Spanien

Die ehrenwerten Männer vom Club der Tagelöhner

Von Rolf Neuhaus

30. März 2008 Der Bootsführer stemmt die lange Stange in den Grund und stößt den Kahn ab. Es ist ein flaches Boot, ohne Kiel, geschaffen für die Albufera, genannt Albuferenc, ein breiter, hölzener Lastkahn, der früher Reissäcke und Kisten voll Fisch transportierte und heute Touristen über den See schaukelt. Das Wasser ist algengrün und glatt, zur anderen Seite glänzt es stahlblau, und zwischen Wasser und milchigblauem Himmel erkennt man die Umrisse bläulicher Berge. Die Lagune ist nur zwischen einem halben und anderthalb Metern tief, man könnte sie durchwaten, dann wäre man den ganzen Tag unterwegs.

Der Bootsmann steuert den Kahn durch ein Gewirr von Pfählen, an denen Netze und Reusen befestigt sind. Auf den Pfählen hocken Lachmöven, Silbermöven, Heringsmöven. Fragt man den Barquero, den Mann mit der Barke, nach den Familiennamen der Vögel, antwortet er auf Valencianisch. Man lernt viel dazu, weil man so unwissend ist. Dann legt er die Stange aus der Hand, wirft den Außenborder an - früher hätte er ein Dreieckssegel gehisst - und setzt sich ans Ruder. Die Schaluppe läuft langsam und leise; die Bordkante liegt fast auf Höhe der Wasseroberfläche. Die Landschaft wechselt ständig. Mal sieht man grüne Ufer mit einzelnen weißen Hütten, mal einen ununterbrochenen weißen Streifen am Horizont vor den Bergen. In der Mitte der Lagune, auf dem offenen See, ist das Wasser bewegt, die Wellen rollen fast ins Boot. Der See schnaubt, zuckt und knurrt. Wenn der Barquero den Motor abstellt, hört man nur das Wasser, den Wind und die feuchte Stille.

Schwimmende Wälder

Das Boot biegt in eine Straße zwischen Pfahl- und Netzwerk ein. Ein Schwarm Wildenten zieht über die Anlage. Dann tuckert der Albuferenc an Inseln vorbei, mit Binsen, Röhricht bewachsenen Eilanden, die Stelzenläufern, Haubentauchern, Stockenten, Spießenten, Knäkenten, Löffelenten, Tafelenten, Kolbenenten, Kuhreihern, Nachtreihern, Seidenreihern, Purpurreihern, Rallenreihern als Refugien und Nistplätze dienen. Der Bug biegt das Schilfrohr auseinander, Fische springen zur Seite, ein paar Fischreiher fliegen auf, schreien und donnern mit den Flügeln durch die Luft. Ein Schwarm Blässhühner, der auf dem Wasser in der Sonne lag, wird angesteckt und verzieht sich ins Dickicht der schwimmenden Wälder.

Überraschend ist nicht, dass es in Spanien eine solche Wildnis gibt; Spanien ist voll wilder Gegenden und voller wilder Tiere. Das Wunder besteht darin, dass eine solche Urnatur in unmittelbarer Nachbarschaft von Nationalstraßen und Autobahnen, Industriebetrieben und Lagerhallen, einer mit Apartmentblocks zugebauten Küste und einer Großstadt von siebenhundertfünfzigtausend Einwohnern überlebt. Industrieabwässer, Rückstände aus der Landwirtschaft und ungeklärte städtische Abwässer haben jahrzehntelang die Albufera verschmutzt. An Wochenenden und in Ferienzeiten fallen Zehntausende mit dem Auto in das Gebiet ein und besetzen Strände und Apartments. Und trotzdem gibt es die Lagune noch.

Nackte Jungen in ausrollenden Wellen

Die Wildnis liegt gleich vor der Haustür Valencias, nur wenige Kilometer südlich des Zentrums. Sie beginnt dort, wo der Río Turia, der nach der Hochwasserkatastrophe von 1957 aus der Innenstadt verbannt und in ein neues Bett gelegt wurde, die Stadtgrenze bildet. Der Turia formte im Verein mit den Meeresströmungen und dem bei Cullera ins Mittelmeer mündenden Júcar die Albufera, aber das ist schon ein paar tausend Jahre her. Ursprünglich war es eine offene Meeresbucht, dann wuchs ein Sandstreifen in gerader Linie von Flussmündung zu Flussmündung, und als er die Bucht komplett abgeriegelt hatte, war die Albufera geboren: ein Binnenmeer von dreihundert Quadratkilometer Fläche, ein Salzsee, dessen Süßwassergehalt mit der Zeit anstieg. Nicht anders zeugte der Lido die Lagune von Venedig.

Dreißig Kilometer feiner gelber Sandstrand vom Turia bis zum Júcar, an Werktagen wüst und leer, in arbeitsfreien Zeiten arg bevölkert. Das Meer ist grün, olivgrün, türkisgrün, hellblau, dunkelblau, in allen Tönen. Es ist das Meer Sorollas, des Valencianer Malers, es hat sich nicht verändert, da liegt es noch immer, im Licht Sorollas, in seinen Farben. Es fehlen nur die Fin-de-Siècle-Damen in ihren weiten weißen Kleidern, mit ihren großen Hüten und weißen Schleiern und Sonnenschirmen. Doch die nackten Jungen liegen immer noch in den ausrollenden Wellen. Heutzutage sind auch die Damen nackt, nicht länger dekadent verfeinert, vielleicht konstruktiv verwildert. Hinter dem Strand die Dünen, von niedrigem Gebüsch festgehalten. Fußwege, Radwege führen über die einen Kilometer breite Sandbarriere zwischen der See und dem See, durch Pinienwälder und dichtes Gestrüpp. Doch dann wachsen Sünden aus dem Dschungel, Apartmenttürme aus den siebziger Jahren.

Das Jagdrevier des Königs

Von der Küstenstraße zwischen Valencia und Cullera zweigt ein asphaltierter Weg nach El Palmar ab. Vom Wald wechselt man in die lichte Lagunenlandschaft. Schilf lässt den See erahnen, schmale Brücken führen über Kanäle, vor dem Ort reihen sich Obst- und Gemüsegärten an der Straße aneinander, begrenzt von Rohrzäunen, verziert mit Palmen, am Kopfende zum Teil von schmucken Baracken präsidiert, den Barracas, den traditionellen valencianischen Bauernhäusern, weißgetünchten Lehmhütten mit kleiner Tür und kleinen Fenstern an der Giebelseite und mit spitzem, tiefgezogenem Reetdach, als müsste der Schnee abrutschen. Das Dorf selbst besteht aus zwei Parallelstraßen mit Steinhäusern, die nach dem Brand von 1885 die Barracas ersetzten. Es hat weniger als achthundert Bewohner, die Nachnamen variieren wenig, El Palmar ist eine Großfamilie und nicht nur geographisch eine Insel. Das Dorf liegt zwischen Kanälen, in denen schmale Fischerboote festgemacht sind, bepackt mit Netzen, Kisten, Tauen. Noch immer fischen die Palmareños, seit siebenhundertfünfzig Jahren fischen sie in der Albufera, aber nicht mehr so viel wie früher.

Als König Jaime I. von Aragonien 1238 das maurische Valencia eroberte, verteilte er die Kriegsbeute unter seine Gefolgsleute und wählte für sich selbst die Albufera aus, um sie als Jagdrevier zu nutzen. Damals gab es dort noch Hirsche und Wildschweine, Schlangen und wilde Stiere. Nachdem das Großwild ausgestorben war, ging die Albufera 1864 in Staatsbesitz über, 1911 in Stadtbesitz. Die Jagd auf Rebhühner und Kaninchen, Wildenten und Blässhühner wurde zur öffentlichen Einnahmequelle, nur zu Sankt Martin und am Tag der heiligen Katharina war die Jagd frei. Dass dreitausend Jäger am Ufer, im Wasser, in Booten standen und an einem Morgen zwanzigtausend Wasservögel abschossen, war nichts Ungewöhnliches und nichts Anrüchiges. Als Gustave Doré, mit Charles Davillier in Spanien unterwegs, an einem Martinstag ein Prachtexemplar von Flamingo erlegte, wurde er von der Jagdgesellschaft als großer Waidmann gefeiert und mit dem Spitznamen „Exterminador“ geehrt. Erst mehr als hundert Jahre später, mit der Schaffung des Naturschutzparks der Albufera 1986, wurde die Jagd untersagt.

Langusten, Hummer, Paellas

„All die Vögel passten nicht an den Himmel und all die Fische nicht ins Wasser“, schrieb der Valencianer Schriftsteller Gaspar de Aguilar 1599. So reich war die Albufera. JaimeI. hatte den Palmareños 1250 das Fangrecht eingeräumt, nicht ohne sich ein Fünftel des Fangs vorzubehalten. Das Dorf lebte ganz vom Fischfang. Aber der Fischreichtum schmolz über die Jahrhunderte dahin. Zum einen, weil die Albufera wegen natürlicher Ablagerungen ihrer Zuflüsse, vor allem aber durch Erdaufschüttungen zur Ausdehnung des Reisanbaus auf ein Zehntel ihrer ursprünglichen Fläche schrumpfte. Zum anderen wegen Überfischung und Wasserverschmutzung. 1902 beschrieb Blasco Ibáñez in seinem Roman „Cañas y barro“, auf deutsch „Sumpffieber“, das elende Leben und Hungerleiden der Palmareños, als man noch nicht ahnte, was Wasserverschmutzung war. Ein Dreivierteljahrhundert später gab es keine Garnelen mehr, wurden die Aale und Jungaale knapp und die Wolfsbarsche selten, nur Karpfen und Meeräschen gab es noch reichlich. In der jüngsten Zeit scheint sich der Fischbestand zu erholen. Doch in El Palmar lebt keiner mehr vom Fisch allein, wohl aber von der Gastronomie.

El Palmar ist eine Anhäufung von Restaurants, die Speisekarten sind Listen mit Reisgerichten: weißer Reis, schwarzer Reis, gelber Reis mit Gemüse oder Huhn oder Meeresfrüchten oder Wolfsbarsch und Gemüse oder Huhn und Kaninchen oder Stockfisch und Gemüse oder Langusten oder Hummer und so weiter. Dutzende Paellas aus der Pfanne und Reisgerichte aus dem Topf. Und „all i pebre“, die lokale Spezialität, Knoblauch und Pfeffer, aber nicht nur, sondern mit Aal. El Palmar ist der schönste Ort weit und breit, geschmackvoll, nostalgisch, eine Insel der Tradition. Geschmorte Schlangen und Ratten aus den Reisfeldern stehen allerdings nicht mehr auf dem Speisezettel, früher galten sie als Delikatessen.

Der Berg des Reisheiligen

Gleich hinter dem kulinarischen Ausflugsort liegt die Stille der Reisfelder. Eine weite Ebene, die sich am Horizont verliert, durchzogen von Kanälen und Landwirtschaftswegen, die ein verwirrendes Netz bilden. Lägen die Berge nicht im Hintergrund, könnte man die Orientierung verlieren. So aber weiß man: Wo sie nicht sind, ist Osten. Überall stehen und staksen Vögel auf den Feldern herum. Die Ausdehnung des Reisanbaus hatte zwar eine Verminderung des Fischbestands zur Folge, doch sie führte zu einer enormen Vermehrung der Vogelpopulation, weil das Nahrungsangebot wuchs. Zweihundertfünfzig Vogelarten zählt man im Naturschutzpark.

Es trifft sich gut, dass der Reis geerntet wird, wenn die Zugvögel einzutreffen beginnen, um hier zu überwintern oder eine Verschnaufpause einzulegen. Nach der Ernte werden die Felder entwässert, dann gepflügt. Drei Hauptkanäle verbinden die Albufera und das Kanalsystem der Reisfelder mit dem Meer. Am ersten November werden die Schleusen dieser Kanäle für zwei Monate geschlossen, um die Reisfelder wieder unter Wasser zu setzen. Sind die Felder geflutet, ist das ganze Gebiet ein riesiger See, aus dem nur die Fahrdämme und eine einzige Erhebung ragen: das Berglein der Reisheiligen.

Was früher die Jagd nach Kriegsbeute, auf Wildschweine und Wildenten und nach Aalen war, ist heute die Jagd nach Spekulationsgewinnen. Gebäude aller Größen und Formen bunt durcheinandergewürfelt direkt am Strand, dahinter die Küstenstraße, daneben ausgelaugte, vernachlässigte, auf ihre Verwandlung in Baugrundstücke wartende, mit Plastikplanen überzogene oder mit Plastikfetzen abgegrenzte Gemüsegärten, dann die Reisfelder. Die Küste ist vollgebaut und doch zugleich leer. Die Apartments sind während des allergrößten Teils des Jahres unbewohnt, die Straßen verwaist, Bars und Restaurants und Geschäfte geschlossen. Der Wind spielt mit Plastiktüten; Sand und Müll fangen sich in den Winkeln. Es ist gespenstisch und deprimierend - und grotesk, denn auch diese Wüste gehört zum Naturschutzpark. Nur in den alten Kernen dieser Orte, die heute übergangslos ineinanderfließen, stößt man auf Leben und manchmal auf Momente und Plätze, die etwas von der Individualität der Albufera ahnen lassen.

Farbenspiele am Ende des Tages

„Sociedad de Labradores y Jornaleros Agrícola“ steht über dem Eingang des alten Gebäudes in Mareny de Barraquetes, hier residiert der Bauern- und Tagelöhnerklub. Alte Männer sitzen auf Bänken draußen an der Straße, durch die aller Verkehr rollt; alte Männer sitzen auf Holzstühlen in den Hallen der „Agrargesellschaft“, in die der Verkehr schallt. Die Säulen und Wände haben buntgekachelte Sockel, unter den hohen Decken hängen Ventilatoren mit Propellern, an einer Säule hängt ein Schild: Bei Fernsehübertragungen von Sportveranstaltungen sind nur Mitglieder zugelassen, und dabei darf nicht geraucht werden. An diesem Abend spielt der F. C.Valencia. Bis dahin schlagen die alten Männer die Zeit tot. Gesellschaftsgenosse Barmann hat nichts zu tun. Später, wenn die aktiven Reisbauern kommen, wird es voll. Und der Saal wird sich mit Rauch füllen.

Jenseits der Albufera steht die Sonne noch knapp über den Bergen. Die Lagune ist ein glatter Spiegel, auf dem der wolkenlose Himmel schwimmt. See und Himmel sind aus Weichgold. Das Licht ändert sich nicht, die Sonne scheint stillzustehen. Und das Wasser rührt sich nicht, das Bild ist wie gemalt. Plötzlich wird es dunkel vor Augen. Die Sonne ist hinter den Bergen verschwunden und hat ein schwarzes Loch hinterlassen. Dann wird es bunt: gelb, rosa, rot, violett, in allen Tönen. Es ist ein schnelles und doch langes Farbenspiel, jeden Tag anders und doch immer so, wie es nur in diesem Licht zu sehen ist.

Informationen: Spanisches Fremdenverkehrsamt, Myliusstraße 14, 60323 Frankfurt, Telefon: 0 69/ 72 50 33, E-Mail: frankfurt@tourspain.es, Internet: www.spain.info.



Text: F.A.Z., 27.03.2008, Nr. 72 / Seite R5
Bildmaterial: ASSOCIATED PRESS, F.A.Z.

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