Lille

Vive la Kohlenpott!

Von Silvia Meixner

08. Dezember 2006 Elefanten, überall Elefanten. In der Pâtisserie Meert sitzen sie ein wenig verloren in vielen Größen und Variationen zwischen den zuckersüßen, bunten Köstlichkeiten, und im Schaufenster hebt und senkt ein großer Plüschelefant unermüdlich seinen Rüssel, um Kunden anzulocken. Das wäre gar nicht nötig, sie kommen auch so, denn in dieser im Jahr 1761 eröffneten, zauberhaften Welt aus alten Holzregalen und Millionen von Kalorien gibt es neben vielen anderen Verlockungen auch die Lieblingswaffeln von Charles de Gaulle. Vielleicht wäre die Welt besser, wenn mehr Politiker davon essen würden. Charles de Gaulle, 1890 in Lille geboren und 1940 zum General ernannt, hat sich diese handtellergroßen, mit feinster Bourbonvanille aus Madagaskar gefüllten Doppelwaffeln oft nach Paris kommen lassen, heute werden sie per Internet in alle Welt verschickt.

Der Hauptbahnhof von Lille sieht derzeit abends, von Lichterketten kunstvoll übersät, wie ein indischer Palast aus. In der Halle des Bahnhofsgebäudes stehen große Elefantenskulpturen; das sind, so erzählt man sich, die "Kinder" jener ungefähr zehnmal so großen Elefanten, die draußen vor der Tür die Straße entlang aufgereiht stehen, die Köpfe stolz hochgereckt, als warteten sie, einem Empfangskomitee gleich, auf den Maharadscha.

Nächstes Jahr Polen

Aber es gibt hier keinen Maharadscha, weder heute noch morgen, noch übermorgen. Die tausendfünfhundert Inder, die in Lille leben, wird die Dekoration freuen, viele Franzosen allerdings sind ratlos: Sie sehen ja durchaus ein, daß nach dem Titel "Kulturhauptstadt 2004" irgend etwas kommen muß, um europaweit im Gespräch zu bleiben, aber warum ausgerechnet die Kunstaktion "Bombaysers de Lille 3000" Touristen in die Stadt locken soll, versteht kaum jemand. Wobei zumindest der Titel der Kunstaktion, die noch bis 14. Januar stattfindet, ein hübsches Jeu de mots ist, eines jener Wortspiele, wie sie Franzosen lieben, eine Mischung aus "Bombay" und "baiser", Küßchen. Küßchen aus Bombay also sollen Reisende anlocken.

Noch bis Januar gibt sich Lille indisch Viele Franzosen ratlos: Warum ausgerechnet Bombay? „Bombaysers de Lille”: Wortspiel aus Bombay und „baiser”, Küsschen Nach dem Titel “Kulturhauptstadt 2004“ muss Lille etwas bieten Und nächstes Jahr hat „Lille 3000” zum Polen Thema

Dabei ist Lille mit seiner zauberhaften flämischen Architektur auch ohne Elefanten interessant. Im nächsten Jahr wird "Lille 3000" Polen zum Thema haben, das klingt auf den ersten Blick auch ein wenig merkwürdig, ist aber logisch, denn viele Polen kamen vom Anfang des 19. Jahrhunderts an hierher, um in den Kohlengruben der Region Lohn und Brot zu finden. Seit diesem Jahr gehört die Region auch als "Bergbaurevier Unesco" zum Weltkulturerbe, ehemalige Bergwerke, Halden und Schächte werden nach und nach zu Sehenswürdigkeiten umgerüstet. Denn irgendwann war es auch hier vorbei mit dem Kohleabbau. Am 21. Dezember 1990 wurde in der Bergwerksregion um Oignies die letzte Stückkohle abgebaut - damit war die 270 Jahre alte Bergwerkstradition beendet.

„Der Liebe wegen“ als einzige Ausrede

Auch die seit Generationen im Norden Frankreichs ansässige Textilindustrie mußte angesichts der Konkurrenz aus Asien weitgehend kapitulieren. Teile der Region "Nord-Pas de Calais" standen vor schwierigen wirtschaftlichen Problemen und mußten nach neuen Wirtschaftszweigen suchen. Zwar werden Anfang des 21. Jahrhunderts kaum noch Textilien produziert, aber die Region um Lille nimmt immer noch Platz eins im französischen Textilhandel ein. Auch große Versandhandelsunternehmen wie 3 Suisses oder La Redoute haben hier ihren Hauptsitz.

Ein bißchen scheint die Stadt wie die kleine, tapfere Schwester von Paris zu sein. Sie ist hübsch, charmant und durchaus eine Reise wert - und am Ende stiehlt ihr doch wieder die "Große" die Schau. Natürlich fährt man eher nach Paris, wenn man zum ersten Mal nach Frankreich reist, aber beim zweiten oder dritten Besuch hat die kleine Schwester eine Chance verdient. Lille steht immer irgendwie im Schatten - sogar die Franzosen rümpfen die Nase, wenn jemand auch nur erwägt, vielleicht vorübergehend gen Norden zu ziehen. Es ist ja nicht so, daß man dann aus der Welt wäre, man ist ja noch im Land und nicht etwa im Ausland, mit dem TGV ist es nur rund eine Stunde Wegzeit in die französische Hauptstadt - trotzdem käme es etwa einem Bewohner von Paris nie in den Sinn, nach Valenciennes, Arras oder Lille zu ziehen. Eigentlich geht diese verrückte Idee nur durch, wenn man angibt, sich verliebt zu haben, denn dafür haben Franzosen immer Verständnis.

Prospekte nur auf Französisch

Das hier, der Nordosten, ganz nahe an Belgien, das ist der Kohlenpott der Grande Nation, von dem selbst die Kinder in der Schule nur en passant erfahren; es ist, als würde sich Frankreich dieser Region schämen. Selbst schuld! Dann kommen eben die Engländer und die Belgier, die zählen zu den treuesten Fans der Region und bestimmt nicht allein aus dem Grund, daß sie so nahe wohnen und man gut und günstig einkaufen kann. Der Tunnel unter dem Ärmelkanal hat dem Tourismus in den vergangenen Jahren unermüdlich neue Reisende herangebracht, in knapp zwei Stunden kann man mit dem Zug von England aus in Frankreich sein, die Regierung in Paris deklarierte die Region Nord-Pas de Calais als touristische Wachstumsregion.

Wer anreist, ist allerdings gut beraten, die Landessprache zu beherrschen, denn Prospekte, Informationen und Museumskataloge gibt es, da bleiben die Franzosen gern bei ihrer Tradition, meist nur in französischer Sprache. Erwischt man eine der raren deutschsprachigen Broschüren, gewinnt man den Eindruck, ein Internet-Sprachprogramm hätte sie binnen drei Minuten übersetzt. Das ist zwischendurch zwar ulkig, im Grunde aber halbherzig und aus touristischer Sicht leider gar nicht zielgruppenorientiert.

Vierunddreißig regionale Käsesorten

Lille ist die "jüngste" Stadt Frankreichs, 28 Prozent der Bevölkerung sind jünger als zwanzig, neunzigtausend junge Menschen studieren hier, Lille ist die drittgrößte Universitätsstadt in Frankreich. Und Lille bekam 1983 das weltweit erste vollautomatische U-Bahn-System. Die Züge fahren, scheinbar von Geisterhand gelenkt, ohne Zugführer. Und einmal im Jahr, Anfang September, bittet man auf 200 Kilometern Straßenrand zum größten Flohmarkt Europas, jedes Jahr kommen eine Million Schnäppchenjäger.

Kulinarisch übt man sich hier eher in Zurückhaltung, es gibt keine großen, berühmten Gerichte, aber ordentliche Hausmannskost, hier war man schließlich über Jahrhunderte daran gewöhnt, körperlich hart zu schuften, das prägt die Küche, von Hors d'oeuvres wurde und wird hier niemand satt. Hier, im Kohlenpott der Grande Nation, bestellt man zum Beispiel Potjevleesh, eine Pastete aus Kaninchen, Geflügel, Kalb, Schwein und Speck, nicht zu dünn aufgeschnitten. Mimolette, eine der vierunddreißig regionalen Käsesorten, wird monatelang in den Kellern von Roubaix gereift und dabei, wie Champagner, regelmäßig gewendet. Mit deftigen Leckerbissen gestärkt, macht der Reisende sich zum Stadtspaziergang auf, bewundert die flämisch beeinflußte Architektur und landet gewiß im Palais des Beaux Artes, einem der bedeutendsten Museen Frankreichs, in dem es einige hundert Meisterwerke, unter ihnen Werke von Rubens, Goya, Rodin und Picasso, zu sehen gibt. Das Geburtshaus Charles de Gaulles in der Rue Princesse ist heute ebenfalls ein Museum.

„In die Farbe hineinschneiden“

Südöstlich von Lille liegt Le Cateau-Cambrésis, der Geburtsort des Malers Henri Matisse (1869-1954), der das Glück hatte, sein Museum in seinem Geburtsort selbst mitgestalten und eröffnen zu dürfen. Schön muß es sein, dieses Gefühl, wenn der Bürgermeister anruft - Matisse wohnte statt im Norden lieber in Paris und Nizza - und erzählt, daß seine Bürger anfangs eigentlich nur eine Matisse-Schule planten, dann aber irgend jemand die Idee mit einem Museum hatte. Und Matisse kam, stellte mit Vergnügen einiges aus seinem reichhaltigen Gesamtwerk zur Verfügung und eröffnete sein Museum 1952 als schwerkranker, aber unermüdlich arbeitender Mann. Seitdem er Anfang der vierziger Jahre an Magenkrebs erkrankt war, konnte er nicht mehr aufrecht vor seiner Staffelei stehen, er saß im Rollstuhl oder mußte im Bett liegen.

Doch Matisse wollte nicht aufgeben, er beschloß, fortan "mit der Schere zu zeichnen" und fertigte seine berühmten Papierschnitte an. Für ihn war es die Erfüllung eines künstlerischen Traumes, der da hieß: keine Trennung mehr zwischen Zeichnung und Farbe. Den Vorgang, mit der Schere "in die Farbe hineinzuschneiden", verglich Matisse mit dem Meißelschlag des Bildhauers, der Künstler lehrte jene Kulturkritiker, die Scherenschnitte gern als hübsche Dekoration abtaten und den Rest der Welt, daß Scherenschnitte auch Kunst sein können und nichts, worüber man lächeln muß.

Zirkus, immer wieder Zirkus

Bis zum 26. Februar 2007 zeigt das Matisse-Museum in Le Cateau-Cambrésis die Ausstellung "Chagall et Tériade - L'empreinte d'un peintre". Tériade war Herausgeber der Kunstzeitschrift "Verve" und förderte viele Künstler, für seine kostbaren Bücher brachte er große Maler und bedeutende Dichter zusammen. Marc Chagall (1887-1985) beauftragte er unter anderen, Lithographien zu "Daphnis und Chloé" anzufertigen, auch die Illustrationen zu Gogols "Toten Seelen", La Fontaines "Fabeln" und die Arbeiten zur Bibel-Illustration, die der Verleger Ambroise Vollard bei Chagall in Auftrag gab, sind in der Ausstellung zu sehen. Dieser Auftrag bedeutete für ihn die Erfüllung eines künstlerischen Traums: "Seit meiner Jugend hat mich die Bibel gefesselt. Sie erschien mir immer als die größte Quelle der Poesie aller Zeiten."

In den Jahren 1931 bis 1939 hat Chagall an diesem Projekt gearbeitet, mehr als hundert Gouachen angefertigt. Die Ausstellung in Le Cateau-Cambrésis zeigt diese wunderbaren Illustrationen. Und Zirkus, immer wieder Zirkus, eine der künstlerischen Lieblingsszenen des in Rußland geborenen Malers. "Für mich ist der Zirkus ein magisches Schauspiel, das kommt und vergeht wie eine Welt", sagt Chagall einmal. Eine bunte, phantasievolle Welt - zu sehen im Musée Matisse.

Unfreiwillige Bescheidenheit der kleinen Schwester

Weiter nach Arras, jenem bezaubernden Ort, dessen "Grand Place", der Marktplatz, am Samstagmorgen von oben aus betrachtet aussieht wie eine liebevolle Illustration aus einem kunterbunten Kinderbuch. Die bunten Markisen verwandeln den Ort einmal die Woche in eine Heile-Welt-Kulisse, das ist Frankreich, wie man es so gerne mag. Schade, daß man als Tourist nicht lange bleibt, wie gern würde man jetzt wahllos ein bißchen Käse kaufen, Gemüse dazu und von den hübschen Blumen, aber unterwegs ist das leider unpraktisch, man hat ja nicht einmal einen Korb dabei. Unter der Erde von Arras fasziniert ein rund dreißig Kilometer langes Kellersystem den Besucher, man gelangt durch die Keller der Geschäfte und Restaurants in ein unterirdisches Gängesystem. Einmal im Jahr erblühen unter der Stadt Blumen, dann bringt ein unterirdischer Garten mit lebendigen Pflanzen die Gäste zum Staunen, im nächsten Jahr wird das Thema "Oper" sein. Das Museum der schönen Künste von Arras befindet sich in der schönen Benediktinerabtei Saint-Vaast und präsentiert eine riesige Sammlung mittelalterlicher Skulpturen und Gemälde aus dem 17., 18. und 19. Jahrhundert.

Eine architektonische Besonderheit der Region sind Uhrtürme, stolze Türme, von denen aus man dereinst das Umland bewachte und Alarm schlug, wenn Feinde anrückten oder andere Gefahren drohten. Dreiundzwanzig Uhrtürme des Nord-Pas de Calais und der Somme wurden 2005 von der Unesco ausgezeichnet, sie gehören zu den internationalen Baudenkmälern, denen ein "herausragender universeller Wert" bescheinigt wurde. Stolz vermerkt der Tourismus-Werbeprospekt: "Nun stehen sie auf einer Stufe mit dem Mont Saint-Michel, den Loire-Schlössern und der Freiheitsstatue in New York!" Da ist sie wieder, die unfreiwillige Bescheidenheit der kleinen Schwester, diese große, unerfüllte Sehnsucht nach einem Leben im Rampenlicht.

Größter deutsche Soldatenfriedhof

Nur einmal stand die Region - allerdings aus traurigem Grund - in der ersten Reihe, an vorderster Front: Im Ersten und Zweiten Weltkrieg fanden hier erbitterte Kämpfe statt, im Zweiten Weltkrieg wurde Arras von den deutschen Truppen besetzt, im Ersten Weltkrieg lieferten sich französische und deutsche Truppen in der Schlacht von Arras erbarmungslose Kämpfe.

Auf den Höhen bei Vimy, nördlich von Arras, wehrten kanadische Einheiten mehrere deutsche Angriffe ab, die Stadt wurde schwer beschädigt, hatte aber nach dem Krieg Glück, denn die flämische Architektur stand unter Denkmalschutz und die Stadt wurde deshalb schnell und liebevoll wieder aufgebaut.

Fast fünfundvierzigtausend deutsche Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg fanden in Neuville-St. Vaast ihre letzte Ruhestätte, es ist der größte deutsche Soldatenfriedhof des Ersten Weltkriegs in Frankreich. Noch heute werden bei Bauarbeiten oft die sterblichen Überreste von Soldaten gefunden, die meisten von ihnen verloren ihr Leben bei den schweren Kämpfen um die Lorettohöhe und um Artois in den Jahren 1914/15.

Freund und Feind

Es ist ein merkwürdiger, irgendwie tröstlicher Frieden, der die Besucher des Soldatenfriedhofs in Neuville-St. Vaast umfängt. Hier wurde ein Teil der europäischen Geschichte geschrieben, Tausende gaben dafür ihr Leben. Es gibt die großen Ereignisse, die den Verlauf der Geschichte zu verändern vermögen, und es gibt kleine, anrührende Geschichten wie diese: Am Heiligen Abend im Jahr 1914 beendeten deutsche, britische und französische Soldaten kurzerhand auf eigene Faust vorübergehend den Krieg, um miteinander Weihnachten zu feiern. Sie reichten einander verbotenerweise die Hände, sangen miteinander und vergaßen für kurze Zeit ihre Verzweiflung. Aus dieser Geschichte hat Christian Carion 2005 den Kinofilm "Merry Christmas" mit Diane Krüger, Benno Fürmann und Daniel Brühl gemacht.

Der Berliner Tenor Nikolaus Sprink sang damals für Kameraden und für Feinde, die er sich nicht selbst ausgesucht hatte, "Stille Nacht", britische Soldaten spielten Dudelsack, man schenkte einander ein Stück kostbarer Schokolade oder eine in jenen Zeiten wertvolle Zigarette - bis die Generäle von der ungewöhnlichen Weihnacht erfuhren und ihr ein Ende bereiteten. Und dennoch - die Geschichte der Versöhnung ist unvergessen und irgendwie ein Synonym für die Region: Hier versöhnten sich Freund und Feind, hier versöhnt sich die harte Vergangenheit der Kohlengruben mit der Gegenwart, die eine neue, vielleicht einfachere Zukunft verheißt. Auch wenn die Franzosen ihren Kohlenpott nicht ins Herz geschlossen haben. Macht nichts, das hat auch in Deutschland ein bißchen länger gedauert.

Auskunft: Maison de la France, Postfach 100128, 60001 Frankfurt, Telefon: 09001/570025, Internet: www.franceguide.com.



Text: F.A.Z., 07.12.2006, Nr. 285 / Seite R5
Bildmaterial: AFP, F.A.Z., REUTERS

 
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