Amerika

Mißverstandene Weltmacht

Von Freddy Langer

18. November 2006 Reisen bildet doch. Denn anders ist es kaum zu erklären, daß jeder Amerika-Urlauber zurückkehrt mit dem Bild des freundlichsten Volkes der Welt. Im Hotel nimmt man den Besucher an der Hand, als sei er zum ersten Mal fort von zu Hause. Gleich beim ersten Schritt in einen beliebigen Laden wird der Kunde so herzlich nach dem Wohin, Woher und Wohlbefinden gefragt, als gehöre er zur Familie. Vor seiner Bestellung im Restaurant muß der Gast zunächst Freundschaft schließen mit der Bedienung, bis hin zur Duz-Brüderschaft. Und wer nach dem Weg fragt, kann kaum umhin, im Laufe eines langen Gesprächs mit dem Tankwart ganze Lebenswege auszutauschen. Im Schnittpunkt von gelebter Pionierhilfsbereitschaft und ernstgenommener Dienstleistung hat sich eine Form von Aufgeschlossenheit entwickelt, die man ohne zu zögern als die vollendete Umsetzung von Kants kategorischem Imperativ bezeichnen möchte.

Wieso hat dann Amerika ein Image-Problem? Weil es irgendwo auf der Welt noch immer Menschen gibt, die nie unterwegs waren zwischen San Francisco und New York. Ihr Bild der Vereinigten Staaten ist geprägt von Stichworten wie Kyoto-Protokoll und Guantánamo, Nachrichten aus dem Irak-Krieg und Erinnerungsfotos aus Abu Ghureib. Eine Umfrage in siebzehn Staaten der Welt hat ein desaströses Bild ergeben: Amerikaner seien rein materialistisch eingestellt, arrogant, laut und desinteressiert an anderen Kulturen.

Zwei Frikadellen aus Lammfleisch

„Sorgt also für mehr Besucher aus dem Ausland“, ruft deshalb Keith Reinhard, der die Umfrage in Auftrag gab, der amerikanischen Regierung zu. Und damit sich die Gäste von Beginn an wohl fühlen, fordert er nicht nur vereinfachte Visa-Verfahren; er bat auch gleich die Disney Corporation um ein Konzept, das Schlangestehen am Flughafen bei der Einreise mit einem gewissen Unterhaltungswert zu unterfüttern - das hätte sie in ihren Parks zur Perfektion gebracht.

Keith Reinhard, einundsiebzig Jahre alt, war Vorsitzender einer Werbeagentur mit Ablegern in sechsundneunzig Staaten, und er ist Gründer der Vereinigung „Business for Diplomatic Action“, der sich auf Anhieb solche großen Unternehmen wie Exxon, McDonald's, UPS und Microsoft angeschlossen haben. Es wird mehr gewesen sein, als bloßer Patriotismus, der sie dazu bewogen hat. Denn das Interesse an amerikanischen Marken schwindet in den ausländischen Märkten in dem Maß, in dem sich das Amerikabild verschlechtert. Und nicht jede Firma hat gelernt, fremden Kulturen so respektvoll gegenüberzutreten wie McDonald's, die den „McFlurry“ in England ausdrücklich mit Cadbury Schokolade anrühren und in den indischen Filialen seit einiger Zeit einen „Maharadscha Mac“ auf die Speisekarte setzten: mit zwei Frikadellen aus Lammfleisch.

Fünfundzwanzig Gebote für den Gast

Nun ist es aber so, daß gar niemand mehr nach Amerika reisen will oder zumindest die Zahl der Besucher aus dem Ausland erheblich zurückgegangen ist, woran auch Hamburger aus Lammfleisch so schnell nichts ändern werden. Dann eben, sagt Keith Reinhard, müssen die Amerikaner hinaus in die Welt, als Handelsvertreter in eigener Sache. Der Herzlichkeit seiner Landsleute freilich scheint er dabei nur sehr bedingt zu trauen. Denn er gibt den knapp sechzig Millionen Amerikanern, die jedes Jahr ins Ausland verreisen, einen Leitfaden an die Hand: den „Worldcitizensguide“ mit fünfundzwanzig Geboten. Es sind einfache Forderungen wie „Lächle“ und „Habe Geduld“, „Behalte Deine Religion für Dich“ und „Kleide Dich vernünftig“. Auch wenn am Ende verlangt wird, sich vor der Reise mit der Literatur, der Musik und dem Kino des besuchten Landes zu beschäftigen, bleibt es doch eine Liste von Selbstverständlichkeiten. Dahinter aber versteckt sich eine überraschende Erkenntnis: Es ist offenbar viel einfacher, Gastgeber zu sein, als Gast.



Text: F.A.Z., 16.11.2006, Nr. 267 / Seite R1
Bildmaterial: AFP, dpa

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