
Es regnet leise am Diamond Creek. Zwanzig Meilen Schotterstraße bergab von Peach Springs, dem Stammessitz der Hualapai-Indianer inmitten der Hochwüste Arizonas, zieht der Colorado an einer breiten Sandbank vorbei. Dort machen wir uns fertig für eine Flussexpedition. Wasserdichte Taschen und Kisten, Klappstühle und Kühlboxen, Matten und Bierkästen werden auf fünf Schlauchboote gepackt. Drei Tage und Nächte werden wir auf dem Fluss verbringen, ein buntgewürfelter Trupp von Freunden aus der Gegend zwischen Flagstaff und Phoenix. Statt Erfahrung mit Wildwasser bringen die meisten nur Abenteuerlust mit.
Das Beladen dauert fast zwei Stunden, dann trifft Robbie, der Expeditionsleiter, zum Briefing: Die Schwimmwesten sind stets zu tragen, wer über Bord geht, lasse sich mit den Füßen voraus treiben, bis ein Boot in Reichweite ist. Vor allem: Jeder passe auf den anderen auf. "Von hier an", sagt er, "sind wir auf uns gestellt."
„Wasser lesen”
Robbie ist ein hagerer Kerl Anfang vierzig mit wettergegerbtem Nacken und einem schmalen, ernsten Gesicht. Die Sommermonate verbringt er auf einem Fischkutter in Alaska, im Winter führt er einen Skiladen am Fuß der San Francisco Peaks in Flagstaff. Jetzt wirft er mit seinen Bootsmännern am Ende der Sandbank einen Blick auf den Einstieg und legt unseren Konvoi fest: Er wird den Anfang machen, hinter ihm Christian und Luke, mit knapp dreißig die jüngsten und Canyon-Grünschnäbel unter den Bootsmännern, die indes als erfahrene Kayaker "Wasser lesen" können, wie man sagt - Schlüsselqualifikation auf dem Colorado. Hinter ihnen folgt Scott mit jovialer Miene, mächtigem Brustumfang und einem ebenso imposanten Bauch. Das Schlusslicht ist John, mit dreiundfünfzig der älteste unter den Kapitänen, auch erst zum zweiten Mal im Grand Canyon unterwegs. John ist ein freundlicher Mann mit sportlicher Figur und roten Wangen, unter dessen konzentrierter Methodik eine kaum spürbare Nervosität vibriert. Sie wird sich erst einige Meilen flussabwärts erschließen.
Ein Boot nach dem nächsten stößt ab, laut jauchzend begrüßen wir den Fluss und geben der Aufregung ein Ventil. Jetzt sind wir Spielball des mächtigen Colorado River. Auf dreihundertfünfzig Kilometern windet er sich durch den Grand Canyon, vom Glen Canyon Dam am Lake Powell in Arizona bis zum Lake Mead bei Las Vegas in Nevada. Knapp hundert Kilometer davon werden wir befahren, das Schwanzstück einer Abenteuerfahrt, die zu den schönsten, aufregendsten und einsamsten in ganz Nordamerika zählt.
Die ersten Waghalsigen
Kaum hundertvierzig Jahre ist es her, dass diese Reise zum ersten Mal angetreten wurde, von dem einarmigen Bürgerkriegsveteranen John Wesley Powell, Abenteurer und selbsterklärter Wissenschaftler, der sich 1869 in den Kopf setzte, die bis dahin kaum erforschte Schlucht mit einer neunköpfigen Expedition zu vermessen. Vom Canyon wusste man damals nicht mehr als Gerüchte - "Geschichten von denen", wie Powell schrieb, "die sich in Booten in die Schlucht wagten und mit beängstigender Geschwindigkeit in Strudel getragen wurden, die sie allesamt in die Tiefe zogen, Geschichten von untergründigen Passagen, in die die Boote tauchten, um nie wieder gesehen zu werden." Powells Bericht erschien 1874 als Serie in der Zeitschrift "Scribner's Monthly", und es gilt vielen als Wunder, dass er ihn überhaupt verfassen konnte.
Powell und seine Männer hatten nie zuvor einen Fluss befahren. Nur einer der zehn hatte Erfahrung mit Booten, die anderen waren Glücksritter und ehemalige Soldaten. Neunundneunzig Tage verbrachten sie auf dem Colorado und seinen Zuflüssen, in vier schmalen Eichenholz-Dories, die gerade sieben Meter Länge maßen und den Stromschnellen, Wasserfällen und Felsen des Canyons kaum gewachsen waren. Über zahllose Stromschnellen mussten sie die Boote mühsam an Seilen herablassen, der Fluss raubte ihnen Ruder, Proviant, Instrumente und Schlafsäcke. Nur zwei schwer lädierte Boote mit sechs Männern, halb verhungert und zu Tode erschöpft, würden am Ende aus dem Canyon herauskommen.
Die Launen des Colorado
Inzwischen haben sich zahllose Menschen vom Colorado in Kayaks und Kanus, in Holz- und Gummibooten, mit Motorantrieb oder paddelnd durch den Canyon tragen lassen, sie haben Stromschnellen, Strudel und Wellen kartiert und unterschiedliche Wasserstände navigiert. Das Abenteuer hat dies kaum geschmälert. "Jeder, der diesen Fluss befährt, ist seinen Launen ausgeliefert", sagt Robbie. "Er bestimmt, wohin er dich trägt."
Als sich uns die ersten Wasserkräusel nähern, schließen sich Hände fest um die Bootsseile, Beine klammern sich eng ans Gummi. Die Bootsmann-Devise lautet, das Boot geradeaus zu halten, und flüssig nehmen wir die ersten Wellen, die wie unbeweglich im Wasser stehen, eine rasante Folge von Aufs und Abs. Dann ist plötzlich alles wieder ruhig, wir gleiten in einen spiegelglatten See. Halb so schlimm! Die Nervosität weicht frischer Abenteuerlust, die majestätischen Canyonwände, die sich hundert Meter und mehr fast senkrecht zur Rechten und Linken erheben, laden zu allerlei "Oh!" und "Ah!" ein, und hoch darüber machen die Regenwolken immer größeren Fetzen blauen Himmels Platz.
Über Felskaskaden hinab
Ein erster Stopp offenbart den vielfältigen Zauber des Canyons: Ein schmaler Bach hat einen kurzen Fußmarsch vom Flussufer entfernt eine phantastische Grotte ausgewaschen. Durch eine fast runde Öffnung in drei Meter Höhe ergießt sich ein Wasserfall in ein naturgestaltetes Bad, sammelt sich erst in einem flachen Becken und läuft dann in einem schmalen Flüsschen ab, stürzt über eine Felskaskade am Grotteneingang und drängt hinab zum Colorado. Mineralablagerungen haben dem Gestein grüne, gelbe und weiße Färbungen beigefügt, akzentuiert durch das von oben einfallende, im Wasser tanzende Sonnenlicht. Gefliest ist die Grotte von bizarren Strukturen, die das Wasser aus dem Fels gewaschen hat - blankgescheuerte Knubbel, Knitterfalten und formenreiche Aushöhlungen.
Mit banger Lust malen wir uns die Wucht des Wassers aus, die diese Grotte noch immer formt. In den Sommermonaten erlebt Arizona seine Monsun-Saison. Wolkenbrüche verwandeln dann die trockenen Flussläufe der Hochwüste in blitzschnell anschwellende Sturzbäche, die in einem dramatischen Schauspiel über die Canyonwände stürzen. Powell schrieb im Angesicht einer solchen Flut: "Die Wasser, die während des Regens auf diese steilen Felsen fallen, ergießen sich so plötzlich in den Fluss, als führte ein gigantischer Ausguss direkt von den Wolken in den Strom." Das Phänomen ist so schön wie gefährlich. Elf Touristen ertranken 1997 im Antelope Canyon nahe Page, als sie von einer Flut überrascht wurden. Am Unglücksort hatte es bloß genieselt.
Zelten unter den Travertine Falls
Doch uns ist das Wetter hold, und kaum eine halbe Stunde flussabwärts machen wir in goldenem Sonnenlicht für den Abend fest - unter den Travertine Falls, einem spektakulären Wassersturz, der das kalzithaltige Sedimentgestein zu einem gigantischen, gleichsam gefrorenen Wasserfall aus der Canyonwand gewaschen hat. Nur ein Rinnsal fließt jetzt darüber, und an seinem Fuß bietet ein sandiger, von Felsen übersäter Hang einen perfekten Zeltplatz.
Ich wage eine kleine Klettertour den steilen Hang hinauf, etwa hundert Meter über den Fluss, von wo aus sich ein phantastischer Überblick bietet. Flussabwärts ist unser Campingplatz von einem Haufen wuchtiger Felsen begrenzt, hinter dem sich der Colorado fast schnurgerade gen Westen streckt, bevor er sich in einer Kurve verliert. In der Ferne kann man die weiße Gischt der ersten von zwei Stromschnellen aufspritzen sehen, die uns morgen bevorstehen, deutlich kann man ihr drohendes Rauschen hören. Doch morgen ist noch fern, und das stille grünblaue Band des Colorado bietet von hier oben einen täuschend friedfertigen Anblick.
Die ersten Stromschnellen im Rücken
Seit Powell ihn befuhr, sind dem Colorado einige kosmetische Korrekturen zuteil geworden. Der Glen Canyon oberhalb von Page, den Powell einst als "ein seltsames Ensemble wunderbarer Erscheinungen" beschrieb - "gemeißelte Wände, majestätische Gewölbe, kleine Täler, Alkovenschluchten, Hügel und steinerne Monumente" - liegt heute unter dem Lake Powell, den der Glen Canyon Damm seit 1963 aufstaut. Der Wasserstand des Colorado im Grand Canyon wird nicht mehr von der Natur allein, sondern vom Wasserbedarf rasant wachsender Städte wie Phoenix und Las Vegas bestimmt. Läuft weniger Wasser, gibt es mehr Platz für die Camps - zugleich werden die Stromschnellen steinig, schnell und gefährlich.
Bevor wir uns den Abenteuern von morgen zuwenden, wird bei Lagerfeuer, Burritos und Bier der Beginn unserer Reise gefeiert. Wir fühlen uns getauft, die ersten kleinen Stromschnellen liegen hinter uns, und die majestätische Wildnis des Canyons hat uns ganz in ihren Bann geschlagen. Als das Feuer erstickt und die letzte Taschenlampe ausgeknipst ist, zieht sich ein phantastischer Sternhimmel wie ein funkelndes Band über den schmalen Himmelsstreifen, den die Canyonwände hoch oben freigeben. Unter unserem Strand rauscht der Colorado mit sechs Millionen Jahre alter Geschäftigkeit durch den Canyon und trägt uns in den Schlaf.
In brodelndem Wasser
Beim ersten Sonnenlicht kriechen wir aus den Zelten. Heute ist der Tag der Stromschnellen, und bei Kaffee und Rührei erzählt John, wie er dort im vergangenen Jahr kenterte: "Das Boot schwamm kopfüber, und ich konnte meine kleine Tochter minutenlang nicht finden - bis sie unter dem Boot hervortauchte." Er spricht von einer "traumatischen Erfahrung" und dem Bedürfnis, sie mit einem zweiten Anlauf abzuschütteln.
Unter dem Boot? Traumatische Erfahrung? Die Zuversicht des vergangenen Abends schmilzt in Sekunden aus dem Herzen. Was eben noch wie ein pittoresker Ausflug mit Abenteuer-Charakter wirkte, ist plötzlich aufdringlich ernst. Die Zeit dehnt sich unerträglich, bis die mobile Küche verstaut, die Zelte und Schlafsäcke verpackt und die Boote startklar gemacht sind. Es herrscht gespanntes Schweigen, hungrig gurgelt in der Ferne die Stromschnelle.
Robbie macht den Anfang, die anderen Boote halten, rückwärts paddelnd, gebührenden Abstand. Aus fünfzig Metern Entfernung können wir sehen, wie sein rotes Boot über eine Kante taucht und kurz verschwindet, dann in die Höhe katapultiert wird und erneut unter der Wasseroberfläche zu verschwinden scheint. Es folgt noch ein knappes rotes Aufblitzen, dann ist das Boot hinter der Kurve.
Langsam, aber unaufhaltsam treiben wir anderen auf das gischtende Wasser zu. Scotts Boot taucht ins gurgelnde Weiß und ist einen Moment lang wie verschluckt. Plötzlich schießt es seitlich gedreht in die Luft und wirft seine vier Insassen hinaus. "Schwimmer!", gellen Rufe durch den Canyon, während der Fluss uns dem Gebrodel ungerührt entgegenträgt. Die Canyonwände scheinen sich zu verengen, die Unentrinnbarkeit der Lage legt sich wie ein schweres Gewicht auf die Brust. Dann sind wir mitten drin.
Den „Killer Fangs” entgegen
So unerfahren, wie wir in solchen Gewässern sind", beschrieb Powell seine erste Stromschnelle im Canyon, "erfüllt uns der Moment mit intensiver Beklemmung. Bald haben unsere Boote die rasche Strömung erreicht, ein Ruderschlag hier und da, und wir fädeln uns mit schwindelerregender Schnelligkeit durch die Passage, erklimmen die hohen Wellen und lassen uns von ihren brechenden Kämmen durchnässen, stürzen in die Talsohle." Auch uns zerrt das Wasser mal hierher, mal dorthin, dreht uns bedrohlich seitwärts, saugt uns in ein Wellental und spuckt uns wieder aus.
John versucht, gegen den Drall anzurudern. Vergebens. Es ist, als würden wir im wilden Geschubse eines Rummelplatzes immerfort von einem wild schwankenden Tanzpartner in die Arme des nächsten geworfen. Aber plötzlich ist alles vorbei. Das Boot kommt zur Ruhe, der Fluss glättet sich zur trägen Fläche. Langsam weitet sich das Blickfeld wieder zur Totalen.
Fünfzig Meter flussabwärts ziehen sich Scott und seine Passagiere zurück in ihr Boot. Der Schreck sitzt ihnen noch in den Knochen, doch schon kippt er in ein bestandenes Abenteuer um. Schnaufend und lachend, schütteln sie das Wasser ab und rufen triumphierend Details der Horrorsekunden in die Schlucht. Als wir wenig später in einer kleinen Bucht festmachen, herrscht in Scotts Boot die Aufregung einer Teenagerfete.
Robbie hat das Ganze mit stoischer Miene verfolgt: Dies war nur der Probelauf. Keine hundert Meter weiter stechen die "Killer Fangs" aus dem Wasser, zwei mannshohe Felsen wie Reißzähne, die gefährlich nahe an der Canyonwand in einer langgezogenen, sprudelnden Fahrrinne stehen. Dabei hat es der Beginn der Rinne schon in sich: Über einem abrupten Gefälle gilt es, einen wild tänzelnden Wellenberg zu nehmen, der leicht die Ausmaße unserer Boote übersteigt.
Hängend zwischen Stein und Fluss
Die Bootsmänner steigen aus, um einen Blick nach vorne zu werfen. Die Mienen sind ernst. Robbie weist an, rechts einzusteigen und hart nach links zu rudern, um der Rinne zu entkommen, die direkt auf die Felsen zuführt. Doch als Robbies Boot über die Kante hüpft, wird schnell klar, dass seine Ruder und alle Kraft nicht helfen, um dem Plan dem Flusses zu entkommen: Das Boot eilt geradewegs auf die Felsen zu - aber wird in letzter Sekunde von dem rücklaufenden Wasser daran vorbeigetragen. Atemlos verfolgen wir, wie Christian aus der kleinen Bucht gerudert kommt, an der Welle vorbei über die Kante kippt und ebenfalls von der Strömung aufgesogen wird. Auch sein Boot schießt auf die Felsen zu, doch statt des Kammes der rettenden Rückwelle erwischt er ihr Tal und wird direkt auf die Felsen gespült. Im Nu füllt sich das Boot mit Wasser, hängt fest zwischen Stein und Fluss, während die heranströmenden Wassermassen alles hinausspülen: Menschen, Kisten, Trockensäcke. Christian umklammert noch den Fels und versucht zugleich, seine Freundin Jennifer zu halten. Doch sie rutscht, schreit auf und wird in ein gurgelndes weißes Loch gespült. Erst nach einer Ewigkeit taucht sie wieder auf und trudelt flussabwärts auf Robbies Boot zu.
Ich sende einen heimlichen Schwur in den Canyon: Lieber hangele ich mich an den Klippen entlang bis zum "Separation Canyon”, wo einst drei von Powells Männern erschöpft und entnervt die Expedition verließen, als je wieder in ein Schlauchboot zu steigen. Doch es ist keine Zeit für Fluchtszenarien, nun muss Christians Boot vom Felsen gezogen werden, bevor es zerreißt. Mit zwei langen Seilen ringen wir dem Fluss das Boot eine endlose halbe Stunde später endlich ab. In wenigen Minuten wird das Ausmaß der Strapazenklar, denen sich Powell und seine Männer hier aussetzten.
Immerhin ist unser Boot bis auf einen abgerissenen Bugring unversehrt, Ladung und Passagiere dümpeln flussabwärts in träge kreiselnden Pools, der Rest schafft es um die Reißzähne herum. Doch statt Siegesstimmung herrscht diesmal bloß dankbare Erleichterung.
Powells Entschluss
Nicht die Reißzähne, an denen einem lokalen Mythos zufolge die Flitterwochen der Flussfahrer Glen und Bessie Hyde 1928 ein schreckliches Ende fanden, sondern die „Separation Rapids” acht Meilen weiter gerieten der Powell-Expedition zum Schicksalspunkt. Die Stromschnellen sahen so grausam aus, dass drei Männer aufgaben. Angesichts der Gefahr, des nahezu aufgebrauchten Proviants und der Erschöpfung der Männer versuchten sie Powell zum Ausstieg zu bewegen, vergeblich. Die verbliebene Mannschaft manövrierten die Boote erfolgreich über die Horror-Stromschnelle. Howlands Entschluss indes erwies sich als tragischer Fehler. Während die anderen nur zwei Tage später mit dem Virgin River das Ziel der Reise erreichte, fanden die drei Aussteiger auf dem Plateau den Tod - ob durch die Hand von Mormonen oder Shivwits-Indianern, ist bis heute unklar.
Uns bleiben die Stromschnellen erspart. Dort, wo die „Separation Rapids” fauchten, breitet sich seit 1938, seit dem Bau des Hoover Dam, der Lake Mead aus. Was wir erlebt hatten, war uns freilich genug. Erholung finden wir im Gneiss Canyon. Dort erstreckt sich ein langer Sandstrand, an dem wir haltmachen. Das Wasser leuchtet türkis, und mit eisgekühlten Drinks in den Haltern unserer Klappstühle geraten wir in Bahama-Stimmung. Robbie überrascht uns mit vier aufblasbaren Kajaks, in denen die Verwegensten zum Spiel in der kleinen Stromschnelle über dem Strand paddeln. Am frühen Abend zeigt sich in den Wänden des Gneiss Canyon eine Steinbockfamilie, die neugierig auf uns herabblickt. Beschwipste Glückseligkeit macht sich breit.
Der letzte Tag
Als der letzte Tag anbricht, hat sich unsere Abenteuerfahrt in einen Sonntagsausflug verwandelt. Faul lassen wir uns vom spiegelglatten Colorado dem Lake Mead entgegentreiben. Der Separation Canyon zieht vorbei, dann die Fledermaushöhle in fast dreihundert Meter Höhe, die einst als lukrative Vampirmist-Mine diente, und schließlich die vom Fluss aus winzig wirkende Aussichtsplattform des gläsernen „Skywalk” am Grand Canyon West. Als die Dämmerung naht, vertäuen wir die Boote zu einem großen Floß und treiben einer fantastischen Vollmondnacht entgegen.
Während uns der Colorado sanft in den Lake Mead trägt, öffnet sich die Schlucht zum breiten Strom mit Uferbänken, die im hellen Mondlicht kaum mehr als zwanzig Meter ansteigen und sich in einer hügeligen Wüstenlandschaft verlieren. Der Canyon spielt mit einem entrückten Orchester auf: Leise murmelt der Colorado vor sich hin, hier und da begleitet von entferntem Geplätscher. Das scharfe Klatschen von Biberschwänzen einen trägen Rhythmus darunter. Wohl keinem Canyonfahrer seit John Wesley Powell ist dieses eigenartige Lied entgangen, und bald vermischt es sich mit dem leisen Schnarchen erschöpfter Abenteurer.
„Den Grand Canyon”, schrieb Powell 1874, „kann man nicht in einem Blick erfassen. Um ihn zu sehen, muss man sich schon durch seine Labyrinthe wagen.” Doch dort, so Powell, sei eine Erhabenheit zu finden wie nirgends sonst mehr diesseits vom Paradies.
F.A.Z.
Nina Rehfeld