Reich in New York? Ein Selbstversuch

Heute bin ich Milliardär

Von Lars Jensen, New York

04. Mai 2008 Die New Yorker Band LCD Soundsystem singt mit zynischem Unterton „New York's the greatest place if you get someone to pay your rent“. Stimmt. Nichts wäre schöner, als hier zu wohnen und sich die Miete von anderen bezahlen zu lassen. Noch großartiger fühlt sich die Stadt allerdings an, wenn man lediglich zu Besuch vorbeikommt, die Taschen voller Euro, und so tut, als gehöre man zu denen, die mitspielen können im verrücktesten Monopoly-Turnier aller Zeiten: der Jagd nach den schönsten, größten, teuersten Apartments, die diese reichste aller Städte offeriert.

Ansonsten ist ja nicht mehr viel los. Die letzte freundliche Nachtbar mit anspruchsvollem DJ-Programm, das „Passerby“ in Chelsea, schloss vergangenen Monat. Der legendäre Schwulen- und Lesben-Diner „Fleurent“ im Meatpacking District macht Ende Juni zu - weil die Miete von 15 auf 60 000 Dollar steigen sollte. Nur zwei von vielen tragischen Fällen. Die Grundstücke werden dringend gebraucht, um neue Luxus-Wolkenkratzer für Investoren aus Russland, China und Arabien zu errichten.

Vertrauter eines russischen Oligarchen

Wenn das echte Leben in der Stadt immer schneller abstirbt, bleibt Touristen nichts übrig, als mitzumachen beim letzten Abenteuer, das New York zu bieten hat: Packen Sie Ihren besten Anzug und ein Paar elegante Schuhe ein (oder kaufen Sie den Kram hier - der Dollarkurs!!!). Dann geben Sie sich beim Makler als Vertrauter eines russischen Oligarchen oder als deutscher Internetunternehmer aus und jagen mit den anderen Multimilliardären nach Wohnungen in der Upper East Side oder am Central Park West. Nur so zum Spaß. Sie werden keine Sekunde bereuen, versprochen.

Der Rest des Landes, das haben sogar New Yorks Monopoly-Spieler schon mal gehört, versinkt in einer Immobilienkrise epochalen Ausmaßes. Manhattan leidet unter einem anderen Problem: Zehntausende neuer Luxus-Apartments werden nicht schnell genug fertig, so dass beim Bau geschludert wird und in wenigen Monaten ein halbes Dutzend Arbeiter in den Tod stürzte. Außerdem explodieren die Preise. Im ersten Quartal kostete ein Apartment in Manhattan laut der Bewertungsfirma Miller Samuel 33,5 Prozent mehr als vor zwölf Monaten. Die durchschnittliche Zweiraumwohnung wechselt derzeit für 1,7 Millionen Dollar den Besitzer.

Es liegt kein Rechenfehler vor

Doch die Statistik, über die man als Bewohner der Insel so richtig kichern muss, ist diese: Die Zahl der verkauften Apartments mit einem Preis von über zehn Millionen Dollar stieg im ersten Quartal um 1658 Prozent. Und es liegt kein Rechenfehler vor. Eine neue Generation von viel zu schnell viel zu reich Gewordenen aus aller Welt giert nach Zweitwohnungen mit Blick auf den Park oder das Empire State. Eine Hysterie herrscht im Gewerbe, die der New Yorker Immobilienmogul Kirk Henckels so ausdrückt: „50 Millionen ist das neue 30 Millionen“.

Da will man als Zuschauer natürlich dabei sein, das muss man doch gesehen haben. Schnell die Schuhe putzen und den Anzug zur Reinigung bringen. Wir möchten auch mal gucken, was die Reichen machen. Spannende Fragen, die jeder Mensch mal einem New Yorker Makler gestellt haben sollte: Könnten wir das Waschbecken bitte aus massivem Platin bekommen? Die Wohnung im 36. Stock wäre perfekt für meine Butler. Wie schnell können wir diesen P. Diddy oder wie der heißt da rausklagen? Kann ich den Weinkeller von der Steuer abschreiben?

Genug Platz für meine Hausangestellten

Die Website des „New York Magazine“ listet derzeit einige hundert Angebote ab 7,5 Millionen Dollar auf. Ich suche nach einer möblierten Wohnung, nicht zu modern, schön weit oben mit Blick auf den Park und genug Platz für meine Hausangestellten. Ein Angebot in 279 Central Park West zwischen 88. und 89. Straße sagt mir durchaus zu. Ist zwar nicht die feinste Gegend, die Westseite von Manhattan gilt von jeher als minderwertig. Dafür stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis: 24,5 Millionen Dollar für 6430 Quadratfuß, was ungefähr 640 Quadratmetern entspricht. Die Nebenkosten liegen mit monatlich 16 000 Dollar im fairen Bereich.

Auf der anderen Seite des Parks würde ich nicht so günstig davonkommen. „New York Magazine“ listet eine annähernd gleich große Wohnung in 823 Park Avenue ohne Parkblick bei 35 Millionen Dollar, plus 28 000 Nebenkosten. Die Fotos sehen unglamourös aus - nichts für mich. Einige Townhäuser in den 60er- und 70er-Straßen wirken interessant: Liegen zwischen 55 und 65 Millionen Dollar. Doch leider rufen die Makler nicht schnell genug zurück. Ebenso Fehlanzeige bei der luxuriösesten Wohnung der Welt, dem 70-Millionen-Penthouse, das sich in der Turmspitze des Hotels „Pierre“ befindet.

Frau Wassers Instinkte wurden durcheinandergebracht

Also hinterlasse ich der Maklerin von der für „279“ zuständigen Firma Corcoran eine Nachricht mit heftigem deutschem Akzent: „Bin auf Ihr Angebot in Central Park West gestoßen und würde im Namen meines Auftraggebers gerne einen Besichtigungstermin abmachen.“ Stündchen später ruft Frau Wasser zurück, und wir verabreden uns für den Nachmittag.

Man würde erwarten, dass eine ausgebuffte New Yorker Maklerin sofort riecht, ob jemand wirklich ein Vermögen repräsentiert oder nur so tut. Doch vermutlich haben all die Russen und Scheichs und südamerikanischen Playboys mit ihren seltsamen Sitten Frau Wassers Instinkte durcheinandergebracht. Sie nimmt mir ab, dass ich ein ernsthafter Interessent bin, als ich sage: „Ein Hamburger Reeder möchte investieren.“ Okay, sagt sie, dagegen habe sie nichts.

Welchen Aufzug nehmen wir heute?

Es ist schon mal gut zu wissen, dass zwei Aufzüge direkt in die Wohnung führen - man kann also jeden Morgen entscheiden, ob man sich eher nach dem östlichen oder nach dem westlichen Fahrstuhl fühlt. Eine Duplex-Wohnung mit vier Terrassen und 18 Räumen, deren Fenster nach Süden und Osten gerichtet sind; überall unglaublich viel Helligkeit; ein Saal für Festivitäten, in dem vierzig Leute dinieren können. Der aktuelle Bewohner scheint sein Vermögen schon länger zu besitzen, denn Antiquitäten und Gemälde von Braque, Léger, Sargent deuten auf eine über Jahrzehnte entwickelte Sammlung hin. Für die Bediensteten stehen Schlafräume und Küche zur Verfügung.

Den meisten Leuten würden sechs Badezimmer ausreichen, doch ich behaupte: „Mein Auftraggeber hat fünf Kinder und Frau und besteht darauf, dass jeder sein eigenes Bad hat. Kann ihm diese Wohnung leider nicht empfehlen.“ Frau Wasser nickt ungerührt: „Das kann ich verstehen. Werde mich bei Ihnen melden, wenn ich was Passendes anbieten kann.“ Wir nehmen den westlichen Lift, und ich verabschiede mich von Frau Wasser. Die Sonne scheint, der Park blüht. In meinem iPod singt LCD Soundsystem den stadtbekannten Hit: „New York, I love you but you're freakin' me out“.

Wie man in New York im Stile eines Milliardärs Apartments jagt:

1. Auf den Websites von „New York Times“ oder „New York Magazine“ kostenlos registrieren.

2.In den perfekt organisierten Rubriken „Real Estate“ nach Condos, Coops und Townhouses in der höchsten Preisklasse suchen. Beste Gegenden: SoHo, Tribeca, Chelsea, Greenwich Village für Neubauten und Lofts; Gramercy Park, Upper West, Upper East für Vorkriegsbauten.

3.Per Link zu den entsprechenden Maklerfirmen weiterklicken.

4.Die Broker sind mit Namen, E-Mail und Telefonnummer aufgelistet und warten auf Ihren Anruf.

Flüge nach New York Täglich mit Lufthansa von Düsseldorf, Frankfurt, München und mit Continental von Hamburg, Berlin, Köln.

Unterkunft Zum Beispiel im Hotel „The Bowery“ (335 Bowery), Doppelzimmer ab 350 Dollar, mehr unter www.theboweryhotel.com oder Telefon 0 01/2 12/5 05 91 00.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: AP

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