Tschernobyl-Tourismus

Ständig das nervöse Piepen vom Dosimeter

Von Thomas Gerlach

Bilder aus der Sperrzone

Bilder aus der Sperrzone

20. April 2006 Tschernobyl. „Is it safe?“ Spät kommt Oliver die Frage in den Sinn, ob es in Tschernobyl sicher sei. Schließlich sitzen er und sein Kumpel Darren in einem Kleinbus, der sie geradewegs von der ukrainischen Hauptstadt Kiew zum 1986 havarierten Atomkraftwerk bringt. Der Sarkophag, in dem der zerstörte Reaktor verborgen ist, die Geisterstadt Pripjat und eine üppige Mahlzeit warten auf sie.

Oliver schaut mit großen Augen auf die fremde Welt, die hinter den getönten Scheiben vorbeizieht. Der 21 Jahre alte Oliver und der gleichaltrige Darren haben sich zu einer mehrwöchigen Abenteuerreise vom Südwesten Englands nach Europas Osten aufgemacht. Das erste Abenteuer wartete in Polen auf sie. Dort ist ihr Auto verreckt. Seitdem fahren sie Zug. Das zweite Abenteuer heißt Tschernobyl. Zwanzig Jahre nach der Explosion im Reaktorblock 4 sind ukrainische Reisebüros auf gutem Weg, den Ort als Ziel für Individualreisen zu vermarkten.

Im Fernsehen von dem Trip erfahren

Im Fernsehen haben sie von diesem Trip erfahren und sich gesagt, warum nicht? erzählt Oliver. Es sei eben eine andere Art von Extremtourismus. Und nun sitzen die beiden Wirtschaftsstudenten hier. Eine halbe Stunde vor Tschernobyl. Autos und Menschen werden rarer, die Schneespuren tiefer. Am Kontrollpunkt Ditjaki, 40 Kilometer vor dem Kraftwerk, schnappt sich der Uniformierte die Pässe, verschwindet, kommt wieder und brummt so bedeutungsvoll, als ob man damit selbst Radioaktivität in die Schranken weisen könnte.

Tschernobyl scheint ein argloses Nest zu sein, wo die Leute wie überall im Land auf der Straße stapfen. Nur die oberirdischen Wasserleitungen, die sich wie Schlangen durch die Stadt ziehen, fallen auf. Sie wurden wegen des radioaktiv verseuchten Grundwassers gelegt. Tschernobyl blieb eine bewohnte Stadt, und die braucht Wasser.

Die Stadt hat keine Zukunft

„Hello, come in please, I'm Juri!“ begrüßt Juri Tatartschuk seine Gäste. Die - froh, in ihrer Muttersprache empfangen zu werden - lassen sich nicht lange bitten und gehen in das zweistöckige Gebäude von „Tschernobyl-Interinform“, dem staatlichen Informationsbüro. Es ist eine routinierte Vorlesung, die der stämmige Tatartschuk abspult. Landkarten, Fotos, Baupläne und viele Zahlen. Achtzehn Kilometer sind es von hier bis zum Kraftwerk, Pripjat ist die dazugehörige Stadt, die für die Kraftwerksarbeiter gebaut worden ist. Tschernobyl hingegen ist die Kreisstadt und hat den Namen hergegeben, weil Pripjat noch nicht existierte.

Während jene Stadt tot ist, lebt Tschernobyl sein komatöses Leben. Die Stadt hat keine Zukunft, doch alle Organe arbeiten, die für die Kontrollen der Zone notwendig sind: Wacheinheiten, Kantinen, ein Krankenhaus, der Fuhrpark, die Feuerwehr, Quartiere, Bauunternehmen und sonstige Gewerke, Büros und eben „Tschernobyl-Inter-Inform“ mit Juri Tatartschuk, dem 33 Jahre alten stellvertretenden Leiter und heutigen Reiseführer.

Das nervöse Piepen vom Dosimeter

Tatartschuk stopft das Dosimeter in die Tasche und ruft zum Auto. Erstes Ziel ist der Kindergarten von Kopani, einem Dorf innerhalb des Zehn-Kilometer-Sperrgürtels mit Blick zum Kraftwerk. Die meisten anderen Häuser sind zu Haufen zusammengeschoben und mit Erde bedeckt, der Kindergarten steht. Ein Schuhschrank, ein Paar Sandalen, Eisenbettchen - Oliver und Darren inspizieren jedes Zimmer, und wie sie so schweigen, wirken sie wie eine weitgereiste Kommission, die sich - verspätet zwar, doch um so gründlicher - ein Bild machen möchte.

Tatartschuk steht im Flur, tippt eine SMS und raucht. Und aus seiner Jacke dringt beständig das nervöse, unregelmäßige Piepen vom Dosimeter. „33 Mikroröntgen in der Stunde“, meldet Tatartschuk vor dem Haus. In anderen Regionen wären 15 Mikroröntgen normal. Tatartschuk beruhigt: „Im Sommer ist es hier doppelt so hoch.“ Die Schneedecke schütze.

Über 70 Mikroröntgen

Kurz darauf knipst er die beiden Männer, die lächeln - im sicheren Abstand von einem Kilometer zum Sarkophag und seinem Schornsteingerippe. Ringsum Schnee, Eisen und Beton - über die endlose Landschaft trotten vereinzelt Arbeiter auf rostigen Gleisen und mürbem Asphalt, als ob sie sich in diesem erstarrten Wald von Kränen, Hochspannungsmasten, Blitzableitern und halbfertigen Kühltürmen verirrt hätten.

Entgegen dem Augenschein seien noch immer 3.800 Menschen hier beschäftigt, sagt Tatartschuk. Sie überwachen die stillgelegten Blöcke - der letzte ging Ende 2000 vom Netz. Allein für die Kontrolle des Sarkophags seien tausend Ingenieure, Physiker und Bauarbeiter abgestellt. Nur noch 200 Meter vor der düsteren Hülle gibt's einen weiteren Fotostopp - das dürfte der Höhepunkt der Reise sein. Von den Strahlenwerten auf jeden Fall: über 70 Mikroröntgen.

Wie ein müder Koloß

Blaugrau und mit Schneefeldern auf dem Dach steht der Sarkophag da wie ein müder Koloß. Der Bau, 1986 eilig aus Stahlplatten und Beton errichtet, ist instabil. Die Kraftwerksleitung unkt, daß ihn schon ein kräftiger Sturm bezwingen könnte. Ein Erdbeben sowieso. Dann läge sein Inhalt offen da wie eine schwärende Wunde: 180 Tonnen strahlende Masse und reichlich kontaminiertes Wasser. Spitzenwert: weit über 1000 Röntgen. 500 sind tödlich.

Eine neue Bogenkonstruktion soll den Sarkophag überwölben. Im Modell sieht das Projekt für eine Milliarde Dollar, großteils finanziert von der EU und den Vereinigten Staaten, perfekt aus. Zu sehen ist noch nichts. In zwei Jahren, so verkünden offizielle Stellen, soll das Dach stehen. Tatartschuk redet schon von 2010.

Eine Zeitreise in die Sowjetunion beginnt

Die Stadt Pripjat wird für Oliver und Darren zum eigentlichen Event. Sie war Vorzeigestadt für die Kraftwerksarbeiter und hatte 50.000 Einwohner, als sie am 27. April 1986 geräumt wurde. Über den Leninprospekt geht es zum Kulturpalast „Energetik“. Auf der Kurtschatow-Straße entdecken sie an einem Mast erstmals das Emblem mit Hammer und Sichel und zücken die Kameras.

Eine Zeitreise in die Sowjetunion beginnt. Sie erkunden den Kulturpalast, den Vergnügungspark mit Riesenrad, sogar die Vier-Zimmer-Plattenbauwohnung des damaligen Kraftwerksdirektors. Sie entdecken Porträts von Parteifürsten, die groß wie Tore sind, Lenins Direktive „Lernen! Lernen! Nochmals Lernen!“ und den Speiseplan der Mittelschule Nr. 2 für den 27. April 1986: Rindfleisch mit Buchweizengrütze.

„Kinder von Tschernobyl“

„Das ist die einzige Stadt ohne Coca-Cola-Werbung!“ sagt Juri Tatartschuk befriedigt. Es ist ihm anzumerken, daß er Historiker ist. Seine Sympathie gilt dieser Stadt. Der Staat müsse endlich entscheiden, ob er konservatorisch eingreifen will. Für Tatartschuk ist das keine Frage. Zeit sei es längst, sagt er und macht seinem Ärger Luft, daß auch hier schon Graffiti-Sprayer ihre farbigen Spuren hinterlassen haben.

Würde Tatartschuk nicht lieber an einem anderen Ort arbeiten? „Wo ist es denn weniger gefährlich?“ fragt er und winkt ab. Im gesamten Industriekessel der Ostukraine litten die Menschen doch weit schlimmer. „Hier gibt es im Umkreis von 100 Kilometern keine Industrie.“ Tatartschuk ist in Tschernigow geboren, einer Stadt gut 100 Kilometer östlich, er lebt auch heute dort. 1986 war er dreizehn und eines der „Kinder von Tschernobyl“. Seine Altersgenossen haben bei der Flucht einen ganzen Zoo von Kuscheltieren zurückgelassen. Jetzt ist Tatartschuk einer der wenigen, die regelmäßig Bären, Löwen und Puppen besuchen.

„Der Tee war gut!“

Darren und Oliver, damals noch Babys, haben je hundert Euro für die Tour hingelegt. Das Kiewer Reisebüro, das die Fahrt organisiert hat, freut sich über die wachsende Nachfrage, die aus dem Ausland kommt. Wie es das Büro versprochen hat, wird zum Abschied „ökologisch sauberes Essen“ gereicht. Die Frauen von Tschernobyl-Inter-Inform tischen auf: Eierkuchen mit süßem Quark, Knoblauchbrot, Fisch, Kohlsuppe mit saurer Sahne, Schweinefleisch, Kuchen und Tee.

„Der Tee war gut!“ sagt Oliver zum Schluß und zieht Bilanz: „Cold and cheap“ sei die Ukraine. Kalt und preiswert - Juri Tatartschuk lacht höflich. Am nächsten Tag reisen die beiden Extremtouristen nach Moskau weiter. Tatartschuk, der eine Familie zu ernähren hat, wird die nächste Gruppe in die Zone führen. Bis zum 26. April, dem Jahrestag der Katastrophe, wird er es täglich tun.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 02.04.2006, Nr. 13 / Seite 13
Bildmaterial: F.A.Z. - Foto Andreas Mueller

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