Flugangst

Angsthasen in Flugzeugen

Von Markus Brügge

02. September 2006 Es gibt ein paar Dinge, die weiß jeder halbwegs vernünftige Mensch: Wenn man beispielsweise einen Löwenbändiger einstellt, nimmt man niemanden mit Katzenhaarallergie. Vegetarier werden keine glücklichen Boulettenbräter im Schnellimbiß und der Bock nicht zum Gärtner.

Nun sollte es sich eigentlich von selbst verstehen, daß man es tunlichst unterläßt, zwei von Flugangst gepeinigte Passagiere nebeneinander zu plazieren. Das ist kein Vorwurf an die Fluggesellschaften - schließlich kann man niemandem hinter die Stirn schauen. Doch so kam es also, daß bei einem Flug von Frankfurt nach Oman zwei Menschen aufeinandertrafen, wie man sie sonst nur aus Katastrophenfilmen kennt: Panischer Passagier sitzt neben panischer Frau. Im Kino beruhigt er sie normalerweise noch, wenn auch nur wenig überzeugend, kurz bevor die Maschine dann in Steillage gerät und man beide Triebwerke sanft lodern sieht.

Ruhig Blut!

Dieses Paar aber bekämpfte Feuer mit Feuer. Als ob es nicht schon reichte, daß im Augenblick eine gewisse Grundangst vor explodierenden Wasserflaschen im Handgepäck herrscht - der panische Passagier versuchte, seine Panik mit schlechten Witzen zu bekämpfen. Zum Beispiel, als sich die Maschine zum Zwischenstop im völlig nebelverhangenen Bahrain herabsenkte: „Oh, sind das da Blaulichter auf der Landebahn?!“ Die panische Frau hatte dafür aber keine Augen, sie verfolgte nämlich angestrengt das Prinzip der Panik-Summierung: „Hast du den Typen im Flughafenbus gesehen? Der sah irgendwie so finster aus. Was war das für ein Geräusch? Da! Schon wieder!“ Leise klapperte der Getränkewagen. Es war also eine teuflische Verbindung, die nach einer halben Stunde nur mit Tabletten für jeden gelöst werden konnte.

Besser ist es für alle Beteiligten, wenn es so gut klappt wie auf dem Rückflug. Da saß der panische Passagier neben einem Herrn mit leichten Hörproblemen. Und die panische Frau hatte man neben einen gemütlichen, aber patenten 100-Kilo-Bären gesetzt. Es war zum Glück kein Problembär. Immer, wenn sie gerade zu einer kleinen Hysterie ansetzen wollte, brummte er nur: „Mädchen, hier wird nicht geheult.“

Aber sowas sollte man künftig nicht mehr dem Zufall überlassen, daher der Vorschlag an die Fluggesellschaften, schon am Check-In freundlich zu fragen: „Und Sie - Raucher, Nichtraucher, Angsthase?“



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 3. September 2006
Bildmaterial: Buena Vista/Cinetext, CINETEXT, Cinetext Bildarchiv, picture-alliance/ dpa/dpaweb, UIP/Cinetext

 
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