Kreuzfahrt

Spaßschiff trifft Hochkultur

Von Brigitte Scherer

15. Juli 2008 Kultur verändert alles. Als das große weiße Schiff mit den goldenen Augen und dem Kussmund am Bug an der strahlend erleuchteten Kathedrale von Palma de Mallorca vorbei in die Dunkelheit des Ozeans hinausglitt, war nichts mehr, wie es vorher war. Oben, auf dem Pooldeck, saß das ausgehfein gekleidete Publikum aus siebenunddreißig Nationen artig auf den Stufen des Amphitheaters und lauschte mucksmäuschenstill wie im Konzertsaal Begrüßungsansprachen und Musik - dort, wo sonst bei jedem Ablegen die Willkommensparty deutscher Urlauber in Freizeitbunt tobt.

Am nächsten Morgen, bei schönster Sonne auf glatter See, war die Sensation dann perfekt: Keine einzige der zweitausend Liegen auf den sechstausend Quadratmetern des Sonnendecks mit einem Handtuch reserviert! Sofort ging eine SMS zur Zentrale der Reederei nach Rostock, mit dem Zusatz "Jeans zu Hause lassen!", eine Kleidungsempfehlung an das nachreisende Management. Der urlaubsalltägliche Kampf um die beste Liege ist auf dieser Seereise mit dem poetischen Namen "Meer und Musik" nur eine Legende aus einer fernen anderen, der Pauschalreisewelt.

Tournee mit Publikum

Was war mit dem glücklichen Spaßdampfer, der "Aidadiva", geschehen, dem buntesten Schiff aus deutscher Werkstatt, das je die Meere befuhr? Etwas Unerhörtes: Es hatte die Wiener Philharmoniker an Bord, und dies als Premiere. Zum ersten Mal seit seiner Gründung vor hundertsechsundsechzig Jahren stach das berühmteste Orchester der Welt mit neunzig Mann und allen ihren Musikinstrumenten, mit Kind und Kegel, mit Dienstfrack, Badehose und Maestro Zubin Mehta im Poloshirt in See. Ein neun Tage währendes Experiment auf dem Mittelmeer, bei dem niemand wusste, wie es ausgehen würde: Einerseits die ganz normale Tournee in vier Städte, zweimal in Taormina, in Florenz und in Barcelona mit Weltstar Lang Lang am Flügel, dazwischen, immer mit Publikum, die Urlaubsatmosphäre der Kreuzfahrt. Eine gute Idee, fand die Vollversammlung der basisdemokratisch verfassten Philharmoniker und votierte mit "ja".

Und warum ausgerechnet die "Aidadiva"? Ganz einfach: wegen der Riesensalatschüssel aus Glas, die rechts und links drei Decks hoch aus ihren Schiffswänden herausragt, dem Theatrium mit seiner spektakulären Aussicht aufs Meer. Es war aus dem architektonischen Trick entstanden, Licht und Platz aus dem Nichts zu gewinnen. Vom ersten Konzert der Philharmoniker an erwies sich seine Akustik als so großartig wie erhofft, lobte Zubin Mehta.

Auf der Meeresbühne

Von dieser Meeresbühne aus verändern die Abgesandten aus dem Wiener Olymp der Klassik die Cluburlaubswelt der "Aidadiva" gründlich. Nicht eine deutschsprachige Klientel im Urlaubslook von T-Shirt, Shorts und Badeschlappen bestimmt jetzt optisch und akustisch das Leben an Bord, sondern das babylonische Sprachengewirr seriös bekleideter Liebhaber klassischer Musik aus fünf Kontinenten, die Asiatinnen gern in Seidenkleid und Perlenkette. Neunzig Taiwanesen, hundert Japaner, fünfzig Chinesen, siebenundachtzig Koreaner wurden gezählt, dazu Abordnungen aus Thailand und Hongkong, aus Dänemark, Spanien, Italien und sogar Argentinien. Das Ehepaar aus Australien hat seine Rundreise durch Indien dafür unterbrochen. Unter den Österreichern, der zweitstärksten Gruppe, einige Prominenz, "Sacher"-Chefin Elisabeth Gürtler mit Burgschauspieler Helmut Lohner etwa. Auch sechshundert Deutsche sind an Bord. Eine Kreuzfahrt, gar eine auf einem Urlaubsschiff wie der "Aidadiva", wo man den Teller selbst zum Tisch trägt und damit den Reisepreis niedrig hält, hatten die wenigsten unter den Passagieren zuvor unternommen.

Das führte zu soziologisch interessanten Situationen - Stunden wartete eine Tischgesellschaft aus der Schweiz hungrig vor üppigen Büfetts darauf, dass serviert werde -, und der Erkenntnis: Hier prallen Welten aufeinander, Massenkreuzfahrt und Kulturtourismus, doch am Ende kann ein jeder doch nach seiner Façon selig werden.

Beethoven und die Kuschelinseln

Beim Spiel des Cello-Ensembles auf dem Sonnenanbeter-Biotop Pooldeck flieht die Zuhörerschaft unter Schirme und Bedachungen und atmet auf, als das Schiff in den Wolkenschatten dreht. Konzerte finden von da an nur noch im Theatrium statt, mit bestem Blick auf den gutaussehenden Kontrabass in Bermudas. Drumherum sind Bars, Restaurants und die himbeerfarbigen "Kuschelinseln" arrangiert. In einer grübelt Herr Park aus Seoul, ein Schmuckfabrikant, im Schneidersitz über seinem Brettspiel, während Frau und Tochter Beethovens "Rondo a capriccio" beim Kammerkonzert lauschen. Zum Wiener-Walzer-Tanzkurs muss er dann wie sein Schwiegersohn, ein Anwalt, aber mit.

So oder so ist man akustisch überall mittendrin. Ein Passagier lässt sich zu den Hornklängen der Philharmoniker auf dem virtuellen Golfplatz nebenan die Grifftechnik am Schläger erklären, um sogleich, mit einem lauten Plopp, den Abschlag zu üben. Kaum strafende Blicke. Herr Park deutet auf große Gruppen mit asiatischen Damen. Ihre Männer sind zu Hause geblieben. "Geld verdienen", sagt Herr Park. Nach dem Konzert darf seine Familie Zubin Mehta die Hand schütteln, sie bekommt ihr Autogramm, auch auf dem mitgebrachten Panamahut, und dann lässt sich der Maestro leutselig erst mit der Familie, dann mit der Verwandtschaft fotografieren. Der Höhepunkt, schwärmt der weitgereiste Herr Park mit glühenden Wangen.

In keiner anderen Sparte des Reisens hat sich so viel verändert wie auf See. Vorurteile, nicht Vorfreude prägten lange das Ansehen der Kreuzfahrt in Deutschland. Langweilig, altmodisch, teuer. Noch den schönsten und elegantesten Schiffen haftete das Schimpfwort "schwimmendes Altenheim" an.

Seereisen im Aufschwung

Heute besteht an der strahlenden Zukunft der Seereise um des Vergnügens willen trotz Klimadebatte und schwindelerregender Ölpreise kein Zweifel mehr. Das belegen neueste Zahlen vom Statistischen Bundesamt, das belegt die Kreuzfahrtstudie des Deutschen Reiseverbands. Danach wuchs der gesamte deutsche Kreuzfahrtmarkt 2007 um acht Prozent auf mehr als eine Million Passagiere, fast achthunderttausend Urlauber unternahmen Hochsee-Kreuzfahrten. Ein Fünftel buchte, mit zunehmender Tendenz, Angebote zwischen 75 und 125 Euro je Tag, ein weiteres Fünftel ein Schiff der Oberklasse, mit Tagespreisen von mehr als 250 Euro. Auf den im vorigen Jahr vier Schiffen von Marktführer "Aida Cruises" - 120 bis 300 Euro pro Kopf und Tag - reisten mehr als eine Viertelmillion Menschen. Bis 2012 soll der Aida-Schiffspark neun Kussmund-Schwestern aufweisen.

"Aida Cruises" aus Rostock ist die Lieblingstochter von Weltmarktführer Carnival, der ihr die Traumrendite von etwa 25 Prozent - im Pauschaltourismus wird ein Zehntel davon erreicht - mit dieser Milliardeninvestition dankt. Zweiundzwanzig neue Schiffe hat der Kreuzfahrtmulti aus Miami insgesamt im Bau, zumeist in europäischen Werften. Doch die Werften kommen nicht nach. Notgedrungen musste die Tui auf ein gebrauchtes Schiff ihres amerikanischen Joint-Venture-Partners Royal Carribean zurückgreifen, das jetzt, nach der unendlichen Geschichte des Wiedereinstiegs der Tui ins lukrative Kreuzfahrtgeschäft, im Geschwindschritt für die Taufe nächstes Frühjahr umgerüstet wird.

Und die Taufe des neuen Großseglers "Hussar" von Sea Cloud Cruises wurde wegen Überlastung der Werft noch ein weiteres Mal, auf das Frühjahr 2010, verschoben.

Neue Schiffe, neue Reisen

Dabei braucht der Markt stets frische Produkte, neue Schiffe, neue Reisen, neue Themen, Golf, Kulinarik, Musik. Nur das garantiert stetes Wachstum, sind sich die Anbieter sicher. Das größte Potential sehen sie im maritimen Entwicklungsland Deutschland, wo jahrzehntelang die traditionelle Spielart der Seereise dominierte und bislang nur ein Prozent der Bevölkerung eine Kreuzfahrt unternimmt, fast vier Prozent sind es in Amerika. Erst die erste "Aida", ein Popstar der See, erreichte in Deutschland neues und jüngeres Publikum.

Wie das Experiment "Philharmoniker zum Anfassen" auf der "Aidadiva" ausging? Hier die Bilanz: Die Bars blieben auf Cocktails, Bier und Spirituosen sitzen. Der Umsatz an Wein verdoppelte sich, ebenso die Buchungen für die Restaurants mit Service, in denen ein Aufpreis zu zahlen ist. Von den Büfetts wurde weniger als sonst gegessen. In der Boutique war die teuerste Sportkleidermarke in kürzester Zeit ausverkauft. Auch die Rezeption wurde überrannt. Von Reisenden, die von dieser Stelle Sofortservice erwarten, doch keine Anweisungen, sich zu den Öffnungszeiten wieder einzufinden, wie es Brauch ist im organisierten Tourismus.

Es war nicht das letzte Mal

Diszipliniert, doch nicht ohne Murren, stellten sich die Kulturtouristen vor jedem Konzert an Land der logistischen Herausforderung, mit eintausendachthundert anderen Menschen gleichzeitig in einer Flotte von Bussen vom Schiff zum Konzertsaal und wieder zurück verlegt zu werden. In Taormina und in Florenz zwei Stunden hin, zwei Stunden zurück. Dafür konnten sich, wie ersehnt, vom Frühstücksbüffet bis zum letzten Drink an der Bar Musiker und Fan, sonst im Konzertsaal auf respektvoller Distanz, aus nächster Nähe in die Augen schauen. Und nie sah man in glücklichere Gesichter als nach den Autogramm-Sessions mit Zubin Mehta und Lang Lang. Was wiegt da mehr?

Spaßschiff trifft Hochkultur. Das ist eine Provokation. So elektrisierend, dass ein da capo schon jetzt als sicher gilt. Schon haben sich Plattenlabel und Künstleragenturen zur Nachahmung gemeldet. Wie im Triumph lief die "Aidadiva" am Ende der Reise aus der Unendlichkeit von Himmel und Meer wieder in den Hafen von Palma de Mallorca ein, das ganze Schiff erfüllt von wunderbarer Musik. Was an Land unser Herz ergreift, berührt uns auf dem Wasser nur umso mehr. Das ist das ganze Geheimnis der Kreuzfahrt.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: Aida Cruises

 
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