Timbuktu

Im Sande verlaufen

Von Martin Dziersk

23. Mai 2004 Das Haus steht immer noch. Ein flacher, grauer Lehmbau. Sand und Wind haben längst die letzten Putzreste von der Fassade geschmirgelt. Nur ein kleines Schild über dem Eingang weist darauf hin, daß hier Rene Caillie wohnte, ein junger Franzose, der als erster von dieser geheimnisvollen Karawanenstadt berichten konnte.

Eigentlich kannte sich Caillie auf den Meeren besser aus als in der Wüste. Jahrelang war er zur See gefahren. Erst als Schiffsjunge, später als Matrose auf englischen Kanonenbooten, die vor der westafrikanischen Küste kreuzten - auf der Suche nach Ländern des Schwarzen Kontinents, die sich der britischen Krone einverleiben ließen. An der Mündung des Gambia-Rivers, dort, wo der schottische Arzt Mungo Park 1795 seine Reise begann, um den Verlauf des Nigers zu erforschen, hörte Caillie zum ersten Mal von Timbuktu, jener legendären Stadt in den Tiefen der Sahara, die noch nie ein Christ betreten hatte. Seitdem stand sein Entschluß fest: "Tot oder lebendig - ich werde der erste sein."

„Wohin ich auch blickte - endloser Treibsand..."

Fast zwei Jahre brauchte er für das große Abenteuer. Und verlor den Wettlauf. Denn wenige Monate vor ihm war ein englischer Offizier in Timbuktu eingetroffen - Alexander Gordon Laing. Doch der hatte so hemmungslos mit seiner Entdeckungstat geprahlt, daß die Einwohner ihn kurzerhand umbrachten und die Leiche im Wüstensand verscharrten.

Caillie stellte sich geschickter an. Er schlüpfte in arabische Gewänder, studierte den Koran und lernte Arabisch. Und er hatte Phantasie. Immer wieder erfand er abenteuerliche Geschichten, um die Zweifel an seiner Identität zu zerstreuen. Mal gab er sich als Ägypter aus, der vor Napoleons Soldaten geflüchtet sei, mal als Berber, den Christen als Kind entführt hätten. Und eifrig notierte er seine Beobachtungen: "Ich hatte mir von Timbuktu völlig falsche Vorstellungen gemacht. Nichts war geblieben von Pracht und Reichtum. Nur eine Ansammlung armseliger Lehmhäuser. Wohin ich auch blickte - endloser Treibsand...“

Kein Strauch, der einen Hauch von Kühlung verspricht

Timbuktu heute: Caillies Aufzeichnungen scheinen aktuell wie ehedem. Immer weiter frißt sich die Sahara nach Süden vor, läßt Jahr für Jahr unzählige Quadratkilometer Acker- und Weideland verschwinden - eine Folge des Klimawechsels, der an den Rändern der Sahelzone überall deutlich sichtbar wird. Immer größere Sandmassen aus dem Bauch der Wüste dringen in die Stadt ein, fegen durch die Gassen und kratzen an den jahrhundertealten Lehmhäusern mit ihren geometrischen Fassadenmustern.

Dazu die Gluthitze, die die Wände schrumpfen und einstürzen läßt. Bereits um acht Uhr morgens ist es so heiß, daß der Staub Blasen wirft. 45 Grad im Schatten. Wenn es nur Schatten gäbe. Doch kein Strauch oder Baum, keine Akazie und erst recht keine Palme, die einen Hauch von Kühlung verspricht. Es scheint, als hätte der Harmattan, dieser trockene, heiße Wüstenwind, jedes pflanzliche Leben ausgelöscht.

Dennoch: Ständig wächst die Zahl der Menschen, die aus der Sahara in die Stadt am Niger drängen. Tausende vom Stamme der Tuareg haben ihre Zelte aus Kamel- und Ziegenhäuten verlassen und sind aus Angst vor Dürre und Wassermangel nach Timbuktu geflüchtet. Ihre nomadische Lebensweise aber wollen sie nicht aufgeben. Sie leben in Hütten aus geflochtenem Stroh am Rande der Stadt - ohne Arbeit, ohne Einkommen, ohne Zukunft. Verständlich, daß sie in jedem Touristen ein willkommenes "Opfer" sehen. Scharen von Halbwüchsigen bieten sich als Fremdenführer an, Kinder betteln um Geld und Geschenke, und Souvenirhändler heften sich jedem Fremden hartnäckig an die Fersen.

Wie eine Fata Morgana

Bis zur Reise von Caillie hatte in Europa ein anderes Bild von Timbuktu gegolten. Ein Bild, das ein Araber entworfen hatte, der 1517 in die Hände von Seeräubern gefallen war, die ihn nach Rom verschleppten und als Sklaven an den päpstlichen Hof verkauften. Dort lernte er schreiben, trat zum Christentum über und verfaßte unter dem Namen Leo Africanus einen Bericht über Afrika - bis ins 19. Jahrhundert die wichtigste Informationsquelle über das Leben südlich der Sahara.

Wie eine Fata Morgana geisterte seitdem der Name Timbuktu durch die Geschichte der Entdeckungen. Prachtvolle Moscheen und goldene Paläste sollte es dort geben. Karawanen mit mehr als 12000 Kamelen, behauptete Leo Africanus, würden jedes Jahr die Stadt am Niger erreichen, beladen mit dem weißen Gold aus den Salzminen von Taoudenni und mit Diamanten und Elfenbein aus dem Süden des dunklen Erdteils.

„Afrikanisches Oxford“

Von diesen Legenden zehrt die Stadt noch heute. Timbuktu, das ist mehr als ein lehmbraunes Kaff am Rande der Sahara - eine Imagination, ein Mythos. Der Ethnologe Heinrich Barth, 1821 in Hamburg geboren, hatte als erster Timbuktus wahre Bedeutung erkannt, dreißig Jahre nach Caillie.

Ihn interessierten nicht die Spekulationen vom sagenhaften Reichtum - für ihn war Timbuktu ein "afrikanisches Oxford", ein Zentrum arabischer Weisheit und Gelehrsamkeit. 20000 Studenten hatten im Mittelalter an den 180 Koranschulen der Stadt studiert; in der Bibliothek ihrer Universität wurden die bedeutendsten Werke jener Zeit gehütet, darunter sogar die großen philosophischen und wissenschaftlichen Schriften des Abendlandes - von Aristoteles bis Descartes.

Morddrohungen

Mehr als sechs Monate lebte Barth als Gast eines befreundeten Scheichs in der Karawanen-Metropole, studierte die Geschichte und Kultur, Geographie und die Sprachen der Völker am Rande der Sahara - Material für 3500 Seiten einer wissenschaftlichen Arbeit, die jahrzehntelang als Standardwerk aller Afrikaforschung galt. Und noch heute verwahrt das Historische Institut an der Hochschule der Sankore-Moschee von Timbuktu die Morddrohungen, die Barth bei seinem Besuch in der fremdenfeindlichen Stadt erhielt.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 23.05.2004, Nr. 21 / Seite V4
Bildmaterial: AP

 
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