Von Karen Krüger
22. März 2008 Ein leises Knacken ist zu hören, dann herrscht Stille, als stemme sich das Eis mit aller Kraft gegen das Gewicht des Schiffs. Noch ein Knacken, diesmal lauter, und ein feiner Riss zieht sich durch die weiße Fläche. Ächzend, als befreie es sich von großer Last, gibt das Eis dem Druck nach und zerbirst. Eiskaltes Wasser spritzt aus den Rissen empor und schlägt gurgelnd über den Splittern und Schollen zusammen. Der Eisbrecher Sampo hat wieder über das Eis gesiegt. Langsam, doch unerbittlich dringt das Schiff in die vereiste Ostsee vor. Die Fahrrinne, die sich hinter der Sampo bis zur Küste zieht, teilt die weiße Wüste. Doch das ist nicht von Dauer. In wenigen Stunden wird die Decke über der Ostsee wieder zugefroren sein. Dann beginnt das Ringen zwischen Stahl und Eis von vorn.
Das Eis lebt und atmet. Jeden Tag ist es anders. Es gibt immer wieder Neues darüber zu lernen, sagt Petter Tähtinnen, der seit zwei Jahren als Kapitän die Sampo fährt. Er starrt auf die unendliche weiße Fläche, die sich vor dem Bug des Schiffes erstreckt. Vorsichtig dreht er am Steuerrad, das Schiff fährt ein paar Meter vor, dann wieder zurück, hält inne, als gelte es, Anlauf zu nehmen, und bricht schließlich durch die nächsten Meter Eisfläche hindurch. Erfahrung sei am wichtigsten, um das Schiff sicher zu manövrieren, sagt Tähtinnen, der in Lappland mit Eis und Kälte aufgewachsen ist.
Rettung vor der Verschrottung
Seit seinem siebzehnten Lebensjahr fährt der vierzig Jahre alte Finne zur See. Auf allen Weltmeeren habe er schon als Erster Offizier gedient, erzählt er stolz, doch dann zog ihn die Sehnsucht nach eisigen Wintern zurück in seine Heimat. Dass er nicht mehr auf einem Handelsschiff, sondern auf einem Eisbrecher fährt und statt Handelswaren nun Touristen transportiert, stört ihn kein bisschen. Endlich habe er mehr Zeit für seine Familie, und im Sommer, wenn das Eis auf der Ostsee geschmolzen ist, verbringt er die Tage mit Angeln. Die Sampo liegt in dieser Zeit als Restaurantschiff im Hafen.
Heimathafen der Sampo ist die Stadt Kemi am Bottnischen Meerbusen. Sie wird als Tor zu Lappland bezeichnet und ist ein Zentrum der finnischen Papierproduktion. Neununddreißig Jahre lang verrichtete das im Jahr 1960 gebaute kleine Schiff treu seinen Dienst und brach anderen Schiffen Fahrrinnen durch die zugefrorene nordische See. Doch die Handelsschiffe, die in den Wintermonaten zwischen Finnland, Schweden und Russland fuhren, wurden über die Jahre immer größer - die kleine Sampo konnte da irgendwann nicht mehr mithalten: Sieben Meter tief und 17, 4 Meter breit ist das Schiff; das sind auch die Maße für die Fahrrinne, die es ins Eis brechen kann. Die meisten Containerschiffe kommen inzwischen jedoch auf zwanzig Meter in der Breite und noch mehr. Ein Teil der Flotte, zu der die Sampo gehörte, wurde verschrottet, einige Schiffe nach Russland verkauft.
Dass die Sampo noch heute vor der Küste Finnlands kreuzt und nicht im Hochofen endete, ist dem Bürgermeister von Kemi zu verdanken: Er hatte die Idee, das Schiff für den Tourismus zu nutzen. Die ganze Bucht lachte damals über den Kauf der Gemeinde, erinnert sich Petter Tähtinnen und lächelt dabei, dass die feinen Fältchen um seine Augen tanzen. Heute macht niemand mehr Witze darüber, denn die Fahrt auf dem Eisbrecher zieht Touristen aus ganz Europa an und hat sich zur lukrativen Einnahmequelle entwickelt: Von Mitte Dezember bis Ende April ist das Schiff fast täglich unterwegs, die meisten der vierstündigen Touren sind ausgebucht. Im vergangenen Jahr zählte das Schiff elftausend Passagiere. Vielleicht war es sein Name, Sampo, der den Geschäftssinn des Bürgermeisters weckte: Er geht auf das finnische Volksepos Kalevala zurück und bezeichnet eine vom Schmiedegott Ilmarinen geschaffene Maschine, die seinem Besitzer Wohlstand bringt.
Wilder Ritt übers Eis
Individualreisende suchen auf der Sampo das besondere Finnland-Erlebnis und werden nicht enttäuscht: Das Aufeinandertreffen von stählerner Kraft und massivem Eis ist ein besonderes Erlebnis. Bei den Lappland-Safaris, die mit Abenteuer und Nervenkick im Schnee werben, gehört die Fahrt auf dem Eisbrecher fast immer mit zum Programm: Auf Motorschlitten kommen die Safari-Teilnehmer angebraust und parken direkt am Hafen in dichter Reihe. Wer zu welchem Reiseveranstalter gehört, verraten die einheitlich gestalteten schwarzen oder blauen Thermo-Overalls.
Nach dem wilden Ritt durch den Schnee machen es sich die durchgefrorenen Abenteurer erst einmal im Restaurant des Schiffs gemütlich, wo schon kurz nach dem Ablegen eine heiße Lachssuppe in den Tellern dampft. Danach werden die Besucher in kleinen Gruppen durch das Schiff geführt. Sie dürfen dem Kapitän beim Navigieren über die Schulter schauen und stehen im Bauch des stählernen Kolosses ehrfürchtig vor den stampfenden Maschinen: Achttausendachthundert Pferdestärken treiben das Schiff an, zwei Elektromotoren erlauben, dass es vor- und zurücksetzen kann. Packeis, das aus übereinandergeschobenen Eisschollen besteht, bricht die Sampo nicht, sondern drückt es mit ihrem Gewicht auseinander.
Sechs Stunden Überlebensfrist
Reicht das Eis sehr tief, benötigt die Sampo mehrere Stunden, um wenige Meter Fahrrinne zu öffnen. Vor allem im März, sagt Petter Tähtinnen, sei das Eis besonders dick. Doch noch ermöglichen die in diesem Jahr vergleichsweise milden Temperaturen ein rasches Vorwärtskommen. Minus zehn Grad misst das Thermometer, die Frühlingssonne scheint und zaubert weiche Schatten in Blau und Grau in das Eis. Den kalten Wind empfindet man wie Nadelstiche.
Die Nordica, einer der modernen finnischen Großeisbrecher, wird passiert. Sie wartet auf einen Frachter-Konvoi. Im Vergleich zur musealen, fast gemütlichen Sampo wirkt das neue Eisbrecherschiff geradezu monströs. Petter Tähtinnen hält die Maschinen an, der Höhepunkt der Fahrt naht: das Schwimmen im Eismeer - für jeden, der will. Die ungeschützte Berührung mit dem Eiswasser mutet man den Passagieren allerdings nicht zu, ein Dutzend roter Neoprenanzüge liegen für die Mutigen bereit. Sie garantieren, so heißt es, das Überleben im Eiswasser für sechs Stunden. Auch für Nichtschwimmer.
Lob der Langsamkeit
In ungelenker Pinguinmanier watscheln die Freiwilligen die Gangway abwärts auf das rutschige Eis. Unter Kichern und anfeuernden Rufen plumpsen die ersten in das eigens aufgebrochene Wasserloch - wie aufgeblasene Frösche sehen die Eisschwimmer in ihren Anzügen aus. Bewegen können sie sich im Wasser noch weniger als an Land, der aufgeblähte Anzug hält die Körper an der Oberfläche. Petter Tähtinnen hat sich zu den Gästen, die nur zuschauen, auf das Eis gesellt und beobachtet lächelnd das Treiben. Ich mag die Arbeit auf der ,Sampo'. Alles ist langsamer und weniger hektisch als auf einem normalen Schiff. Nur wenn die Touristen anfangen, während unseres Halts auf dem Eis herumzugehen, werde ich immer etwas nervös. Er blickt hinüber zu einem jungen Paar, das einige Meter abseits Fotos von sich vor dem mächtigen Schiffsrumpf macht.
Noch immer kommt es jeden Winter vor, dass die Sampo zu Hilfsdiensten eingesetzt wird und eine Fahrrinne für Frachtschiffe im nördlichsten Teil des Bottnischen Meerbusen freibrechen muss - für die Touristen ist das ein besonderes Erlebnis. Doch auch ohne Zeuge dieses Notfalldiensts zu werden, bleibt die Fahrt auf der Sampo unvergesslich.
Die Rundfahrten der Sampo beginnen und enden im Hafen von Kemi, die vier Stunden lange Tour kostet inklusive Mittagessen, Schiffsführung und Eisschwimmen pro Person 210 Euro. Das Schiff fährt noch bis zum 25. April donnerstags, freitags und samstags, die Abfahrt ist jeweils um 12 Uhr.
Informationen: Sampo Tours, Kauppakatu 16, F-94100 Kemi, Finnland, Telefon: 00358/16256548; E-Mail: sampo@kemi.fi, im Internet: www.sampotours.com.
Text: F.A.Z., 20.03.2008, Nr. 68 / Seite R2
Bildmaterial: sampotours.com
