Italien

Die Straße der Sehnsucht

Von Barbara Schaefer

19. Oktober 2006 „Mamma, wo fährst du denn hin?“ Vincenzo saß auf dem Rücksitz, nach vorne gelehnt, die Ellbogen zwischen den Vordersitzen aufgestützt. Zehn Stunden, fünfzehn Stunden, wie lange sie schon fuhren, wußte er nicht. Es mußte kurz vor Mailand sein, soviel Verkehr wie hier war. Seine Haut war spröde vom Sommer am Meer, den ganzen August war er nur zum Schlafen ins Haus seiner Großmutter gekommen.

Den ganzen August hatte er mit seinen Eltern in Süditalien verbracht, wie jedes Jahr. Nun waren sie auf der Rückfahrt, von Kampanien nach Köln. Der Vater Italiener, die Mutter Deutsche. Natürlich fuhren sie die Strecke am Stück, sie hatten kein Geld, um unterwegs in einem Hotel zu übernachten, und keine Verwandten, die zum Arbeiten statt nach Deutschland nur bis in die Poebene emigriert waren. Selten genug, daß die Mutter fuhr.

Pendler zwischen zwei Heimaten

An diesem Tag aber hatten die Eltern kurz nach Florenz gewechselt, der Vater schnarchte, den Kopf weit zurückgelegt, auf dem Beifahrersitz, Kopfstützen gab es noch nicht in den sechziger Jahren. Der kleine Bruder hatte sich auf dem Rücksitz des Cinquecento zusammengerollt. Und nun schlief, allem Anschein nach, auch die Mutter. Vincenzo schrie sie an, sie zuckte zusammen, riß das Lenkrad herum, der Vater wachte auf, schrie ebenfalls, vor Schreck. Halt an, halt sofort an. Nun fuhr wieder er.

Wie viele seiner Landsleute aus dem Süden kennt Vincenzo die Autobahnen durch Italien fast im Schlaf. Er erinnert sich mit Grausen an diese Fahrten seiner Kindheit. Mindestens hundertfünfzig Mal sei er die Autostrada del Sole schon gefahren, erst als Kind, dann selbst, alle Jahre mehrmals, ein Pendler zwischen zwei Heimaten wie viele seiner Generation. Sein Vater war anfangs mit dem Zug nach Deutschland gereist, doch so bald wie möglich hatte er sich ein Auto gekauft. Das war wichtig, nicht nur als Verkehrsmittel, sondern auch um zu Hause im Süden zu zeigen, daß man es zu etwas gebracht hatte in der Fremde.

Schätze in der Kühltasche

Als endlich die A1, die Autostrada del Sole, fertig war, verkürzte sich die Fahrzeit zwischen Mailand und Neapel von zwei Tagen auf einen langen Tag. „Symbol der nationalen Einheit und der Solidarität zwischen dem Norden und dem Süden“, nichts weniger sollte nach Politikerbekundungen das 754 Kilometer lange Asphaltband sein, dessen Grundstein Staatspräsident Giovanni Gronchi 1956 in San Donato Milanese gelegt hatte. Ein paar Monate nach Beginn des Autobahnbaus - nicht davor - fuhr eine Abordnung italienischer Politiker und Ingenieure nach Amerika, um Highways und Motorways zu besichtigen. Nach dieser Reise wurden die Pläne geändert. Das ursprüngliche Vorhaben, die Autostrada dreispurig mit einer abschnittweise die Richtung ändernden Mittelspur zu bauen, ließ man fallen.

Vincenzos Vater hielt an den Raststätten nur an, um zu tanken. Vor allem auf der Rückreise liebte Vincenzo die Schätze aus der Kühltasche. Dann hatte die Großmutter sie versorgt, mit Acqua sale etwa: In Plastikschüsseln lag steinhartes Maisbrot, aufgeweicht mit Salzwasser, darüber winzige, zerquetschte Tomaten aus dem Gemüsegarten der Oma und reichlich Olivenöl vom Nachbarn. Das traditionelle Essen der Fischer für die Fahrt aufs Meer paßte auch für die Reise am Ende des Sommers. Einige Male fuhr die „nonna“ mit nach Deutschland. Dann war es zwar auf dem Rücksitz enger, dafür unterhaltsamer. Und ohne Rotwein in der Verpflegungstasche durfte gar nicht losgefahren werden. „Wie soll man denn essen, ohne Wein dazu zu trinken“, fragte die stets schwarz gekleidete Großmutter empört.

Die ewige Baustelle

Der Bau der A1 war eine Pionierarbeit, mit allen dazugehörenden Problemen. So stellte sich nach Beendigung der 1176 Meter langen Brücke über den Po heraus, daß kein Gesetz die Freigabe einer solchen Brücke für den Verkehr regelte. Kurzerhand stellte die Armee zehn Panzer zur Verfügung - sie fuhren über die Brücke, diese hielt, die Sache war erledigt. Natürlich hatte es in Italien zuvor schon Autobahnen gegeben, wie in Deutschland während der Zeit des Faschismus erbaut. Im September 1924 war der erste Autobahnabschnitt Europas eröffnet worden, er führte von Mailand in Richtung der oberitalienischen Seen. Mussolini schwärmte, die Autobahn sei eine großartige italienische Errungenschaft, „der Söhne des alten Roms nicht unwürdig“.

Im Februar 1959 wurde mit der Strecke Neapel-Capua der erste Teil der A1 eröffnet, Mailand-Bologna folgte im Juli desselben Jahres. Am 3. Dezember 1960 war Florenz erreicht. Und am 4. August 1964 startete in Mailand und in Neapel je ein Fiat 500, am Steuer saß je eine Studentin, um dem Bürgermeister der entfernten Stadt die Grüße des jeweils anderen zu überbringen. Die „Autosole“ war eröffnet. Acht Jahre und drei Monate hatte der Bau der A1 gedauert, wenngleich Spötter sagen, das diesjährige Jubiläum müßte nicht „Fünfzig Jahre Beginn des Autobahnbaus“, sondern „Fünfzig Jahre Autobahnbau“ heißen. Im ersten Jahr fuhren täglich nur sechstausend Fahrzeuge auf der Autostrada del Sole, was ihr den Spitznamen „dei soli“, „der wenigen“, einbrachte. Heute sind es mehr als achtzigtausend Fahrten pro Tag.

Blühender Schwarzmarkt

Die Autobahn brachte nicht nur Gastarbeiter wie Vincenzo und seinen Vater zurück in die Heimat, sondern auch deutsche Touristen ins Land ihrer Sehnsucht, ausgestattet mit Benzingutscheinen, des hohen Spritpreises wegen. Bald setzte ein Handel mit den Schecks ein. Wer angab, bis nach Taranto zu fahren, warum auch immer, bekam für 3000 Kilometer vergünstigte Bons. Der Schwarzmarktpreis für die Zettel lag auf einer Kompromißebene: Die eine Seite strich eine Aufbesserung ihres Urlaubsetats ein, wenn sie, ganz ungeplant, doch nur bis zum Gardasee fuhr, die andere freute sich, günstiger tanken zu können.

Wirklich schnell seien die Reisen der Kindheit nicht gewesen, erinnert sich Vincenzo. Offiziell erreichten zwar die 15 PS von Vaters „Nuova 500“, wie der kugelige Fiat offiziell hieß, eine Spitzengeschwindigkeit von 90 Stundenkilometern. Aber wohl mit nur einem Fahrgast und ohne den Gepäckträger - und der war unerläßlich. Von Deutschland wurden Elektrogeräte, Transistorradios, Kassettenrecorder in den Süden geschafft und von dort über die Alpen Überlebensmittel wie Olivenöl, Tomaten, Nudeln und natürlich Wein, nicht nur die Tagesration für die „nonna“. Vincenzo blickte im Auto immer starr nach vorne, auf die Straße und auf den Fahrer, nachdem der Vater einmal zu ihm gesagt hatte, er müsse ständig mit ihm reden, um ihn wach zu halten. Einmal aber, so erinnert er sich, erlebte er eine Fahrt fast nur rückwärts. „Guck mal, ob der Anhänger schlingert“, hatte ihm der Vater aufgetragen. Und der schlingerte wirklich, beladen mit fünfhundert Liter Rotwein in Fünfzig-Liter-Glasflaschen. Es war die Getränkeversorgung für die Erstkommunion des Sohnes.

Polizeistreife im Lamborghini

Später fuhr Vincenzo mit seinem eigenen Auto zwischen Deutschland und Italien hin und her, es war kein Fiat 500, sondern, auch der Sohn hatte es zu etwas gebracht, ein Alfa Spider. 130 Stundenkilometer Tempolimit erschienen ihm ziemlich langsam. „Ich fuhr 200“, gesteht er. Nur im Vorbeihuschen sah er am Straßenrand kurz vor Neapel den Lamborghini Gallardo. Er hatte eine für dieses Auto ungewöhnliche Lackierung: weiß-blau. Er gehörte der Autobahnpolizei.

Vincenzo ging vom Gaspedal, ohne die Bremse zu berühren, wurde einfach immer langsamer, der Lamborghini holte auf, scherte vor ihm ein, ziemlich rüde wurde er auf den Standstreifen gedrängt. Er verstehe fast kein Italienisch, behauptete er, was die Polizistin ihm nicht glaubte. Vincenzo ahnte, das würde kein gutes Ende nehmen. Also rückte er mit der Wahrheit heraus. „Ich bin schon so spät dran, und die Oma wartet mit dem Abendessen, sie weiß, daß ich heute aus Deutschland komme.“ Als die Großmutter die Fusili in den Kochtopf warf, war Vincenzo bei ihr.

Die „Autostrada del Sole“ genannte A1 ist mit 754 Kilometern Italiens längste Autobahn. Sie verbindet Mailand mit Neapel und führt an Bologna, Florenz und Rom vorbei. Baubeginn war 1956, eröffnet wurde sie 1964. Auf der gesamten Strecke gibt es neun Tankstellen und etwa 50 Auffahrten.

Italienische Autobahnen kosten Gebühr, Italien besitzt das älteste Mautsystem in Europa mit 80 kostenpflichtigen Strecken. Die Gebühr richtet sich zumeist nach der Streckenlänge, 100 Kilometer kosten für Autos etwa fünf Euro. Für Motorräder, Wohnmobile und Lastwagen gelten gesonderte Preise. Die mautfreie Fortführung der A1 südlich von Neapel bis Reggio di Calabria (495 Kilometer) ist die A3, die manchmal ebenfalls als „Autostrada del Sole“ bezeichnet wird, strenggenommen aber nicht dazugehört.

Informationen telefonisch unter 0039/ 0643/632121 oder im Internet unter www. autostrade.it.



Text: F.A.Z., 19.10.2006, Nr. 243 / Seite R2
Bildmaterial: AP

 
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