Von Sabine Schlosser
24. Februar 2008 Badi Mayo findet man auf keiner Landkarte. Das ist so gewollt. Das Schutzgebiet liegt am Ufer des River-Gambia-Nationalparks, im Herzen des kleinsten Staats Afrikas. In der Flussebene schillert der tropische Regenwald in vielfältigen Grüntönen, an den Uferhängen taucht die Savanne das Land in Ockerfarben. Fünf dichtbewachsene, flache Inseln liegen im Fluss. Die Durchschiffung ist nur mit Sondergenehmigung erlaubt und das Betreten der drei größeren Inseln verboten. Denn hier leben seit 1979 Schimpansen. Die Viehhirten der Fulbe, der zweitgrößten der zahlreichen Volksgruppen Gambias, nennen sie Badi Mayo - Flussaffen.
Die Affenmutter heißt Stella Marsden. Die Sechsundfünfzigjährige stammt aus England, doch ihre Heimat ist schon seit langem Gambia. Hier ist sie aufgewachsen und kümmert sich seit ihrer Jugend um verwaiste Schimpansen, die aus den Händen von Jägern und Händlern befreit wurden. Stella Marsden päppelt sie auf und bereitet sie vor für das Leben in freier Natur. Derzeit bevölkern vier Gruppen mit insgesamt 84 Tieren den River-Gambia-Nationalpark. Der Chimpanzee Rehabilitation Trust ist das älteste Auswilderungsprojekt für Schimpansen in Afrika. Den Standort des Camps hat die Naturschützerin Badi Mayo getauft. In den Reiseführern wird er demnächst verzeichnet sein, denn seit kurzem steht die Station auch für Besucher offen.

Kein profitmaximierender Affenzoo
Nicht mehr als acht Personen pro Tag haben Zutritt. Stella Marsden will keinen lärmenden Touristenrummel, keinen profitmaximierenden Affenzoo. Sie will vielmehr an Land und Leuten interessierte Gäste, die regelmäßige Einkünfte bringen, um die Zukunft ihrer Zöglinge zu sichern. Staatliche Unterstützung erhält sie nicht. Pro Jahr investiert sie mehr als umgerechnet sechzigtausend Euro in den Betrieb des Camps und ihre zwanzig Mitarbeiter. Der Ertrag aus dem Tourismus komme ganz den Affen zugute, versichert sie.
In Badi Mayo, 270 Kilometer von den sonnen- und sexhungrigen Auswüchsen des Massentourismus an der Atlantikküste entfernt, gibt es keine lustigen Tanzanimationen wie im Öko-Themenpark von Makasutu, einem Waldareal nicht weit entfernt von der Holzschnitzerstadt Brikama, in dem Touristen in einem Rundgang und mit einer Bootsfahrt durch die Mangroven die Natur und die Kultur von Gambia nähergebracht werden sollen. In Badi Mayo heißt es nicht Action! Die Devisen kommen! wie in Jufurre, dem wohl populärsten Ausflugsziel in Gambia.
Vor dreißig Jahren wurde das Dorf als Keimzelle der Familiensaga Roots von Alex Haley weltberühmt. Seitdem pflegen die Bewohner die Legende von Kunta Kinte, der im achtzehnten Jahrhundert wie Millionen anderer Afrikaner als Sklave nach Amerika verschleppt wurde. Sobald Touristengruppen in Sichtweite rücken, verfällt ganz Jufurre augenblicklich in Hyperaktivität. In Badi Mayo und den Nachbarorten hingegen gibt es keine bettelnden Kinderaugen oder aufdringlichen Worte, sondern interessierte Blicke und freundliche Gesten. In und um Badi Mayo ist alles Leben noch so authentisch normal, dass es fast exotisch erscheint.
Die Artenvielfalt des Landes wie unter dem Brennglas
In der Überschaubarkeit des River-Gambia-Nationalparks zeigt sich die Artenvielfalt des Landes wie unter dem Brennglas. Flusspferde und Nilkrokodile treiben im Fluss, mit etwas Glück sind dort auch afrikanische Seekühe zu beobachten. Scheue rote Stummelaffen, kreischende Guinea-Paviane und neugierige Grüne Meerkatzen tummeln sich auf den Bäumen. Antilopen und Warzenschweine, Erdferkel, Hyänen, Ginsterkatzen und Servale leben in der Savanne des angrenzenden Nyassang Forest Park. Palmen und Mahagonibäume, dicht bestückt mit Webervogelnestern, säumen den Dschungel am Uferrand. Vögel in allen Farben - von karminroten Bienenfressern über tiefblaue Königsfischer bis hin zu strahlend weißen Kuhreihern - fliegen vorbei. Mehr als 560 Vogelarten sind in Gambia, einem Pilgerland für Ornithologen, gezählt worden.
Die Unterkünfte im Öko-Camp von Badi Mayo sind einfach und naturnah, aber ordentlich und sauber. Hundertundzwanzig Stufen führen hinter dem Wasserhaus, einem auf Stelzen am Flussufer stehenden Aufenthaltsraum mit Bootssteg, hinauf zum Plateau des Hügels. Hinter einem verlassenen Termitenhügel endet ein kleiner, ausgetretener Pfad vor vier Safarizelten, die direkt am Berghang auf soliden hölzernen Plattformen in großzügigem Abstand zueinander stehen.
Das geräumige Zeltinnere bietet einfachen Komfort: An den Seiten stehen zwei breite Betten mit guten Matratzen und Moskitonetzen. Waschbecken und Toilette sind im Separée, die Freiluftdusche befindet sich im hinteren Teil der Plattform. Tragbare Solarlampen sorgen in den Abendstunden für Licht. Von der luftigen Terrasse präsentiert sich das Flusspanorama aus der Vogelperspektive. Mitunter sind die Rufe der Schimpansen von den direkt gegenüberliegenden Inseln zu hören.
Die Leckereien fliegen und der Pulk jauchzt
Jeden Nachmittag wird die siebzehn Mitglieder zählende Schimpansengruppe auf der Insel im Fluss mit Mangos, Erdnüssen, Baobab-Früchten, Süßkartoffeln, Bananen, Kürbissen und Brotstücken gefüttert. Wenn das Boot am Flussufer beladen wird, schallen die ersten aufgeregten Rufe übers Wasser. Während die Obstjolle ablegt, postieren sich immer mehr Tiere am Ufer der Insel und auf den Bäumen, die dort stehen. Ein paar Meter vor der Insel hält das Boot an. Was dann passiert, ähnelt den Bildern von Fastnachtsumzügen: Die Leckereien fliegen durch die Luft, der Pulk jauchzt, streckt die Arme aus, fängt die Gaben auf und verlangt nach mehr.
Stella Marsden kennt jeden ihrer Schützlinge beim Namen. Die Jüngsten von ihnen sind in der dritten Generation auf den Inseln geboren. Das Männchen Pooh ist mit vierzig Jahren der Älteste und seit Anbeginn dabei. Seine ersten Lektionen, wie man in der Wildnis überlebt, lernte er in Abuko, einem Naturschutzreservat, zwanzig Autominuten vom Flughafen nahe der Hauptstadt Banjul entfernt. Stella Marsdens Vater, Eddie Brewer, der 1957 als Forstbeamter mit seiner Familie in die britische Kronkolonie kam und in dem seit 1965 unabhängigen Gambia erster Naturschutzdirektor wurde, hatte den kleinen, artenreichen Galeriewald entdeckt. Vor 39 Jahren kam dort der erste Schimpanse in die Obhut der Familie Brewer. Weitere folgten, und in Abuko entwickelte sich eine kleine Aufzuchtstation für junge Menschenaffen, von denen viele auf dem Markt und auf Flughäfen konfisziert wurden.
Das Camp der guten Seelen
Die Schimpansen lebten sich ein, wurden größer, und Stella Marsden versuchte, sie zunächst im senegalesischen Niokolo-Koba-Nationalpark anzusiedeln. Die dort lebenden wilden Artgenossen verteidigten aber ihr angestammtes Terrain so vehement, dass das Vorhaben abgebrochen werden musste. 1979 erhielt sie die Genehmigung, die Tiere auf den bewaldeten Flussinseln des River-Gambia-Nationalparks anzusiedeln. Ihre Erlebnisse in Abuko und Niokolo-Koba hat Marsden in dem Buch The Forest Dwellers dokumentiert, das Ende der Siebziger in England ein Bestseller wurde. Derzeit schreibt sie an einer Fortsetzung über die Zeit in Badi Mayo.
Heute ist das Camp nicht nur Arbeitgeber für viele Menschen aus der Umgebung und Abnehmer landwirtschaftlicher Produkte für die Verpflegung von Schimpansen und Gästen, Stella Marsden engagiert sich persönlich auch für das Wohlergehen des Nachbarorts Sambel Kunda mit seinen vierhundert Einwohnern. Ohne ihren Einsatz hätte die Grundschule dort längst schließen müssen. Den Eltern fehlte das Geld und den Lehrern die Motivation. Heute werden zweihundertachtzig Schulkinder durch private Patenschaften der schwedischen Organisation Future in Our Hands unterstützt.
Ein Image wie ein Stigma
Lehrer, die den stundenlangen Fußweg von der Hauptstraße bis nach Sambel Kunda täglich auf sich nehmen, bekommen einen Bonus. Um die gesundheitliche Grundversorgung der Menschen kümmert sich eine aus England finanzierte Arztpraxis, die Alexander Edwards Village Clinic. Sie trägt den Namen eines Jungen aus Gloucestershire im Südwesten Englands, der wie der kleine Haroun aus Sambel Kunda an einer unentdeckten Herzkrankheit starb. Zusammen mit ihrer Schwester Heather Armstrong rief Stella Marsden überdies den Gambia Horse & Donkey Trust ins Leben, der die Bauern lehrt, artgerecht mit ihren vierbeinigen Helfern umzugehen. Auch das wird den Gästen auf Wunsch vorgeführt.
Als Touristenziel will Gambia endlich weg vom Image der sexgetriebenen Billigurlaubs am Strand, den das Land seit etwa zehn Jahren als Stigma trägt. Dabei waren es gerade die Billigangebote, die der Fremdenverkehrsbranche wieder auf die Beine halfen, nachdem der Militärputsch des damals blutjungen Offiziers Yahya Jammeh, der bis heute als Präsident amtiert, das Geschäft fast zum Erliegen gebracht hatte. Nun soll bis ins Jahr 2020 die Tourismusindustrie, die nach der Landwirtschaft wichtigster Erwerbszweig für die 1,7 Millionen Einwohner des Landes ist, neu strukturiert werden. Hotelkomplexe und Ferienvillen der Luxusklasse schießen an der Küste aus dem Boden. Im vergangenen Jahr hat Sheraton in Brufut für mehr als sechzehn Millionen Euro ein Fünf-Sterne-Wellness-Resort mit 195 Zimmern eröffnet, in Bijolo wurden die ersten vier Blocks des edlen Lemon Creek Hotel, das auf achtzig Zimmer aufgestockt werden soll, eingeweiht.
Weg von den Stränden ins Landesinnere
Ob sich das ehrgeizige Programm, ein Ferienziel für Urlauber mit gehobenen Ansprüchen zu werden, umsetzen lässt, hängt wohl vor allem von den gemeinsamen Anstrengungen und dem ökologischen Bewusstsein der Unternehmer im Lande ab. Es ist noch nicht lange her, da hätte sich die Tourismusindustrie in ihrem Expansionsdrang fast ihr eigenes Grab geschaufelt. Vor vier Jahren war vom einst breiten Sandstrand an der Küste nur noch ein schmaler Streifen übrig. Nicht nur Erosion und Unterströmungen, sondern auch der Abtransport von Sand für den Bau neuer Touristenanlagen gleich lasterweise hatten damals den Küstensaum auf ein Minimum reduziert. Zweieinhalb Millionen Kubikmeter Sand wurden inzwischen aus dem Meer gepumpt. Mehr als zehn Millionen Euro hat die Sanierung den Staat gekostet.
Mittlerweile erstrecken sich die Hotelanlagen über zehn Kilometer von Brufut bis nach Cape Point. Dorthin zieht es heute vor allem Engländer, Skandinavier und Niederländer. Insgesamt 128.000 Urlauber, ein Fünftel mehr als im Vorjahr, erwarten die einheimischen Fremdenverkehrswerber in der laufenden Saison, die bis Ende April dauert.
Ob der neuerliche Anlauf der Fremdenverkehrsbehörde gelingt, Touristen von den Stränden weg auch ins Landesinnere zu locken, erscheint dennoch fraglich. Immerhin sind inzwischen erste Schritte zur Verbesserung der Wege dorthin gemacht. Im vorigen Jahr wurde die dreihundert Kilometer lange Straße entlang des Nordufers des River Gambia bis nach Georgetown ausgebessert und zur Hälfte geteert. Die Straße am südlichen Ufer des Flusses hingegen, die vor ein paar Jahren noch aufgrund ihres guten Zustands die schnellere Verbindung nach Georgetown war, genießt heute nur noch in einigen Reiseführern diesen Status. Die Trasse verläuft nach hundertachtzig Kilometern ab Soma in weiten Strecken über eine staubige Piste neben der einstigen Straße, die fast nur noch aus Schlaglöchern besteht. Der öffentliche Busverkehr auf dieser Strecke wurde eingestellt.
Kein Land der Superlative
Eine Tour ins Inland ist jedoch nicht nur eine Frage der Infrastruktur, sondern vor allem des gefühlten Preis-Leistungs-Verhältnisses. Gambia ist kein Land der Superlative, der Lockruf der Wildnis klingt hier weniger vernehmlich als anderswo auf dem schwarzen Kontinent. Gambia kann nicht mit Big-Five-Safaris werben wie die Länder im Osten und Süden Afrikas, sondern muss mit seinem Reichtum an Vögeln, Affen, Seekühen und Flusspferden auskommen. Es bietet keine imposanten Wasserfälle und hohen Berge, vielmehr plattes Land mit dürren Baobab-Landschaften und kleinen Dörfern aus Strohhütten.
Im Umkreis von Badi Mayo bietet Gambia jedoch ein paar historische Attraktionen, die bisher etwas unorganisiert beworben werden. Dazu zählen die mysteriösen megalithischen Steinkreise, die bei Wassu, Lamin Koto und Kerr Batch zu finden sind und deren Ursprung und Bedeutung bis heute nicht geklärt ist. Die bis zu zweieinhalb Meter hohen Laterit-Zirkel, die wahrscheinlich als Grabstätten dienten, wurden vor zwei Jahren in das Verzeichnis des Weltkulturerbes der Unesco aufgenommen. Das bunte Treiben auf dem Wochenmarkt von Wassu, der jeden Montag die verschiedenen Volksgruppen aus dem Umkreis anlockt, ist ein kulturelles und kulinarisches Erlebnis.
What a wonderful world
Dagegen könnte das etwas verlottert wirkende und abends ausgestorbene Georgetown seinen Charme der Insellage noch etwas aufpolieren. Sowohl das Gefängnis wie auch die erste weiterführende Schule Gambias finden sich hier. Touristen präsentiert die zu Kolonialzeiten zweitgrößte Stadt des Landes heute halbzerfallene Schuppen als vermeintliche Sklavenhäuser. Für Ausflüge in den Kunkilling oder Dobo Forest Park ist Georgetown jedoch ein guter Ausgangspunkt.
Gerade weil das Landesinnere bislang nur halbherzig für den Fremdenverkehr erschlossen ist, hätte Gambia die Chance, aus den unglücklichen Irrwegen des Strandtourismus zu lernen und stattdessen wie in Badi Mayo auf ein respektvolles und für beide Seiten gewinnbringendes Miteinander zu setzen. Das Potential an Reisenden, die bereit sind, für ein authentisches Erlebnis mehr zu zahlen, nimmt in Europa zu. Und genau von diesem Trend könnte Gambia, das im Vergleich zu anderen afrikanischen Staaten den Bonus des sicheren Reiselands genießt und zudem Englisch als Amtssprache pflegt, profitieren.
Vielleicht war ja der Besuch der marokkanischen Prinzessin Lalla Amina und ihres Gefolges im Schimpansen-Camp von Badi Mayo ein gutes Omen für eine gehobene, aber maßvolle Entwicklung des Fremdenverkehrs. Zu ihrem Abschied hinterließ sie im Gästebuch die Zeilen: Louis Armstrong sang einst: ,What a wonderful world'. Für mich ist all dies hier mehr als das: Es ist ein Stück vom Paradies.
Im kleinsten Land Afrikas
Anreise: Die Charterfluggesellschaft Condor fliegt noch bis zum 8. April jeden Dienstag nonstop von Frankfurt nach Banjul, Hin- und Rückflug kosten ab 672 Euro. Weitere Verbindungen mit Brussels Airlines und mit Spanair.
Im Schimpansen-Camp: Der Besuch des Chimpanzee Rehabilitation Trust Visitor Camp in Badi Mayo ist nur mit Voranmeldung möglich. Eine Übernachtung inklusive Vollpension, Touren und Boot-Transfer von Kuntaur kostet 150 Euro. Kinder, die jünger als zwölf Jahre sind, haben keinen Zutritt. Reservierung über Khadija Jammeh, Telefon: 00220/ 9947430, E-Mail: badimayo@yahoo.com, oder Stella Marsden, Telefon: 00220/9958508. Zuverlässige Fahrer für die Strecke von der Küste nach Kuntaur können beim Camp erfragt werden. Informationen im Internet: www.chimprehab.com.
Informationen: Gambia Tourism Authority, im Internet: www.visitthegambia.gm.
Text: F.A.Z., 21.02.2008, Nr. 44 / Seite R9
Bildmaterial: F.A.Z., Sabine Schlosser