Indien

Don't take biscuits

Von Swantje Karich

Monument der Liebe und des Wahnsinns: das Taj Mahal in Agra.

Monument der Liebe und des Wahnsinns: das Taj Mahal in Agra.

20. September 2008 Das indische Brautpaar gab sich ein wenig schüchtern, aber gleichzeitig betörend charmant, so jung, so verliebt. Sie seien auf dem Weg zum Tadsch Mahal, sagten sie in apartem Englisch, "our wedding, our honeymoon". Die Geschichte war zu schön, um nicht doch wahr zu sein. Fünf Stunden sitzen sie schon gemeinsam mit vier Rucksacktouristen aus Frankreich und Österreich in einem Abteil, erzählen aus ihrem Leben, während die anderen von den Erfahrungen ihrer Reise berichten. Dreizehn Stunden soll die Fahrt von Varanasi bis Agra dauern. Die Europäer fahren schon seit vier Wochen durch Indien, sind vertraut mit der Mentalität, mit Vorzügen, aber auch Tücken. Alle sind beglückt über diesen Moment ausführlicher Völkerverständigung. Spät am Abend, in einem unbedachten Moment, der geschwängert ist vom Vertrauen zu den neuen Freunden, reichen die Inder den Rucksackreisenden nach Zimt duftende Kekse. Das Geschenk wird feierlich präsentiert, das vehemente Drängen scheint der Gastfreundschaft Tribut zu zollen. Zunächst skeptisch, lehnt eine Französin ab, lässt sich aber schließlich zu einem halben Keks überreden. Aus dem Augenwinkel sieht sie noch das zufriedene Lächeln der Inder und die freundliche Ermunterung, doch gut zu kauen. Dann schläft sie ein - so wie ihre drei Freunde auch.

Dreizehn Stunden dauert der Traum, ein Betäubungsmittel hat nachgeholfen. Viele Stunden wundert sich keiner der Mitreisenden über diesen Anblick: Drei Franzosen und eine Österreicherin schlafen wie tot in einem rumpelnden Zug. Mittlerweile ist es elf Uhr am nächsten Morgen, der Zug hat fünf Stunden Verspätung. Agra ist längst passiert worden. Die Französin, die den halben Keks gegessen hat, wacht kurz vor Barathpur auf - alles ist weg: Taschen, Geld, Kameras, Pässe, das Paar. Irgendwie schaffen es die vier, an der nächsten Haltestelle aus dem Zug zu kommen. Auf dem Gleis begrüßen sie Polizisten, Krankenwagen fahren vor, Journalisten eilen herbei, strecken den Verwirrten ihre Mikrofone hin, Zeitung, Fernsehen, Radio, alle sind da. Wer die Polizei gerufen und gleich die Journalisten dazubestellt hat, bleibt ein Geheimnis.

Happy End am Tadsch Mahal

Später erinnern sich die vier Europäer nur noch an Schemen. Sie geben Interviews und werden berühmt. Die Menschen auf den Straßen sprechen die Reisenden mitfühlend an: "Ah, you knew it, didn't you, don't take biscuits in India." Die Warnung, von Fremden keine Süßigkeiten anzunehmen, kennt jeder seit frühesten Kindertagen, mantraartig haben es die Eltern wiederholt. Und doch muss man sie ignorieren. Denn eine Reise ohne gastfreundliches Zusammensein, gemeinsames Mahl ist reizlos, trotz allem. Die vier Urlauber lernten dann noch eingehender Indiens Wirklichkeit kennen: die Schlangen in den Behörden, das tagelange Bitten um einen Stempel, der die Ausreise ermöglicht. Und zwischen Österreich und Frankreich hat sich durch diese Reise eine neue Verbindung ergeben. Vielleicht hat sie ja eines Tages einen "Honeymoon" am Tadsch Mahal zur Folge.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Reuters

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