Als die "Enez Eusa" an diesem grauen Frühlingstag aus dem Hafen von Le Conquet ausläuft, ist nichts zu spüren von Ferien, Strandstimmung und dem aufgeregten Lärm der Bretagne-Urlauber, die es an Sommerwochenenden in Scharen auf die Ile d'Ouessant treibt. Die wenigen Reisenden suchen heute ängstlich Schutz vor Regen und Gischt. Im vergangenen Sommer dagegen war das Oberdeck voller Menschen gewesen, im Innern herrschte eine Stimmung wie auf einer englischen Kanalfähre. Routiniert führten sonnenbebrillte Matrosen Befehle aus, die aus dem Walkie-talkie krächzten, und als das Anlegemanöver an der neuen Beton-Kaimauer überstanden war, drängten sich die Menschen aus dem Schiff, während ein Kran Kisten und Kartons aus dem Bauch des Schiffes zerrte. Beim Kampf um die Leihfahrräder am Hafen gingen wir leer aus. Es seien einfach zu viele Menschen, die sich auf einen Schlag und für sechs Stunden an solchen Tagen über die Insel ergössen, sagte der hagere Mann vom Fahrradverleih. Ob wir nicht außerhalb der Saison wiederkommen wollten?
Nichts hatten wir bei unserem ersten Besuch auf Ouessant an jenem heißen, windstillen, ganz und gar unbretonischen Sommertag gesehen, oder jedenfalls nicht viel. Zu Fuß sind die sieben Kilometer vom Hafen im Osten der Insel bis zur Pointe de Pern an ihrer westlichen Küste und wieder zurück bis zur Abfahrt des Schiffs kaum zu bewältigen. Die einzige Hafenkneipe war eine Hot-dog-Bude neben einem riesigen Diesel-Behälter, aus dem die durstige "Enez Eusa" aufgetankt wurde. Die Sonne brannte auf die frisch geteerte Straße, die vom Hafen Le Stiff in den Hauptort Lampaul führt, das Meer dehnte sich endlos in den dunstigen Horizont aus und schmiegte sich glatt wie ein See um die Felsen. Beim Ablegen des Schiffs sprangen braungebrannte Jungen in das Hafenbecken und ließen sich im Strudel der Schiffsschrauben treiben, ein gefährliches Schauspiel für die Touristen. Wir aber wollten die rauhe Gischt sehen, das wilde Meer, die Bilder, für die Ouessant berühmt ist. Wir waren vergeblich gekommen.
Jetzt stampft die "Enez Eusa" durch die Dünung. Über das Oberdeck peitscht waagerecht der Regen. Bald ist die Küste nicht mehr zu sehen, nichts ist zu sehen außer dem grauen, aufgewühlten Meer und dem ebenso grauen Himmel - eine Kulisse wie aus dem Film "Die Frau des Leuchtturmwärters" von Philippe Lioret, eine dramatische Liebes- und Eifersuchtsgeschichte, die auf Ouessant in den sechziger Jahren spielt und dort auch 2003 gedreht worden ist. Sandrine Bonnaire ist die Hauptdarstellerin, aber genauso wichtig sind die Bilder vom rauhen Inselleben und den brüllenden Atlantikwellen am einsamen Leuchtturm, auf dem der Kampf der beiden Rivalen um die schöne Frau ausgefochten wird.
Als das schwankende Schiff nach eineinhalb Stunden und zwanzig Kilometern Überfahrt in Le Stiff anlegt, ist jeder der wenigen Passagiere froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Ein paar Autos warten im Hafen und holen die Reisenden ab, offenbar Verwandte und Bekannte, denn Touristen sind um diese Jahreszeit selten. Die wenigen Besucher, die nicht erwartet werden, stehen mit ihren Rucksäcken und Wanderschuhen etwas ratlos im verregneten Hafen, bis sie ein Sammeltaxi nach Lampaul bringt. Natürlich ist heute der Fahrradverleih geschlossen. Wer soll, außer Sandrine Bonnaire im Film, gegen diesen Sturm auf dem Fahrrad ankämpfen? "Le Fromveur" unweit der Kirche von Lampaul scheint das einzige Hotel zu sein, das um diese Jahreszeit Gäste empfängt. Rund um den Dorfplatz ducken sich einstöckige Häuser, zum Glück auch ein Cafe, an dessen Scheiben Regen und Wind trommeln - auch dies erinnert an die Szenen im Film, in denen das von rauhen Seeleuten beherrschte Dorfcafe der einzige trockene Ort auf der Insel ist.
An einem Tag wie heute fällt es schwer zu glauben, daß fast tausend Menschen ständig hier leben. Die Männer am Tresen des Cafes gehören ganz sicher zu den Ouessantins, wie die Einwohner genannt werden. Ihre Gespräche drehen sich um alles mögliche, nur nicht um das Wetter und den brüllenden Wind, der offenbar die übliche Hintergrundmusik zum Alltagsleben ist. Es geht um Geschäfte in Brest, Neuigkeiten aus Le Conquet und die großen und kleinen Skandale im fernen Paris - wie in jeder Kneipe jeder französischen Stadt.
Vielleicht kommt man nirgendwo sonst in einer französischen Bar so schnell mit den Einheimischen ins Gespräch wie im westlichsten Zipfel Frankreichs - ganz so, als lasse die unwirtliche Natur die Menschen zusammenrücken und mitteilsam werden. Wir sind auch nicht erstaunt, als wir unter den Gästen des Cafes den Mann vom sommerlichen Fahrradverleih wiedererkennen. Auch er erinnert sich an uns und beglückwünscht uns, daß wir es diesmal bis Lampaul geschafft hätten. Da die eigentliche Attraktion der Insel, die Pointe de Pern im Westen, an einem Tag wie heute besonders lohnend sei, sollten wir sie uns auf keinen Fall entgehen lassen. Und weil uns der Mann vier Stunden Fußmarsch ersparen will, fährt er uns in seinem Auto zur Inselspitze.
Unbeirrt hält er auf den schwarzweiß geringelten Turm zu. Er steuert seinen alten Renault wie ein Schiff durch Wind und Regen. Zweihundert Kilometer Reichweite hat das Licht dieses Turms, der 1862 erbaut wurde. Er löste das erste Leuchtfeuer ab, das von Vauban, dem königlichen Baumeister Ludwigs XIV., errichtet worden war. Immer wieder läßt der entfesselte Ozean neue Brecher gegen die Felsen rollen. Sie machen einen Höllenlärm, wenn sie am dunklen, blankgescheuerten Granit zerbersten. Woge auf Woge wälzen sie sich heran, nagen an der Küste, schleudern mühelos große Steine über den Fels. In der Ferne wandert ein einsamer Mann, dessen Mantel wie eine zerfetzte Fahne im Wind flattert, über die Steilküste und sucht den grauen Horizont ab.
Der Leuchtturm von Creac'h sei gar nicht so schlimm, denn immerhin komme man ja zu Fuß hin, sagt der Mann. Das Schlimmste seien Ar-Men und Kereon, die beiden Türme weit draußen im Meer. Zum Glück sei ja heute alles elektrifiziert und automatisiert, wir könnten uns gar nicht vorstellen, welch ein Glück das sei. Vor dem Fahrradverleih habe er als Leuchtturmwärter gearbeitet, "c'etait l'enfer", die Hölle sei es gewesen. Ob wir uns vorstellen könnten, wie einem zumute sei, wenn einen in vierzig Meter Höhe beim Reparieren der Laterne die Gischt durchnässe und man das Gefühl nicht mehr loswerde, daß der Turm unter jeder neuen Welle erzittere. Auch der Phare de Nividic, der vor der äußersten Spitze der Insel steht und sich jetzt dunkel gegen die Wassermassen abzeichnet, ist noch nah und relativ gut zu erreichen gewesen: Über die beiden Betonpfähle, die auf vorgelagerten Felsen stehen, hat man ein Drahtseil gezogen, und in einem Korb, der an diesem Seil hing, sind die Wärter zur Ablösung hinüber und wieder zurück gezogen worden.
Der Nividic ist schon seit langem automatisiert, und ohne das Drahtseil sehen die beiden Pfähle wie die Schlote untergegangener Schiffe aus. Von denen gibt es hier am Rand einer der am stärksten befahrenen Seestraßen der Welt jede Menge. Um das Kap, an dem die Winde und Strömungen aus dem Ärmelkanal und dem Atlantik aufeinandertreffen, fahren jedes Jahr fünfzigtausend Schiffe. Im Sommer kann man bei geführten Tauchgängen die Wracks besichtigen, aber bei dem Blick auf die brodelnde Flut fällt es leicht, darauf zu verzichten.
Geboren und aufgewachsen sei er in einem heißen, windstillen Dorf am Rande der algerischen Wüste, sagt der Mann. Wie die meisten der "pieds-noirs" genannten Franzosen habe er nach der Unabhängigkeit Algeriens seine Heimat verlassen müssen. Was sollte jemand, der bisher Wein und Oliven angebaut hatte, in der Bretagne machen, wohin es ihn Anfang der sechziger Jahre der Liebe wegen verschlagen hatte? Man nahm jeden Job, den man bekam, und der Dienst auf den Leuchttürmen war nicht der begehrteste.
Zwei Männer hätten auf den Türmen immer gemeinsam Dienst gehabt, sagt der Mann, zwanzig Tage und zwanzig Nächte lang. Kereon sei besonders wichtig gewesen, wegen des Fromveur, der gewaltigen Strömung zwischen der Ile d'Ouessant und der kleinen Nachbarinsel Molene. Das Schlimmste sei die Einsamkeit gewesen, denn man habe sich beim Schlafen und Arbeiten abwechseln müssen: von Sonnenuntergang bis zwei Uhr nachts der eine, bis zum Morgen der andere. Nicht immer habe man sich gut verstanden, dann seien drei Wochen gegenseitigen Anschweigens eine unendlich lange Zeit gewesen. Tagsüber mußten die Spiegel der Laterne geputzt, verstopfte Leitungen repariert und die Petroleumfässer gewartet werden. Wenn das Meer ruhig war, wurde geangelt, denn die knapp bemessenen Lebensmittelrationen reichten für drei Wochen selten aus.
Ein griechischer Seefahrer, so heißt es, habe die Insel im vierten Jahrhundert Uxisama genannt. In vielen Erzählungen über Ouessants Vergangenheit mischen sich Geschichte und Legende, auch in jener, die die schwarzen Haare vieler Insulaner mit der Ansiedlung süditalienischer Fischer nach den Italien-Feldzügen König Franz' I. im frühen sechzehnten Jahrhundert erklärt. Daher soll auch ihre mediterrane Heißblütigkeit kommen, der mancher französische Gouverneur gleich bei seinem Eintreffen zum Opfer gefallen ist. Wenn das stimmt, haben die italienischen Siedler bald das Fischen verlernt: Es gibt keinen Fischereihafen auf Ouessant, und wer an einem Tag wie heute das tosende Meer sieht, vor dem nur Le Stiff mit seiner erst vor einigen Jahren errichteten bunkerhaften Betonmauer verschont bleibt, dem wird schnell klar, daß Fischerei, zu der ein geschützter Hafen gehört, hier nichts zu suchen hat.
Die Männer von Ouessant waren in den vergangenen Jahrhunderten Seefahrer, die auf Handelsschiffen oder bei der königlichen Marine anheuerten und monatelang unterwegs waren, während auf der Insel die Frauen das Kommando führten. Vielleicht hat der Regisseur Philippe Lioret deshalb sein Melodrama über die starke, selbstbewußte Frau des Leuchtturmwärters nach Ouessant verlegt. Tatkraft bewiesen die Frauen auch im Jahre 1896, als sie die fast vierhundert Schiffbrüchigen der "Drummond Castle" zu retten versuchten. Das Linienschiff, das auf dem Weg nach Südafrika war, kollidierte im Nebel mit einem Felsen und sank innerhalb weniger Minuten. Nur drei Passagiere konnten gerettet werden. Doch das reichte, um den Heldenmut der Insulanerinnen in London zu rühmen und auch im fernsten Zipfel Frankreichs ein Zeichen der sich anbahnenden Entente cordiale zu setzen. Königin Victoria ermöglichte mit einer großzügigen Spende den Bau einer Kirche auf der Insel, die bis heute voller englischer Insignien ist.
Am nächsten Tag haben sich Himmel und Meer beruhigt und wetteifern miteinander um das schönste Blau. Der Wind ist immer noch kräftig und fegt die letzten Wolkenfetzen in Richtung Festland. Auf dem Weg zur Halbinsel Cadoran an der Nordküste der Insel begegnen wir sogar einigen Ouessant-Schafen mit ihren enormen Hörnern. Vögel singen, Menschen und Tiere, die noch gestern vom dröhnenden Wind in den Schutz der Häuser und Büsche getrieben wurden, tauchen plötzlich wieder auf. Gestern noch verschlossene und verlassen wirkende Weiler sind mit einem Mal belebt, die Fensterläden sind geöffnet, Kinder spielen auf den Treppenabsätzen. In einer Creperie sind um die Mittagszeit fast alle Plätze besetzt. Die beiden Mädchen, die die Gäste bedienen, gehen in dem sechzig Kilometer entfernten Morlaix in die Schule, aber jetzt in den Ferien helfen sie den Eltern, die vor einigen Jahren das kleine Restaurant eröffnet haben. An jedem Wochenende kommen sie nach Hause, und jeden Sonntagabend, wenn es wieder für eine Internatswoche aufs Festland geht, falle ihnen der Abschied schwer. Natürlich wollen sie später auf Ouessant leben, wo denn sonst?
Dann verabschieden wir uns vom ehemaligen Leuchtturmwärter. Wir könnten zufrieden sein, sagt er, denn jetzt habe uns die Insel ihr wahres Gesicht gezeigt. Als die "Enez Eusa" in Richtung Brest gleitet, wird die Ile d'Ouessant langsam zu einem schmalen Band am Horizont, eingerahmt von dünnen vertikalen Strichen, den Leuchttürmen Ar-Men, Kereon, La Jument und Nividic, Namen einer Welt aus Angst und Einsamkeit. Das war einmal, so wie der Sturm am Vortag.
Anreise: Von Brest und Le Conquet zur Île d'Ouessant fahren täglich die Fähren der Gesellschaft Penn Ar Bed (Tel.: 0033/298/808080, Internet: www.pennarbed.fr) und Finist'Mer (Telefon: 0033/298/891661, Internet: www.finist-mer.fr). Außerdem gibt es eine Flugverbindung der Gesellschaft Finist'Air ab Brest-Guipavas (Telefon: 0033/298/846487, im Internet: www.finistair.fr).
Unterkunft: Die Insel Ouessant verfügt über fünf Hotels: La Duchesse Anne (Telefon: 0033/298/488025), Le Fromveur (Telefon: 0033/298/488130), L'Océan (Telefon: 0033/298/488003), Le Roc'h ar Mor (Telefon: 0033/298/488019) und Ti Jan ar C'afe (Telefon: 0033/298/488264); außerdem gibt es eine Jugendherberge (Telefon: 0033/298/488453) und einen einfachen Campingplatz (Telefon: 0033/ 298/488465). Bei den Hotels empfiehlt sich an Sommerwochenenden dringend eine Reservierung; in den Wintermonaten sollte man sich unbedingt vergewissern, ob das entsprechende Haus geöffnet ist.
Informationen: Office de Tourisme, place de l'Église, F-29242 Ouessant, Tel.: 0033/298/488583, Internet: www.ot-ouessant.fr; Maison de la France, Zeppelinallee 37, 60325 Frankfurt, Telefon: 0900/1570025 (49 Cents/Minute), E-Mail: info.de@franceguide.com; Internet: www.franceguide.com.
Text: F.A.Z., 04.05.2006, Nr. 103 / Seite R3