Mali

Bei Tinariwen tanzen die Gäste los

Von Karen Krüger

02. Mai 2008 Wenn sich die Nacht über Timbuktu senkt, wird es still in der malischen Wüstenstadt. Ein frischer Wind streicht durch die Gassen und bringt endlich die herbeigesehnte Kühle. Draußen vor den großen Toren brechen Salzkarawanen in die Wüste auf; die Sterne weisen ihnen den Weg. Auf den Terrassen der wenigen Cafés sitzen Männer und lassen den Abend mit Plaudereien bei einem Glas Tee ausklingen. Ein paar Touristen nutzen das weiche Licht der untergehenden Sonne, um Sehenswürdigkeiten wie die Sankoré-Moschee zu fotografieren. Dann eilen sie schnell zurück in ihre Hotels. In der Dunkelheit fühlen sich in Timbuktu selbst Einheimische nicht wohl.

Für Macky Konaté, der nachts DJ Mc Kensi heißt, fängt da der Tag erst an: Er legt Platten auf im „Amanar“, ein wenig versteckt in einer kleinen Gasse, nur wenige Meter vom Stadtzentrum entfernt. Tagsüber gibt es auf der Terrasse des von Tuareg betriebenen Restaurants einfache Gerichte wie Reis, Couscous und Spaghetti. Abends verwandelt sich das „Amanar“ mit DJ Mc Kensis Hilfe in eine Discothek. Die Jugendlichen, die sich den für malische Verhältnisse teuren Eintritt leisten können, stehen dann Schlange, auch Ausländer, die in der Nähe Timbuktus nach Öl bohren, kommen her – in der Stadt ist ansonsten ja auch nichts los.

Der DJ ist ein Ketzer

Wie ein deutscher Partykeller aus den siebziger Jahren sieht der Tanzraum des „Amanar“ aus: Poster von Bob Marley hängen an den Wänden, die Tische und Stühle sind aus grobem Holz. An der Bar gibt es Whiskey und Bier. Die Discokugel zeichnet kreisförmige Schatten an die Wände, eine Lichtorgel taucht die Tanzfläche abwechselnd in rotes und grünes Licht. Noch stehen die Gäste unschlüssig an der Bar. Die Mädchen tragen helle, kurze Röcke, die im Schein des Schwarzlichts leuchten, die Männer gefallen sich in grellen Farben. DJ Mc Kensi legt Popmusik aus der Elfenbeinküste auf und dann ein Stück der malischen Gruppe Tinariwen. Jetzt füllt sich die Tanzfläche, die Körper zucken, der Raum vibriert.

„Man muss eine Musikmischung finden, die Alt und Jung mögen. Gerade unsere älteren Gäste, die nicht oft in eine Disco gehen, brauchen die richtige Musik, um sich zu trauen“, sagt DJ Mc Kensi und wischt sich den Schweiß von der Stirn. In seiner DJ-Kabine ist es eng und heiß, der junge Mann findet hinter den beiden CD-Spielern und dem Mischpult kaum Platz. Den wenigsten Raum nehmen die Platten ein. Gerade einmal fünfzig CDs stehen aufgereiht im Regal. Dennoch, sagt DJ Mc Kensi mit nicht geringem Stolz, gebe es niemanden in Timbuktu, der mehr Platten besitze als er.

Die meisten sind Raubkopien, die ihm seine Freunde aus der Hauptstadt Bamako schicken. Die Originale zu kaufen wäre zu teuer. Herunterladen aus dem Netz hingegen geht nicht – die Internetverbindung in Timbuktu ist zu schwach. Um zu wissen, welche neue Songs es gibt, hört DJ Mc Kensi den ganzen Tag über Radio. Er persönlich möge am liebsten europäische Musik, aber davon verstünden die Leute in Timbuktu nichts, sagt er und verzieht das Gesicht.

Laute Musik im toten Nest

Dass er Resident DJ in Timbuktu ist, sei ohnehin eine Art Unfall. In Bamako, seiner Heimatstadt, hatte er eines Abends den Chef des „Amanar“ kennengelernt – zu einer Zeit, als dort nur das Restaurant betrieben wurde. Dieser war es, der die Idee hatte, in Timbuktu eine Discothek zu eröffnen; der DJ fand den Gedanken zwar absurd, ließ sich aber dennoch für den Eröffnungsabend des „Amanar“ am Ramadanfest engagieren – aus Eitelkeit. „Denn der Chef wollte bloß mit einem DJ aus der Hauptstadt von sich reden machen, und ich fand die Vorstellung cool, so angekündigt zu werden“, sagt DJ Mc Kensi. Tatsächlich kamen die Gäste damals in Scharen, der Abend wurde ein Erfolg. Bis morgens um sieben hätten die Leute getanzt, erinnert sich der DJ und lächelt, dann verfinstert sich seine Miene wieder. Am nächsten Morgen redeten alle auf ihn ein, doch in der Stadt zu bleiben.

In Bamako war er einer von vielen DJs, in Timbuktu trug man ihn auf Händen. Geschmeichelt sagte DJ Mc Kensi zu. Anderthalb Jahre ist das jetzt her, und am liebsten würde er wieder kündigen und die Stadt augenblicklich verlassen, aber die Angst, in Bamako keinen Job zu finden, hält ihn in Timbuktu fest. Wenn er durch die Stadt geht, wird er immer noch als DJ aus der Hauptstadt angesprochen und sein Musikgeschmack gelobt. Doch Timbuktu, sagt DJ Mc Kensi, sei ein totes Nest. Daran ändere auch seine Musik nichts.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ASSOCIATED PRESS

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche