohrte, entschied er: Eine freundschaftliche Beziehung zu den einheimischen Stämmen war vonnöten - und ein sprachmächtiger Vermittler unentbehrlich. Jemand musste Versöhnung stiften. Das sollte Bennelong sein. Von dessen Schreien und Schluchzern berichtete der Leutnant, der ihn am Meeresufer gefangen nahm. Später schrieb er über Bennelong: "Er fürchtete sich sehr."
Trotzdem nannte Bennelong Arthur Phillip bald einen Vater. Er versuchte, die Gouverneurswünsche zu erfüllen und die Nachbarstämme zu beeinflussen. Er lernte die Sprache der Eroberer, bat um eine Hütte aus Stein und speiste an der Tafel der Engländer. Gab Arthur Phillip ein Fest, unterhielt er die Gesellschaft mit Parodien. Schließlich begleitete er Gouverneur Phillip nach London und traf dort sogar King George III. Als Bennelong drei Jahre später nach Australien zurücksegelte, war er versessen auf britische Gepflogenheiten, die Tischmanieren und Kleidervorschriften. Unter den Aborigines fand er keinen Anschluss mehr, bei den Europäern jedoch keine Aufnahme. Er starb einsam und ausgestoßen, alkoholabhängig und rachsüchtig, ungefähr ein Dutzend Kilometer vom Platz seiner Hütte entfernt.
Auf Clark Island
Eines der Achtzig-Stundenkilometer-Gefährte donnert vorbei und schiebt eine Bugwelle vor sich her. Die Passagiere im Thunder Jet juchzen, die Gäste der "Deerubbun" schwanken. Hastig umklammert Ronny den Baumstamm. Erst als das rasante Motorboot schon in weiter Ferne kurvt, schlingert das ehemalige Kriegsschiff - Baujahr 1943, Gewicht fünfunddreißig Tonnen, Höchstgeschwindigkeit zwölf Knoten - nicht mehr. Die Reisegruppe kann kurz an Land gehen.
Land, das ist Clark Island, eine Hafeninsel, die kaum einen Hektar umfasst. Auf dieser Fläche versuchte Leutnant Ralph Clark, ein Soldat der ersten Flotte, Gemüse zu ziehen. Weil das Saatgut ständig gestohlen wurde, gab er das Vorhaben rasch wieder auf. Dennoch behielt die Insel seinen Namen. Während Ronny an Bord wartet, streifen die Touristen umher. Clarks Bemühungen um Beete und Reihen haben keine Spuren hinterlassen, Rasen und Pfade wurden seitdem am Ufer angelegt; ein paar hohe Kiefern durften in der Mitte wuchern. Die Insel ist schnell umrundet.
Nahe der Anlegestelle hat Ronny mittlerweile Plastikstühle im Halbkreis aufgestellt. Wind bläst. Strickjacken werden zugeknöpft, Halstücher festgeknotet, Schirmmützen aufgesetzt. Die Besucher nehmen Platz, und eine Touristin beißt in einen Kräutermuffin. Als erste Regentropfen fallen, tritt Ronny in die Mitte, barfuß, umgezogen. Das dunkle Haar ist mit einem gelben Stirnband gebändigt, um die Hüften hat er sich einen roten Stoffgürtel geschlungen. Weiße Farbe bedeckt seinen ganzen Körper, von den Zehen bis zu den Schläfen. Nur die Augenhöhlen, die Ohrmuscheln und die Schulterblätter hat er ausgespart. Zu Ronny gesellen sich ein kleines Mädchen und zwei weitere Männer, einer von ihnen mit Didgeridoo. Als Ronny zwei Klanghölzer gegeneinander schlägt, beginnen sie zu singen und zu spielen, zu stampfen und zu klatschen, immer lauter, immer heftiger. Trotzdem bibbert das Mädchen. Von Zeit zu Zeit erklärt Ronny kurz, was es mit den Liedern auf sich hat. Das erste ehrt die Fische, das zweite die Kängurus, das dritte die Flüsse. Das letzte Stück ist ein Willkommensgruß.
Widerstand gegen die Briten
Die Gerüchte ließen sich nie ganz ausräumen. Britische Soldaten hätten bewusst zur Pockenepidemie unter den einheimischen Völkern beigetragen, weil ihnen vor deren Übermacht gegraut habe, wurde oft geargwöhnt. Ein Jahr nach der Ankunft der ersten Flotte war die Hälfte der Ureinwohner in der Bucht an Blattern gestorben; außerdem wüteten Syphilis, Windpocken und Rippenfellentzündungen unter den Stämmen, auch der Grippe erlagen viele Klanmitglieder. Schätzungen besagen, dass zu Beginn der Kolonialzeit auf dem Kontinent zwischen dreihunderttausend und neunhunderttausend Aborigines lebten. Gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts sollen es hundertfünfzigtausend gewesen sein, manche Wissenschaftler sprechen sogar von nur noch fünfzigtausend. Was die Schlussfolgerung anbelangt, herrscht jedoch Einigkeit: Die Seuchen machten den Widerstand der Einheimischen gegen die Eindringlinge in den Anfangsjahren fast zunichte. Der Wildhüter der Siedlung allerdings starb durch einen Speer mit Widerhaken aus rotem Stein. Geschleudert hatte den Wurfspieß der Krieger Pemulwuy. Der wehrte sich seit der Ankunft der Flotte gegen die Ausdehnung der Siedlung: Er zündete Maisfelder an, überfiel Farmen und rächte Entführte.
So viele Aborigines wie nur möglich auszulöschen wurde daraufhin als Parole ausgegeben. Die Kämpfe forderten bis zur Jahrhundertwende sechsundzwanzig weiße und ungezählte einheimische Todesopfer. Schließlich ächtete der Gouverneur den Widerstandskämpfer Pemulwuy. Wer ihn überwältigte und herbrachte, tot oder lebendig, sollte belohnt werden, entweder durch Straferlass oder Alkohol, versprach der Gouverneur. Im Juni 1802 wurde der Pemulwuy erschossen und enthauptet. Seinen Kopf schickte der Gouverneur wenig später in einem Branntweinfass nach England, angeblich versehen mit einem Brief, in dem stand: "Pemulwuy war die Pest für die Kolonie, doch gleichzeitig ein unabhängiger, tapferer Mann." Wo der Kopf geblieben ist, weiß niemand.
Didgeridoo und Klanghölzer
Auf dem Zwischendeck gibt es Tee. Während die Gäste in den Tassen rühren, greift Ronny nach einem Notizblock. Er ist inzwischen wieder in seine CargoHosen und in seine Crocs-Schuhe geschlüpft, hat das Stirnband und den Stoffgürtel abgelegt. Nur ein bisschen weiße Farbe haftet noch auf der Nase und an den Handflächen. Mit einem Kugelschreiber zeichnet er die Küstenlinie von Queensland nach. Ein gerader Strich ist das Korallenriff, ein spitzer Zacken die Halbinsel und eine kleine Delle die Golfküste. Neben den Zacken malt er zwei Sterne, neben die Delle drei. Sie stehen für die Völker, zu denen seine Eltern, Großeltern und Urgroßeltern gehörten: Kap York ist die Heimat der Tjungundji und Teppathiggi, am Golf von Carpentaria sind die Waanyi, Kalkadoon und Garawa zu Hause. Jemanden Aborigine zu nennen, der von fünf Klans abstamme, sei ungenau, sagt er und legt das Schreibwerkzeug beiseite. Ein weißer Abdruck bleibt auf dem Stift zurück.
Wieder am Circular Quay. Nach und nach springen alle von Bord. Auch Ronny hüpft auf den Schiffsanleger und läuft über den Holzsteg auf die Uferpromenade. Dort schlängelt er sich zwischen den Hafenbesuchern hindurch, zwischen all den Leopardentaschenbesitzerinnen, den Goldknopfjackettträgern, den Rauhbeinen mit Akubrahüten. Er geht in der Menschenmenge nicht unter. Auch aus der Ferne ist er zu erkennen. Das hat einen Grund. Mehr als zweihundert Jahre nach Patyegarang, Bennelong und Pemulwuy sind keine Nachkommen der Ureinwohner Australiens am östlichen Steg zu sehen. Allenfalls einige Meter weiter.
Zwischen Bushaltestelle und Fähranleger kauern drei, vielleicht auch vier Männer, neben sich einen Musikverstärker, vor sich einen Teller mit Münzen. Während einer in ein Didgeridoo bläst, schlägt ein zweiter die Klanghölzer. Sie lehnen mit dem Rücken zum Hafenbecken an einem Metallgeländer. Ronny hingegen schaut in die Bucht. Wenn er den Kopf ein bisschen zur Seite dreht, sieht man noch von weitem die weiße Farbe auf den Nasenflügeln.
Anreise Etihad Airways fliegt täglich von Frankfurt über Abu Dhabi nach Sydney; die Flüge können unter der Rufnummer 0180/5005400 (14 Cent pro Minute) oder im Internet unter www.etihadairways.com gebucht werden.
Einreise Das benötigte elektronische Touristenvisum ETA stellt die Fluggesellschaft oder das Reisebüro aus.
Informationen Die Aboriginal Harbour Cruise der Tribal Warriors Association kann man per E-Mail reservieren bei bookings@tribalwarrior.org, nähere Informationen zu der geführten Tour gibt es im Internet unter www.tribalwarrior.org. Weitere Führungen zur Kultur der Aborigines werden auf der Internetseite www.visitnsw.com vorgestellt.
Literatur Einen Einblick in die Gedankenwelt der Aborigines gibt der bisweilen surrealistisch anmutende Roman Flug in die Traumzeit des zeitgenössischen Aborigine-Autors Mudrooroo (Unionsverlag, Zürich 1999).
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, F.A.Z.