Laos

Stillstand mit Bier

Von Till Haase

17. Juni 2008 Draußen scheint die Sonne, und ein paar hundert Meter weiter fließt gemächlich, als wolle er sich in der Hitze nicht zu viel bewegen, der Fluss Nam Xong an der kleinen Stadt vorbei. Das Internetcafé am Ende der Hauptstraße ist bis auf den letzten Platz besetzt. Viele haben ein Headset auf dem Kopf und telefonieren. Die jungen Leute sprechen Französisch, Deutsch, Hebräisch oder Englisch. Wenn man die Trekkingsandalen vor der Eingangstür ausblendet und die mit Mückenstichen übersäten Beine - es könnte das Callcenter eines großen Unternehmens sein. Wir sind aber mitten in Vang Vieng, Laos. Und die Leute, die sich dafür interessieren, was zu Hause so los ist, machen Urlaub.

In einer Ecke des Internetcafés, unter der Klimaanlage, sitzt eine Art Lara Croft, eine Frau in Tanktop und Khakihosen. Auf dem Bildschirm vor ihr sieht man ihren Gesprächspartner: ein junger Mann in ihrem Alter, Anfang zwanzig. Seit zwei Stunden sitzt sie dort, flirtet mit dem Monitor, spielt mit ihren Haaren und dreht sich auf dem Schreibtischstuhl hin und her. Lara Croft hat gestern schon hier telefoniert und vorgestern, den halben Tag lang.

Sitcom von Morgen bis Abend

Wer mit Rucksack und wenig Geld nach Laos reist, kommt irgendwann nach Vang Vieng. Die Stadt liegt vier Busstunden nördlich von der Hauptstadt Vientiane auf dem Weg nach Luang Prabang, das von der Unesco 1995 zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Vang Vieng selbst besteht aus zwei größeren Staubpisten und einem halben Dutzend Querstraßen, die sie miteinander verbinden. Zu Fuß durchquert man den Ort in zwanzig Minuten. Auf den Straßen liegt ein Geschäft nach dem anderen: Massagesalons, die auch Haushaltswarenläden sind; Geldwechselstuben, die auch Reinigungen und Reisebüros sind; und immer wieder Cafés, Bars, Restaurants, ähnlich wie die Khao San Road in Bangkok.

In den Bars der Stadt sieht es um elf aus wie um sechzehn Uhr und um sechzehn wie um zweiundzwanzig Uhr. Als ob gerade ein Gangster mit gezückter Waffe und den Worten "Keine Bewegung!" hereingekommen wäre. Überall läuft die amerikanische Sitcom "Friends", täglich von morgens um neun, wenn die Restaurants öffnen, bis abends um zehn, wenn sie schließen. Auf einer Sitzkissenlandschaft vor einem Fernseher liegen träge die Touristen, ein stiller Kampf mit den Nachwehen der letzten Nacht. Irgendwann hebt dann doch noch ein blondgelockter Mann im Manchester-United-Trikot langsam, ganz langsam den Arm. Seine Freundin, auf seinem Bauch liegend, schreckt kurz auf, und in Zeitlupe schlurft ein Laote heran, um die Bestellung aufzunehmen. Bananen-Pfannkuchen, Schinken-Käse-Sandwiches, Cola, Bier. Es gibt 236 "Friends"-Folgen, jede etwa 22 Minuten lang, gut 86 Stunden insgesamt. Das reicht für sechs Tage. Drei Stunden später steht der Blondgelockte auf, seine Freundin fragt, wo er hinwill. "Die Folge kenne ich schon."

Auf Holzpodesten unter Strohbaldachinen

Eine der Querstraßen hinunter und über provisorische Bambusbrücken gelangt man auf eine kleine Insel und schließlich an den Strand von Vang Vieng. Zumindest wird die Grasfläche am Flussufer so genannt. Der Nam Xong plätschert über ein paar Steine, im Hintergrund erheben sich mächtige grünbewachsene Karstberge. Auf kleinen Holzpodesten liegen die Leute unter Strohbaldachinen, in Hängematten oder auf Kissen, deren Bezüge eine Wäsche vertragen könnten. Die Speisekarte ist die gleiche wie in den Bars oben in der Stadt.

Jack Johnson singt, und ein Mann, Mitte vierzig, mit Elf-Tage-Bart gesellt sich zu einer der Gruppen. "Ja, auch aus England", stellt er fest und erzählt, dass er jetzt seit einem Jahr hier sei, wegen des billigen Opiums. Keine Reaktion. Der Mann bleibt noch eine Weile bei den Touristen stehen, so wie ein Betrunkener, der endlich jemanden gefunden hat, dem er seine Geschichte erzählen kann. Als er endlich weiterschlappt, bestellen die Engländer Bier. Über ihren Köpfen hängt ein Schild: "Keine Drogen rauchen auf der Insel. Zu gefährlich, nicht sicher."

Im Autoreifen den Fluss hinunter

Vor drei Jahren noch galt Vang Vieng als Paradies für Drogentouristen. Es gab Opium und psychedelische Pilze im Überfluss. Gras sowieso. In Reiseführern wurde gewarnt vor den "Happy"- oder "Special"-Gerichten auf den Speisekarten, die ahnungslosen Besuchern einen Kreislaufkollaps oder Schlimmeres bescherten. Heute gibt es das alles auch noch: auf Nachfrage und hinter vorgehaltener Hand. Warnschilder finden sich oft mit dem Zusatz: "Wenn die Polizei euch erwischt, müsst ihr 500 Dollar zahlen." Die Polizeipräsenz wurde verstärkt, hört man, doch von Beamten sieht man keine Spur.

Gegen siebzehn Uhr, es beginnt gerade zu dämmern, wird die Ruhe unten am Strand gestört. Erst ist es nur ein Johlen, ein Kreischen aus der Ferne, so leise, dass es auch aus den Musikboxen unter dem Strohdach kommen könnte. Dann sieht man am Horizont einen Haufen bunter Punkte auf dem Nam Xong. Es gibt viele Möglichkeiten, herumzuhängen in Vang Vieng. Den bunten Punkten am Horizont sind die Hängematten und Sitzkissen zu langweilig geworden. Sie setzen sich in Schläuche von Autoreifen, trinken Bier und lassen sich den Fluss hinuntertreiben. Tubing nennt man das.

Der Tourist und sein Schlauch

Die "Tubing Group", eine Dorf-Kooperative, vermietet die Schläuche an Touristen. Mit Tuk-Tuks, den bunten Mofarikschas, geht's ein paar Kilometer den Fluss hinauf, und dort werden Tourist und Schlauch sich selbst überlassen - beziehungsweise den Besitzern der zahlreichen Bars, die sich die ganze Strecke bis zurück nach Vang Vieng auf Holzpfählen an den Fluss drängeln und das Umland mit Technomusik und Reggae beschallen. Die Männer stehen am Ufer, winken, rufen: "Friend, friend! Beerlao!" und ziehen die hilflosen, aber nicht abgeneigten Touristen in den Schläuchen zu sich an Land. Einige "Rastplätze" haben Seilbahnen gebaut oder Lianen aufgehängt, von denen sich die Touristen nach ein paar Bier oder Cocktails oder beidem glückselig ins Wasser plumpsen lassen. Dann noch ein Bier auf die Hand, zurück in den Reifen und auf zur nächsten Bar, bis man schließlich wie Strandgut in Vang Vieng angespült wird.

Es ist gar nicht lange her, da soll es nachts hoch hergegangen sein in Vang Vieng, vor allem auf der Insel, bei den Strandbars: Techno, bis in die frühen Morgenstunden. Wer auch mal zum Schlafen kommen wollte, dem wurde eine Unterkunft außerhalb empfohlen. Jetzt hat Vang Vieng eine Sperrstunde, um Mitternacht schließen die letzten Bars. Die Besucher haben sich für zwei Stunden aus den Sitzkissen, Hängematten und Schläuchen erhoben, haben Bier aus Schläuchen und Whisky aus Eimern getrunken. Jetzt werden sie freundlich nach draußen gebeten. Der eine oder andere holt sich noch ein Bier auf die Hand. Eine halbe Stunde später wanken nur noch ein paar Verirrte über die ausgestorbenen Straßen. Morgen ist auch noch ein Tag, mit neuen Folgen "Friends" und aufregenden Nachrichten von zu Hause.

Der Weg nach Vang Vieng

Einreise Ein Visum bekommt man für 40 Euro bei der Botschaft von Laos in Berlin (Telefon 0 30/89 06 06 47) oder an der Grenze (ca. 30 Dollar), unbedingt Passfotos mitnehmen! Die beste Reisezeit ist von Oktober bis Februar.

Anreise Die Hauptstadt Vientiane wird von Thai Airways (circa 85 Euro) und Lao Airlines (circa 60 Euro) aus Bangkok angeflogen. Etwas teurer ist ein Flug nach Luang Prabang. Von Vientiane oder Luang Prabang geht es mit dem Bus oder Pick-up weiter nach Vang Vieng, das dauert zwischen drei (Trockenzeit) und fünf Stunden (Regenzeit).

Bahn Ein Erlebnis ist die Fahrt im Schlafwagen der thailändischen Bahn (rund 20 Euro). Abends kommt ein netter Schaffner und bezieht einem das Bett. Nur das Frühstück sollte man sich auf keinen Fall aufschwatzen lassen. Abfahrt abends in Bangkok, Ankunft morgens in Nong Khai, der letzten thailändischen Stadt vor der Grenze. Weiter mit dem Tuk-Tuk oder Pick-up bis nach Vientiane.

Unterkunft Im „Thavonsouk Resort“ (www.thavonsouk.com) in Vang Vieng bekommt man für unter 10 Euro einen ziemlich ordentlichen Bungalow. Luxuriösere Zimmer kosten zwischen 20 und 40 Euro pro Nacht. Weitere Informationen beim Laos-Informationsbüro unter Telefon 0 81 51/77 02 22 oder info@is.eu.com



Text: F.A.S.
Bildmaterial: F.A.Z.

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