Von Andreas Obst
15. Mai 2007 Zum Glück gehören wir zu den Guten in der Welt. Wir sind in den Vereinigten Staaten von Amerika willkommen - sofern wir nicht länger bleiben wollen als neunzig Tage, nicht als Journalisten arbeiten, nicht vorhaben, dort zu studieren, an keinem Schüleraustausch teilnehmen und auch nicht im Besitz eines Kinderreisepasses sind. Dann nämlich braucht man ein Visum. Zu den Guten in der Welt gehören siebenundzwanzig Länder. Deutschland ist dabei. Argentinien und Uruguay sind es nicht mehr. Das liege nicht etwa daran, dass Bewohner dieser Länder in den Vereinigten Staaten nicht gerne gesehen würden, führt schmallippig Andrew C. Parker aus, Chef der Konsularabteilung der amerikanischen Vertretung in Frankfurt, als er die jüngste Verschärfung der Einreisebestimmungen erklärt. Vielmehr spreche die Statistik gegen sie. Zu viele Bürger dieser Länder seien zuletzt in die Vereinigten Staaten eingereist und illegal dort geblieben. So kommt man in die Statistik.
Viel ist von Zahlen die Rede an diesem sonnigen Morgen im lichten Visa-Warteraum des Konsulats. Einem Schild an der Wand zufolge dürfen dort maximal 299 Personen gleichzeitig vor zwei Dutzend Schaltern warten, bevor sie eine Tonbandstimme an einen Beamten verweist, der sich ihres Falles annimmt. Im besten Fall steht am Ende der Prozedur der Beginn einer Reise ins Land der Freien, wie Amerika sich selbst versteht. Fotos seiner Sehenswürdigkeiten prangen von der gegenüberliegenden Längsseite des riesigen Raums.
Anderthalb Terroristen pro Tag
Mehr als hundertsechzigtausend Kilometer messen die Grenzen Amerikas zu Lande und zu Wasser. So hat es die amerikanische Grenzschutzbehörde ermittelt. Die Grenzen werden von elftausend Beamten kontrolliert. An einem beliebigen Tag begehren eine Million Menschen Einlass nach Amerika, mehr als die Hälfte davon sind Ausländer. An einem durchschnittlichen Tag werden fünfundvierzig Kriminelle bei der Einreise ertappt, anderthalb davon sind Terroristen oder bereit, sonstwie Verdruss zu bereiten, der die nationalen Sicherheitsinteressen der Vereinigten Staaten berührt. Auch das weist die Statistik aus.
In Deutschland ein Visum für Amerika zu beantragen ist teuer. Für die Bearbeitung werden achtzig Euro in Rechnung gestellt. Und es ist mühsam. Man muss leibhaftig erscheinen, um sich das Visum in den Pass stempeln zu lassen. Dafür war bisher telefonisch ein Termin in der nächstgelegenen Botschaft oder im Konsulat zu vereinbaren. Von heute an ist diese Prozedur vereinfacht. Nun lässt sich die Verabredung auch online treffen, rund um die Uhr (www.us-botschaft.de). Dieser Service hat gleichfalls einen Preis: Die Gebühr beträgt zehn Dollar. Wer dann zu seinem Termin erscheint, wird am Eingang so gründlich durchsucht, als wolle er gleich losfliegen. Mobiltelefon und Autoschlüssel werden für den Aufenthalt im Wartesaal in Verwahrung genommen. Gut möglich, dass auch diese Anordnung von einer Statistik gedeckt ist. Man verlässt das lichte Gebäude am Frankfurter Stadtrand wie betäubt. Erschöpfend tief war der Blick in die Welt, wie Amerika sie sieht. Glücklicherweise gehören wir darin zu den Guten - als Reisende, die manchmal zum Vergnügen unterwegs sind, bisweilen beruflich. Aber nie länger als drei Monate am Stück in den Vereinigten Staaten von Amerika.
Traumziel Amerika
Die Vereinigten Staaten bleiben auch künftig das Traumziel der Deutschen. Zu diesem Schluss kommt eine Prognose des Wirtschaftsministeriums in Washington, die im Jahr 2011 mit 1,7 Millionen Touristen aus Deutschland rechnet. Im vorigen Jahr besuchten knapp 1,4 Millionen Deutsche die Vereinigten Staaten, ein Minus von 2,1 Prozent im Vergleich zu den vorangegangenen zwölf Monaten. Für 2007 rechnet Washington wieder mit einem Plus von zwei Prozent, was unter anderem mit der hohen Kaufkraft des Euro begründet wird.
Text: (Kasten tdt.) / F.A.Z., 10.05.2007, Nr. 108 / Seite R1
Bildmaterial: AFP, picture-alliance/ dpa/dpaweb