Von Jasna Zajcek
13. Mai 2008 In der Wirtschaftsmetropole des Königreiches Saudi-Arabien machen sich männliche Muslime zur kleinen Pilgerfahrt, der Umrah, auf. Sie tragen weiße Handtücher, ungesäumt, locker um Hüften und Schulter. Tausende wollen zur Kaaba in Mekka, nur achtzig Kilometer entfernt. Einige, bereits auf dem Rückweg, schleppen Fünf-Liter-Kanister voller Zamzam, dem heiligen Quellwasser. Terrorsicher eingeschweißt in dicke klare Folie, reist das heilige Wasser als Bordgepäck in die EU. Unter die weißbetuchten Männer mischen sich Frauen. Sie tragen die schwarze bodenlange Abeya, dazu Kopftuch oder Gesichtsschleier. Die Kleiderordnung ist nicht nur dem Glauben geschuldet: Sie ist gesetzlich festgelegt und auch für Touristinnen Pflicht. Swimmingpool in Fünf-Sterne-Hotels? "Sorry, Ma'm, it's illegal for ladies!"
Es gibt Regeln für Touristen. Unverheiratete Frauen müssen das 29. Lebensjahr vollendet haben und immer Abeya tragen. Die Reisegruppe muss immer zusammen, immer beim Guide, meist bei der Security bleiben. Bewaffnete Sicherheitskräfte eskortieren den Reisebus. Die Heiligen Stätten sind für Kuffar, Ungläubige, nicht zu betreten. Rings um Mekka und Medina trennen Autobahnabfahrten Muslime von Nicht-Muslimen. Vergehen gegen das Alkoholverbot werden mit achtzig Stockschlägen oder drei Jahren Gefängnis geahndet. Vergehen gegen die Drogengesetze mit dem Schwert.
Heute dient das Arrival Gate des Flughafens Dschidda als Tor zu den Heiligen Stätten des Islams. Seit Jahrhunderten liegen sie in der Obhut des Königs und sind, dank der wachsenden Pilgerzahlen, für Abdullah bin Abdul Asis al Saud eine sichere Einnahmequelle.
Niemand hier käme auf die Idee, diesen Tag einen Mittwoch im April zu nennen. Es ist Rabi At-Thani, der zehnte Tag im zweiten Frühlingsmonat des islamischen Kalenders im Jahre 1429 nach Hidschra, also nachdem Mohammed ibn 'Abd Allah ibn 'Abd al-Muttalib ibn Haschim ibn 'Abd Manaf al-Quraischi aus Mekka in die Welt auszog und den Islam verkündete. Und für jeden Jünger das Gebot erließ, zumindest einmal im Leben zur Kaaba ("Kubus") zu pilgern. Den Stein verehrten die Araber der Halbinsel bereits in vorislamischer Zeit, in der Dschahiliya ("Dunkelheit"). Bereits die Quraisch, der Stamm, aus dem Mohammed kam, verdiente mit Tourismus Geld. Das Geschäft mit der Reise ist in diesem Land älter als Islam und Königreich.
Alles funkelt
Nun sind der Ausbau der staatlichen Infrastruktur sowie Investitionen in Höhe von mehr als zehn Milliarden Dollar für die nahe Zukunft geplant. Ein guter Teil davon führt nicht nur zu Megaprojekten wie dem Bau der "King Abdullah City" rund hundert Kilometer nördlich von Dschidda, sondern fließt auch in die Förderung des Tourismus für Nicht-Muslime. "Kein Individual-, kein Massentourismus, keine Visa für Russinnen!", erklärt Ahmed Mostafaa, der mit seiner Reisegesellschaft "Sadd Al-Smallaghi Establishment" rund achtzig Prozent der Nicht-Pilger-Touristengruppen betreut. Rund 2000 Menschen aus Deutschland, Japan und England kamen im ersten Quartal dieses Jahres. Zu jeder Hadsch, der großen Pilgerfahrt in der Saison, sollen bald sechs Millionen kommen. Sobald die Logistik geschaffen ist: Ausbau des Luxuspilgertourismus, Sieben-Sterne-VIP-Service an den Pilgerstationen.
Dafür, dass sich die selbst stolz als "geschlossene Gesellschaft" bezeichnenden Saudis öffnen wollen, gibt es viele Gründe. Der nationale Tourismus soll angekurbelt werden, um die Millionen, die derzeit in London, Marbella oder an der Côte d'Azur ausgegeben werden, im Land zu halten. Tourismus ist personalintensiv. Die hohe inoffizielle Arbeitslosenquote soll gesenkt werden. Eine Million Jobs sollen allein in King Abdullah City ab Ende des Jahres geschaffen werden. Insgesamt sind sechs Wüstenstadt-Projekte im Bau. Die Bevölkerung wächst rasant, 4,1 Kinder pro Frau, ein Mann darf vier Frauen haben. Jede Familie besitzt mehrere Autos, amerikanische Spritschlucker, bei 30 Cent pro Liter ist das unerheblich.
Die derzeit rund 28 Millionen Untertanen werden bis 2025 auf ein Vierzig-Millionen-Volk gewachsen sein. Noch sind die Dienstleistungsbranchen fest in fremder Hand: Bengalen arbeiten als Taxifahrer und Hotelboys, Philippinas als Nanny oder Krankenschwester. Im mittleren Management der gehobenen Hotels trifft man Jordanier, Libanesen und Palästinenser, im oberen Management europäisches und amerikanisches Fachpersonal. Thomas Huber ist "Palace Manager". Das luxuriöseste Hotel des Königreiches, das "Qasr al-Sharq", ist der Palast, den er seit kurzem leitet. Nach bester Schwarzwälder Hoteliertradition unterhält er beim alkoholfreien Lunch. Überall glitzert es: 600 000 Swarovski-Kristalle, sechzig Kilogramm Blattgold. "Einmal wie ein König leben!", für diesen Traum ist das "Qasr al-Sharq" gemacht. Die Waldorf-Astoria-Gruppe schuf ein bombastisches Haus für Menschen, die gewohnt sind, mit Personal zu reisen.
Leben im Compound
Der 36-jährige Huber möchte, dass seine Gäste sich sicher fühlen. Dass das Militär vor dem "Qasr al-Sharq"-Panzer geparkt hat, gibt ihm ein gutes Gefühl. Die Königsfamilie residiere gern in der tausend Quadratmeter großen "Royal Suite", die Bettwäsche ist mit Goldfäden durchwirkt. Huber selbst lebt, wie fast alle der rund sieben Millionen Ausländer, in einem "Compound", einer gesicherten Wohnanlage. Die Lebensbedingungen dort seien ideal, hinter dicken Mauern dürften Ausländerinnen im Pool schwimmen, es gebe internationale Shops, und alle Räume seien natürlich "mit AirCon". So manch ein Bewohner, berichtet ein sudanesischer Page am Lift des "Faisaliah Towers" in Riad, braue in der Anlage seinen eigenen Alkohol. "Schreiben Sie nicht, dass ich Ihnen das erzählt habe!", kichert er, "da wo ich wohne, ist alles möglich. Wir machen Musik, Party . . . die Philippinas beten sogar illegalerweise am Sonntag zu Jesus. So wie die Saudis hier kann ja kein normaler Mensch leben, nicht mal sie selbst!"
Kleine Einblicke vor großem Panorama gibt es in Norman Fosters beeindruckendem Bau, 240 Meter über dem versmogten Riad: In einer riesigen verspiegelten Glaskugel, spielt versteckt das Leben der Jeunesse dorée. Junge, schöne, reiche Menschen treffen sich hier, die rebellischen Protagonistinnen aus Rajaa Alsaneas Jugendkultur-Bestseller "Die Girls von Riad" könnte man hier vermuten. In das noble Restaurant "The Globe" kommt die Mutawwa, die Religionspolizei, nicht. Dunkle Lippen zu hell geschminkten Wangen und hochgeschlitzte Abeyas. Cousins gehen mit Cousinen, Brüder mit Schwestern aus, und alle flirten mit anderen Schwestern, die ihre Brüder und Cousins zum Aufpassen dabeihaben. Ein wenig komplizierter als in London, Marbella oder Paris, trotzdem: Nummernaustausch über Bluetooth-Handys. Die Herren haben darüber ein eigenes Stockwerk zum Zigarrenrauchen. Die Damen nicht. Also funktionieren sie die Vorräume der Toiletten zu Smoking Lounges um. Die langen Abeyas hängen an den Haken, europäische Roben werden gerafft, es wird gequatscht und gepudert.
Schätze, überall
Um das Land, das sechsmal so groß wie Deutschland ist, während einer zweiwöchigen Gruppenreise möglichst intensiv kennenzulernen, wird der Tourveranstalter Inlandsflüge buchen. So kann man abends in Riad nach Gourmet-Standard dinieren und am darauffolgenden Morgen nach kurzem Flug mitten auf der Weihrauchstraße landen. Um die Sehenswürdigkeiten der nördlichen Region um Sakaka zu besuchen, müssen stets einige hundert Kilometer Bus gefahren werden.
Das Provinzdorf Al-Ula ist Ausgangspunkt für Exkursionen nach Mada'in Saleh, dem saudischen Petra mit monolithischen Sandsteingräbern der kurz nach Christi Geburt verschwundenen Nabatäer-Kultur. Im Gegensatz zu Petra gibt es hier keine weiteren Reisenden, leider aber auch noch keinen Denkmalschutz. Graffiti und Zerstörung stören diesen sagenumwobenen Ort.
Auch die legendäre Hidschaz-Eisenbahn, deren traurige Überreste von einem kurzen Gastspiel rheinländischer Ingenieurskunst zeugen, ist hier zu finden. Sicher eskortiert geht es nach Taima, einer guterhaltenen Oasenstadt und wichtigen Station der Weihrauchstraße, die vom Jemen nach Gaza führte. Schon in der Jungsteinzeit lebten Menschen hier, jüdische Stämme.
Atemberaubende Landschaften
Archaische Landschaft in Orange und Rot, weite Horizonte. Abstrakte Felsformationen, wilde Kamele und Straßenschilder, die vor ihnen warnen. Und immer wieder, in der Ferne: hochgelegene Felsengräber, zu hoch, um beschmiert zu werden. Noch längst ist nicht klar, was das Königreich an versunkenen Schätzen vorzeitlicher Kulturen zu bieten hat. An den Ausgrabungen in der Region ist das Deutsche Archäologische Institut beteiligt. Um sich vor Plünderern zu schützen, aber auch, um dem Vorwurf, man buddele "unislamische Götzenabbilder" aus, vorzubeugen, soll nicht detailliert über das Projekt berichtet werden. Unter dem staubigen Wüstensand, bei den wilden Kamelen, zwischen atemberaubenden Wüsten-, Canyon- und Dünenlandschaften liegen noch viele Zeitdokumente vergraben. Die anderen Naturschätze schwimmen im roten Meer herum: "schöner" als "Ägypten vor zwanzig Jahren" soll die Unterwasserwelt hier noch sein, wissen Taucher zu berichten.
Die Saudis setzen auf streng reglementierten Studien- und Kultur- und Tauchtourismus, kein Vergleich zum Massentourismus auf der anderen Seite des Roten Meeres. Nur die Pilger sollen bald schon in noch größeren Massen kommen. Und wenn die Guides die historischen Eisenbahnteile und die Korallenzweige an ihren Originalplätzen belassen, dann bleibt diese andere, fremde Welt des Königreiches der zwei Heiligen Stätten noch lange so ursprünglich erfahrbar wie heute, am zehnten Tag im zweiten Monat des Frühlings, im Jahre 1429, nachdem Mohammed von Mekka auszog.
Der Weg nach Saudi-Arabien
Reisezeit Am besten reist man im Frühjahr oder Herbst, wobei der heilige Monat des islamischen Jahres Dhu l-hiddscha vermieden werden sollte. 2008 beginnt er Ende November.
Veranstalter Windrose Reisen (www.windrose.de) bietet t 10-tägige Rundreisen ab 3090 Euro oder Privatreisen ab zwei Personen mit Reisebegleiter ab 4290 Euro. Bei Ikarus Tours ( www.ikarus.com) kostet die 15-tägige Studienrundreise ab 3820 Euro. Orientaltours (www.orientaltours.de) bietet maßgeschneiderte Reisen auf Anfrage.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP, dpa, F.A.Z.
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