Aquarium

Mach mal Blaupause, Seesternchen

Von Alia Begisheva

Er war ein sympathischer Bewohner des „Georgia Aquarium”: Belugawal

Er war ein sympathischer Bewohner des „Georgia Aquarium”: Belugawal

15. Februar 2007 Dass Gasper krank war, wußte ganz Georgia. Neuigkeiten über Gaspers Immunsystem druckte die „Atlanta Journal Constitution“, Gaspers Verdauung beschäftigte die Journalisten beim „Macon Telegraph“, Behandlungsfortschritte der Ärzte bei Gaspers kürzlich diagnostizierter Knochenmarkentzündung waren dem „Athens Banner-Herald“ eine Überschrift wert. Dank CNN, das in Georgias Hauptstadt Atlanta seinen Hauptsitz hat, dürfte man schon in New York und Kalifornien über Gaspers Hautprobleme gehört haben.

Alle kannten und liebten Gasper, als wäre er ein betagter Hollywood-Star, der sich in Amerikas Alten Süden zurückgezogen hat, mit einem wohlverdienten Oscar für sein Lebenswerk. Tatsächlich haben die Betreiber des neuen Aquariums von Georgia, in dem der kranke Gasper lebte, alles getan, damit der Beluga wie ein Star wahrgenommen wurde.

Der größte Süßwasserfisch der Welt

Stars leben nicht in gewöhnlichen Häusern - auch Gasper lebte nicht in einem gewöhnlichen Aquarium, sondern im größten der Welt. 100.000 Fische in 24 Millionen Litern Wasser auf 500.000 Quadratmetern Fläche mitten in Atlantas Stadtzentrum - die Zahlen klingen einfach zu bombastisch, als dass jemand auf die Idee käme, diesen ersten Platz auf der Aquarien-Rangliste auch nur in Frage zu stellen. Falls es diese Liste überhaupt gibt.

Aber Gaspers Palast ist nicht nur riesengroß, er ist wirklich wunderschön. Fünf Abteilungen mit Namen, die nach Zeiten klingen, in denen man die Welt noch per Schiff erkundete, laufen in der Mitte des Gebäudes zu einem Stern zusammen. Die „River Scout Gallery“ ist einem Fluss nachempfunden, über den Köpfen der Besucher schwimmen Störe, und in einem effektvoll beleuchteten Becken mit Fischen des Amazonas lebt der größte Süßwasserfisch der Welt: der Raubfisch Arapaima. Arapaimas Maul sieht aus wie eine abgetragene Schuhsohle - und wenn man Glück hat, sieht man ihn damit Essen aus der Luft schnappen.

Spitze, stumpfe und platte Nasen

Die typischen Bewohner der Abteilung „Georgia Explorer“ sind Pfeilschwanzkrebse, Seesterne und Rochen. Die Abteilung wäre eher unspektakulär, wenn man diese Vertreter der einheimischen Küste nicht wie in einem Streichelzoo anfassen dürfte. So hängen Kinder und Erwachsene gleichermaßen über den mit Sand gefüllten Kästen. Oder warten geduldig, wenn sie mit dem Schildchen „Bitte nicht anfassen. Tiere machen 15 Minuten Pause“ verhängt sind.

In „Ocean Voyager“ dagegen muss man sich nicht so anstrengen: Durch diese Abteilung werden die Besucher auf einer Rollbahn wie am Flughafen gefahren. Sie brauchen nur nach oben zu schauen und den Mund vor Begeisterung aufzuklappen - und da sind sie schon, die größten Fische der Welt, die Walhaie. Mehr als zwölf Meter lang können sie werden; das „Georgia Aquarium“ rühmt sich damit, als einziges in den Vereinigten Staaten, ja als einziges überhaupt außerhalb Asiens gleich zwei Exemplare dieser Tierart zu beherbergen. Sie sind jeweils vier und fünf Meter lang, aus Taiwan wurden sie mit einem extra dafür umgebauten UPS-Flugzeug nach Atlanta transportiert. „Ocean Voyager“ hat aber noch einen weiteren Höhepunkt - das Fischkino. In einem großen, dunklen Saal, der einem Lichtspielhaus sehr ähnlich ist, hocken ganze Schulklassen und drücken ihre Nasen platt am Fenster, hinter dem Tausende bunte Fische schwimmen, große und kleine, flache und dicke, mit spitzen Nasen und mit stumpfen Nasen. Mitarbeiter des Aquariums sind in der Lage, beinah jede Tierbewegung in diesem Aquarium zu deuten. Man legt hier einen großen Wert auf den Bildungsauftrag, den man sich selbst erteilt hat.

Nur kalte blaue Weiten

Die nächste Abteilung, „Tropical Diver“ genannt, ist dunkel, geheimnisvoll und ähnelt mehr einer Kunstgalerie. Lilafarbene Quallen sehen aus wie Tintenkleckse auf einem tiefblauen Hintergrund. Es bietet sich an, diese tropische Welt zuletzt zu besuchen - zum entspannten Ausklingen.

Der Publikumsmagnet Gasper lebte auf der gegenüberliegenden Seite, im Reich des kalten Wassers, in „Cold Water Quest“. Zusammen mit dem Weißwal Nico wurde Gasper aus Mexiko City nach Atlanta gebracht. Dort lebten die beiden Tiere in einem Vergnügungspark, unter einer Achterbahn aus Holz. Gaspers zahlreiche Krankheiten führen die Ärzte auf den Stress zurück, dem der Weißwal dort ausgesetzt war. Um Gasper kümmerte sich ein ganzes Team von Veterinären, das Aquarium ist sogar mit einem eigenen Operationssaal ausgestattet.

Das fünf Meter dicke Acrylfenster, durch das man damals Gasper und mittlerweile vier weitere Belugas bestaunen kann, ist so hoch wie das ganze Schwimmbecken. Vor diesem Fenster kann man die Welt da draußen vergessen. Es gibt nur kalte blaue Weiten und die Belugas, die - so scheint es zumindest - zurücklächeln, wenn man ihnen zuwinkt.

Aquarium samt Starkoch und Ballsaal

Und so, nach ein paar Stunden im Aquarium, könnte man fast meinen, dass alle Tiere hier viel lieber lebten als im Ozean. Das luxuriöse Ambiente für seine Tiere kann sich das „Georgia Aquarium“ leisten: Anders als die 36 weiteren amerikanischen Aquarien muss man sich in Atlanta keine Sorgen um Kostendeckung machen. Weil dieses Aquarium eigentlich das Hobby eines Milliardärs ist.

Und dieser Milliardär mit seiner Vorliebe für große Fische und riesige Häuser heißt Bernard Marcus. Alle nennen ihn natürlich Bernie. Bernie ist 77 Jahre alt, in den siebziger Jahren gründete er „Home Depot“, eine Baumarktkette, die mittlerweile zur größten der Welt aufgestiegen ist. Bernie hat sein Aquarium sogar mit einem eigenen Starkoch ausgestattet. Und mittlerweile 200 Millionen Dollar in das Haus gepumpt, für weitere 13 Millionen soll der Ballsaal mit einem Fenster ins Aquarium ausgebaut werden. Diesen Ballsaal kann man sich dann zusammen mit dem Starkoch für Privatpartys mieten.

Atlantas Riesenbaby

Bernie Marcus hat aber nicht nur ein Hobby - er hat Visionen. Sein Aquarium soll downtown Atlanta revitalisieren und zu jenem Comeback verhelfen, nach dem sich so viele amerikanische Innenstädte sehnen, die von ihren Bewohnern verlassen wurden. Als „Atlantas größte Chance seit den Olympischen Spielen 1996“ lobt die Lokalpresse das Aquarium. Reader's Digest erklärte das Aquarium zu den „America's 100 Best“. So sehen es offenbar auch andere: Direkt nebenan baut Coca-Cola einen Erlebnispark, der in diesem Jahr eröffnen soll, der Sender CNN hat den Teil seines Studiogeländes, der öffentlich zugänglich ist, für 5,5 Millionen Dollar modernisieren lassen. Und das noble Hotel „Ritz Carlton“ bietet Aquarium-Specials an: Schon ab 299 Dollar kann eine Familie mit zwei Kindern im Luxushotel auf Atlantas berühmter Peachtree Street übernachten und dinieren - und bekommt Aquarium-VIP-Tickets.

Am ersten Geburtstag seines Riesenbabys hatte Bernie jeden Grund zum Feiern: Das Aquarium rechnete mit 2,4 Millionen Besuchern im ersten Jahr, tatsächlich kamen bis Jahresende 2006 fast vier Millionen Menschen. Durchschnittlich empfängt das Aquarium 100.000 Gäste pro Tag. Die Hotelbuchungen sind laut expedia.com beträchtlich gestiegen. Ökonomen behaupten, der Beitrag des Aquariums zur Wirtschaft Atlantas werde in den ersten fünf Jahren fünf Milliarden Dollar übersteigen. Als am 21. November eine riesige Fischtorte in das „Ocean Voyager“-Becken geworfen wurde, klatschten alle Besucher. Und sangen „Happy Birthday“. Gasper, der große Star allerdings, hat sich von seinen Leiden nicht mehr erholen können. Er wurde Anfang Januar eingeschläfert.

Der Weg ans Becken

Das „Georgia Aquarium“ hat freitags und samstags von 10 bis 18 Uhr, sonst bis 17 Uhr geöffnet. Eintritt 24 Dollar für Erwachsene, 18 Dollar für Kinder ab drei Jahren, Tour „Hinter die Kulissen“ ab 50 Dollar. Morgens und abends kann man den größten Andrang vermeiden. Kinder werden die IMAX-Vorführung im Kinosaal für fünf Dollar lieben.

Adresse: 225 Baker St, Atlanta, Telefon 0 01/4 04/5 81 40 00, im Netz unter www.georgiaaquarium.com. Mehr über Atlanta unter www.georgiaonmymind.de.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.02.2007, Nr. 6 / Seite V4
Bildmaterial: AP

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