
Die Getränkeverkäufer auf der Chinesischen Mauer sind einem nicht böse, wenn man auf ihren Ruf "Bier, Cola, okay?" nicht reagiert. Sie fragen dann gleich, woher man komme, und nicken, wenn man es ihnen gesagt hat, gedankenverloren und freundlich mit dem Kopf, so als ließen sie den Klang der Weltgegend, die sie gerade vernommen haben, noch etwas in sich nachhallen, zusammen mit der klaren Vorstellung: Und auch dieses Land, wie jedes Land, kommt heute zu uns, um die Große Mauer zu sehen und ihr seine Reverenz zu erweisen.
Heute sind die Fremden, die früher durch die Mauer abgehalten werden sollten, Teil des von China auf der Mauer inszenierten Schauspiels der Anerkennung seiner nationalen Größe durch die Welt. Kein Foto von ausländischen Staatsleuten stattet China mit größerer Symbolkraft aus als das, welches sie auf der Großen Mauer zeigt: Nixon, Strauß, Clinton, Schröder auf der Mauer, das sind eben nicht bloß Bilder eines erholsamen Ausflugsprogramms abseits der ernsthaften Diplomatie, sondern Zeichen des Entscheidenden: von Etappen eines Aufstiegs. Und noch jeder Tourist, der es den Politikern nachtut - nach wie vor ist die Mauer das am häufigsten besuchte Ziel aller China-Reisenden - soll mit seiner Ehrfurcht vor der unvergleichlichen Größe dieser Abwehranlage gegen ausländische Infiltration die Größe der Nation bezeugen, die so etwas hervorzubringen vermochte. Das ist das bislang letzte Glied einer langen Kette von Paradoxa, die die Geschichte der Mauer durchzieht und sie zum Inbegriff von Mauern schlechthin macht, als handfest politische Realität ebenso wie als kulturelle Konstruktion.
Propagandistische Botschaft
Rucksacktouristen bevorzugen natürlich die entlegensten, wildesten Stellen der Mauer, an denen sie in der atemraubenden Stille der zerklüfteten Berglandschaft mit sich und den überwachsenen Befestigungsresten allein sind. Sie sprechen mit einer gewissen Verachtung von den überlaufenen Fremdenverkehrszentren, zu denen die sorgfältig restaurierten Mauerabschnitte bei Peking geworden sind. Aber um zu verstehen, was die Große Mauer heute bedeutet - als propagandistische Botschaft ebenso wie als globale Bewusstseinstatsache -, besucht man besser eine dieser vom chinesischen Staat inszenierten Stätten. Wenn es nicht gleich Badaling mit seiner Jahrmarktatmosphäre sein soll, ist das knapp achtzig Kilometer von der Pekinger Innenstadt entfernte Mutianyu die beste Wahl.
Nachdem Deng Xiaoping 1984 die Losung ausgegeben hatte: "China lieben, die Große Mauer wieder aufbauen", war Mutianyu die erste Rekonstruktionsbaustelle. Die zweiundzwanzig Wachtürme und die sie verbindenden Granitwälle, die man heute sieht, stammen aus dem fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert, als Kaiser aus der Ming-Dynastie sie gegen heranstürmende Mongolen bauten, doch sie gründeten auf Befestigungsanlagen, die das chinesische Fürstentum der Nördlichen Qi schon im sechsten Jahrhundert errichtet hatte. Im Tal vor den Gebirgskämmen, über die sich die damalige Grenze zieht, liegt die Gemeinde Mutianyu, die wegen ihrer Verdienste um Tourismus- und Glaswarenindustrie zum Modell- und Kulturdorf ernannt worden ist.
Das gewaltigste Bauwerk der Erde
Man trifft am Fuß der Berge auf einem von vier Parkplätzen ein und geht dann durch eine Ladenstraße mit Souvenirartikeln zu dem Fußweg, der zum Pass führt. Oder man nimmt eine von zwei Seilbahnen, eine mit überdachten Kabinen, die andere offen, die allerdings, wohl wegen des Spurts, der den Passagieren beim Aussteigen abverlangt wird, für Herzpatienten verboten ist. Oben angekommen, braucht man dann nur noch auf dem alten Treppenaufgang die acht Meter zu steigen, die die Mauer hoch ist - und schon steht man hinter den Zinnen des laut offizieller chinesischer Auskunft gewaltigsten Bauwerks der Erde.
Eine Frau mit dunkelbrauner Gesichtsfarbe steht da und bietet an, einen vor der Bergkulisse zu fotografieren. "Mongolei", sagt sie mit weitausholender, die Landschaft nördlich der Mauer gewissermaßen umfassender Gebärde. "War das eine Mongolin?", fragt eine Besucherin ihren chinesischen Begleiter, als sie sich ein paar Meter entfernt hatten. Das war wohl ein Missverständnis. Die Frau wollte als Fremdenverkehrsprofi bloß der Phantasie der Touristen nachhelfen: Man muss sich vorstellen, wollte sie zweifellos sagen, das war die Mongolei, und das, auf der anderen Seite, so muss man ergänzen, war China, in so großen Buchstaben geschrieben, wie es dem kosmischen Umfang des solchermaßen symbolisierten Wesens entspricht.
Bleibt dem Vorsitzenden Mao treu!
Es bedarf der Hilfe. Denn was man erst mal sieht, ist auf nördlicher Seite bloß unwegsames Gebirge, felsig oder bedeckt von Wäldern, die jetzt in allen herbstlichen Braunfarben schillern, mittendrin weitere Wälle, die sich aber kaum noch vom Boden abheben, und immer wieder, bis zum Horizont, Wachtürme. Auch auf der anderen, südlichen Seite sieht man bis zum Horizont hintereinander gestaffelte Bergketten, doch dazwischen in der Ebene auch Weideflächen, auf denen sich jetzt vereinzelt Industrieanlagen befinden. In den westlichen Gebirgszug sind in die Felsen unterhalb der Mauer riesige weiße Schriftzeichen installiert, die ins Land und in die Welt hinein mahnen: "Dem Vorsitzenden Mao treu bleiben". Die Landschaft ist nicht anders als grandios zu nennen, und die technisch-logistische Leistung, in diese immer wieder steil abfallenden und ansteigenden Windungen des Passes ein Bauwerk von solch gleichbleibender Stabilität und Qualität zu installieren, nötigt spontan den größten Respekt ab.
Doch es bedarf einer speziellen Vorstellungskraft und Abstraktion, diese Ingenieursleistung auf das Gesamt einer Kultur hochzurechnen und gar zu einem überzeitlichen Symbol zu machen. Zu einer solchen Abstraktion wollten sich die Chinesen die längste Zeit ihrer Geschichte über nicht verstehen. Bis in die jüngste Zeit hinein machten sie nie viel Aufhebens von ihren Grenzbefestigungen, die sie je nach praktischem Bedarf bauten, erweiterten, verschoben oder verfallen ließen und als Steinbruch nutzten.
Die Zeit der streitenden Reiche
Die ersten dieser Wälle entstanden in der "Zeit der streitenden Reiche" zwischen dem fünften und dem dritten Jahrhundert vor Christus, als verschiedene chinesische Fürstentümer sie sowohl zur Abgrenzung gegeneinander als auch zum Schutz ihrer im Norden gemachten Eroberungen bauten. Schon diese ersten Anlagen hatten also einen ebenso defensiven wie aggressiven Charakter, und sie etablierten bereits die später so wichtig werdende Vorstellung einer "Mitte", die gegen ein Außen zu verteidigen sei, wobei die Mitte vor allem durch den eigenen Ackerbau und das Außen durch die nomadisierenden Herden der umliegenden Steppenvölker gekennzeichnet war. Doch es handelte sich bloß um vereinzelte Wälle aus Lehm und Sand ohne irgendeinen weitergehenden systematischen Anspruch.
Qin Shihuang, der sagenumwobene "Erste Kaiser", der China einte, verband als Erster die Teilstücke zum ersten Mal. Laut dem antiken Chronisten Sima Qian sollten es die Nomaden im Norden "nicht länger wagen, in den Süden zu kommen, um ihre Pferde weiden zu lassen und ihre Bogen zu spannen". Für die 214 vor Christus begonnenen Arbeiten sollen außer dreihunderttausend Soldaten, fünfhunderttausend Bauern und außerdem Strafgefangene zwangsrekrutiert worden sein. Doch schon acht Jahre später zerfiel die Qin-Dynastie unter Aufständen und Unruhen.
Magie der Unsterblichkeit
Die Han-Kaiser setzten den Bau fort, doch später verschoben sich die Prioritäten, und es hing von den unterschiedlichen militärischen und kulturellen Konstellationen der nachfolgenden Dynastien ab, ob ihre Herrscher die Ruinen weiter gebrauchten, sie vergaßen oder neue Befestigungen errichteten. Im großen Stil nahmen im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert erst wieder die Ming-Kaiser das Mauerprojekt auf. Sie hatten die Herrschaft über China von den Mongolen übernommen, und deshalb war es für sie vorrangig, die wilden Nordvölker künftig außerhalb der Reichsgrenzen zu halten. Anders als früher wurden nun durchgängig Steine und Ziegel verwendet, und der Bau erreichte die imposante Höhe und Geschlossenheit, wie sie heute noch an einigen Stellen zu besichtigen ist. Doch als 1644 die aus dem Gebiet nordöstlich der früheren Grenze stammenden Mandschuren die Macht über China errangen, verlor die Mauer wieder ihre militärische Bedeutung, und sie verfiel.
Es waren bezeichnenderweise erst westliche Reisende, denen mit ihrem Sinn für Vergleiche, für Spezifisches, also für „Kulturen”, im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert das Erhaben-Symbolische des Monuments auffiel: als Parallelunternehmen gewissermaßen zum Turmbau von Babel. Kaum einer hat so genau wie Jorge Luis Borges beschrieben, welche Phantasien ein solches Staat, Individuum und Geschichte zusammenführendes Konzept-Werk im Westen freisetzen konnte. Er interpretierte das Bauprojekt des Ersten Kaisers, das dieser gleichzeitig mit seinen die Vergangenheit auslöschenden Bücherverbrennungen und, wie man heute weiß, mit der Anlage seines eigenen Mausoleums unternahm, als Versuch, den Tod zu überwinden: „Vielleicht glaubten der Kaiser und seine Magier, dass die Unsterblichkeit uns innewohnt und dass der Verfall nicht in einen geschlossenen Kreis eindringen kann. Vielleicht wollte der Kaiser den Anfang der Zeit wieder erschaffen.” Für Kafka war die Chinesische Mauer der Inbegriff aller menschlichen Mühen, deren Sinn für den Einzelnen undurchschaubar ist: „Man konnte sie nicht”, schreibt er über die Bauleute, „zum Beispiel in einer unbewohnten Gebirgsgegend, Hunderte Meilen von ihrer Heimat, Monate oder gar Jahre lang Mauerstein an Mauerstein fügen lassen; die Hoffnungslosigkeit solcher fleißiger, aber selbst in einem langen Menschenleben nicht zum Ziel führenden Arbeit hätte sie verzweifelt und vor allem wertloser für die Arbeit gemacht. Deshalb wählte man das Prinzip des Teilbaus.” Einen Überblick kann man womöglich nur von ganz weit oben bekommen: 1923 stellte ein Artikel in „National Geographic” die unhaltbare, aber erstaunlich einflussreiche Behauptung auf, die Mauer sei das einzige von Menschenhand gemachte Werk, das man vom Mond aus sehen könne.
Vom Westen lernen, heißt siegen lernen
Im Übrigen schien dieses Bauwerk natürlich nur zu gut zu jenem Reich „außer der Weltgeschichte” zu passen, in dem laut Hegel „jede Veränderlichkeit ausgeschlossen ist” beziehungsweise planmäßig ausgeschlossen wird. Der westliche Mauermythos sagt daher viel darüber, wie sich unser Bild von China zusammengesetzt hat und wie wir überhaupt uns und unsere Kulturen definieren. Nicht von ungefähr studierte Kafkas Chinese, ein Gegentypus des Faust, der den Bau der Mauer beobachtet, nicht Theologie, sondern vergleichende Völkergeschichte - wobei man am Ende den Eindruck hat, dass das auf das Gleiche hinausläuft.
Die Chinesische Mauer war für westliche Touristen und Symboldeuter also schon lange „groß”, als sie schließlich auch die Chinesen im Zuge des entstehenden Nationalismus als Symbol für sich entdeckten. Als Erster rühmte Sun Yat-sen, der Vater der Republik, auf den sich Kommunistische Partei und Kuomintang gleichermaßen berufen, in seinem Plan für den Wiederaufbau der Nation „Chinas berühmtestes Werk”. Wie den „Konfuzianismus”, die „vier Erfindungen” und so vieles andere, das China heute als seine Kultur definiert, übernahm das Land also in dem Moment, da es sich als Nation unter anderen Nationen zu verstehen begann, einen im Westen entstandenen Mythos. Auch Mao widmete der Mauer ein später von Brecht übertragenes Gedicht, und kurz nach der kommunistischen Machtübernahme wurde 1957 ein erstes Teilstück bei Badaling restauriert. In der Kulturrevolution fiel die Mauer jedoch der Bekämpfung alles Alten anheim; Hunderte Kilometer wurden zerstört und ihre Steine für den Straßenbau verwendet. Erst in den achtziger Jahren wurde die Mauer dann zum Nationalsymbol ersten Ranges erklärt. In Mutianyu legt eine Kalligraphie des früheren Staatspräsidenten Jiang Zemin mit dem schlicht-bedeutungsvollen Schriftzug „Die Große Mauer” davon Zeugnis ab.
Der Anfang vom Ende
So kann dieses Bauwerk heute auch für den Versuch stehen, eine kulturelle und politische Identität festzuzurren, ihr eine für den Kampf nach innen und außen brauchbare Gestalt zu geben. Sie kann als Symbol für all die Maßnahmen gelten, mit denen die Kommunistische Partei zusammen mit China auch die eigene Machtstellung zu behaupten sucht: Zensur, Kontrolle, Aufrüstung. Als Metapher der Abschirmung hatte der mit den Kommunisten sympathisierende Schriftsteller Lu Xun schon 1925 die „wundervolle Große Mauer” verflucht, die ihm damals freilich als Zeichen der alten Kultur galt: „Mir ist immer bewusst, dass ich von einer Großen Mauer umgeben bin. Das Mauerwerk besteht aus alten Ziegeln, die später durch neue Ziegel gestützt wurden. Beide haben sich zu einer Mauer vereint, die uns einschließt. Wann werden wir damit aufhören, die Große Mauer mit neuen Ziegeln zu stützen?” Schon immer hatten chinesische Kritiker geargwöhnt, der Drang, sich abzuschließen, sei jedes Mal der Anfang des Niedergangs gewesen: sowohl in der Qin-Dynastie, die unter Aufständen schon nach fünfzehn Jahren zusammenbrach, als auch in der Ming-Dynastie, in der der Mauerbau mit dem Verzicht auf weitere See-Expeditionen einherging, was sich Jahrhunderte später in der hoffnungslosen Unterlegenheit gegenüber den westlichen Mächten gerächt habe.
Was ausschließen sollte, verband in Wirklichkeit jedoch auch: Die Mauern entwickelten sich zu wichtigen Umschlagplätzen. Nicht nur, dass die zahlreichen dort stationierten Soldaten ausgerüstet und versorgt werden mussten; es entstand ein reger Handel mit Alkoholverkauf, Glücksspiel und Prostitution. Heute ist der Mauertourismus eine ernstzunehmende Industrie - und kann so für die paradoxe Öffnungspolitik des Landes stehen, die so viel Austausch befördert wie nie zuvor und dabei doch die Kontrolle in keinem Moment aus der Hand geben will.
Orgien auf dem Mauerkranz
Der Kapitalismus hat in Mutianyu sein Segment am Fuß des Berges zugewiesen bekommen. Dort reihen sich in einer Marktstraße mehr als hundert Läden aneinander, ordentlich durchnumeriert und alle mit dem gleichen übersichtlichen Angebot: Bildbände, olivgrüne Umhängetaschen, wahlweise mit rotem Stern oder einem Bildnis von Mao Tse-tung, das kleine rote Buch, russische Puppen in der Puppe, Siegel mit chinesischen Schriftzeichen, mit denen man sich seinen Namen schreiben lassen kann. Zwischendurch gibt es Imbissbuden mit Spießen und am Ende gar eine Filiale der amerikanischen Sandwichkette „Subway”, von deren Terrasse man einen weiten Blick in die chinesische Ebene hat. Die Globalisierung ist auf der Mauer also angekommen und doch offensichtlich auch domestiziert. In der Staatspresse war vor ein paar Jahren von „Orgien” zu lesen, bei denen sowohl Chinesen als auch Ausländer auf der Mauer Alkohol getrunken und „wild getanzt” haben sollen. Die Zeitungen berichteten damals über wütende Reaktionen im Internet: „Wie können sie es wagen, auf unserem nationalen Stolz und Geist herumzutrampeln?” Kurz danach erließ der Staatsrat ein Gesetz, das der kommerziellen Nutzung des Bauwerks Grenzen setzte. Der Schutz der Großen Mauer, hieß es, solle einen Beitrag zur „Verjüngung der Nation durch Innovation” leisten, indem er Patriotismus propagiere und die geistigen Werte des Landes entwickle.
So soll die Mauer mit Hilfe der Ausländer weiter die Größe der Kultur bezeugen. Was sie jedoch am meisten bezeugt, ist etwas anderes: das Kontingente, Zusammengesetzte, sich Wandelnde jeder Kultur und ihrer Zuschreibungen, für das nichts so sehr steht wie die sich ständig verändernden und dabei vergeblichen Versuche, sie einzuzäunen.
Informationen: Fremdenverkehrsamt der Volksrepublik China, Ilkenhansstraße 6, 60433 Frankfurt, Telefon: 069/520135, E-Mail: info@china-tourism.de, Internet: www.fac.de. Mutianyu ist von der Pekinger Innenstadt aus mit der Buslinie 916 zu erreichen, die von der Haltestelle Dongzhimen bis zum Internationalen Kongresszentrum von Huairou fährt; dort steigt man in den Minibus zur Großen Mauer um.
F.A.Z.
Mark Siemons