Sambia

Fahr mit mir den Fluss hinunter

Von Andreas Obst

07. April 2008 Es ist nicht wahrscheinlich, dass wir uns sicherer gefühlt hätten, wären wir an diesem Tag der Zivilisation näher gewesen. Gewiss gibt es immer eine theoretische Chance, den Biss einer Schwarzen Mamba zu überleben, und sie wäre wohl größer, wüsste man, dass innerhalb weniger Minuten ein Arzt zu erreichen ist. Doch wenn der Name dieser Giftnatter fällt, einer der gefährlichsten unter den Schlangen, ist die Reaktion der Zuhörer vorhersehbar. Sie reicht von Hysterie bis zu einem Desinteresse, das nur gespielt sein kann.

Wir wurden auf Anhieb still, als uns Craig, der Manager des Busanga Bush Camps im äußersten Nordwesten des Kafue-Nationalparks, beim Kaffee mit ernster Miene mitteilte, er habe uns etwas Wichtiges mitzuteilen. Zwei Stunden sei es her, da habe er eine Schwarze Mamba durch das Gebüsch kriechen sehen, das bis unmittelbar an die Strohhütten der Gäste reicht. Zweieinhalb Meter sei das Reptil lang gewesen und so dick wie der Unterarm eines Mannes. Kurz darauf sei es in einem Loch verschwunden. Wo das Loch sei, fragten wir. Craig tat, als habe er nicht gehört. Ob er Serum im Camp habe. Craig nickte abwesend und hob zu einer langen Rede über Schlangenbisse und ihre chemische Bekämpfung an, um schließlich bei dem Eingeständnis zu enden, gegen die Schwarze Mamba helfe kein Serum, jedenfalls nicht hier draußen in der Wildnis, Stunden vom nächsten Dorf entfernt, in dem es auch keinen Arzt gebe.

Wir sollten uns keine Sorgen machen

Wer von dieser Schlange gebissen werde, sagte Craig, sehe einem qualvollen Tod entgegen. Erst sterbe das Gefühl in den Extremitäten ab, bei vollem Bewusstsein werde man unempfindlich für die Berührung der Haut. Gleichzeitig jedoch meine man aus dem eigenen Inneren heraus zu explodieren. Dann versagten die Lungen, und schließlich höre das Herz auf zu schlagen. Nur das Gehirn funktioniere bis zuletzt. Man wünschte, es wäre nicht so. In der sambischen Armee, so sagte Craig dann und blickte einem nach dem anderen ins Gesicht, sei es üblich, dem Unglücklichen, der gebissen worden sei, die Pistole in die Hand zu drücken. So könne er sich immerhin den Todeskampf ersparen.

Doch wir sollten uns keine Sorgen machen. Craig rührte in seiner Kaffeetasse. Er sei eben verpflichtet, uns zu informieren. Man dürfe hier draußen im Busch nie vergessen, dass der Mensch ein Gast in der Wildnis sei. Sie gehöre den Tieren, die hier lebten. Im Grunde gehöre die Wildnis nur sich selbst.

Das Feuer wärmte nur die Füße

An jenem Abend saßen wir nach dem Essen wie stets um das Feuer, doch es war anders als sonst. Keiner sprach ein Wort. Jeder hing seinen Gedanken nach. Sie kreisten um die Schwarze Mamba, die tatsächlich oliv-braun gefärbt ist, ihren Namen hat sie von der schwarzen Innenseite des Mauls, das sie weit aufreißt, wenn sie angreift. Vier Meter lang kann das Reptil werden und sich bis zur Hälfte seiner Körpergröße aufrichten. Wir dachten auch daran, dass bisher in ganz Sambia kein einziger Tourist am Biss einer Giftschlange gestorben ist. Und wir erinnerten uns an Craigs Worte über die Kälte der Nacht und dass eine Schlange die Wärme benötige, um sich bewegen zu können. Ihr Loch könne sie jetzt nicht verlassen, hatte er gesagt. An diesem Satz hielten wir uns erst einmal fest.

Es war sehr kalt geworden, das Feuer wärmte nur die Füße. Im südlichen Afrika hat sich in diesen Wochen der Winter festgesetzt. Die Winternächte sind auch in Afrika eisig. An jenem Abend gingen wir früh in unsere Strohhütten. Wir leuchteten mit der Taschenlampe unter das Bett, zogen das Moskitonetz zu, und dann spürten wir die Wärmflasche an den Füßen. Es war gut, schnell einzuschlafen.

Pünktlich um sechs Uhr klopfte der Diener und öffnete von außen das Panoramafenster in die Wildnis. Es gehört zu den Annehmlichkeiten des Busanga Bush Camps, einer winzigen Insel der Zivilisation in den endlosen Gras- und Sumpfflächen, die Gäste aus dem Bett zuschauen zu lassen, wie der Tag erwacht. Jeden Morgen ist das aufs Neue ein Erlebnis.

In der Wildnis bemisst man Entfernungen nicht nach Kilometern

An diesem Morgen fühlten wir uns neu geboren. Die Sonne erhob sich als glühend roter Ball über der dunklen Baumkette, von der Feuerstelle stieg grauer Rauch auf, der Kaffee war heiß und stark. Wir standen da und wärmten unsere Finger an den Bechern. Es gab nichts zu sagen. Am Feuer zu stehen und den Kaffee in winzigen Schlucken zu trinken und zu sehen, wie die Sonne wie an einer Schnur gezogen in die Höhe stieg, war ein Augenblick des Glücks, an den wir uns von nun an würden erinnern können. Die Schwarze Mamba hatten wir fast schon vergessen. Als wir uns verabschiedeten, fragten wir Craig noch einmal nach dem Loch, in dem die Schlange verschwunden war. Jetzt könne er uns doch sagen, wo es sei. Craig deutete auf den Baum neben dem Zelt, in dem wir am Abend gegessen hatten. Wir hatten dort auf unseren Stühlen gesessen, von der Schlange in unserem Rücken durch eine Strohwand getrennt. Noch an diesem Vormittag würde er das Nest ausräuchern, sagte Craig.

Dann begannen wir zurückzureisen. Es war ein langer Weg. In der afrikanischen Wildnis bemisst man Entfernungen nicht nach Kilometern, sondern nach der Zeit, die man braucht, um von einem Ort zum anderen zu kommen. Wir packten unsere Rucksäcke und sahen zu, wie sie in die Kanus verladen wurden. Unmittelbar vor dem Camp begann der Sumpf. Hier stand das Gras dicht und grün und saftig, weiter in der Ferne veränderte sich die Farbe in Gelb und Ocker und Braun, und dort, wo unlängst ein Buschfeuer gewütet hatte, war der Boden schwarz.

In die feuchten Wiesen vor dem Camp hat man Kanäle geschnitten, gerade breit genug, um Kanus hindurchzustaken. Für wenige hundert Meter braucht man eine halbe Stunde. Dann ist ein trockener Abschnitt erreicht, in dem wir in den ATV umsteigen. Das olivgrüne „All Terrain Vehicle“ ähnelt einer Schneeraupe, wie man sie aus den Alpen kennt. Es ist ein Kettenfahrzeug, das auf einer schmalen Bank dem Fahrer und einer weiteren Person Platz bietet, die anderen müssen sich in einer Art Wanne dahinterquetschen.

Man könnte Sambia für ein gefährliches Land halten

Ohne ATV ist auf der Busanga-Ebene kein Durchkommen, noch nicht einmal während der Trockenzeit, die zu Beginn des Winters einsetzt und in der das wogende Gras darüber hinwegtäuscht, dass der Boden feucht ist wie ein Schwamm. Für dreieinhalb Kilometer benötigt das Fahrzeug knapp zwei Stunden. Auf halber Strecke sprach Craig in sein Funkgerät: „We just finished the first plain.“ So reden Pioniere. So spricht man in Sambia.

Am vereinbarten Treffpunkt stand der Fahrer mit dem Geländewagen, der uns zur Lunga River Lodge bringen sollte, drei Stunden durch lichte Laubwälder, auf einem sandigen Pfad, der genau die Breite eines Fahrzeugs einnahm. Und nicht selten ragten die scharfen mannshohen Elefantengrashalme, dornenbewehrte Zweige von Büschen und Bäumen in die Schneise, so dass man auf der erhöhten Rückbank immer darauf gefasst sein musste, Hindernissen auszuweichen.

Man könnte Sambia, das die doppelte Fläche Frankreichs einnimmt, jedoch nur zehn Millionen Einwohner zählt, für ein gefährliches Land halten. Tatsächlich ist man hier weiter als irgendwo sonst in Afrika von alldem entfernt, was in den westlichen Ländern das tägliche Leben bestimmt. In der immer noch kleinen sambischen Tourismusindustrie, die im Grunde aus nicht mehr besteht als ein paar Dutzend Safariunternehmern und Lodgebesitzern, kennt jeder jeden. Auf einer Rundreise durch die Nationalparks wird man gleichsam von einer Lodge zur anderen weitergereicht und ist dabei wie selbstverständlich eingebunden in das Kommunikationssystem der wenigen, die im Busch leben. Allenthalben stößt man auf dieselben Namen, manche werden mit solch ehrfürchtiger Betonung ausgesprochen, dass die Ehrbezeichnung „Legende“ gleichsam mitklingt.

Holz, Palmblätter, Stroh und Gras

Zu den Pionieren im Luangwa-Tal, das den Mittelpunkt des South-Luangwa-Nationalparks bildet, des populärsten in Sambia, zählt John Coppinger. Er ist achtundvierzig Jahre alt und sieht aus wie Prinz Charles. Coppinger spielte eine wichtige Rolle bei der Erschließung des Tals für den Tourismus - sofern man überhaupt irgendwo in Sambia von Erschließung sprechen kann. Tatsächlich ist es so, dass die touristischen Einrichtungen winzige Oasen sind in einer von Menschenhand weitgehend unberührten Buschlandschaft, in der man schon nach wenigen Metern zum Fremden in der Fremde wird, nicht mehr als ein Grashalm im Wind, ein Blatt, das an einem Ast schaukelt, bis es abfällt - oder von einem Pflanzenfresser abgezupft wird.

So erscheint es folgerichtig, dass die meisten Camps und Lodges in den sambischen Nationalparks von architektonischer Vorläufigkeit bestimmt sind. Sie sind ausschließlich aus Naturmaterialien errichtet - Holz, Palmblättern, Stroh und Gras -, als seien sie von selbst aus der Umgebung gewachsen. Exklusivität ergibt sich in Sambia nicht nur durch die hohen Preise für Unterkunft und überwiegend exzellente Verpflegung, sondern auch durch die Einzigartigkeit des Erlebens. Näher an das Wilde, Ungezähmte, Ewige der Natur ist kaum anderswo zu kommen.

Am frühen Morgen lud uns Coppinger zu einem Flug mit dem Microlight ein, einer Art motorisiertem Lenkdrachen. In weitem Bogen flogen wir über die Lodge am Ufer des Luangwa-Flusses und die Bush Camps, die er auf der anderen Seite errichtet hat. Vier Stunden sind es zu Fuß dorthin, zwei Minuten mit dem Fluggerät. Der Passagier hockt hinter dem Piloten wie in einem Autokindersitz, nur durch den Bauchgurt gesichert, ringsum ist nichts als kühle Luft. Wir flogen in dreißig Meter Höhe und konnten Elefanten am Flussufer erkennen und eine Herde grasender Büffel. Sie ließen sich durch uns nicht stören.

Tiere haben stets Vorrang

Es ist das eigentlich Packende an dem Naturerlebnis in Sambia, dass die Perspektive eine andere ist als anderswo. Nicht der Mensch ist hier wichtig, sondern das wilde Tier als Wirklichkeit gewordene Vorstellung vom Leben im Urzustand. Es ist gewiss nicht falsch, Sambia als Paradies zu bezeichnen, einschließlich der Schlangen. Mehr noch als in anderen afrikanischen Ländern wird hier der Boden und alles, was darauf wächst, um seiner Urbewohner willen geschützt: der Tiere. Fast acht Prozent der Staatsfläche stehen unter Naturschutz, nur in dem vergleichsweise winzigen ostafrikanischen Ruanda ist prozentual mehr Land dem Zugriff der Menschen entzogen. Doch anders als dort und auch anders als in den klassischen Safariländern Kenia, Tansania oder Uganda sind die Nationalparks in Sambia zusätzlich von „Game Management Areas“ umrahmt, zwanzig bis dreißig Kilometer breiten Pufferzonen, die Konfrontationen zwischen Mensch und wilden Tieren verhindern.

Denn während es selbst Tierschützern in Ostafrika schwerfällt, den Sinn ihres Tuns den einheimischen Bauern plausibel zu machen, wenn in der Nacht wieder einmal ein Elefant die Felder zertrampelt und die Ernte vernichtet hat, kommt es in Sambia kaum zu solchen Diskussionen. Hier haben die Tiere stets Vorrang, er wird ihnen allenfalls von Wilderern streitig gemacht, doch diese Geißel der Tierwelt ist mittlerweile weitgehend ausgerottet. Auch daran haben die touristischen Unternehmer erheblichen Anteil.

Da die staatliche Macht kaum über die Grenzen der Hauptstadt Lusaka hinausreicht, waren es die Lodgebesitzer, die Organisationen mit ehrenamtlichen Mitarbeitern gründeten, um den Nationalpark-Rangern logistische Hilfe zu leisten: durch Kleinflugzeuge, Geländewagen, Kommunikationssysteme, Computerstatistiken. Es ist immer noch viel Pioniergeist unter den Unternehmern in Sambia. Noch vor fünfzehn Jahren konnte man in den wenigen Dörfern am Ufer des Sambesi, dort, wo der Fluss die Grenze zu Zimbabwe bildet, Einheimische treffen, die noch nie zuvor einen Weißen gesehen hatten. Das sagt Grant Cumings.

Der heute Siebenunddreißigjährige gründete 1989 das Chiawa Camp direkt am Flussufer, es war die erste touristische Einrichtung im Lower-Zambezi-Nationalpark. In der Broschüre, die in den Zelten ausliegt, steht ein Satz seines Urgroßvaters, der 1906 von der Suche nach Gold am Sambesi zurückkehrte: „So sicher, wie in England Apfelbäume blühen, wird mich nichts mehr nördlich von Mafeking locken. Nicht für allen Tee in China.“ Grant Cumings erinnert sich auch noch an die Jahre, als er zusammen mit seinem Vater in den Sommerferien mit dem Kanu den Fluss erkundete - und sie jedes Mal eine Biegung weiterfuhren ins Unbekannte.

Auf Fußsafaris soll man nicht viel sprechen

Die meisten der weißen Sambier, die heute den Tourismus im Lande dominieren, begreifen ihr Wirken als einzige unmittelbare Zukunftschance in einem Land ohne Industrie und ohne Perspektive. Jeder könne hier sein Auskommen finden, doch mehr auch nicht, das läge in der Natur der Einheimischen, sagt Ed Smyth, ein anderer Tourismuspionier. Der ehemalige Buschkämpfer in der südafrikanischen Armee ist viel herumgekommen in diesem Teil Afrikas. Noch vor wenigen Jahren, während des Regimes unter dem Präsidenten Kenneth Kaunda - er war der Erste, der Sambia nach der Unabhängigkeit regierte -, wäre ein Weißer mit Fotoapparat unweigerlich als Spion verhaftet worden, sagt Smyth. Er selbst hat im oberen Teil des Kafue-Nationalparks ein eigenes Imperium errichtet, völlig unabhängig vom übrigen Land. In der Lunga River Lodge, einer angeschlossenen Werkstatt, in der er eigene Möbel herstellen lässt, und im Busanga Bush Camp beschäftigt er fünfzig einheimische Arbeiter - das allein macht ihn zu einem Wirtschaftsführer im Lande. Wer mit ihm spricht, erkennt auf Anhieb den Machtmenschen, der es gewohnt ist, dass sein Wort als Tat genommen wird.

Es verwundert nicht, dass in einem Land, das solche Männer hervorbringt, die Fußsafari erfunden wurde. Als Begründer dieser Art des Umgangs mit der Natur, die auch ein Moment des freiwilligen Ausgeliefertseins enthält, gilt ein weiterer Pionier, der vor fünf Jahren verstorbene Norman Carr. Sein Leben lang propagierte er das einfache Leben im Busch, das Naturerlebnis mit allen Sinnen. Heute bieten fast alle Lodges in den Nationalparks Safaris zu Fuß an. Die Besucher werden von einem bewaffneten Ranger begleitet und einem eigens ausgebildeten Fußsafariführer, der auf Spuren im Sand hinweist oder die Eigenarten von Pflanzen und Bäumen. Und auf allerlei Hinterlassenschaften. Denn Tiere selbst bekommt der Unerfahrene kaum zu sehen. Eine Gruppe von Menschen im Busch ist fast eine Garantie dafür, keinen Tieren zu begegnen.

Auf unseren Fußsafaris wurden wir schnell zu Experten in Exkrementenfragen. Mittlerweile erkennen wir auf Anhieb den Haufen, den ein Elefant hinterlässt: riesige Grasballen, denn das Tier verdaut nur einen Bruchteil der Nahrung, die es zu sich nimmt. Impalas tragen Revierstreitigkeiten durch die Aufhäufung von Kotkugeln aus, die Exkremente von Hyäne und Krokodil sind weiß gefärbt - weil beide Fleisch mitsamt Knochen hinunterschlingen. An einem Vormittag machte uns der Safariführer auf einen feinen Strich im Ufersand auf einer Insel im Sambesi aufmerksam. Er stamme vom Barthaar eines Flusspferds, das hier geruht habe. Aha, sagten wir zu uns selbst, denn auf Fußsafaris soll man nicht viel sprechen.

Eine breite Narbe, doch wer war Schuld?

In keinem Augenblick hatten wir uns auf diesen Wanderungen durch die Wildnis unsicher gefühlt. Vielleicht war das so, weil wir uns der Gefahren nicht bewusst waren - trotz der mahnenden Worte, die am Anfang jeder Fußsafari stehen: dem Hinweis, bei Gefahr auf keinen Fall wegzulaufen, da Raubkatzen Flüchtende instinktiv angreifen. Und immer hinter dem bewaffneten Ranger bleiben, hieß es, um nicht ins Schussfeld zu geraten. Und auf keinen Fall sollten wir rückwärts gehen, dabei eventuell stolpern und stürzen. Lächerlich sehe das aus, sagte uns Grant Cumings an dem Morgen, da wir das erste Mal in den Busch gingen, und überdies verhalte sich niemand so, allenfalls im Slapstickkino. Alles, was man uns sagte, erschien uns plausibel.

Auch die Geschichte, die uns der Safariführer Josephat auf der Terrasse der Kafunta River Lodge im South-Luangwa-Nationalpark erzählte, einer schönen Anlage direkt über dem Fluss, glaubten wir auf Anhieb. Er zeigte uns eine breite Narbe, die sich über seinen rechten Oberschenkel bis hinunter zur Wade zog. Im Sommer vor sieben Jahren sei es hier am Fluss geschehen. Freunde hatten ihn zum Angeln mitgenommen. Und wie sie so am Ufer angelten, da sah er in der Ferne ein Krokodil ins Wasser gleiten. Das Nächste, was er sah, war ein weitaufgerissenes Maul, das auf ihn zuschoss. Zurückgewichen sei er genau in diesem Augenblick, das habe ihn gerettet. Die Zähne haben ihn nur gestreift. Als Josephat geendet hatte, schwiegen wir, so, wie man schweigt, wenn man nicht weiß, was man sagen soll. Da lachte Josephat dröhnend los. Eine hübsche Geschichte sei das, immer wieder freue er sich über die Reaktion der Zuhörer. Tatsächlich sei die Narbe das, was von einem wüsten Fußballmatch vor vielen Jahren blieb. Krokodile könne er trotzdem nicht ausstehen.


Andreas Obst (1959-2008), langjähriger Mitarbeiter des F.A.Z.-Reiseblatts und Musikkritiker, ist vor einer Woche in den Tropen verunglückt (Siehe auch: Zum Tod von Andreas Obst). FAZ.NET veröffentlicht diese Sambia-Reportage aus der F.A.Z. (11. Juli 2002), um an den großen Afrika-Kenner zu erinnern - und wir sind sicher, damit nicht nur den vielen Menschen aus der Reisebranche, die Andreas Obst schätzten, eine Freude zu machen, sondern allen Lesern, die sich für wunderbare Reportagen und die Geheimnisse Afrikas begeistern.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 7. April 2008.
Bildmaterial: Andreas Obst

 
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