Von Volker Klinkmüller und Martin H. Petrich
21. November 2005 Wer in diesen Wochen zum Urlaub nach Sri Lanka fliegt, wird überrascht sein. Fast ein Jahr nach der Tsunami-Katastrophe vom 26. Dezember ist die touristische Infrastruktur in den meisten Regionen weitgehend wiederhergestellt.
Vielerorts sogar mit höherwertigen Unterkünften und deshalb - wider Erwarten - auch nicht unbedingt preiswerter. Die ersten Pauschaltouristen sind in die großen Strandhotels der Küstenregion zurückgekehrt. Und überall lassen sich die Ausländer wieder mit den begehrten, für die Insel typischen Ayurveda-Kuren verwöhnen. Auch der Indische Ozean zeigt sich mit sauberen Sandstränden, glasklaren Wellen und fischreichen Korallenriffen von seiner besten Seite.
Schock und Schmerz der Naturkatastrophe indes sitzen natürlich tief. Mancherorts zieht sich - mit Ruinen, Schutt, Baumwurzeln oder den letzten Schiffswracks - noch ein Gürtel der Zerstörung an der Küste entlang, während es die Einheimischen immer wieder dazu drängt, von ihren Verlusten, seien es geliebte Verwandte oder das Dach über dem Kopf, zu berichten. Doch auch sie können schon wieder lächeln, zeigen sich stets als freundlich und überaus bemüht. Vielleicht, um sich auf ihre Weise für die Solidarität der zurückkehrenden Besucher zu bedanken.
Das Landesinnere Sri Lankas - mit all seinen kulturhistorischen Sehenswürdigkeiten und faszinierenden Nationalparks - war in keiner Weise betroffen. In den Küstengebieten zeigt sich die Lage wie folgt:
Die Westküste
Colombo, Mount Lavinia, Negombo
Colombo war, wie auch der nördlich gelegene Badeort Negombo, kaum vom Tsunami betroffen. Unmittelbar am Strand der Hauptstadt findet sich nach wie vor das rund dreißig Jahre alte, auf der Welt einzigartige Seafood-Restaurant Beach Wadiya, das zwar Wasserschäden erlitten hat, aber exakt in seiner bewußt schlichten Form wiederhergestellt worden ist.
Im südlich benachbarten, traditionellen Badeort Mount Lavinia haben die Flutwellen zwar einige Schäden angerichtet, doch hatten alle touristischen Betriebe - bis auf ein einziges kleines Strandrestaurant - schon wenige Wochen nach dem Tsunami wieder geöffnet. Auch das legendäre Kolonialhotel Mount Lavinia thront in altem Glanz trotzig auf seinem Felsvorsprung in der tosenden Brandung.
Bentota, Beruwala und Kosgoda
Im Vergleich zur Süd- und Ostküste hat es im Westen Sri Lankas nur relativ wenige Tsunami-Tote gegeben. Zumal der Großteil der Region vorgewarnt werden konnte. Bis hinunter nach Galle sind fast alle Hotels, Pensionen und Restaurants längst zum Normalbetrieb zurückgekehrt.
Die großen, vor allem am traumhaft schönen Palmenstrand von Bentota konzentrierten Pauschalhotels haben ihre Gartenanlagen weitgehend entsalzen können. Die Beseitigung der Tsunami-Schäden haben sie zumeist für vielversprechende Updates und Upgrades ihrer Zimmer oder Suiten genutzt, was zum Teil sogar schon mit Belegungsquoten bis zu siebzig Prozent belohnt wird.
In Kalutara überzeugt das Hotel Kani Lanka Resort & Spa, das erst 48 Stunden vor dem Tsunami eröffnet und schwer verwüstet worden war, als neues, innovatives Designer-Hotel. Noch nicht wieder buchbar ist das beliebte Triton- Hotel in Ahungalla, dessen Reparatur mit einer attraktiven Neugestaltung verbunden wird.
Schwere Zerstörungen sind vor allem noch in der Region Beruwala und Kosgoda zu sehen. Die Küstenstraße, die nun vielerorts mit steinernen Flutschutzwällen versehen wurde, bietet neuerdings, durch die weitgehend verschwundene Bebauung der Fischerhütten und die noch umstrittene 100-Meter-Regelung der Nichtbebauung, oft einen bestechend freien Ausblick auf das Meer.
Vereinzelt finden sich noch Schiffswracks, die aber nur aus Versicherungsgründen noch nicht geborgen wurden. Alle früheren Touristenattraktionen sind intakt oder haben - wie die Turtle Hatcheries - einen Neuanfang gemacht. Sie brauchen dringend mehr Besucher, denn ohne die Eintrittsgelder fehlen die Mittel, um die Schildkröteneier vor dem Marktverkauf oder dem Verzehr zu retten. Auf den großen Lagunen werden wie früher reizvolle Bootsausflüge in das Landesinnere angeboten.
Die Südküste
Hikkaduwa
Überraschende 95 Prozent der früheren touristischen Infrastruktur des beliebten, von der Küstenstraße zerschnittenen Urlaubsorts sind wiederhergestellt. Bis auf das Hotel Hikkaduwa Beach am Ortseingang haben alle Unterkünfte und Gastronomiebetriebe längst wieder geöffnet. Die vorgelagerten Korallenriffe haben durch den Tsunami keinerlei Schaden erlitten. In der Stadt streifen überraschend viele Solidaritätstouristen umher.
Drei Waggons des berühmt-berüchtigten Eisenbahnzuges, der kurz vor Hikkaduwa in den Flutwellen umgekippt war, was ungeheuer vielen Menschen das Leben gekostet hat, sind am Unglücksort belassen worden und sollen Bestandteil eines Tsunami-Mahnmals werden. Schon jetzt wird dieser Ort als schaurige Sehenswürdigkeit von Scharen in- und ausländischer Touristen heimgesucht. Genau wie beim an Land gespülten Polizeimarineboot im thailändischen Khao Lak.
Galle
Obwohl es vor allem am örtlichen Busbahnhof sehr viele Todesopfer gegeben hat, besteht keinerlei Grund, die wichtigste kulturhistorische Sehenswürdigkeit im Süden des Landes zu meiden. Die festungsartige Altstadt hat, wie auch ihre gesamte touristische Infrastruktur und die beiden außerhalb gelegenen Hotelflaggschiffe Lighthouse und Closenberg, die Katastrophe heil überstanden.
Trotz Besucherflaute hat sich der Trend fortgesetzt, immer mehr historische Gemäuer in stilvolle Unterkünfte zu verwandeln. Davon zeugen unter anderem das neue Hotel The Fort Printers in einem ehemaligen Druckereigebäude und das erst im Dezember eröffnete, exklusive Amangalla-Resort in den ehrwürdigen Mauern des einstigen New Oriental Hotels, das zur Aman-Gruppe gehört. Auch neue Boutiquen und Schmuckgeschäfte lassen sich hier nieder.
Unawatuna
Obwohl es hier schwere Zerstörungen gegeben hat, ist der beliebte Badeort mit seinen etablierten Betrieben wiederauferstanden.Es gibt keine sichtbaren Ruinen mehr, doch weisen einige Freiflächen noch auf den Verlust von kleineren Restaurants und Pensionen hin.
Es herrscht kein Mangel an guten Unterkünften und hervorragenden Restaurants. Die wunderschöne Bucht, in der ganzjährig gebadet werden kann, ist überraschend gut besucht. Vor allem von etlichen europäischen Familienurlaubern, die in den türkisfarbenen Meeresfluten schwimmen. Die Atmosphäre ist erfreulich ausgelassen. Das hat auch die gigantische Wiedereröffnungsparty der beliebten großen Stranddiskothek Happy Banana am 1. Oktober dieses Jahres gezeigt.
Koggala, Weligama und Mirissa
Das große, an einem atemberaubend breiten Sandstrand gelegene Koggala Beach Hotel ist rund elf Monate nach dem Tsunami oft komplett ausgebucht. Auch das als Badeziel beliebte, wegen seiner Stelzenfischer berühmte Weligama ist mit seiner touristischen Infrastruktur schon längst zum Normalbetrieb zurückgekehrt.
Die zum Schnorcheln und Tauchen beliebten vorgelagerten Korallenriffe haben den Tsunami ohne Schaden überstanden. In Mirissa wird - bis auf den zerstörten Paradise Beach Club - fleißig an der Wiederherstellung der zahlreichen privaten Touristenunterkünfte gearbeitet. Manchmal aber auch nur an Verfeinerungen: Das Palace Mirissa Hotel zum Beispiel erhält gerade ein romantisch am Hang gelegenes Schwimmbad.
Matara und Dikwella
Die meisten Unterkünfte und alle Sehenswürdigkeiten wie etwa der begehbare Leuchtturm von Matara-Dondra sind völlig intakt. Die Wiederherstellung des auf einer felsigen Landzunge im Meer gelegenen Dikwella Village Resorts wird wohl noch bis Anfang Dezember dauern. Und auch hier verbindet der Eigentümer den Wiederaufbau mit einem stilvollen Upgrade der Zimmer. Das Ayurveda-Resort Vattersgarden, das sich über einen Hügel am Meer erstreckt und von der deutschen Familie Vatter gegründet wurde, ist nach der Reparatur zum Normalbetrieb zurückgekehrt.
Tangalla
Die Unterkünfte im Westen der Stadt sind weitgehend unbeschädigt geblieben oder inzwischen wiederhergestellt. Hier hat nun auch direkt am Strand das exklusive Amanwella-Resort eröffnet - nach der Niederlassung in Galle das zweite Standbein der Aman-Gruppe auf Sri Lanka. Obwohl seine Bunkerarchitektur eher gewöhnungsbedürftig ist und überaus schlicht wirkt, ist es mit Bungalow-Preisen um die 900 US-Dollar pro Nacht nun das teuerste Hotel der Insel.
Das Tangalla Bay Hotel, im Jahr 1971 auf einem Felsvorsprung im Meer errichtet, ist zwar leicht beschädigt worden, ist aber dank seines bemerkenswerten Interieurs noch immer ein Meilenstein der Architektur auf Sri Lanka. Die touristische Infrastruktur der beiden gefragten Badebuchten im Osten der Stadt ist erheblich zerstört worden, was dem landschaftlichen Erscheinungsbild allerdings kaum anzusehen ist. Inzwischen ist in manche Ruine neues Leben eingezogen, so daß auch hier kein Mangel an Unterkünften zu verzeichnen ist. Die beste Traveller-Unterkunft der Region ist mit dem Blue Horizon schon wieder aufgebaut.
Die Ostküste
Hambantota
Die Stadt gehört wie auch die gesamte Ostküste zu den Regionen, die auf Sri Lanka am schwersten von der Tsunami-Katastrophe heimgesucht worden sind. Jedoch ist das Hotel The Oasis als bestes und größtes Resort durch vorgelagerte Sanddünen völlig unbeschädigt geblieben und erfreut sich großer Auslastung, vor allem auch durch deutsche Ayurveda-Touristen. Das zweitgrößte Hotel Peacock Beach ist schwer beschädigt worden, will aber auf jeden Fall bis Ende November wieder eröffnen.
Somit dürfte Hambantota auch weiterhin als wichtigster Ausgangspunkt für Ausflüge in die legendären Nationalparks von Yala, Bundula und Uda Walawe dienen und auch zu den Kultur-Heiligtümern von Kataragama. Während die Yala Safari Game Lodge im gleichnamigen Nationalpark komplett zerstört worden ist, aber wiederaufgebaut werden soll, hat das gediegene Yala Village Resort als mit Abstand bestes Hotel des Naturschutzgebiets den Tsunami heil überstanden. Nur seine Strandvillen hat die Lodge verloren.
Arugam Bay
Nach dem Tsunami sind hier schon wieder die dritten Internationalen Surfmeisterschaften veranstaltet worden. Denn gewiß zählt diese Bucht noch immer zu den zehn besten Surfdestinationen der Welt. Wer hier Urlaub macht, gehört allerdings zur eingefleischten Surfer- beziehungsweise Traveller-Szene, will vor allem seine Solidarität zeigen. Und muß besonders hartgesotten sein. Vielerorts sind die Zerstörungen sichtbar, als Brachlandschaften zum Beispiel. Und auch etliche Ruinen sind noch zu sehen. Dennoch haben rund um das legendäre Siam Bayview Hotel - nicht zuletzt ein bizarrer Treffpunkt der zahlreichen internationalen Mitarbeiter und Freiwilligen der Hilfsorganisationen - über zwei Drittel aller touristischen Betriebe wieder geöffnet, auch wenn sich die Zimmerzahl so mancher Unterkunft auf nur noch zehn Prozent reduziert hat.
Am Strand ist eine neue, ansehnliche Generation von zweistöckigen Romantikrestaurants aus Naturmaterialien entstanden. Das Tri Star Beach Hotel, das früher über die besten Zimmer und den bisher einzigen Pool der Bucht verfügte, wurde in seiner alten Form wieder eröffnet und ist Mitte Oktober durch einen direkt am Strand gelegenen Neubauflügel ergänzt worden. Zudem steht die Eröffnung mehrerer neuer, für die Region bisher noch ungewöhnlich komfortabler Bungalow-Anlagen, wie das Bombardi Resort oder das Royal Garden Beach Hotel, unmittelbar bevor.
Trincomalee, Uppuveli, Nilaveli
Während die Hafenstadt Trincomalee dank ihres riesigen Naturhafens kaum betroffen war, richteten die hier bis zu vier Meter hohen Flutwellen an den nördlichen Stränden Uppuveli und Nilaveli große Schäden an. Elf Monate danach sind jedoch fast alle Unterkünfte wieder eröffnet. Und sie befinden sich nach umfassender Renovierung teils in besserem Zustand als zuvor. Das schwer beschädigte Nilaveli Beach Hotel wird derzeit von Grund auf renoviert und soll Anfang 2006 wieder seine Pforten öffnen.
Obwohl die Korallenriffe leicht in Mitleidenschaft gezogen wurden, können sich Taucher wie eh und je an der Schönheit der fischreichen Unterwasserwelt erfreuen. Leider nahmen in den vergangenen Monaten die politischen Spannungen in dieser Region wieder zu, so daß man sich rechtzeitig über die aktuelle, derzeit aber relativ unbedenkliche Sicherheitslage informieren sollte. Die eher geringe touristische Infrastruktur von Batticaloa, der größten Stadt der Ostküste und bekannt vor allem wegen ihres Phänomens der Singenden Fische, ist vom Tsunami kaum betroffen gewesen, da sie vorwiegend im Bereich einer Lagune im Landesinneren liegt.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 20.11.2005
Bildmaterial: F.A.Z., F.A.Z. - Volker Klinikmüller, F.A.Z. - Volker Klinkmüller