Von Nina Rehfeld
29. November 2009 Wer schon einmal in einer amerikanischen Stadt auf ein Fahrrad gestiegen ist und dies in Portland, Oregon, tut, der fühlt sich wie im Verkehrskindergarten. Sogar mitten im Berufsverkehr strampeln ein paar Dutzend Radfahrer, überwiegend brav behelmt, entspannt die 6th Avenue in Portlands Innenstadt hinab. Die Radwegmarkierung ist nahezu halb so breit wie die Autospur daneben, an den Ampeln sind große, knallgrüne Kästen auf den Asphalt gepinselt - die Radlerzone, in der abbiegende Autos und Lastwagen die Zweiradfahrer nicht übersehen können.
Überall sonst in den Vereinigten Staaten gilt Radfahren als Outdoorsport, nicht als Transportmodus, und die Geringschätzung, die die SUV-Nation den Radlern entgegenbringt, gleicht der, die ein Waffenloser im amerikanischen Südwesten erfährt. Aber nicht in Portland, Oregon. Hier sind die Innenstadtampeln auf Radlergeschwindigkeit geschaltet, die Stadt gewährt Unternehmen, die ihren Angestellten einen Duschraum zur Verfügung stellen, Steuererleichterungen, und ein Prozent des Straßenbauetats wird für die Radfahrer abgezweigt. Radlervereine veranstalten jährliche Spaßfahrten wie die zum ekligsten Tag im Februar oder den Mitternachts-Nacktradler-Event im Juli. Es gibt sogar Umzugsfirmen, die mit Fahrrad und Anhänger operieren.
Musterschüler der Energiepolitik

Gestern und Morgen: Im Jean Vollum Natural Capital Center in Portland arbeitet die Organisation Ecotrust an der Zukunft.
Portlands Lust am Drahtesel zeugt vom grünen Gewissen der Stadt, und dieses, sagt der Radtourenunternehmer Todd Roll, sei einem Sinn fürs gute Leben geschuldet: "In den sechziger Jahren wurde Portland stark von Hippies geprägt. Das waren Leute, die wegen der Schönheit der Umgebung hierherkamen und denen daran lag, sie zu erhalten." Radfahren, sagt Roll, der mit seiner Firma Pedal BikeTours interessierte Besucher zu Portlands coolsten Cafés, zu den ökologischen Vorzeigeprojekten der Stadt oder in die umliegenden Weinbaugebiete führt, gehört zu einer gewachsenen Kultur der Nachhaltigkeit. Die Portlander pflegen sie mit großem Selbstbewusstsein, und der Rest des Landes blickt mit wachsendem Respekt nach Nordwesten.
Portland gilt als Musterschüler der amerikanischen Energiepolitik. Senken am Straßenrand fangen Regenwasser zur Bewässerung der Straßenpflanzen auf und verhindern das Überlaufen von Abwässern in den Willamette River. Recycling und Wiederverwertung im "Do It Yourself"-Verfahren werden an jeder Ecke angemahnt, energiebewusstes Bauen dominiert die Architektur. Wenn Barack Obamas Transportminister Ray LaHood sich die Zukunft des Landes ausmalt, dann warten seine Zuhörer schon auf das unweigerliche "P-Wort": Schauen Sie nur, was in Portland möglich ist.
Kunstszene statt Bandenkrieg
Der Sinn für Nachhaltigkeit hat sich auch in Portland nicht über Nacht entwickelt. Künstler, Querulanten und Ökokrieger haben die Stadt, die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts ihren Ausgang als Holzfällerhafen nahm und heute fünfhunderttausend Einwohner zählt, in den vergangenen vierzig Jahren geformt. Eine Reihe städtischer Bauprojekte, die das hier vielbeschworene gute Leben über das routinierte amerikanische Profitstreben stellte, ließ eine Stadt entstehen, die zu den lebenswertesten des nordamerikanischen Kontinents zählt. Oregons Gouverneur Tom McCall, den die Portlander wie eine Vaterfigur verehren, legte sich in den siebziger Jahren mit der Straßenbehörde von Oregon an, als diese eine vierspurige Schnellstraße am Westufer des Willamette River erweitern wollte. Statt den Ausbau zuzulassen, ließ McCall die Straße schließen und einen Uferpark bauen, der heute seinen Namen trägt. Außerdem initiierte er im Jahr 1979 eine städtische Wachstumsgrenze, die der Zersiedelung des Umlands einen Riegel vorschob und die Pflege und Entwicklung der Innenstadtbezirke forcierte. So wurde Ende der neunziger Jahre im Pearl District ein braches Fabrikenviertel aus dem Industriezeitalter entkernt und die alten Backsteingemäuer mit modernen Apartmentgebäuden zu einem alt-neuen Viertel zusammengefügt, das zahllose angesagte Boutiquen, Bars und Restaurants anzog. Heute gilt das Pearl District als schickster Stadtteil Portlands.
Andere Stadtteile sind von den Bewohnern selbst dem Verfall abgetrotzt worden. Eine von Todd Rolls Radtouren führt durch Portlands aufstrebende Kieze, zu denen auch die Mississippi Avenue nordöstlich des Stadtzentrums zählt. Noch vor zehn Jahren war das Leben dort von Bandenkriegen geprägt, heute ist es ein blühendes Viertel mit charmanten Ramschläden, Galerien, Cafés und Nachbarschaftsprojekten wie dem "Rebuilding Center", in dem man recycelte Abrissmaterialien zu günstigen Preisen erstehen kann: Türen, Fensterrahmen, Badeinrichtungen. Als Portlands historisches Heathman Hotel Anfang des Jahres 2009 einer Generalrenovierung unterzogen wurde, entkernten die Mitarbeiter des "Rebuilding Center" dreihundert Zimmer - statt auf die Müllhalde wanderten die historischen Armaturen, Wannen und Kleiderständer in die Halle an der Mississippi Avenue und von dort in die Häuser der Nachbarschaft.
Der weibliche Hannibal Lecter
Die Kreativität der Portlander, erklärt die Schriftstellerin Chelsea Cain, sei auch im weiteren Sinn einem Zwang zur Innenwendung geschuldet: "Zehn Monate des Jahres ist es draußen nicht allzu angenehm, also entwickelt man hier ein reiches Innenleben." Die Autorin, die mit ihrem im Jahr 2007 erschienenen "New York Times"-Bestseller "Heartsick" eine Art weiblichen Gegenentwurf zu Hannibal Lecter schuf - inzwischen hat sie den Thriller zu einer Trilogie ausgebaut -, kam vor zwölf Jahren nach Portland, weil sie New York mit seinen eng gezirkelten, schwer zu durchdringenden Künstlerkreisen satt hatte. "Hier ist die kreative Gemeinde sehr inklusiv und erfreulich offen", sagt sie. Die Stadt veranstaltet mehrere Kunstfestivals im Jahr, neben einem Sinfonieorchester und einer Oper gibt es hier seit dem Jahr 2001 auch ein städtisches Ballett, und die musikalische Indie-Szene hat Rang und Namen. Zu Portlands prominenten Kindern zählen der "Simpsons"-Erfinder Matt Groening, der Filmregisseur Gus van Sant ("Milk") und der Schriftsteller Chuck Palahniuk ("Fight Club").
Im Zuge der Entwicklung des Pearl District und anderer brachliegender Stadtteile begann Portland in den späten neunziger Jahren, hip zu werden; der Umbruch zog massenhaft kreative Menschen an. Die Stadt, sagt Chelsea Cain, habe sich in den vergangenen fünfzehn Jahren dramatisch gewandelt. "Portland hat eine kulturelle Revolution erfahren. Die Leute hier wissen Kultur zu schätzen und unterstützen kulturelle Veranstaltungen, weil jeder irgendwie kulturell involviert ist. Fragen Sie bloß mal die Kellnerin im Brewpub - kann schon sein, dass sie nebenbei in drei verschiedenen Bands spielt", sagt Cain. Die "Brewpubs", Brauereien mit angeschlossenem Bierlokal, sind das Aushängeschild der hiesigen Sinnenfreude - und womöglich die Wurzel von Portlands kultureller Erneuerung in den Neunzigern.
Der Karzer ist das Zigarrenzimmer
Die McMenamins Kennedy School, eine ehemalige Grundschule an der 33rd Avenue, wirkt wie eine leicht verblichene Blaupause von Portlands heutiger Kulturszene: Die einstige Aula ist mit Hilfe zahlreicher Sessel, Sofas und Sitze aus zweiter Hand zum Drei-Dollar-Kino umfunktioniert worden. Dort, wo früher der Turnsaal war, tanzt man heute zu Konzerten lokaler Bands, und die ehemaligen Klassenräume sind liebevoll dekorierte Hotelzimmer. Selbstverständlich sind in der Kennedy School gleich mehrere Bars und Restaurants zu finden; der Karzer von einst fungiert heute mit absichtsvoller Ironie als Zigarrenzimmer.
Die Brüder Mike und Brian McMenamin reklamieren für sich die Ehre, im Jahr 1985 die gute alte Kneipe neu erfunden und mit dem Konzept des Brewpubs eine geräumige Erweiterung des Biertrinkervergnügens geschaffen zu haben. Seit fast vierzig Jahren retten die Brüder historische Gebäude vor der Aufgabe und eröffneten sie stattdessen als verspielt renovierte Bierlokale, Kinos, Musikbühnen oder Hotels neu. Heute sind Portlands Brewpubs angesagte Szene-Treffs mit stilsicherem Ambiente, einer umfangreichen Palette selbstgebrauter Biere und kulinarisch ambitionierten Speisekarten. Und sie sind nicht länger nur gemütliche Treffs kreativer Hippies. In Henry's Tavern an der 12th Street in Portlands historischem Brauereibezirk etwa tummelt sich freitagnachmittags ein junges, schickes Publikum, das man in anderen Städten an der Cocktailbar träfe.
Auch Hippies sind Gourmets
Überhaupt, Portlands kulinarische Kultur: Portlander Köche wie Greg Higgins vom "Higgins' Restaurant", Cory Schreiber aus dem "Wildwood" und Vitali Paley aus dem "Paley's Place" sind inzwischen auch New Yorker Feinschmeckern ein Begriff. Doch ihr lokaler Ruhm gründet nicht nur auf kulinarischem Können, sondern auch auf der "Chefs' Collaborative", in deren Rahmen sie gezielt lokalen, nachhaltigen Anbau von Nahrungsmitteln förderten. Unter anderem half diese Initiative, die bis dahin dominante Holzfällerindustrie durch einen lebhaften Gemüse-, Obst- und Weinanbau in Portlands Umland zu verdrängen. Vierhundert Weingüter gibt es inzwischen rund um Portland, Ende der achtziger Jahre waren es nur vierzig. Im Jahr 2007 titelte die "New York Times": "In Portland: Ein goldenes Zeitalter der Ess- und Trinkkultur". Das hat seinen Preis: Wer heute Greg Higgins' fantastisches Enten-Confit probieren möchte, muss dafür nicht eben schmale 36,50 Dollar hinlegen.
Der Hippietraum vom guten Leben ist einer Genießer-Hippness gewichen. "Portland ist cool geworden", sagt Chelsea Cain, "immer mehr Leute fühlen sich hierhergezogen." Ein bis zwei Millionen Zuzügler erwarten die Stadtplaner für den Großraum Portland in den kommenden zwanzig Jahren, und damit wächst auch der Druck auf die städtische Wachstumsgrenze und den Sinn für nachhaltige Entwicklung. Vor zwei Jahren wurden die Bedingungen zur Erweiterung gelockert, und derzeit prüft die Stadt eine mögliche Ausdehnung für 2010. Chelsea Cain ist ganz froh, dass im vergangenen Jahr angesichts der Wirtschaftskrise viele ambitionierte Stadtentwicklungsprojekte in Portland vorerst zum Stillstand kamen. "Vielleicht ist es gut, einen Schritt zurückzugehen und den Entwicklungsrausch ein bisschen zu verlangsamen", sagt sie. "Mir liegt viel daran, dass Portland sich seinen originären, gemütlichen Charakter bewahrt."
Informationen: Stadtführungen per Fahrrad und mit Todd Roll kann man buchen bei Pedal Bike Tours, 2249 N Williams Avenue USA-Portland, OR, 97227, Telefon: 001/5039169704, im Internet unter wwww.pedalbiketours.com. Über Portland informiert das Fremdenverkehrsamt Oregon, c/o Wiechmann Tourism Service, Scheidswaldstraße 73, 60385 Frankfurt, Telefon 069/25538240, im Internet unter www.traveloregon.de.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ASSOCIATED PRESS