Von Petra Kolonko, Peking
30. Juni 2006 Wenn die höchste Bahnstrecke der Welt von Peking bis ins tibetische Lhasa eröffnet wird, erfüllt sich, was Mao Tse-tung erträumte: der endgültige Anschluß Tibets an das chinesische Kernland ist vollzogen. Wenn von jetzt an mehrmals wöchentlich Züge aus fünf chinesischen Städten bis nach Lhasa fahren können, gehört die Abgeschiedenheit auf dem Dach der Welt der Geschichte an.
Das offizielle China jubelt. Stolz ist man auf die technische Leistung, eine Eisenbahn auf Dauerfrostboden gebaut zu haben. Und laut werden die positiven Auswirkungen der Eisenbahn gepriesen. Sie werde die wirtschaftliche Entwicklung fördern. Der Transport von Waren und Menschen werde leichter und preiswerter, es würden mehr Touristen und Geld nach Tibet kommen und schließlich werde die Modernisierung Fortschritte machen.
China herrscht mit harter Hand
Die ungeheuren Kosten der Bahn, insgesamt 3,3 Milliarden Euro, rechtfertigen sich nicht aus direkten Gewinnaussichten. Die Anbindung Tibets hat strategische Bedeutung. Sie soll die wirtschaftliche Integration im Rahmen der Entwicklung Westchinas beschleunigen, die Erschließung tibetischer Ressourcen erleichtern und Tibet einen Modernisierungsschub bringen, der, so das Pekinger Kalkül, den Einfluß des Dalai Lama und seiner Anhänger endlich brechen wird.
China herrscht in der Autonomen Region Tibet noch immer mit harter Hand. Zwar sind die Zeiten der gewaltsamen Unterdrückung der Religion vorbei, doch versucht die Regierung jetzt durch Erziehungskampagnen und patriotische Ausbildung in Klöstern und Tempeln sicherzustellen, daß alle tibetischen Mönche und Gläubige nicht loyal zu ihrem religiösen Oberhaupt, dem Dalai Lama stehen, sondern vor allem den Anweisungen der Regierung folgen.
Kampf gegen den Dalai Lama
Daß der Dalai Lama in Tibet noch lange nicht vergessen ist, daran erinnerte kurz vor der Eisenbahn-Eröffnung der neue Parteichef von Tibet, Zhang Qingli. Er sprach von einem Kampf auf Leben und Tod gegen den Dalai Lama und seine Unterstützer. Bei einer Sitzung der Provinzführung im Juni sagte der Parteichef, der Dalai Lama versuche immer noch, die Politik in Tibet zu untergraben und seine Herrschaft über Tibet wieder herzustellen.
Die Provinzführung fürchtet auch Anschläge auf die neue Eisenbahn. Illegale Aktivitäten entlang der Bahn müßten bekämpft und die soziale Stabilität gewahrt, das heißt in chinesischer Politsprache, Unruhen müßten verhindert werden. Nach Informationen der Kampagne für Tibet sind in den vergangenen Tagen Militärpatrouillen und Wachtposten entlang der Strecke verstärkt werden.
Die Eisenbahn schafft Fakten
Tibets neuer Parteichef, der zur Seilschaft von Parteichef Hu Jintao gehört, hat Erfahrung im Umgang mit potentiell rebellischen Minderheiten. Er war zuvor in der von Muslimen bewohnten Autonomen Region Xinjiang für die Aufbaukorps der chinesischen Armee zuständig. Dort machte er sich einen Namen als einer, der die Direktiven aus Peking hart durchsetzt. Mit der Ernennung von Zhang Qingli zum Parteiführer in Tibet erhielten Hoffnungen auf eine Annäherung zwischen dem Dalai Lama und der Regierung einen Dämpfer. Der Dalai Lama hat der Regierung ein Angebot einer gesichtswahrenden Lösung für einen Besuch in China gemacht. Er wolle eine Pilgerreise nach Tibet machen und hoffe, daß die chinesische Regierung ihm dies erlauben werde.
Während der Dalai Lama noch auf eine Antwort auf seine Zugeständnisse wartet, werden mit der Eisenbahn Fakten geschaffen. Exil-Tibeter fürchten, daß die Eisenbahn den Zustrom von Chinesen aus anderen Landesteilen fördern wird. Die Bahnfahrkarten werden viel günstiger als Flugzeugtickets sein und die Fahrt im Zug bequemer als die Fahrt im Bus auf dem beschwerlichen Landweg. Es werden nicht nur Touristen sein, sondern auch Chinesen aus anderen Landesteilen, die auf der Suche nach Arbeit und Abenteuer nach Tibet fahren.
Nachschub für das Militär
Die Exil-Tibeter fürchten auch, daß die Eisenbahn zur Belieferung der Militärbasen in Tibet benutzt werden wird und damit die chinesische Militärpräsenz auf dem Dach der Welt zementieren wird. Viele Sorgen gibt es über die Zerstörung des ökologischen Gleichgewichtes durch die Bahnstrecke. Auch die Zunahme des Tourismus kann negative Folgen haben, wenn Tibets Tempel und heilige Stätten von chinesischen Touristen überlaufen werden, die tibetische Pilger verdrängen.
Von all diesen Bedenken erfährt die chinesische Öffentlichkeit nichts, doch sind die chinesischen Medien jetzt offensichtlich dabei, sie zu widerlegen. Der Bürgermeister von Lhasa ließ sich zitieren, daß der Bau der Eisenbahn keineswegs einen Angriff auf die tibetische Kultur bedeute. Chinesische Zeitungen berichten von Tibetern, die durch den Eisenbahnbau zu Geld kamen und anderen, für die sich neue Erwerbsmöglichkeiten jetzt auftun und die es kaum erwarten können, daß der neue Zug durch die unwirtliche Hochebene braust. Einen Vorwurf der Exil-Tibeter hat die chinesische Regierung nie zurückgewiesen, daß nämlich die Eisenbahn auch der Ausbeutung der Ressourcen auf dem Dach der Welt dient. Die Schätze Tibets, so chinesische Zeitungen, könnten jetzt im großen Stil erschlossen werden.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1. Juli 2006
Bildmaterial: AP, REUTERS