Von Elke Sturmhoebel
20. Oktober 2008 Mademoiselle träumt von einem großen Airbus, der ohne den lästigen Umweg über Kanada direkt nach Paris fliegt. Und sie hält ein solches schweres Fluggerät für angemessen, obwohl auf St-Pierre-et-Miquelon nur sechstausenddreihundert Staatsbürger leben. Immerhin habe sich Paris noch zu ganz anderen Investitionen hinreißen lassen, seitdem das nordatlantische Inselgespann vollwertiges Mitglied der Grande Nation geworden sei. Vorerst aber fliegen nur Vierbeiner nach einem halbjährigen Zwangsaufenthalt nonstop nach Europa: Lamas, Alpakas und andere Huftiere aus der Familie der Kameliden.
Nach der eineinhalbstündigen Überfahrt mit der Fähre von Neufundland ist man Europa auf einmal ganz nahe. Der kleine Archipel schaut aus, als sei er Stück für Stück vom Finisterre in der Bretagne abgebrochen und viertausendfünfhundert Kilometer weit nach Westen ans wahre Ende der Welt gedriftet. Hinter dem Pier fühlt man sich plötzlich in die französische Provinz versetzt. Auf der Place du Général de Gaulle dreht sich ein von Müttern und Großeltern umlagertes Kinderkarussell. Mädchen reiten auf weißen Pferdchen, Jungen schwingen die Glocke des roten Feuerwehrautos. Ein Stückchen weiter kurven um einen hübsch bepflanzten Verkehrskreisel Peugeots und Renaults. Und in der Nähe des Hospitals spielen Jugendliche auf einem maßgerechten Fronton voller Hingabe Pelota. Gleich hinter dem Hafen riecht es dann auch nach Frankreich. Aus einer Bäckerei strömt ein verlockender Duft nach Brioche und Croissant, und schnell hat sich eine Schlange vor dem Verkaufstresen gebildet.
Inseln ohne Kriminalität
Während der Bus bei Musette-Musik im Schritttempo über die zehn Kilometer lange Küstenstraße ans andere Ende St-Pierres zockelt, erzählt Mademoiselle den erstaunten Besuchern von ihren hochfliegenden Träumen und referiert die Fakten der Inselgruppe vor der Küste Kanadas. Siebenhundert Einwohner leben auf Miquelon, der größten Insel, der Rest wohnt auf dem kleineren St-Pierre Tür an Tür und vis-à-vis in quietschbunten Holzhäusern mit putzigen Windfängen. Fünfunddreißig Polizisten aus Frankreich sorgen für jeweils drei Jahre auf den 242 Quadratkilometern für Ordnung. Den Flics müsse der Aufenthalt mit ihren Familien wie Urlaub vorkommen, parliert Mademoiselle, denn Kriminalität gebe es auf den Inseln kaum. Paradiesische Zustände auch in der Lohntüte: Die Verwaltungsangestellten, immerhin die Mehrzahl der arbeitenden Bürger, verdienen vierzig Prozent mehr als die Kollegen in Frankreich. Subventioniert würden zudem Flüge nach Frankreich und Briefmarken. Ansonsten sei auf Saint-Pierre und Miquelon alles so wie im Mutterland. Der jungen Inselführerin merkt man an, wie stolz sie darauf ist, Französin zu sein.
Die meisten ihrer Landsleute auf dem europäischen Kontinent wissen indes nichts von der nordatlantischen Liebe zur Grande Nation. Dabei kann sich das Überseegebiet seit 1985 mit dem höchsten Status einer "Collectivité territoriale de la République Française" schmücken. Schon 1536 requirierte Jacques Cartier den Archipel im Namen König Franz des Ersten. Der Bretone war im Auftrag der Krone unterwegs, um einen Weg nach Asien zu suchen. Als er ihn nicht fand, beschäftigte er sich anderweitig, hisste die französische Flagge an Gestaden der Ostküste Kanadas und nahm auf dem Rückweg die winzigen Inseln im Sankt-Lorenz-Golf noch mit. Seither segeln St-Pierre und Miquelon unter der Trikolore und halten die Stellung. Denn seit 1763, als der Siebenjährige Krieg in Übersee verloren war, ist die atlantische Inselgruppe der einzige verbliebene Posten Frankreichs in Nordamerika. Und wie ein verwöhntes Einzelkind empfängt St-Pierre-et-Miquelon die ganze Liebe und Fürsorge des Mutterlandes.
Dank sei der Prohibition
Im Hafen von St-Pierre dümpeln wenige Fischerboote. Die an Winden vertäuten alten Ruderboote, die Dorys, sind vielfach nur Dekoration. Auf den manikürten Rasenflächen zwischen den Kanonen schmusen Pärchen. Die Kanonen werden nur noch gezündet, wenn Staatsgäste kommen. So wurde Charles de Gaulle, der erste Präsident der Fünften Republik, 1967 gebührend empfangen, als er auf dem Weg zur Weltausstellung von Montréal den getreuen Untertanen seine Aufwartung machte. Immerhin hatte sich die Inselgruppe schon 1941 zum freien Frankreich bekannt und sechshundert Soldaten nach London geschickt, um mit dem General gegen Deutschland zu kämpfen. 1999 kam Jacques Chirac, um den neuen Flughafen zu eröffnen. Und wann kommt Sarkozy, wird sich so mancher fragen, der ihm seine Stimme gegeben hat.
Über St-Pierre ballt sich ein Wolkengebirge. Hohe Brecher peitschen die Küste. Windböen fegen in die Mähnen der Pferde, die auf Hügeln zwischen rosarotem Gestein das Gras rupfen. Den Limousinen ist es hier zu zugig, sie stehen im Stall. Die eleganten Villen, die wie hochmütige Diven das Ende der Küstenstraße säumen, stammen aus den zwanziger Jahren, als St-Pierre-et-Miquelon ganz groß herauskam: Während der Prohibition waren die Inseln ein Umschlagplatz für den Whisky, der in Kanada destilliert, vor allem in St-Pierre auf Schnellboote umgeladen und von diesen "Rum-Runners" in die Vereinigten Staaten geschmuggelt wurde. Auch Al Capone soll dabei kräftig mitgemischt haben.
Streicheleinheiten für die Verwandtschaft
St-Pierre und Miquelon sind zwar Relikte aus kolonialen Zeiten, doch anders als auf den karibischen Überseegebieten gab es dort niemals Sklaverei, keine Schwarzen, die auf Plantagen schuften mussten, keine Weißen, die sich aufspielten. Hier wächst nichts. Der einzige Grund für die Präsenz Frankreichs im Nordatlantik war der Fisch. Jahrhundertelang machten Bretonen, Normannen und Basken reiche Beute in den Kabeljaubänken vor Neufundland. Doch eines Tages war der Nordatlantik geplündert, 1992 wurde die Notbremse gezogen und ein Fangverbot für Kabeljau verhängt. Heute beläuft sich die Ausfuhr auf gerade einmal tausendfünfhundert Tonnen Fisch jährlich.
Warum macht Frankreich das? Warum hält die Métropole an ihrer unprofitablen Dépendance fest, an diesen unwirtlichen Inseln im hintersten Winkel der Welt? Der Nationalstolz dürfte ein gewichtiger Grund sein, und die Erinnerung an die glorreichen Zeiten des französischen Empire. Solch eine Bastion auf dem amerikanischen Kontinent, in der die französische Sprache und Kultur gepflegt werden können, gibt man schließlich nicht leichtfertig her - ganz davon abgesehen, dass man die Verwandtschaft nicht einfach fallen lässt wie eine heiße Kartoffel.
Der zerzauste gallische Hahn
Immerhin bemühen sich die Verwandten redlich, dem Mutterland nicht mehr ganz so schwer auf der Tasche zu liegen. Dem neuen Flughafen, den sich der französische Staat hundert Millionen Dollar kosten ließ, kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Zwar heben - zu Mademoiselles Leidwesen - bislang nur zweimotorige Propellermaschinen Richtung Kanada und nur Frachtmaschinen in Richtung Europa ab. Doch das könnte sich eines Tages ändern. Denn als Teil der Europäischen Union hat St-Pierre-et-Miquelon einen unschlagbaren Wettbewerbsvorteil: Kanadische Unternehmen können mittlerweile damit geködert werden, die Inseln als Trittbrett nach Europa zu nutzen. Mit einer Niederlassung auf dem französischen Überseeterritorium lassen sich Einfuhrzölle umgehen. Die von der Europäischen Kommission bewilligte Quarantänestation für südamerikanische Paarhufer fügt sich gleichfalls bestens in das Wirtschaftlichkeitspuzzle ein. Doch auch von Zweibeinern hätte man gerne mehr. Ziel ist, die Zahl von bislang zwölftausend Touristen pro Jahr zu verdoppeln.
Franzosen kommen bisher kaum nach St-Pierre-et-Miquelon. Was sollen sie auch auf diesen ungemütlichen Inseln, auf denen selten die Sonne den ganzen Tag scheint, immer der Wind pfeift und man sich besser warm anzieht? Da fliegt man doch lieber nach Martinique oder Guadeloupe, rekelt sich im badewannenwarmen Wasser und lässt sich am puderzuckrigen Strand unter wiegenden Palmen einen Planter's Punch servieren. Hauptsächlich Kanadier sind neugierig auf den zerzausten gallischen Hahn fünfzehn Seemeilen vor ihrer Haustür. Sie wollen wissen, was es mit dem Savoir vivre und Gott in Frankreich so auf sich hat. Und Gott wohnt vorzugsweise im Supermarkt.
Ein guter Bordeaux muss sein
In den Geschäften wird klar, was für ein Aufwand damit verbunden ist, Franzose zu sein. Einmal im Monat liefern Containerschiffe Extrakost aus dem Mutterland an. Die Bewohner St-Pierre-et- Miquelons müssen auf nichts verzichten. Sie können sich die Butter aus der Normandie aufs Baguette schmieren, es dann mit Marmelade von Bonne Maman bestreichen oder sich den Ziegenkäse zum Dessert auf der Zunge zergehen lassen. In den Regalen stapeln sich Konserven mit den schönsten und teuersten Delikatessen, die die französische Hausfrau unbedingt braucht, um ein anständiges Mahl auf den Tisch zu bringen. Dazu trinkt der St-Pierrais am liebsten einen guten Bordeaux. Und im November kommt der Beaujolais primeur selbstredend auch im Nordatlantik an. Man lebt auf den rauhen Inseln stilvoll bis in den Tod - der Marmor für die Grabsteine kommt ebenfalls per Schiff aus Frankreich.
Die meisten Besucher kehren am frühen Nachmittag mit der Fähre nach Neufundland zurück. Wer länger bleibt, erlebt kurzweilige Tage auf den Inseln. Der Hausberg Le Trépied, der es auf beachtliche zweihundertsieben Meter bringt, verschafft einen Überblick. Zu der St-Pierre vorgelagerten Île aux Marins fährt das Shuttleboot zehn Minuten. Die Insel wurde im Jahre 1964 endgültig aufgegeben, weil den Fischern das Leben ohne Strom zu beschwerlich geworden war. Inzwischen haben viele Eigentümer ihre Häuser auf der alten Heimatinsel wieder aufgeputzt. Die Kirche von 1874 wurde restauriert, in der alten Schule ein Museum eingerichtet. Das Klassenzimmer sieht aus, als sei es soeben verlassen worden. "Vive la France!" steht an der Schiefertafel.
Lamas im Nordatlantik
Auch Teile des Inventars der "Transpacific" sind in dem Gebäude verwahrt. Das Containerschiff aus Hamburg war 1971 im Nebel an der Küste zerschellt. Zu betrachten sind noch Schiffsglocke, Kompass, Rettungsring, das Geschirr mit der Gravur der Poseidon-Reederei, einige Möbel und eine letzte Musikbox aus der Ladung. Alle anderen Geräte haben sich die Bewohner unter den Nagel gerissen. Besatzungen von siebzig Dorys sollen sich damals in die Riemen gelegt haben, um das Schiff zu plündern.
Die rostigen Reste der "Transpacific" an der Südküste der Île aux Marins werden vom Ozean umspült. Es ist das vorerst letzte Schiff, das sich der Archipel einverleibte. Insgesamt sollen siebenhundert Wracks auf dem Meeresgrund liegen. Zwischen Miquelon und Langlade hat sich der Schiffsschrott mit Sand verdichtet und einen Damm gebildet, der nun die Inseln aneinanderkoppelt. Wildpferde grasen auf dem zwölf Kilometer langen Isthme de Langlade, und bisweilen glaubt man seinen Augen nicht: Scheue Tiere, die man eher in den Anden vermuten würde, ergreifen die Flucht. Es sind Lamas und Alpakas, die hier zwischengeparkt sind und sich auf ein Leben in Europa vorbereiten.
Informationen: Französisches Fremdenverkehrsamt Maison de la France, Postfach 100128, 60001 Frankfurt, Telefon: 0900/1570025, Internet: www.franceguide.com, www.st-pierre-et-miquelon.info und www.st-pierre-et-miquelon.com.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., Wikipedia; Arne List