Von Jordan Mejias
16. Juli 2008 Paris ist zum Flanieren da. Deshalb zieht es so viele New Yorker dorthin. Auf den Boulevards, in den Parks, am Seineufer, natürlich auch in den Passagen können sie, unter oder ohne Anleitung von Walter Benjamin, das verschärfte Tempo, das sie zu Hause gewohnheitsmäßig vorlegen, endlich drosseln. Ab und zu brauchen ja auch die ortsüblichen Dauerläufer eine Verschnaufpause. Paris als Anti-New-York tut da seit eh und je seine guten Dienste.
Wie lange aber dürften die noch in Anspruch genommen werden? Es wird immer teurer, mal kurz übers Wochenende über den Atlantik zu jetten, bei diesen Ölpreisen und diesem Eurokurs, und ökologisch korrekt ist es auch nicht. Also hat sich Bürgermeister Michael R. Bloomberg etwas einfallen lassen. Schon im nächsten Monat soll ein Hauch von Paris durch New York wehen, nicht irgendwo am Rande der Stadt, auch nicht in Form eines Erlebnisparks nach dem Vorbild von Las Vegas, sondern mittendrin im Hochhäusermeer, direkt auf dem Broadway.
Cafés rücken vor
Zwischen dem Times Square, wo sich jetzt das familientaugliche Amüsement eingenistet hat, und dem Herald Square, wo nicht nur das Kaufhaus Macy’s zum Shopping einlädt, wird sich der Broadway über sieben Straßenblocks hinweg in den Broadway Boulevard verwandeln. Was müssen wir uns darunter vorstellen? Von den vier Spuren werden zwei den Autofahrern entzogen und Radfahrern und Fußgängern überlassen, die sich natürlich auch als Flaneure versuchen können.
Cafés bekommen die Erlaubnis, ihre Tische in der neuen Entspannungszone aufzustellen, und selbst die Stadt lässt sich nicht lumpen und trägt zur urbanen Veredelung mit Bänken, Sonnenschirmen und Blumenkübeln bei. Die Radfahrwege werden grün angestrichen, die Flanierpfade mit feinkörnigem Spezialkies bedeckt. Um dem Projekt die gebührende Eleganz zu verleihen, wurde Jan Gehl engagiert, ein international angesehener Stadtdesigner, der in Kopenhagen seinen Stammsitz hat.
Park Avenue ohne Autos
Siebenhunderttausend Dollar ist New York der Spaß wert. Wer jetzt denkt, dass das nicht wenig Geld ist angesichts einer Wirtschaftskrise, deren Folgen für die vom Finanzmarkt geprägte Stadt noch gar nicht abzusehen sind, muss am besten mit dem Stadtoberhaupt ein bisschen weiterdenken. Bloomberg, der vielfache Milliardär auf dem Bürgermeisterposten, hat zwar grundlegend nichts gegen Spaß, verfolgt aber seine Pläne mit der Unbestechlichkeit, Zielstrebigkeit und Gewissenhaftigkeit des geborenen Erbsenzählers. Als Flaneur wird er wohl nie in die Stadtgeschichte eingehen, auch nicht nach dem Bau des Broadway Boulevards, aber er hat die Autofahrer im Visier. Die nämlich wollte er ursprünglich mit einer Straßengebühr empfindlich zur Kasse bitten.
In Albany, der Hauptstadt des Bundesstaates New York, wo die Stadt New York immer wieder den Kürzeren zieht, mochte niemand das Vorhaben unterstützen. Statt aufzugeben, sucht Bloomberg nun den Autoverkehr einzudämmen, indem er einfach weniger Fahrspuren anbietet. An drei Wochenenden im August wird sich zudem die Park Avenue in ein autofreies Revier verwandeln, und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis Leihfahrräder, wie sie in Paris mit den Vélibs zum Hit geworden sind, auch auf der Fifth Avenue und, warum nicht, sogar auf der Wall Street auftauchen. Ob dann die New Yorker zu Fuß oder mit dem Rad auch einen Gang zurückschalten, ist damit freilich noch nicht gesagt. Vielleicht bleibt Paris doch unersetzbar als Ort für Flaneure.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: CINETEXT