Im Baltikum

Von Wechselkursdiskursen und Hotelbettendebatten

Von Jürgen Roth

Herausgeputzt: der Rathausplatz von Riga

Herausgeputzt: der Rathausplatz von Riga

07. September 2008 Wenn man kurz vor dem Einsteigen ins Flugzeug von Fremden angesprochen wird, die offenbar nach Orientierung und mehr noch vielleicht nach Anschluss suchen, weiß man, dass es kein Zurück mehr gibt und die Gruppenreise begonnen hat. "Sind Sie der Reiseleiter?", fragt eine Frau um die sechzig den rüstigen Herrn auf dem Sessel neben mir, der antwortet: "Um Gottes willen, nein!"

Zwei Stunden später versammeln sich dreiundzwanzig sittlich gefestigte Freunde des Gruppenreisens auf dem Flughafen von Vilnius rund um die Fremdenführerin Swetlana Kuznetsowa, eine resolute Russin, die seit vierundvierzig Jahren im Baltikum lebt. Als sie uns den Busfahrer vorstellt, gibt es Beifall. Das verstehe ich, der stille, kräftige Mann wirkt sympathisch und lächelt zurückhaltend. Dann sagt Swetlana: "Wir können heute schon litauisches Bier trinken."

Vilnius, die Kurische Nehrung, Riga, Tallinn und die eine oder andere Station mehr: Unsere Studienreise ist vorderhand kein Zuckerschlecken, sondern eine Herausforderung für Geist und Gemüt. Eindrücke und Informationen werden auf uns niederprasseln. Doch Swetlana beruhigt uns: "Ich bin Ihre Mutter und Ihr Chef." Komplett ungeübt in derartigen Gruppenunternehmungen, lasse ich mich gern unterrichten, dass dreiundzwanzig die ideale Teilnehmerzahl sei. Sei der Bus vollbesetzt, fände keine Rotation statt, und die besten Plätze vorne an den Fenstern würden von denen, die sie am Anfang erobert hätten, nicht mehr hergegeben.

Gräulicher Himmel

Geweckt wird man im Panorama-Hotel gegenüber vom Bahnhof am nächsten Morgen um halb sechs vom Berufsverkehr. Vom Dachgeschoss der Herberge aus betrachtet, präsentiert sich die "Barockhauptstadt Osteuropas" wie eine Reminiszenz an Salzburg oder Florenz. Still ragen zwischen grünen Hügeln die Türme der mehr als hundert Kirchen der im Jahr 1323 von Großfürst Gediminas gegründeten litauischen Kapitale in den gräulichen Himmel. Litauen ist die letzte europäische Nation, die christianisiert wurde, und das haben Klerus und Bürgertum mit unbändiger Tatkraft sinnfällig kompensiert.

Wir rauschen am Frank-Zappa-Denkmal vorbei, um dem ersten Sakralbau unsere Aufwartung zu machen, der prunkvollen Peter-und-Paul-Kirche am Ufer der Neris. Ich erahne, welchem Rhythmus die Reise gehorchen wird: dem des Aus- und Einsteigens. Zwischendurch formiert sich die Gruppe, lauscht den Ausführungen von Swetlana, löst sich für eine Viertelstunde auf, formiert sich wieder und marschiert retour zum Bus.

Unser Zug durch die Gemeinden führt uns in die dreihundertsechzig Hektar große Altstadt, zur Kathedrale Sankt Stanislaus, in der 1602 der heilige Kasimir, der Schutzpatron der Polen und Litauer, die letzte Ruhe fand. Zu Sowjetzeiten eine Gemäldegalerie, wird der klassizistische Tempel seit der Unabhängigkeit Litauens 1990 wieder als Kirche genutzt. Diverse Touristenmannschaften auf dem weitläufigen Platz sorgen für eine gewisse Konfusion in Zuordnungsfragen. Swetlana befürchtet die ersten Abgänge und ruft uns zur Räson. Vor dem filigranen, in den ortstypischen Pastelltönen gehaltenen Präsidentenpalais ist die Truppe wieder vollzählig.

Während Swetlana die Geschichte der gegenüberliegenden, 1579 als Jesuitenorden gegründeten Universität erläutert, erspähe ich durch den Zaun des Amtssitzes auf dem Innenhof Präsident Valdas Adamkus. Leider gibt er ein Fernsehinterview, weshalb ein Hausbesuch abgeblasen werden muss, aber Vilnius hat weitere Kirchen, etwa das gotische Backsteinwunder St. Annen, dessen kleinteilige, vor Türmchen und Erkern überbordende Front Napoleon derart begeisterte, dass er die Schönheit auf der Handfläche mit nach Paris nehmen wollte.

Ein Schloss wie aus Lego-Steinen

Swetlana müsste in der vor Touristen überquellenden Straße simultan in acht Richtungen sprechen, damit sie alle verstehen können. Derweil kristallisieren sich bei uns zwei Fraktionen heraus: jene, die vorausmarschiert, und die der Nachzügler. Am Tor der Morgenröte, wieder in der Nähe des Hotels, gibt sich der leidenschaftliche Digicambesitzer aus der Vorhut als wahre Not zu erkennen. Er rückt Swetlana mit seiner Kamera bis auf wenige Zentimeter auf den Leib.

Über dem Stadttor erhebt sich eine Kapelle, in der Pilger der Madonna von Vilnius huldigen. Im Tordurchgang hocken krumm gebeugt bettelnde Kinder. Ein paar Meter entfernt steht die einzige erhalten gebliebene Synagoge des ehemaligen "Jerusalems des Ostens". Vilnius zählte einst hundertfünf Synagogen, ungefähr die Hälfte der Bevölkerung waren Juden. Zwischen 1941 und 1944 wurden sie in Konzentrationslager verschleppt und ermordet. Im ehemaligen Getto findet man nur eine unscheinbare Tafel. Wir stehen etwas verloren herum, als Präsident Adamkus in einer gepanzerten Limousine an uns vorbeifährt. Am Treffpunkt weist unser Digicamspezialist wild gestikulierend Janis in die Parklücke ein.

Fürs KGB- oder fürs Jüdische Museum ist keine Zeit, genauso wenig für die jüdische Gedenkstätte Paneriai, obwohl sie am Weg zur Wasserburg Trakai etwa dreißig Kilometer südwestlich der Landeshauptstadt liegt. Für die engmaschige Routenplanung zeichnet das in Kopenhagen beheimatete Unternehmen "Via Hansa" verantwortlich, ein laut Eigenwerbung "führender Incoming-Reiseveranstalter und Hospitality-Service-Anbieter", der Agenturen im Baltikum, in Russland, Weißrussland, Polen und Skandinavien unterhält. Via Hansa betreut pro Jahr "über 100000 Gäste".

Das Wasserschloss Trakai, der "Stolz Litauens", fläzt sich wie eine aus Legosteinen zusammengesetzte Trutzburg auf einer Insel im Galvesee. Die Inspektion des einst gegen den Ansturm der Kreuzritter des Deutschen Ordens errichteten Wehrkomplexes und heutigen Museums schenke ich mir. Ich verordne mir seelische Abkühlung durch Seebetrachtung. Wie sich die Welt doch selbst genügen kann.

Einer isst Brot

Swetlana, die sich ebenfalls eine Auszeit gönnt und von der Gruppe für eine halbe Stunde suspendiert hat, erzählt mir beim Bier, das Baltikum sei schon zu Sowjetzeiten "wilder Westen" gewesen. In Klaipeda (wörtlich: "Einer isst Brot"), der drittgrößten Stadt Litauens, wo wir nach einer vierstündigen Autobahnfahrt an- und in einem kargen Hotel im Industriegürtel unterkommen, ist vom Flair des Ostseeraums wenig zu spüren. Als müsse sich die Tristesse der Moderne, die Klaipeda, das ehemalige Memel, jenseits des pittoresken Theaterplatzes, den der Simon-Dach-Brunnen mit der Statue des Ännchens von Tharau beherrscht, prägt, in den Frühstücksgesprächen niederschlagen, drehen die sich um die moderne Bettenfrage. Wie hat man geschlafen? Ist das Kopfkissen groß genug? Die Matratze zu weich? Das Weltall zu laut?

Der Himmel meint es allerdings gut mit uns, als wir mit der Fähre auf die Kurische Nehrung übersetzen und zunächst eine halbe Stunde lang zweck- und bedeutungsfrei auf das gutmütig gekräuselte Meer schauen, auf den weißen Strand, die grünen, roten und gelben Umkleidekabinen, die sanften Wanderdünen. Rund um Nida, an der Grenze zur russischen Enklave Kaliningrad, trägt diese Kulturlandschaft dramatischere Züge. Die Parnidis-Düne wirft sich mächtig auf, Weidengeflechte zwischen niedrigen Bergkiefern sollen die Versandung stoppen, Seestrandwaldstreifen stemmen sich gegen den Wind. Das Panorama aus Immergrün und gleißendem Gelb raubt einem beinahe den Atem.

Einen heimeligen Kontrast zur ungestümen Natur bildet der alte Kurort Nida, den einst expressionistische Maler aufsuchten, die dann viel Zeit im Gasthof Blode verbrachten. Thomas Mann bevorzugte den "italienischen Blick" aufs Haff, deshalb ließ er sich 1929 auf dem Schwiegermutterberg ein reetgedecktes, braunes Holzhaus mit blauen Fensterläden bauen, in dem er bis 1932 große Teile des Joseph-Romans schrieb. "Der hat dieselbe Farbe wie wir im Wohnzimmer!" ruft, eine Mitreisende entzückt aus - weshalb wir auf die Besichtigung der Räume getrost verzichten und im Ortszentrum eine Fischsuppe und ein bernsteinfarbenes Bier zu uns nehmen. Das Tourismusbüro besingt die Fischerhäuschen in Kurisch-Blau und -Rot, die liebevoll gestalteten Kurwimpel und die insgesamt "geschmackvoll geordnete Infrastruktur". Der Digicamfex filmt jetzt seine Gattin beim Löffeln der Suppe.

Labdien! Labdien!

Hat man im hinteren, schwach besetzten Teil des Busses Wurzeln geschlagen, ist es durchaus möglich, die ab und an unerlässliche Ruhe vor den Sozialritualen zu finden, es sei denn, die herzliche Swetlana trägt eine Sage oder ein Gedicht wie "Die Frauen von Nida" vor. Dann rollt draußen abermals die weite Landschaft vorbei, und über den noblen, herausgeputzten Badeort Palanga mit seinem grandiosen botanischen Garten und den Kastanien- und Lindenalleen erreichen wir Lettland.

Man braucht auf einer solchen Reise Sitzfleisch. Und eine geölte Stimme. "Wir werden den Grenzoffizier im Chor begrüßen", instruiert uns Swetlana, "Labdien! Labdien! Guten Tag! Eins, zwei, drei . . ." Nach dem Übertritt in den baltischen Mittelstaat widmen sich die Schatzmeister unter uns dem Wechselkursdiskurs. Wegen der hohen Inflationsraten ist bislang in keinem der drei Länder der Euro eingeführt worden. Das erweist sich als gruppendynamischer Glücksfall.

Die ehemalige Militärstadt Liepaja macht einen abgewetzten Eindruck, ähnlich wie später der estnische Küstenort Pärnu. In solchen Ansiedlungen dürfte mehr vom baltischen Alltag zu erleben sein als in den kostümierten Hauptstädten, bei deren Renovierung Korruptionsverwicklungen keine unerhebliche Rolle gespielt haben sollen, wie man mitunter hört. Das ist Riga, der mal weitläufig hanseatisch, mal wienerisch wirkenden Stadt an der Daugava, selbstverständlich nicht anzusehen. Rund um den gotischen Dom St. Marien, die größte Kirche des Baltikums, die fünftausend Gläubigen Platz bietet, fächert sich ein beeindruckend stimmiges Ensemble aus verwinkelten Gassen, Gildehäusern, klassizistischen Straßenzügen und Jugendstilbauten auf. Letztere beherrschen mehr als ein Drittel der Altstadt. Die vor Ornamentik und Farbenpracht strotzenden, hie und da mit Tierfiguren und Frauenköpfen verzierten, sechsgeschossigen Zeilen in der Elisabetes iela und der Alberta iela, für die maßgeblich der Architekt Michail Eisenstein verantwortlich zeichnete, sind im Zweiten Weltkrieg verschont geblieben. Beim einzigen Angriff der Deutschen auf Riga, am 29. Juni 1941, wurden nur drei Gebäude leicht beschädigt. Einen Blick in die vergammelten Hinterhöfe sollte man allerdings nicht werfen. Aber wann auch? Das unvermindert erschreckend präzise Time-Management zwingt uns zügig zu sämtlichen touristischen Attraktionen: Rathausplatz, Schwarzhäupterhaus, Pulverturm, Petrikirche, Katzenhaus, Richard-Wagner-Haus, Herder-Denkmal und, jenseits des Kronvaldaparks, Oper sowie das 1935 erbaute, zweiundvierzig Meter hohe Freiheitsdenkmal am Laima-Uhrturm, an dem sich traditionell die Jugend trifft, bevor sie ins Nachtleben aufbricht.

Riga weint

Mein Reisebegleiter und ich schlagen eine Rast beim lettischen Nationalgetränk vor. Swetlana stimmt zu und organisiert ein üppiges Biermenü in einem Kellerlokal nahe dem Schwedentor. Als mein Reisebegleiter nach drei Krügen zu Kartoffelpizza, Schwarzbrot, Linsen und Piroggen kraftvoll zu singen anhebt, um der Zitherspielerin seine Reverenz zu erweisen, verkneife ich mir jeden Kommentar. Zurückhaltung fördert die Sozialverträglichkeit.

Vis-à-vis von unserem Hotel in einem ehemaligen Industrieviertel erstreckt sich die kunstvolle Fassade einer stillgelegten Fabrik mit einst zwanzigtausend Angestellten. Wehmütig erzählt Swetlana, dass hier Telefonanlagen für die gesamte Sowjetunion produziert wurden. "Riga weint", meint sie dann, als der Bus Richtung Tallinn zuckelt - sie meint damit den Regen.

Dreihundert Kilometer liegen vor uns, bis wir eine letzte altstädtische Kulissenwelt erreichen. Von den oft beschriebenen Seenplatten und Flusstälern, den Felsen und Schluchten, Schlössern und Herrensitzen ist unterwegs nichts zu sehen. Banale Wiesen und Nadelwälder begleiten uns durch das kleinste und am dünnsten besiedelte Land des Baltikums. Die Geschichte Estlands ist arm an Überlieferungen, da das Estnische keine baltische, sondern eine finno-ugrische Sprache ist. Mit einem verschwenderischen Gebrauch von Vokalen und diakritischen Zeichen wurde sie im sechzehnten Jahrhundert verschriftet, aber erst im neunzehnten Jahrhundert erreichte sie den Stand einer verbreiteten Literatursprache.

Swetlana kompensiert den Mangel an Mitteilenswertem durch die Aufforderung, "Hoch auf dem gelben Wagen" zu singen. Erst zögerlich, dann dröhnend füllt sich der Bus mit mehr und mehr Liedgut bis zum schädelsprengend laut gesungenen "So ein Tag, so wunderschön wie heute". In Tallinn geht es gleich weiter. In der Lobby unseres Hotels serviert man ein Willkommensbier, was die entfesselte Intonation von "Trink, Brüderlein, trink" zur Folge hat, und am nächsten Tag pilgern wir im Gedenken an das erste Sängerfest im Jahre 1869 zum Sängerfeld unweit des olympischen Segelzentrums, um im Anblick des Finnischen Meerbusens allerlei Noten ins Wanken zu bringen.

Die dicke Margarethe

Zurück in die Altstadt, zum Rathausplatz, einem Schmuckstück mit gotischen, spätmittelalterlichen, Renaissance- und Barockgebäuden - eine Art Fusion all der architektonischen Stile, die in den baltischen Hauptstädten um Aufmerksamkeit buhlen. Tallinn, was auf altestnisch "Festung" heißt, hat eine ebenso wechselvolle Historie wie Vilnius und Riga. Es war dänisch, dann in der eisernen Hand des Deutschen Ordens, es war nördlichstes Zentrum der Hanse im Ostseeraum, fiel im Zuge der Reformation an Schweden und 1721 an Russland, und erst 1918 wurde Tallinn Hauptstadt des nun erstmals unabhängigen Estland. Diese Geschichte der gewalttätigen Wirrnis kontrastiert mit der mächtigen Anmutung des Dombergs, der Wehranlagen und der Stadtmauer aus dem sechzehnten Jahrhundert. Neunzehn von fünfundvierzig Türmen sind intakt, darunter die Dicke Margarethe und der Lange Hermann, auf dem in achtundvierzig Metern Höhe das Nationalbanner weht und von dem jeden Morgen um sechs die Hymne erschallt.

Auf dem Domberg thront die 1900 vollendete Alexander-Newski-Kathedrale, Symbol der Russifizierung, gegenüber residiert im rosafarbenen Schloss Toompea das Parlament. Nichts will einen, genießt man das unter einem sich ausbreitende Panorama mit der Olaikirche und ineinander verschachtelten Kaufmanns- und Handwerkerhäusern, an die schier endlose Abfolge von Kriegen und Deportationen erinnern.

Wieder hinabgestiegen in die lackierte Unterstadt, zieht unser Treck weiter zu den noch nicht heimgesuchten Kirchen. Werden im Foltermuseum am Rathausplatz auch Stadtrundgänge nachgestellt?, überlege ich. Allein, der lange Marsch durchs Freilichtmuseum ist erst zu Ende, als wir vor der Ratsapotheke zu stehen kommen, der selbstverständlich ältesten der Welt (eröffnet 1422). Ob es da Pillen gegen Jahreszahlen gibt?

Der Vorzug solcher Reisen sei, lasse ich mir erklären, dass sie hervorragend organisiert würden - der Nachteil, dass man sich von Zeit zu Zeit ein wenig zu beharrlich betreut fühle. Als ich "Los, auf in den Bus!" rufe, "wir sind kein Karnevalsverein, wir haben zu tun!", korrigiert mich Swetlana dezent: "Ich habe Ihnen wirklich alles gezeigt, sogar etwas mehr." Kann man es schöner sagen?

Nach einem Abschlussessen geht es am nächsten Morgen zum Flughafen. Mein Reisebegleiter, mein Vater, meint, als Rundreisekompagnons hätten wir uns wacker gehalten. Ich nicke und reiche ihm die Hand.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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