Orlando in Florida

Achtundvierzig Millionen gute Gründe

Von Jakob Strobel y Serra

21. April 2008 Wo geht's zu den Helden? Hier entlang, mitten hinein ins Land der Sorglosigkeit, in dem der Stärkere den Schwächeren nicht frisst, über den Kuppeln des Morgenlands amerikanische Flaggen flattern, im Herzen der kongolesischen Finsternis Coca-Cola serviert wird und Timbuktus Löwen putzige Plüschtierritterrüstungen tragen. Diese wundersame Welt heißt Busch Gardens, ist einer der zwei Dutzend Freizeitparks rund um Orlando, steht ganz unter dem Generalmotto Afrika und hat zwischen Timbuktu Village und Congo River eine Heldengedenkstätte eingerichtet.

„Here's to the Heroes“ steht auf übermannshohen Schildern, über denen die Fahnen aller Teilstreitkräfte wehen. Denn es geht ausnahmsweise nicht um Spielzeughelden, sondern um echte - um die bewaffneten Einheiten, die Amerikas Freiheit und Sicherheit in aller Welt verteidigen. Sie haben freien Eintritt in den Vergnügungspark, was in enthusiastischen Dankesbriefen dokumentiert wird. Weit mehr als hundert Dollar hätten sie gespart, schreibt eine Soldatenmutter gerührt. „You not only made our day, but our week as well“, heißt es auf einer anderen Tafel freudestrahlend. Und ein Major spendet militärisch zackig Dank. Es klingt wie: Weitermachen!

Was ist bloß los mit den USA?

Das Heldenmal ist der einzige Auftritt der tristen Wirklichkeit in Busch Gardens. Sie hat dort ja auch nichts zu suchen. Und dass das Publikum den Affen und Giraffen weit mehr Beachtung schenkt als seinen Helden, ist noch lange kein Grund, den Amerikanern einen erschlaffenden Patriotismus zu attestieren. Beunruhigend ist es allerdings schon, dass hier niemand seiner Vaterlandsliebe auf Brust und Kopf mit Hemd und Kappe Ausdruck verleiht, wie es bis vor kurzem noch zum guten Ton gehörte.

Neben Achterbahnen bietet Sea World zahlreiche Meeresbewohner Busch Gardens: Afrika Safari mitten in Florida Zwischen all den Achterbahnen in Busch Gardens... ...sind die Orang-Utans heimisch

Was ist bloß los mit den Vereinigten Staaten von Amerika, die schwer depressiven, in schwärzester Hoffnungslosigkeit versinkenden Filmen wie „No country for old men“ oder „There will be blood“ Oscars hinterherwerfen und apokalyptische Schriftsteller wie den phantastischen Cormac McCarthy mit Preisen überhäufen, weil er solche Sätze meißelt: „Er wusste nur, dass das Kind seine Rechtfertigung war. Er sagte: Wenn er nicht das Wort Gottes ist, hat Gott nie gesprochen.“

Salat für die Giraffen

Gottlob ist nichts von alledem in den afrikanischen Gärten Floridas zu spüren. Hier spaziert man entspannt an marokkanischen Kasbahs, ägyptischen Tempeln und dem Autoscooter Ubango-Bango vorbei, wundert sich ein wenig über die geographische Großzügigkeit, die auch ein „Bengalisches Bistro“ nach Afrika transferiert und dort sogar Tiger und Orang-Utans heimisch werden lässt. Sie wohnen im jüngsten Teil der Busch Gardens, der vor kurzem eröffneten Dschungellandschaft Jungala, und ein bisschen schaut es so aus, als hielten sich die Orang-Utans die Ohren zu, weil ihr neues Zuhause zwischen lauter Achterbahnen liegt. Das Kreischen der dort festgezurrten Menschen ist die Grundmelodie im Park, dieser eigentümlichen, aber gar nicht unglücklichen Mischung aus Zoo, Rummel, Fast-Food-Verköstigung und Souvenirsupermarkt für die ganze Familie.

Die Jüngeren werden gern in Kinderwagen herumgeschoben, selbst wenn sie dem Kinderwagenalter längst entwachsen sind und es ihnen nicht schaden könnte, sich ein wenig zu bewegen. Die Älteren bilden einen Konvoi aus Elektrokarren, wobei sie ihr eigenes Ubango-Bango-Autoscooter spielen. Und alles ist so ungeheuer sauber, weil es mehr Papiereimer als Tiere gibt und Heerscharen von Putzengeln jeden Krümel binnen Sekunden beseitigen, alles ist so unglaublich friedlich, freundlich, harmonisch, zivilisiert, perfekt organisiert, dass man sich fragt, warum die Amerikaner anderswo auf der Welt keine Ordnung hinbekommen.

Richtig afrikanisch wird es in der Serengeti Plain, einer großen Wiese mit Zebras, Giraffen, Büffeln, Nashörnern, Impalas, Gnus, Flamingos, Straußen und - ein wenig abseits im eigenen Gehege - einem Rudel Löwen. Das Einzige, das hier zum letzten Glück fehlt, ist der Kilimandscharo. Mit einem echten Geländewagen fährt man durch die Tierwelt, vorbei an Savannengras, das so sorgfältig manükiert ist wie Golfplatzgrün, fotografiert Zebras, die so vollendet gestreift sind, als hätten sie bei einem Casting-Wettbewerb gewonnen, füttert Giraffen mit Salatblättern, die sich so handzahm benehmen wie Streichelzooponys, und ist sehr traurig beim Abschied von dieser Miniatur-Serengeti, weil in ihr alles wie echt ist mit einer paradiesischen Ausnahme: Kein Lebewesen muss hier Angst vor seinen natürlichen Feinden haben. Was für ein Symbolbild! So möchte nicht nur Amerika am liebsten leben!

Kein Platz für Sozialromantiker

In der Weltspaßhauptstadt Orlando kann es so leben. Hier ist alles gut und schön, und zwar nicht wahr, dafür aber verführerische Illusion für unfassbare achtundvierzig Millionen Besucher pro Jahr. Für die meisten von ihnen ist Orlando eine einzige Erlebnislandschaft aus Freizeitparks und Shopping Malls, Rutsch- und Achterbahnen, Hotels und Restaurants, ohne Anfang, ohne Ende, ohne Verdichtung, ohne Vergangenheit - ein ganzer Planet des industriellen Amüsements, der nicht nur Micky Maus und Hollywoods Heldengarde, sondern sogar Alligatoren und den Hauptdarstellern des alten Testaments mit eigenen Themenparks huldigt.

Das Schöne dabei ist, dass nur die Ausmaße monströs sind und die Vergnügungen selbst fast intim familiär. Ganz besonders gilt das für den jüngsten Themenpark Orlandos, das vor wenigen Tagen eröffnete Aquatica, einen weiteren Spross der großen Busch-Vergnügungsparkfamilie. Es ist eine Art Riesenspaßbad mit Wasserrutschen, Stromschnellen, Delphinbassins, Wellenbädern und einem künstlichen Strand, auf dessen albinoweißem Sand die Liegen so eng stehen wie in Torremolinos, nur dass es hier kein Meer gibt. Sein Motto ist trotzdem die Südsee. Deshalb hat man eine Handvoll wohlgestalteter Polynesier engagiert, die Trommeln schlagen, Hüften wiegen und Blumenkränze verschenken.

Unter Haien und Barracudas

Das übrige Personal stammt aus der näheren Umgebung, wobei aus Lohnkostengründen auffallend viele sehr junge und sehr alte Menschen darunter sind - keine alteuropäische Jammerlappenbande, die gleich den Untergang des Abendlandes herbeizetern, wenn sie zwei Jahre später in Rente gehen sollen, sondern drahtige Greise, denen nur Sozialromantiker lieber einen Schaukelstuhl als einen Steharbeitsplatz unter der nimmermüden Sonne Floridas gönnen. Dass die amerikanische Zivilisation allen anderen nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ überlegen ist, lässt sich in Aquatica mühelos feststellen. Denn fast alle Besucher tragen Badekleidung, doch nicht alle dürfen die Röhrenwasserrutschen benutzen; an ihrem Eingang klebt ein Schild, das eine Gewichtsobergrenze von hundertfünfunddreißig Kilo festlegt, um peinliche Interessenkonflikte zwischen dem Röhren- und dem Körperumfang zu verhindern.

Die Größe Amerikas beschwor auch Orlandos Bürgermeister bei der offiziellen Eröffnung des ersten, komplett neuen Parks in seiner Stadt seit acht Jahren. Von einer Krise wollte er nichts wissen, stattdessen feierte er Orlando als immerwährenden „Spielplatz der Welt mit der Lizenz zum Spaßhaben“ und sagte voll der Begeisterung, dass die Amerikaner in schlechten Zeiten als allerletztes auf einen Urlaub im Freizeitpark verzichteten. Und ein Herr vom Marketing der Busch-Parks meinte, dass die Leute vielleicht einen Tag kürzer blieben und mit dem Auto statt dem Flugzeug anreisten, aber sie kämen ganz bestimmt. Seiner Firma gehe es übrigens ausgezeichnet, genaue Zahlen könne er aber bedauerlicherweise nicht nennen.

Kein Filet vom weißen Hai

Die langen Schlangen in Aquatica und ihrer großen Schwester Sea World, einem der Pionierparks in Orlando, lassen keinen Zweifel an der Aufrichtigkeit des Marketingmanns. Während man sich in Aquatica vor Rutschen anstellt, macht man das in Sea World vor Achterbahnen und riesigen Stadien, in denen Delphine, Seelöwen, Otter und Orcas zeigen, wie schön sie toben können. Am tollsten aber ist das Bassin mit der „weltgrößten Sammlung an gefährlichen Meeresbewohnern“, in dem so viele Haie, Rochen, Barracudas und Zitteraale schwimmen wie Koi-Karpfen in einem japanischen Zierteich. Und am allertollsten ist das Hairestaurant gleich daneben: ein dunkler Raum mit einer zehn Meter hohen Aquariumsglaswand, hinter der furchteinflößende Haifische in der Größe von Mittelklassewagen ungeduldig ihre Runden drehen.

Es ist ein eigenartiges Gefühl, beim Essen zu sitzen und daran zu denken, dass der in Armlänge vorbeischwimmende Hai wahrscheinlich gerade daran denkt, wie schön es wäre, einen selbst aufzuessen. Wohl aus Pietätsgründen klingt die Karte zwar verlockend, ist dann aber eher konventionell - „The Great White“ ist kein Filet vom weißen Hai, sondern ein grüner Salat, und hinter dem „Shark's Trio“ verbirgt sich schlicht die gemischte Meeresfrüchteplatte. Dafür kann man Haifische aller Art aus Plüsch oder Plastik in den Ladengalerien am Ausgang erstehen oder auch hochwertige Souvenirs in einem Geschäft, das mit der Inschrift „Industry Artisans“ wirbt. Industriekunsthandwerker? Amerika, ein Land voller Widersprüche.

Hundeknochen für Gourmets

Die allermeisten der achtundvierzig Millionen Besucher setzen sich nicht dem Widerspruch aus, die schöne, sorglose Unwirklichkeit der Themenparks mit der Wirklichkeit der Stadt Orlando zu vergleichen. Das ist ein großes Versäumnis, denn dort gibt es ein herrliches Viertel aus jener fernen Zeit im späten neunzehnten Jahrhundert, als Orlando wenig mehr war als die Sommerfrische reicher „Snowbirds“ aus dem kalten amerikanischen Norden. Sie verbrachten die Monate von Weihnachten bis Ostern im milden Florida und errichteten sich rund um die Seen von Winter Park unter Zypressen, Rhododendren, Bougainvilleen und schlafendem Hibiskus Villen wie aus Romanen von Scott Fitzgerald. Heute leben dort immer noch die Reichen und Schönen, am liebsten in Palästen mit Gärten groß wie Fußballfelder, Säulen hoch wie beim Parthenon und Bootshäuschen schön wie Teepavillons. Auch das ist eine Welt der Sorglosigkeit. Allerdings kostet der Eintritt hier ein paar hunderttausend Dollar.

Auf der Hauptstraße von Winter Park finden die besseren Stände all das, was sie in den Freizeitparks vermissen könnten: erlesene Geschäfte für den individuellen Geschmack, keine Ketten mit sozialistischem Einheitssortiment, jedes zweite ein Juwelier, jedes vierte eine Brautmodenboutique, dazwischen Chocolatiers, Seifenmacher, ein Küchenutensilien-Serail für den Hobbykoch und ein Hundebedarfsparadies für den Tierfreund. Es führt nicht nur Cowboyhüte, Bikinis, Strasshalsbänder und rüschenverzierte Luxuskörbchen für den Vierbeiner von Geblüt, sondern auch Haute-Cuisine-Hundekuchen in den Geschmacksrichtungen Apfel, Banane, Ingwer, Pizza, Erdnussbutter und Cheddar Cheese, das Stück etwa zum Preis des großen Hamburgermenüs im Themenpark.

Ich brauche einen Drink

Wie schnell man all die Aquaticas, Sea Worlds, all die Parks von Disney und Universal vermisst, wird einem schlagartig in Downtown Orlando bewusst, wenn man dort lauter Dinge sieht und hört, die man gar nicht vermisst hat: Abfall, Schlaglöcher, Autolärm, arbeitende Menschen ohne Lächeln im Gesicht, Polizeisirenen, die wie die Fanfare des apokalyptischen Reiters klingen, Obdachlose mit Mundgeruch, die Pappschilder hochhalten, auf denen steht: „Why lie? I need a drink.“ So ist das eben in einer Boomtown wie Orlando, die zu ihrem allergrößten Teil jünger ist als ein Menschenleben und noch in den fünfziger Jahren ganze fünfzigtausend Einwohner zählte.

Inzwischen sind aus ihnen zwei Millionen geworden, und zwar aus drei Gründen, wie man hier sagt: erstens wegen des Insektizids DDT, das die Mücken aus den Sümpfen vertrieb; zweitens wegen der Air Condition, die die Hitze besiegte; drittens wegen des 1971 eröffneten Themenparks Disney World, der Orlando zum populärsten Touristenziel der Vereinigten Staaten gemacht hat. Dreißig Milliarden Dollar verdient die Stadt jedes Jahr an ihren Gästen, deren Zahl von Jahr zu Jahr genauso kontinuierlich steigt, wie die Hochhäuser im Zentrum emporwachsen.

Eine Nachricht von Gott

Zu ihren Füßen wird gerade das bescheidene historische Erbe der Innenstadt aufgepäppelt, ein paar lange vernachlässigte Straßen rund um die Church Street mit alten Backsteinhäusern und ein, zwei Art- Déco-Pretiosen, in denen es sich immer mehr Restaurants und Kneipen bequem machen. Das berühmteste Lokal ist der eben erst wiedereröffnete „Cheyenne Saloon“, der den etwas vermessenen Namenszusatz „Opera House“ führt, weil auf seiner Bretterbühne ab und zu Countrybands spielen. Es ist eine kathedralengroße Trinkstätte auf drei Etagen fast ganz aus Holz und Messing mit Tiffany-Glas als Deckenlichtern, Cowboy- und Indianer-Devotionalien an den getäfelten Wänden und Wildwest-Skulpturen von Frederic Remington auf dem Tresen, mit riesenhaften Buffalo-Bill-Werbeplakaten, Winchester-Gewehren hinter Vitrinen und Büffelschädeln über Clubsesseln - ein Saloon, dem man niemals eine Schlägerei zutrauen würde. Stattdessen ist er so blitzblank idealtypisch und perfektionistisch hergerichtet für den harmlosen Spaß, dass man sich beinahe wie in einem Themenpark fühlt.

Jenseits der wenigen Kneipenstraßen wird es abends ganz schnell dunkel und unheimlich. Auf dem Heimweg kann man leicht seitlich von einer Gestalt ohne Gesicht angesprochen werden, die in einem finsteren Hochhauseingang lauert und den Vorbeikommenden harsch fragt, ob man schon die gute Nachricht vernommen habe, dass Gott einen liebe. Ist das jetzt Ernst oder Spaß?

Orlando macht Spaß

Anreise: Lufthansa fliegt seit kurzem direkt von Frankfurt nach Orlando, die Preise beginnen bei 519 Euro. Bei Flügen mit amerikanischen Gesellschaften muss man umsteigen. United Airlines zum Beispiel fliegt über Washington.

Informationen: Auskünfte über Busch Gardens, Aquatica und Sea World gibt es bei: Worlds of Discovery, Luisenstraße 7, 63263 Neu-Isenburg, Telefon: 06102/366636, Internet: www.WorldsofDiscovery.com; Informationen über die übrigen Parks und die Stadt Orlando: Orlando Tourism Bureau, Angelbergstraße 7, 56076 Koblenz, Telefon: 0800/ 1007325 (gebührenfrei), Internet: www.orlandoinfo.com/de.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Busch Gardens, F.A.Z., Sea World

 
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