Fidschi

Das Paradies 2.0 ist da!

Von Mirco Lomoth

09. Juli 2008 Die Welt würde nach Vorovoro kommen, wie er es erwartet hatte. Tevita Ratu sitzt barfuß auf dem Holzboden der Hütte, die Mangrovenstreben des ungedeckten Daches werfen ein hartes Schattenmuster auf sein Gesicht. „Israel!“, lacht er und deutet mit einem Nicken auf Itamar, den Israeli, der gestern auf die Insel gekommen ist und nun, einen traditionellen Sulu um die Hüften gewickelt, zur Küche geht, um die Porridge-Schüssel vom Frühstück abzuspülen. „Das ist weit weg.“ Sein Kopf ist leicht zurückgelehnt, der Mund steht offen, als könne er es kaum glauben.

„Wir müssen bereit sein“, hatte er zu Tui Mali gesagt, dem Chief des Yavusa-Stammes. „Die Welt wird zu uns kommen, nach Vorovoro.“ Und er hatte nach seiner Machete gegriffen und einen Streifen Land hinter dem Strand für die Zukunft gelichtet. Sie hatten zwei Bures gebaut, die traditionellen mit Schilf gedeckten Fidschi-Häuser. Doch dann war nichts passiert, es blieb ruhig auf der Insel.

So ruhig, wie seit Jahrhunderten, seit an dem rundlichen Felsen am Ende des Strandes das Boot zerschellte, das die ersten Menschen auf die Insel brachte, vier Familien, die von der Hauptinsel Viti Levu vertrieben worden waren. Sie gründeten vier Dörfer auf der Nachbarinsel Mali und lebten von dem, was Land und Meer hergaben. Sie bauten Kassava an, Brotfrucht und Taro, sie gingen fischen und lebten in schilfgedeckten Häusern, zwischen Kokospalmen und Bananenstauden. Ungezählte Jahre später kamen die Missionare, dann kam der Außenbordmotor, und vor zwei Jahren schließlich die ganze Welt.

Online-Community mit Echtweltbezug

Ben Keene und Mark Bowness tauchten an einem Tag im März auf. Zwei Engländer, hellweiße Haut, beide Mitte zwanzig, eine Vision. Über Google hatten sie eine Insel gesucht, für ihr Internetprojekt Tribewanted.com (“Private island for sale“). Jetzt saßen sie bei einer Kava-Zeremonie auf einer geflochtenen Pandanus-Matte in Tui Malis Haus und versuchten ihm das Konzept einer Online-Community mit Echtweltbezug zu erklären. Ein virtueller Stamm, der auf seiner Insel zusammenkommen würde. Tribewanted sollte das Wissen des Internets nach Vorovoro bringen, online-demokratisch sein und ökologisch nachhaltig, die Traditionen des Yavusa-Stammes respektieren und ihnen eine Erwerbsmöglichkeit schaffen. Tui Mali gefiel die Idee. Er wusste, dass die Welt pausenlos kommunizierte und dass darin eine Zukunft lag, die an seinen Leuten bislang vorbeigegangen war. Tribewanted war eine einmalige Chance, mit dieser beschleunigten Welt in Kontakt zu kommen.

Vorovoro. Aus der Luft betrachtet ist das nicht mehr als ein langgezogenes Felsband vor der Küste von Fidschis zweitgrößter Insel Vanua Levu, vielleicht fünfhundert Meter vom einen Ende zum anderen, mit Palmen und Büschen bewachsen, umgeben von Korallen, die bis zur Riffkante nur wenige Zentimeter unter dem Meeresspiegel wachsen. Hinter dem Strand an der Nordseite, zerstreut zwischen Palmen, das Dorf. Mehrere offene Häuschen mit Betten, Hängematten und Moskitonetzen, in der Mitte eine große Bure als Versammlungsraum, daneben Komposttoiletten, Küchenhaus, Feuerstelle, Eimerdusche, Fußballfeld, Volleyballplatz. Welten entfernt von den luxuriösen Resorts, für die Fidschi bekannt ist. Das Wasser ist knapp, Feuerholz muss man selbst suchen, ohne Stirnlampen geht abends nichts mehr.

Zum Beispiel Bücher lesen

„It's lovely, it's basic“, brüllt Jason aus Southampton. „Paradise!“ Zwei stämmige Beine tragen einen tätowierten Körper, das Muskelshirt spannt über seinem Bauch. Alles ist wuchtig an ihm, auch die Stimme. Er steht vor seiner Hängematte mit integriertem Moskitonetz, die er bei Ebay für 25 Pfund ersteigert hat. „Schläft man bestens drin.“ Davor stecken weiß angestrichene Kokosnüsse im Sand, als Aufgang zu seinem Domizil zwischen den Palmen. An einem Ast hängt eine Solardusche. „Zu Hause habe ich alles, Autos, Fernseher, Computer, hier vermisse ich davon nichts.“ Vier Wochen ist er auf der Insel, hat sich spontan von seinem Job als Automechaniker freigenommen. In dieser Woche ist Vorovoro ausgebucht, dreißig Leute sind da, es ist schwierig, noch einen guten Schlafplatz zu bekommen.

Die meisten von ihnen sind „gappers“, um die zwanzig Jahre alt, die sich den Rucksack aufgeschnallt haben, bevor es irgendwie weitergeht im Leben. Die vier Jungs aus Birmingham etwa: Jack, Sam, Dan und Tom, 19, die immer alles synchron machen - schwimmen, Tagebuch schreiben, Holz sammeln, sonnen. Oder AJ aus Indiana, 27, der vorher „was mit Politik“ gemacht hat, sich jetzt auf seiner Visitenkarte als „International Traveller“ ausgibt und hier „ein besserer Mensch“ werden will. Auto verkauft, Wohnung vermietet. Zwei Jahre ist er unterwegs. „Ich habe in den letzten Wochen mehr Bücher gelesen als in den zwei Jahren vorher“, sagt er, in der Hängematte schwingend, eine Biographie von Robert Mondavi in den Händen.

In den Eingeweiden des Web 2.0

Es sind viele junge Leute aus der Facebook-Generation, die im Internet von Tribewanted erfahren haben. Noch bevor sie das echte Vorovoro betreten, klicken sie sich durch die digitalen Profile der anderen Mitglieder, durch Blogs und Myspace-Seiten und fragen hinterher mitleidsvoll: „You're not on facebook?“ Bucht man online, sieht man sofort, wer zur gleichen Zeit auf Vorovoro sein wird und wer einen ähnlichen Musikgeschmack hat. Tribewanted.com nutzt die Möglichkeiten der Vernetzung des Internets. Die Leute vom Yavusa-Stamm und ihre kleine Insel befinden sich mittendrin in den Eingeweiden des Web 2.0, in Videostreams auf Youtube.com, Foto-Pools auf Flickr.com, Mikro-Blogs auf Twitter.com oder Profilseiten auf Facebook und Myspace.

Wenn man dann auf der Insel ist und eine Kokosnussschale mit Kava gereicht bekommt, ist das Internet ganz weit weg: Sevusevu heißt die Zeremonie, bei der jeder Neuankömmling in die Gemeinschaft aufgenommen wird. Man klatscht in die Hände, trinkt die bittere, erdfarbene Flüssigkeit in einem Zug (ganz wichtig!) aus und klatscht noch drei Mal (auch wichtig), bevor der Nächste in der Runde dran ist. Die Mundhöhle wird betäubt, man entspannt sich. Wenn die Holzschüssel leer ist, wird eine neue Portion der Rauschpfefferwurzeln mit der Lenkstange eines Autos zerstampft, das nie auf der Insel war, ein neuer Aufguss gemacht, kommen die Ukulelen und Gitarren raus, die melancholisch-fröhlichen Melodien der Südsee, die Geschichten und die Sterne. Man trinkt bis in den späten Abend hinein, sitzt stundenlang im Schneidersitz und entschuldigt sich höflich, wenn man den Kreis verlassen muss, um ins Meer zu pinkeln.

Sitztänze und andere Riten

Die Offenheit der Yavusa machen Tribewanted zu einer interkulturellen Erfahrung, die man sonst auf Fidschi so nicht findet. In den Vier-Sterne-Resorts, die vom echten Fidschi abgeschottet sind, wird man von Einheimischen vor allem bedient und besungen. Auf Vorovoro findet man sich mitten in einer Südseekultur wieder, man lebt und arbeitet zusammen, lernt Fragmente der Fidschi-Sprache kennen, den traditionellen Sitztanz Meke, die Kava-Zeremonie und andere Riten. „Ich wünschte, ich könnte auch so sein“, sagt die 19-jährige Alice aus London sehnsüchtig. „Wir haben ja keine Bräuche, außer vielleicht den Fünf-Uhr-Tee.“

Sie trägt einen Armreif aus Blättern am Handgelenk, für die Meke-Vorführung am Nachmittag. Tui Mali wird kommen, die Trommel wird ertönen, alle werden sie den Sulu umbinden, die Schultern bedecken und sich auf der Matte vor der großen Bure einfinden, um mit ihm Kava zu trinken. Die Neuankömmlinge werden ihm Rauschpfefferwurzeln überreichen, und der Chief wird sie mit gütigen Augen und einem langen Händedruck willkommen heißen. „Zu Hause haben wir uns nie um Regeln gekümmert, aber hier sind alle scharf darauf, sie einzuhalten“, sagt die 19-jährige Gemma aus London. An ihrem Hals baumelt ein Holzanhänger mit dem Tribewanted-Logo - Stammesmitglied 1410.

Lokale Traditionen und moderne Technologien

Wer einen gemütlichen Strandurlaub auf einer einsamen Insel sucht, ist auf Vorovoro falsch. Zwar sind die Zeremonien und die Arbeit freiwillig, und man kann Zeit in der Hängematte verbringen oder beim Schnorcheln. Doch ein Gemeinschaftsdruck ist schnell spürbar. Es ist gut, dass alle paar Wochen neue Leute auf die Insel kommen, neue Ideen und Erwartungen. So kann eine eingeschworene Gemeinschaft nicht entstehen, vor Ort bleiben nur die Tribewanted-Organisatoren und die rund fünfzehn Angestellten vom Yavusa-Stamm. Api, der Bootskapitän etwa, die Köchinnen oder Epeli, der Großvater mit nur einem Zahn. „Es sind so fröhliche Leute“, schwärmt die 55-jährige Elizabeth aus Los Angeles. „Ich bin hergekommen, um von ihnen zu lernen und inneren Frieden zu finden.“ Sie kann die Tränen nicht zurückhalten, als sie nach zwei Wochen im Boot sitzt und die Insel langsam hinter ihrem Rücken verschwindet. Sie dreht sich nicht um.

An der halbfertigen Bure finden sich vormittags die Freiwilligen ein, um beim Dachdecken mitzuhelfen. Mit Holzstöcken dreschen sie auf Bambusrohre ein, um sie der Länge nach zu spalten. Der alte Epeli schaut über die ungeschickten Hiebe des Managers aus London hinweg, der den Holzknüppel hält, als sei er eine Fliegenklatsche. In den letzten eineinhalb Jahren ist durch Zusammenarbeit viel entstanden auf Vorovoro, ein Mix aus lokalen Traditionen und modernen Technologien - ein surrendes Windrad und ein Solarmodul sorgen für Strom für Laptops, Digitalkameras, iPods und Handys, im Garten wachsen Taro, Yams und Kassava.

In etwa einem Jahr endet das Projekt

„Wir wollen so viel wie möglich selbst produzieren“, sagt Benjamin aus Iowa, der Mann für die Nachhaltigkeit, den man morgens bei seinen Yoga-Sitzungen am Strand trifft. Er verdreht die Augen, als drüben bei der Bure die Motorsäge in Epelis Händen aufjault. „Manches muss man einfach so akzeptieren, wie es ist“, seufzt er. In Sachen Energie ist die Nachhaltigkeit bereits erreicht, bei der Lebensmittelversorgung nicht, noch wird jede Woche zugekauft. Auch das Wasser reicht kaum, eine Entsalzungsanlage ist geplant. „Es wäre gut, wenn es Leute geben würde, die online diskutieren, bevor sie auf die Insel kommen und solche Projekte umsetzen“, sagt er.

Doch anders als in der Anfangszeit hat das Internet immer weniger Einfluss auf das Inselleben, abgestimmt wird fast nur noch über den monatlich wechselnden Insel-Chief. Überhaupt ist Tribewanted nicht da, wo es sein sollte. 5000 Mitglieder waren das Ziel, bislang sind es gut 1600. Und es bleibt nur noch etwas mehr als ein Jahr, bevor das Projekt endet und die Insel zurück an den Yavusa-Stamm geht. Wenn es nach Tevita geht, war das erst der Anfang. „Vorovoro kann ein Vorbild sein für ganz Fidschi“, sagt er.

Wenn sich herumspricht, dass hier Leute aus aller Welt den Sulu tragen und mit den Einheimischen zusammenleben, anstatt sich im Hotelzimmer einzusperren. Er streicht mit der flachen Hand über den Boden. Tribewanted wird Fidschi wieder auf den richtigen Weg bringen, davon ist er überzeugt. Vielleicht wird es dann auch eine Breitbandverbindung auf der Insel geben, nicht nur das schwache Handy-Signal hinterm Garten, bei den Schweinen. Und er würde lernen, sich durch Youtube und Myspace zu klicken. Dann wäre die Welt wirklich angekommen auf Vorovoro.

Der Weg nach Vorovoro

Anreise: Lufthansa fliegt von Frankfurt über Los Angeles nach Nadi auf Viti Levu (ab 1450 Euro, mehr unter www.dlh.de). Weiterflug nach Vanua Levu mit Air Pacific bis Labasa (ab 120 Euro für Hin- und Rückflug, mehr unter www.pacificsun.com.fj). Der Transfer vom Flughafen Labasa ist inklusive.

Unterkunft: Eine günstige Unterkunft in der Nähe des Flughafens in Nadi ist die „Nomad Sky Lodge“. Eine Nacht im Doppelzimmer kostet ab 30 Euro. Mehr im Internet unter www.nomadsskylodge.com.fj oder unter Telefon 0 06 79/6 72 22 00.

Tribewanted: Die Mitgliedschaft bei tribewanted.com kostet 225 Euro im Jahr und beinhaltet eine Woche Aufenthalt auf der Insel Vorovoro, inklusive Unterkunft und Verpflegung. Zwei Wochen kosten 450 Euro. Weitere Informationen, Erfahrungsberichte, Fotos und Videos auf der Homepage unter www.tribewanted.com.

Literatur: Ben Keene, einer der Gründer von Tribewanted, hat ein Buch über das Projekt geschrieben: „Tribe Wanted: My Adventure on Paradise or Bust“ (nur auf Englisch, Random House 2008, 19 Euro).

Weitere Informationen über die Fidschi-Inseln bei der Fidschi-Tourismusinformation in Berlin unter Telefon 0 30/42 25 60 26 oder unter www.bulafiji.de.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance/ dpa

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche