Von Harriet Wolff
04. Januar 2007 Das Gesicht ist das Wichtigste. Sein Blick ist konzentriert, er verzieht keine Miene, nur auf seinen Augen liegt ein feines Lächeln. Kogetsu Nishiyama arbeitet seit siebzig Jahren als Handwerker, er ist fünfundachtzig Jahre alt. Nishiyama ist ein Meister seiner Zunft, es gibt nicht mehr viele von ihnen in Tokio. Er entwirft und baut Hagoita, kunstvoll verzierte Paddel aus Holz. Sie sind nicht zum Rudern gedacht, sie wären viel zu klein und viel zu schön dafür. Hagoita zeigen, reliefartig appliziert, oft Gestalten aus der Zeit vor zwei-, dreihundert Jahren, als Tokio noch Edo hieß und eine Stadt war komplett aus Holz. Prinzen und Prinzessinnen, Shogune und Geishas sind da zu sehen oder Figuren aus dem Volkstheater Kabuki. Das Gesicht drückt alles aus, sagt der Meister, Kummer wie Freude.
Glücksbringer sind diese Hagoita, und sie sollen besonders zum japanischen Neujahr, Shogatsu, das Glück bringen. Weniger kunstvoll verzierte dienen als Schläger für Hanetsuki, eine Art Federballspiel. An Shogatsu, es fällt mit unserem Jahreswechsel zusammen, verstummt Tokio, die Zwölfmillionenstadt, fast völlig, läuft aber davor zu betriebsamer Höchstform auf. In der Delikatessenabteilung des Traditionskaufhauses Mitsukoshi etwa bilden sich Staus vor Algenmarzipan und grünem Tee, und im Vergnügungsviertel Shibuya drängen Tausende von Angestellten zum After-Work-Absacker. Der wird in unzähligen, meist winzigen Bars ausgeschenkt und gerne im Plural genommen, bei ständig zunehmender Lautstärke.
Prachtvoll dekorierte Schläger sind teuer
Gemächlicher geht es zu bei einer Fahrt mit dem Wasserbus den Sumida-Fluss hinauf, nach Asakusa, Kogetsu Nishiyama besuchen. Er und sein Sohn Saito betreiben dort jedes Jahr einen Stand auf der Hagoita-Ichi, der Messe für glücksbringende Federballschläger. Sie findet auf dem Gelände des ältesten Tempels der Stadt statt, des Senso-Ji von 628. Er ist das Zentrum der Kannon-Verehrung in Japan, einer volkstümlichen buddhistischen Gottheit, die meist als weiblich verehrt wird.
Dutzende Händler bieten auf dem Tempelgelände ihre Hagoita im Freien feil; einen Steinwurf entfernt von Pilgern, die Kerzen entzünden oder vor Kannon demütig in die Hände klatschen. Auf der Hagoita-Ichi wird es nur laut, wenn an einem Stand ein sehr teures Hagoita verkauft wird. Dann skandieren die Umstehenden rhythmisch Zustimmung. So auch jetzt am Stand von Kogetsu Nishiyama. Sein Sohn überreicht dem Kunden einen prachtvoll dekorierten Schläger, ein Meter hoch, 28.000 Yen teuer, das sind gut zweihundert Euro.
Die alten Familiensitten kehren zurück
Die günstigsten liegen bei tausend Yen (7,50 Euro), sind nur einfach bemalt, viel kleiner und längst nicht so filigran. Aber sie taugen eben hervorragend für jenes Federballspiel Hanetsuki. Hane heißt der passende Ball dazu, er wird aus einer kleinen Nuss und Vogelfedern hergestellt und ist meist gefärbt. Die alten Familiensitten kehren zurück, erzählt Nishiyama, Mädchen bekommen wieder mit einem Jahr und mit sieben Jahren ein Hagoita von den Verwandten geschenkt. Ursprünglich war Hanetsuki ein Spiel, das nur kleine Mädchen um Neujahr herum in ihren Kimonos spielten. Und das schon vor knapp vierhundert Jahren. Damals waren die Spielregeln für Hanetsuki streng: Wer den Ball nicht traf, bekam einen schwarzen Tuschestrich ins Gesicht. Gespielt wurde bis zum ersten völlig schwarzen Gesicht. Heute, nachdem Hanetsuki schon fast aus der japanischen Kultur verschwunden war, sind die Regeln weniger harsch, auch Jungen spielen es.
Im Kinder-Messezelt des Senso-Tempels ist denn auch gerade der zweijährige Daichi dabei, kühn ein Hagoita mit seinem Entwurf zu bekritzeln. Neben ihm sitzt seine Schwester Haruna, vier, ganz versunken in das Malen eines Hundes. Draußen riecht es nach Nikuman, mit Hackfleisch gefüllten kleinen Klößen, und nach Okonomiyaki, frisch zubereiteten Omeletts mit Kohl. An langen Biertischen unter einer Plane lässt man sich nieder. Ein Stand bietet Ama-Zake an, warme Reismilch. Auf dem Platz vor dem Stand steht eine kleine Buddhafigur, ein rosafarbenes Häkelmützchen verrutscht auf dem Kopf. Als Schutz gegen die Kälte der Nacht haben es ihr wohl Tempelbesucher angezogen. In der Handfläche des Buddhas liegen Opfermünzen. Ein Bettler bleibt vor der Figur stehen, hält inne. Dann rückt er das Mützchen gerade und geht weiter.
Nach dreihundert Arbeitsschritten ist die Hagoita fertig
Zurück, nach einer Essensrunde, zu Kogetsu Nishiyama. Einmal sei eine junge Frau hier am Stand gewesen; er erzählt, und sein ganzes Gesicht lächelt; mit sieben hatten ihr Verwandte einen meiner Schläger geschenkt. Sie sagte bloß zu mir: ,Danke, ich bin immer noch gesund und zufrieden.' Heute, meint der Fünfundachtzigjährige, freue er sich über solche Erlebnisse, aber es hat lange gebraucht, bis ich zufrieden war mit meiner Arbeit, mit meinen Entwürfen. Wie lange? Vierzig Jahre. Und ich muss immer noch lernen. Handwerker lernen bis zum Tode. Ich weiß nicht, wie lange ich noch lernen muss. Er kramt unter seinem abgewetzten Kissen, auf dem er im Schneidersitz sitzt, eine japanische Zeitschrift hervor, darin ein Artikel über ihn. Stolz erzählt er, dass er immer wieder vor Schülern von der alten Kunst des Hagoita-Machens berichtet, dass er in Tokio das Meisterwesen nach deutschem Vorbild fördere. So etwas gibt es bei uns nicht.
Zwei große Hagoita schaffen sein Sohn Saito und er in einer Woche, aber nur, wenn meine Entwürfe wirklich fertig sind. Er zeichnet die Figuren mit Bleistift auf Papier vor, lässt sie einen Monat in seiner Werkstatt hängen und verändert sie so oft, bis er wirklich zufrieden ist. Saito und er teilen sich die Arbeit: Der Vater besorgt die Muster und das Malen des Gesichts auf Washi, handgeschöpftem Papier, der Sohn das Aufspannen und Pressen der einzelnen Stoffe, die ein Hagoita vereinigt. Die Stoffe kommen von einer Weberei in Kyoto und sind reine Seide. Erst nach dreihundert Arbeitsschritten ist ein Hagoita vollendet, allein das Gesicht beansprucht sechzig Arbeitsschritte.
Handarbeit hält fit
In seiner Werkstatt im Stadtteil Hikifune, nahe Asakusa, verkauft Nishiyama nicht nur zur Neujahrszeit Hagoita. Glück braucht der Mensch immer, sagt er. Er kommt aus dieser Gegend Tokios, sein Vater hatte ein Papiergeschäft in Asakusa, alles verbrannt beim großen Erdbeben von 1923. Damals versank das alte Edo komplett in Schutt und Asche. Als Nishiyama vierzehn Jahre alt war, stellte ihn ein Nachbar der Familie einem erfahrenen Hagoita-Meister vor. Ich malte gerne und brauchte einen Beruf, meine alten Eltern zu versorgen. Der Meister war sehr streng mit mir, zeigte alles nur einmal. Kogetsu Nishiyama kneift die schmalen Augen zusammen. Das meiste habe ich mir dann selbst beigebracht. Hagoita herstellen, das war lange nur eine Technik, mir mein Leben zu verdienen.
Heute arbeitet er freiwillig, jeden Tag, acht Stunden lang. Seine Aufgabe geht ihm nicht aus Kopf und Händen: Handarbeit hält fit, verkalken tue ich nicht. Und Fitness-Studio brauche ich auch keins - so wie all diese jungen Frauen! Spricht's, nimmt einen langen Zug Tee aus der Thermoskannentasse, setzt sich wieder kerzengerade in einer steingrauen Wickeljacke auf sein Kissen. Kogetsu Nishiyama thront in seinem Stand. Verabschiedung, Verbeugungen voreinander.
Dann noch einmal durch Nakamise-Dori, die Budenstraße, die zum wuchtigen Hozomon-Tor des Senso-Tempels führt. Am Senso-Ji wird die Zukunft geweissagt. Pilger und Touristen kaufen ihr Schicksal auf einer kleinen Papierrolle. No. 48: Small fortune, steht da: kleines Glück. Morgen noch einmal an den Stand von Kogetsu Nishiyama. Kleines Hagoita kaufen. Für kleines Glück.
Text: F.A.Z., 04.01.2007, Nr. 3 / Seite R7
Bildmaterial: AFP