Vereinigte Staaten

Der beste Ort, um nichts zu tun

Von Volker Mehnert

Der Herzschlag der Provinz: Dämmerung am Michigan-See.

Der Herzschlag der Provinz: Dämmerung am Michigan-See.

12. Oktober 2008 Welche Stadt, wenn nicht Chicago, könnte solche Geschichten schreiben: Die aufstrebende Metropole des Mittleren Westens leitet die Abwässer von Schlachthäusern, Fabriken und Wohnungen in den Chicago River, der sich dann als stinkende Kloake in den Michigansee entleert. Weil den Einwohnern aber ihr See als Trinkwasserreservoir lieb und teuer ist und weil immer mehr Krankheiten grassieren, beschließt die Stadtverwaltung, die Fließrichtung des Chicago River umzukehren und die Brühe mit Hilfe von Schleusen und Kanälen in einen Zufluss des Mississippi zu leiten. So geschehen im Jahr 1900 und in Chicago gefeiert als eine technische Großtat, vergleichbar mit dem Bau des Panamakanals. Weniger Grund zur Freude haben die Städte am Mississippi, die plötzlich neben dem eigenen Abwasser den Dreck ihres nördlichen Nachbarn verkraften müssen. Doch den Beschwerden und Klagen trotzt Chicago jahrzehntelang vor allen gerichtlichen Instanzen, bis sich mit der Deindustrialisierung das Problem von selbst erledigt. Der Fluss aber fließt bis heute in die falsche Richtung.

Chicago und dem Lake Michigan ist das gut bekommen. Die vierzig Kilometer lange Uferlinie der Metropole besteht fast überall aus öffentlich zugänglichen Sandstränden und Parkanlagen. Chicago ist deshalb ein Seebad. Wer das nicht glaubt, der rausche mit dem Fahrstuhl ins vierundneunzigste Stockwerk des John Hancock Centers. Der Wolkenkratzer ist zwar nur der dritthöchste der Stadt, er steht aber unmittelbar an der Uferlinie, und von seiner Aussichtsplattform erkennt man direkt unterhalb schon Oak Street Beach, den ersten Badestrand. Von dort reiht sich ein Sandstreifen an den nächsten. Dahinter stehen Apartmenthäuser mit grandiosem Seeblick. Das Panorama und der schnelle Profit haben den Bauherren offenbar das ästhetische Urteilsvermögen vernebelt. Während sich Chicago überall mit Wolkenkratzern der Extraklasse schmückt und als Freilichtmuseum für Hochhausarchitektur gilt, präsentiert sich seine Küste als architektonische Kleingeisterei.

Die Badewanne Chicagos

Das andere Gesicht des Sees: eine Wasserhose im Anmarsch.

Das andere Gesicht des Sees: eine Wasserhose im Anmarsch.

Wohnungen sind dort dennoch kaum bezahlbar, aber die wahrhaft Reichen sind noch weiter nach Norden ausgewichen. In Vororten wie Evanston, Winnetka oder Glencoe, die sich bis zur Staatsgrenze zwischen Illinois und Wisconsin erstrecken, stehen am Seeufer schmucke Backsteinhäuser, prächtige Villen und amerikanische Imitate europäischer Schlösser, fast alle umgeben von ausladenden Gärten oder perfekt ondulierten Parks. Die nicht enden wollende Sheridan Road verläuft parallel zum Seeufer und ist ein Monument für die kontinuierliche Anhäufung von Reichtum beim Geschäftemachen in Chicago. Und weil man in Amerika vom Erfolg gern etwas abgibt, haben die Wohlhabenden zwischendurch immer wieder Uferabschnitte freigelassen für öffentliche Parkanlagen und den ungehinderten Zugang zum Strand für jedermann.

Strände gibt es am Michigansee, der ungefähr so groß ist wie Hessen und Nordrhein-Westfalen zusammen, auch anderswo im Überfluss. Seit mehr als einem Jahrhundert dient er den Einwohnern von Chicago deshalb als Urlaubsziel und Badewanne. Schon Ernest Hemingway verbrachte die Sommer seiner Kindheit in einem Ferienhaus bei Petoskey, das die Eltern ein Jahr nach seiner Geburt gekauft hatten. Auch nach seinen Erlebnissen im Ersten Weltkrieg erholte er sich dort mehrere Monate lang. 1921 heiratete er seine erste Frau Hadley Richardson in Horton Bay und verbrachte mit ihr die Flitterwochen im Ferienhaus der Familie. In einem Brief an seinen Freund James Gamble kommt seine Begeisterung für die Landschaft überschäumend zum Ausdruck: "Diese großartige Luft des Nordens. Das beste Forellenrevier im ganzen Land. Keine Übertreibung. Ein feines Land. Schöne Farben, absolute Freiheit, kein Urlaubstrubel. Du kannst faulenzen, schwimmen und fischen, wann immer du willst. Es ist der beste Ort auf der Welt, um nichts zu tun."

Whiskey und selbstgebackene Kekse

Wie man sich das Leben in jenen Tagen vorzustellen hat, lässt sich in der Kurzgeschichte "Up in Michigan" und den anderen "Nick Adams Stories" nachlesen. Vor allem das Hinterland hat sich seit Hemingways Zeiten nur wenig verändert. Man kann immer noch wie Nick Adams mit einem Kanu oder zu Fuß in einsamen Wäldern verschwinden, und Hemingways Beschreibung von Horton Bay ist bis heute gültig: "Der Ort bestand nur aus fünf Häusern an der Hauptstraße zwischen Boyne City und Charlevoix."

Erstaunlicherweise ist hier noch niemand auf die Idee gekommen, den Autor zu vermarkten. Das Heimatmuseum in Petoskey präsentiert nur eine bescheidene Sammlung von Fotos und Dokumenten und hat Hemingways legendäre Underwood-Schreibmaschine in einer verstaubten Vitrine mehr versteckt als ausgestellt. Auch der General Store in Horton Bay, den der Schriftsteller regelmäßig besuchte und in Geschichten erwähnte, macht um seine literarische Berühmtheit kein großes Aufsehen. An der Wand hängen ein paar Fotos und Zeitungsausschnitte. Eine Sehenswürdigkeit allerdings ist der Laden, der sich seit damals kaum verändert hat: eine abgewetzte Holztheke im düsteren Raum, die Regale gefüllt mit Ketchup, Whiskey und selbstgebackenen Keksen. Die Dame hinterm Tresen könnte Hemingway noch gekannt haben, die meisten Kunden sind betagte Stammgäste, auch die Preise stammen aus einer fernen Epoche. Kaffee bekommt man sogar gratis, erwartet wird nur eine bescheidene Spende für den örtlichen Wohltätigkeitsverein.

Eine Fahrt in ein vergangenes Jahrhundert

Die Hemingways fuhren mit dem Schiff von Chicago ins nördliche Michigan. Diese Verbindung ist zwar längst eingestellt, aber zwischen Ludington in Michigan und Manitowoc in Wisconsin verkehrt noch immer ein kurios altmodischer Dampfer. Die "Badger" ist ein Relikt aus einer Epoche, in der am Michigansee ganze Eisenbahnzüge auf Fährschiffe verladen wurden. "A railroad rides the waves", verkündete man damals stolz. Die erste Fähre, ab 1892 in Betrieb, schluckte dreißig voll beladene Waggons. Zeitweise waren auf der Strecke über den See neun Schiffe rund um die Uhr unterwegs; 1955 absolvierten sie siebentausend Überfahrten mit hundertvierzigtausend Waggons und zweihunderttausend Autos.

Schwarzer Rauch steigt aus dem Schornstein, denn die "Badger" wird nach wie vor mit Kohle betrieben. Wenn sie am Leuchtturm von Ludington vorbeidampft, fühlt man sich um ein halbes, ja ein ganzes Jahrhundert zurückversetzt. Aber der alte Kahn ist kein Nostalgiedampfer für Ausflugsfahrten, sondern ein Schiff im ernsthaften Fährbetrieb, weshalb er freilich umso anachronistischer wirkt. Mit den obsoleten Bahnschienen im Schiffsbauch, den spartanisch ausgestatteten Kabinen und einer Sammlung alter Fotos im Oberdeck ist er ein lebendiges, unermüdlich schwimmendes Fossil der Schifffahrt auf den Großen Seen. Doch mehr als fünfzig Jahre nach seinem Stapellauf erhält das Museumsstück eine überraschende Aktualität: Angesichts der steigenden Benzinpreise wird die Abkürzung über den See für Autofahrer wieder attraktiv. Die "Badger" ist zur Zeit wahrscheinlich Amerikas einziges Transportmittel, das ohne exorbitante Preiserhöhungen auskommt.

Das Geheimnis der Fischsuppe

Die Fährhäfen Ludington und Manitowoc sind nur zwei der typischen "small towns", die es im Mittleren Westen zu Hunderten gibt. Doch hier und in vielen anderen Orten am See werden die Main Street im Zentrum, die viktorianischen Häuser am Ortsrand und die träge provinzielle Atmosphäre ergänzt durch immense Sandstrände, an denen sich die Dorfjugend mit den Urlaubern trifft. Hinter den Dünen stehen kleine Holzhäuser und schmucke Villen, die bis heute nur in Ausnahmefällen für größere Hotels Platz gemacht haben. Ihre Bewohner kommen oft seit Generationen hierher, und es gibt Familien, die noch auf traditionelle Weise mehrere Wochen oder sogar den ganzen Sommer am See verbringen.

Auf der Door Peninsula im nordöstlichen Wisconsin trifft man sich wie eh und je zum traditionellen "fish boil". Man sitzt im Freien rund um einen riesigen Kessel, der über offenem Feuer angeheizt wird. Wenn das Wasser kocht, schüttet der "boilmaster" eimerweise Kartoffeln hinein und wirft ein paar Hände voll Salz dazu, bevor schließlich die Fische kurz gegart werden, die am Morgen noch im See geschwommen sind. Und irgendwann kommt es zum viel beklatschten "boil over", dem Überkochen der Suppe, bei dem das Fischöl auf der Oberfläche Feuer fängt und verbrennt. Die Suppe wird dadurch feiner und verliert ihren tranigen Geschmack. Was als preiswertes Abfüllen hungriger Holzfäller begann, ist inzwischen ein sorgsam gepflegter Brauch. Wahrscheinlich hat der Kult um den "fish boil" dazu beigetragen, dass es auf der Door Peninsula noch immer keine Fast-Food-Kette geschafft hat, sich dauerhaft anzusiedeln.

Party im Stadion und drum herum

Am Fuß der Halbinsel liegt das Städtchen Green Bay, versteckt in einem toten Winkel des Michigansees und dennoch ein leuchtendes Idol für die gesamte amerikanische Provinz. Denn dort sind die Packers zu Hause, das letzte "small town team" im American Football, das den großen Millionenunternehmen aus Chicago, New York oder Miami hartnäckig Paroli bietet. Die Mannschaft ist ein Unikum im amerikanischen Profisport, denn sie hat keinen reichen Alleinbesitzer. Stattdessen liegen sämtliche Aktien in den Händen Tausender Fans. Sie bekommen keine jährliche Ausschüttung in Dollars, sondern hoffen lediglich auf eine Dividende in Siegen. Die gab es bisher reichlich, denn die Packers haben seit 1919 mehr Meisterschaften gewonnen als jedes andere Team im amerikanischen Football.

"Title Town", wie Green Bay sich deshalb nennt, hat hunderttausend Einwohner; Lambeau Field, das Stadion, fasst zweiundsiebzigtausend Zuschauer, jeder Erwachsene hätte also darin Platz. Trotzdem sind die Dauerkarten auf Jahrzehnte hin ausverkauft. Auf der Warteliste stehen fast achtzigtausend Fans aus allen Teilen der Vereinigten Staaten. Wer sich jetzt einschreibt, kann für seine Enkel auf eine Chance hoffen. Das Stadion stammt aus dem Jahr 1957, nicht einmal die Haupttribüne ist überdacht, die meisten Besucher sitzen auf blanken Metallbänken ohne Lehnen. Vor allem die Spiele bei Schnee und Eis, bei denen die Heimmannschaft zum Sieg schlitterte, sind unvergessen im amerikanischen Sport. Kein Spiel wurde hier je abgesagt, sogar bei Schneesturm und bei vierzig Grad unter null hat man gespielt. Es gibt Hunderte von Geschichten über dieses Team, seine Spiele und seine Fans, die am Ende zu einer großen Legende verschmelzen. In der Hall of Fame, einem Museum zur Geschichte der Packers, wird der Kult in allen Einzelheiten zelebriert.

Hier schlägt Amerikas Herz

Amerikas Vernarrtheit in den Profisport findet im abgelegenen Green Bay seine extremste Ausprägung. Bei Heimspielen steht die Stadt kopf. Auch wer keine Karte hat, beteiligt sich am "tailgating", einem überschäumenden Fanfest rund um den Kofferraum. Vier Stunden vor dem Spiel werden die Stadion-Parkplätze geöffnet, und dann strömen bei jedem Wetter Zehntausende mit dem Auto, packen Picknickutensilien aus und veranstalten eine gigantische Grillparty, bis der Qualm das ganze Stadion und seine Umgebung eingehüllt hat. An solchen Tagen zeigt die Provinz den Anhängern der Gastvereine aus den großen Metropolen, wo und wie das Herz eines ganz anderen Amerikas schlägt.

Aussichtspunkt: Ganz Chicago und das Südufer des Michigansees umfasst das Panorama von der Aussichtsplattform im vierundneunzigsten Stock des John Hancock Center. Einen besseren Seeblick bekommt man nicht einmal vom Flugzeug aus.

Strände: Zwischen St. Ignace und Engadine führt der Highway 2 in Nord-Michigan mehr als vierzig Kilometer unmittelbar am Seeufer entlang und erlaubt überall ungehinderten Zugang zum öffentlichen Strand. Kilometerlange Sandstrände vor malerischen Dünen findet man auch in den Badeorten im südwestlichen Michigan zwischen Ludington und New Buffalo.

Dünen: Bis zu 150 Meter hoch erhebt sich eine dramatische Dünenkette direkt am Ufer des Michigansees in der Sleeping Bear National Lakeshore westlich von Traverse City. Die Landschaft steht unter Naturschutz, ist an den schönsten Stellen aber durch eine schmale Straße und Spazierwege erschlossen. Die wandernden Sanddünen im Silver Lake State Park (südlich von Ludington) scheinen direkt aus der Sahara importiert. Neben geschützten Abschnitten gibt es auch Sektoren für Offroad-Fahrzeuge.

Brücke: Die Mackinac Bridge führt über den Sund zwischen Lake Michigan und Lake Huron, der als Kap Hoorn der Großen Seen gilt. Bei Sturm oder Nebel kann eine Fahrt über die Brücke abenteuerlich und gespenstisch werden.

Golfplatz: Die Anlage von Whispering Straits in Sheboygan/Kohler (Wisconsin) ist ein großartiger, naturnah angelegter Dünengolfplatz nach irischem Vorbild, wobei allgegenwärtige tiefe Sandbunker und kräftige Winde das Spiel zur sportlichen Herausforderung machen.

Highway: Zwischen Harbor Springs und Cross Village (Nord-Michigan) windet sich ein dreißig Kilometer langes, schmales Asphaltband auf den Klippen oberhalb des Sees entlang. Dieser „Tunnel of Trees“ führt in einem abwechslungsreichen Slalom durch dichten Laubwald.

Information: Great Lakes of North America, Schwarzbachstraße 32, 40822 Mettmann, Telefon: 02104/797451,
Internet www.greatlakes.de.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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