Von Matthias Hannemann
22. April 2008 Die Schiffe, die von Airlie Beach aus in die australische See stechen, kennen nur ein Ziel - die Whitsunday Islands, eine Inselgruppe, die als eines der schönsten Schnorchel- und Tauchreviere der Welt gilt. Man muss kein großes Reisebudget haben, um auf einem dieser Schiffe mitzufahren. Nur einen vertrauenswürdigen Tourenveranstalter und etwas Glück mit der Crew. Oder auch gerne andersherum: Glück mit dem Tourenveranstalter und etwas Vertrauen in die Crew.
Von nun an herrscht hier Inselzeit, und Sie müssen sich einfach nur entspannen, sagt James, der sich beim Ablegen der Mollo, eines gut vierzig Fuß langen Katamarans, als Kapitän vorstellt. Sein Strohhut ist zerfleddert, als habe er ihn gestern Robinson Crusoe abgekauft, lässig hockt er in einer Luke über dem Steuerrad, das nur sein nackter Fuß berührt: Navigation per kleinem Zeh. Anthony, der andere der Zweier-Crew, ist Koch und Mädchen für alles. Schon stößt die Mollo ostwärts durch die Wellen, und Airlie Beach, eine wüste Aneinanderreihung aus billigen Absteigen, Bars, Supermärkten, Tauchschulen und Ramschläden, die das ganze Jahr über von Rucksacktouristen aus aller Welt belagert wird, schrumpft zu einem kleinen bunten Fleck auf der Küstenlinie zusammen. Am Horizont erstrecken sich die Whitsunday Islands, noch sind sie weit weg, erscheinen klein und flach, wie ein grünes Blatt Papier auf blauem Grund.
Luft anhalten und abwärts tauchen
Das Geplauder der Passagiere verstummt: ein Pärchen aus den Niederlanden, er Ölhändler und sie Banker, zwei Briten, die schon seit elf Monaten auf Weltreise sind, zwei Studentinnen, die bis auf ihre Bikinis kaum Gepäck dabei zu haben scheinen, und ein bleiches deutsches Paar mit Bruder. Nur das Radio dudelt weiter leise vor sich hin: seichte Gitarrenmusik auf weichen Elektronikflächen. Die Gäste balancieren auf dem schwankenden Deck, legen sich unter das Segel, lehnen an der Reling, lassen sich den Wind durch die Haare fahren und blicken in die Ferne.
Gegen Mittag taucht eine langgestreckte, bewaldete Inselküste am Horizont auf. Anthony holt das Segel ein, James erklärt derweil die Regeln für die Schwimmausflüge. Das Tragen der Stinger-Suits, wie er die schwarzen Gummi-Schwimmanzüge nennt, ist Pflicht: Sie sollen vor Stingern, einer giftigen Quallenart, schützen. Ihr Gift reicht aus, um zweihundert Menschen vom einen Paradies ins nächste zu schicken - jährlich fallen den Quallen mehr Menschen zum Opfer als Haien. Ohne Stinger-Suit sollte man deshalb im Nordosten Australiens nicht ins Wasser gehen, was immer robuste Einheimische auch sagen, erst recht nicht während der Sommermonate Oktober bis Mai.
Einer nach dem anderen klettert ins lauwarme Meer. Die Brotkrumen, die Anthony ins Wasser geworfen hat, haben tellergroße Fledermausfische angelockt; sie funkeln in allen nur erdenklichen Farben. Schwer ist das Schnorcheln nicht - sofern man mit dem Schnorchel nicht vor lauter Begeisterung unter den Wasserspiegel gerät und sich dabei verschluckt. Einatmen, ausatmen, dann die Luft anhalten und abwärts tauchen, zwei, drei Meter nur, wo die Korallen und die Fischschwärme leuchten. Es knistert und knackt, so als sei alles Leben am Korallenriff unentwegt am Knabbern. Durchsichtige Fische! Was es nicht alles gibt.
Kleines Eiland mit strahlend weißen Strand
Viel zu schnell muss man zurück zum Segelschiff, von dem man sich beim Schnorcheln immer weiter entfernt hat. Damit niemand verlorengeht, kreist James mit seinem Schlauchboot in der weiten Felsenbucht. Ich hätte niemanden vergessen, sagt er, als alle wieder eingesammelt sind, und prescht zurück zur Mollo. Als Nächstes steht die Whitsunday Island auf dem Programm. Kapitän James Cook gab der Insel im Jahr 1770 ihren Namen, als er mit seinem Schiff, der Endeavour, nach der Entdeckung Australiens die Küste entlangsegelte. Das kleine Eiland mit dem strahlend weißen Strand erschien ihm so wunderbar, dass er es mit dem Namen des Pfingstfests ehrte. Zweieinhalb Stunden braucht die Mollo, um hinter ihrer Spitze eine geschützte Bucht zu erreichen, wo wir für die Nacht vor Anker gehen.
Zwei weitere Boote dümpeln in der Bucht, in der heraufziehenden Dunkelheit sind bald nur noch ihre Lichter zu erkennen. Die Stille ist fast vollkommen, nur unterbrochen durch das Schnalzen einer Dose Bier aus dem Kühlschrank, das Plöppen eines Weinkorkens und das Zischen des kleinen Grills, den Anthony an der Reling montiert hat. Im Licht einer Taschenlampe brät er Steaks.
Buntes Unterwasserpanorama
Frühmorgens setzt die Mollo wieder ihre Segel. Gegen Mittag erreicht sie eine neue Bucht. Wir hieven Schlauchboote ins Wasser und landen auf einem kleinen Sandstück, das wie ein weißes Band ein urwüchsiges Waldstück zum türkisfarbenen Meer absäumt. Kaum ist der Wald durchquert und eine kleine Anhöhe erklommen, breitet sich ein weiterer Strand vor den Augen aus. Ende des achtzehnten Jahrhunderts soll es hier einen spektakulären Schiffbruch gegeben haben. Die Überlebenden harrten drei Monate in Whiteheaven Beach aus. Den Freizeitseglern von heute gibt man nur zwei Stunden. Doch das reicht, wenn die Sonne brennt: Es gibt kaum einen Strauch, der Schatten spenden könnte.
Der Wind weht gut. Die Mollo fährt rasch auf das Meer hinaus. Immer wieder tauchen Inseln am Horizont auf, wie mit weiter Hand hingeworfen in das Meer. An die weitläufige Kulisse kann man sich kaum gewöhnen. Genauso wenig wie an das bunte Unterwasserpanorama, das immer wieder bestaunt werden kann - wahlweise auch mit Taucherausrüstung.
Die nächsten Etappen der Reise
Abends in einer weiteren Bucht, der Schmetterlingsbucht, bei Sternenhimmel und während ein Chor unerhörter Vogelgesänge von den Urwäldern herüberweht aufs Wasser, erzählen jene, die über einen Tauchschein verfügten, von schlafenden Haien, die man in der kältesten Tiefe sah, die Übrigen von Wasserschildkröten, über denen man entlangschnorchelte, minutenlang. Und dann, zur letzten Flasche Rotwein, schweigen alle wieder, das Schiff wippt auf und ab, der Wald und die Felsen und das Wasser: schwarz.
Alle schlafen an Deck in dieser Nacht. Einer nach dem anderen holt eine Decke aus dem Rumpf des Schiffes und sucht sich einen freien Winkel. Das dunkle Netz zwischen Wasser und Steven und Sternendach ist der Königsplatz. Im Flüsterton ist unter den Schlafsäcken und Decken schon jetzt von der nächsten Etappe der Reise die Rede: der Weiterfahrt in die Dschungel des Nordens etwa oder zum Drachenfliegen entlang der Klippen nahe Byron Bay. Die Unruhe des Rucksacktouristen-Daseins, der man während der Augenblicke unter Wasser entflohen war, treibt uns weiter. Zurück bleiben wird James, der Skipper, und der weiß, dass das Glück nicht mit Siebenmeilenstiefeln, sondern manchmal schon per Zeh zu finden ist.
Information: Segel-, Tauch- und Schnorcheltouren ab Airlie Beach bietet zum Beispiel Tallarook Sail and Dive (www.tallarookdive.com.au) an. Eine Dreitagestour einschließlich Verpflegung und Tauchgängen kostet pro Person etwa 300 bis 400 AU$. Die Unterkunft in Airlie Beach sollte im Voraus gebucht werden, zum Beispiel über: www.airliebeach.com.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: hamiltonisland.com
