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Nordkorea

Das letzte Land

In diesen Tagen feiert Nordkorea den sechzigsten Jahrestag seiner Staatsgründung. Wir gratulieren einem sehr stolzen, sehr sonderbaren Land, das sich beharrlich der Wirklichkeit verweigert und lieber in seinem eigenen Surrealismus lebt. Das macht es zum spannendsten Reiseziel der Welt.

Von Jakob Strobel y Serra

Fünfundzwanzigtausend Kinder formen Bilder mit Klapptafeln: das Arirang-Festival in Pjöngjang, das größte Massensynchronspektakel der Welt.Fünfundzwanzigtausend Kinder formen Bilder mit Klapptafeln: das Arirang-Festival in Pjöngjang, das größte Massensynchronspektakel der Welt.
04. September 2008 

Kommunisten kommen nicht in den Himmel. Deswegen müssen sie sich auf Erden eine ewige Heimstatt bauen. Kommunisten kennen sich da aus, und die imposanteste, übermenschlichste, außerirdischste Bleibe hat sich weder Lenin noch Mao erschaffen und schon gar nicht der arme Onkel Ho aus Hanoi, sondern kein anderer als der, der sich zeit seines Lebens "Sonne der Menschheit" rufen ließ und auch im Tode noch sternenhell strahlen will: Kim Il-sung, Befreier des Vaterlandes vom imperialistischen Joch, Begründer der Glaubenslehre vom Kimilsungismus, einziger Bewohner eines megalomanischen Mausoleums, das Versailles wie eine Schrebergartenhütte und den Vatikan wie ein Dorfkirchlein aussehen lässt. Es ist die Weihestätte der Demokratischen Volksrepublik Korea, der Wallfahrtsort aller Werktätigen, die vom Großen Führer in Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang sechsmal die Woche immer von neun bis zwölf empfangen werden. Ganze Bataillone in Ausgehuniform marschieren auf, ganze Brigaden im gebügelten Blaumann, ganze Schulen im Pionierornat und die Frauen in Nationaltracht, wunderschöne Wesen in bodenlangen Kleidern, wie sie auch die Rauschgoldengel am Christbaum tragen.

In Habachtstellung stellen sie sich an, demütig schweigend, gedrillte Opferlämmer, so lassen sie sich zum heiligen Menschengral führen, wie ein Opferlamm fühlt man sich. Hunderte von Metern geht es unterirdische Gänge entlang, rolltrepp-auf, rolltreppab, immer tiefer hinein in diese Kathedrale der Selbstsakralisierung, vorbei an kahlem Granit, nacktem Marmor, blankem Beton, vorbei an endlosen Reihen steinerner Kraniche, den Symbolen des ewigen Lebens - und nur die wenigen Ausländer in der Pilgerkolonne fragen sich, ob das Anmaßung ist oder Sarkasmus in einem Mausoleum, einem Ort des ewigen Todes, nicht des ewigen Lebens. Schleichend, stumm, todernst nähert sich der Tross dem Allerhöchsten, unterwirft sich dem Zeremoniell der Einschüchterung, schrumpft mit jedem Meter mehr zur völligen Bedeutungslosigkeit angesichts der Maßlosigkeit dieses Mausoleums, erreicht schließlich einen blankpolierten Saal - und ist wie geblendet: An der Stirnseite thront, endlich Bild, fast Fleisch geworden nach all der bilderlosen Kahlheit, groß wie ein Elefant der Große Führer selbst als makellos weiße, von Marschmusik umspielte Marmorstatue, ein freundlich lächelnder Herr mit buschigen Augenbrauen und gemütlicher Wampe, der zu sagen scheint: Habt keine Angst, kommt alle zu mir, ich tue euch nichts! Seltsam menschlich wirkt er in diesem entmenschlichten Labyrinth, wie ein steinerner Vorgeschmack auf den Leib des Allmächtigen. War er doch ein Wesen von dieser Erde?

Und endlich ist es soweit

Immer wehrhaft: eine Parade von Marinesoldatinnen.Immer wehrhaft: eine Parade von Marinesoldatinnen.

Er war ein Geschenk des Himmels. Das lernt man im nächsten Saal, dem Sterbeort Kim Il-sungs, denn sein Mausoleum war einmal sein Palast. Jeder Besucher bekommt feierlich einen kleinen Kassettenrekorder in seiner Sprache überreicht und erfährt, dass der Große Führer genau hier von einem Herzinfarkt am Schreibtisch mitten beim Schuften fürs Volk dahingestreckt wurde, dass nicht nur ebendieses Volk zehn Tage und zehn Nächte lang bitterlich geweint habe, sondern der ganze Erdkreis Tränenbäche der Trauer vergoss - wer sich nicht mehr erinnern kann: Es war der 8. Juli 1994 - und dass die Menschheit wohl nie wieder einen Führer solchen Formats bekommen wird. Ganz benommen von den Hammerschlägen des krachenden Pathos, das Gesicht in granitenem Ernst erstarrt, um nicht die Häresie des Grinsens zu begehen, wird man in einen Aufzug verfrachtet und ist nun bereit, das Heiligste des Heiligtums zu betreten. Vorher muss man aber noch durch eine Luftschleuse, die den Pilgern mit der Stärke eines Autowaschanlagengebläses auch noch das letzte Staubkorn aus Haar und Hose pustet. Und dann endlich ist es so weit.

Den Erlöser sehen die gläubigen Kimilsungisten und verbeugen sich mit stummer Inbrunst dreimal, eine Leiche die Ketzer und nicken höflich: einen Untoten, gebettet in einen gläsernen Sarkophag, sehr blass für die Sonne der Menschheit, so wächsern, als sei er von Madame Tussaud ausgeliehen, eine Hülle in einer düsteren, pompösen, schwarzrot ausgeleuchteten Grabkammer. Der Grund aller Wahrheit erscheint den einen, der hoffnungslose Versuch, Unsterblichkeit mit Formaldehyd zu erzwingen, den anderen. Und hinter dem Totensaal sehen die Kinder des ewigen Kim Reliquien, die Ungläubigen nur Blech und Eisen. Erst zeigt der Große Führer alle seine Orden her, als sei es seine Briefmarkensammlung, dann seinen letzten Dienstwagen, ein Göttergefährt oder auch nur deutsche Wertarbeit: Die Sonne der Menschheit fuhr S-Klasse, V12, 408PS.

Kein Internet, keine Mobiltelefone

In Nordkorea ist alles phantastisch. Es ist ein Land, das es eigentlich nur in der Phantasie geben dürfte, weil seine Wirklichkeit nichts mit der Wirklichkeit der Welt zu tun hat. Es ist von einer Zeitmaschine geboren worden, erkennt die Existenz der Gegenwart nicht an und lebt im ewigen Moment des Triumphes von 1953, als der Bruderkrieg gewonnen war. Deswegen ist der scheinlebendige Kim Il-sung Nordkoreas ewig währender Präsident, ein Staatsoberhaupt im Sarkophag, und deswegen beginnt die nordkoreanische Zeitrechnung mit Kims Geburt - das haben bisher nur Buddha, Jesus und Mohammed geschafft. Für seinen Sohn Kim Jong-il bleiben nur der Parteivorsitz und das Oberkommando der Armee. Dafür darf er als "Sonne des einundzwanzigsten Jahrhunderts" so hell strahlen, dass er fast immer mit Sonnenbrille in der Öffentlichkeit auftreten muss.

Nordkorea kennt kein Internet, keine Mobiltelefone, keine Globalisierung, keine Coca-Cola, keine Werbetafeln, keinen Konsumterror, keinen Individualismus, keinen Egoismus, keine Einwanderung, keine Auswanderung, keine Verbindung zur Außenwelt außer einer Handvoll Flügen und Zügen pro Woche. Es ist das letzte Land, das unerschütterlich an den Sozialismus glaubt und sein Volk flächendeckend mit Propaganda indoktriniert, mit Lebensmittelkarten alimentiert, mit einem Personenkult attackiert, bei dem selbst Stalin blass vor Neid werden würde. Es ist das einzige Land des Planeten, in dem man Karaoke zu Propagandafilmchen singt, Schmachtfetzen, unterlegt mit Soldaten auf dem Felde der Ehre und Bauern auf dem Felde der Kartoffel. Nordkorea ist das eigentümlichste, befremdlichste, unfassbarste, spannendste Reiseland auf dieser Erde, ein Irrläufer der Geschichte, ein Kugelblitz aus der Alchi- mistenkammer der Ideologie, ein Land, das man für unmöglich hält, bis man es gesehen hat. Man muss es unbedingt gesehen haben.

Menetekel der Mangelwirtschaft

Als Erstes sieht man Pjöngjang und reibt sich die Augen: Willkommen in der Welthauptstadt des Plattenbaus, einem Utopia des sozialistischen Monumentalismus, das im Bruderkrieg fast vollständig zerstört und danach als postapokalyptische Kulisse im heroischen Geist des hohlen Pathos wiederaufgebaut wurde. Drei Millionen Menschen hausen in Tausenden heruntergekommener Wohntürme, Schlafkasernen mit Schimmelflecken, die längst den Kampf gegen den Verfall aufgegeben haben und in der stockfinsteren Nacht der Mangelwirtschaft den Schlaflosen anstarren wie aus drei Millionen toten Augen. Wie ein Menetekel überragt das pyramidenhafte Rohbaumonstrum eines Hotels die Silhouette, ein falsches Fortschrittsversprechen, ein unheimlicher Wiedergänger aus Fritz Langs "Metropolis", dreihundert Meter hoch, höher sogar noch, als die Schlangen an den Bushaltestellen lang sind. In Ehrfurcht erschaudert man vor der Duldsamkeit der Menschen, die warten und warten und dabei weder ihre Anmut noch ihre Würde verlieren und ganz selten ihr Lächeln und sich schließlich in rachitische Straßenbahnen aus tschechoslowakischer Produktion quetschen, rollende Rostbeulen, quietschende Menschenkonservendosen, was soll man machen.

Realsozialistisches Idyll: Pjöngjang mit dem Turm der Kim-Ideologie Yuche rechts und dem Stadion des 1. Mai im Hintergrund.Realsozialistisches Idyll: Pjöngjang mit dem Turm der Kim-Ideologie Yuche rechts und dem Stadion des 1. Mai im Hintergrund.

Man soll immer wachsam sein, den Finger stets am Abzug haben, denn der Feind ist nah. Mit diesen Botschaften wird das Volk bombardiert, auf Monumentalmosaiken, Wandgemäldezyklen, Riesenreliefs in der allerreinsten idealsozialistischen Jagdbomber-Sturmgewehr-Ikonografie. Das kampfbereite Rot der Revolutionsparolen ist der einzige Farbtupfer in der Monochromie des müden Betongraus, selbst die Platanen und Weihrauchbäume in den Alleen scheinen sich im kollektiven Gehorsam der befohlenen Farblosigkeit unterzuordnen. Ungehorsam wird von der Partei nicht geduldet, ein paar Insubordinationen gibt es aber doch, so wie das Hotel Koryo.

Lakai mit Generalsmütze

Es ist Superluxus nach nordkoreanischem, sehr passabler Standard nach außernordkoreanischem Verständnis, fünfundvierzig Stockwerke hohe, verklinkerte Doppeltürme, Oasen bourgeoiser Dekadenz mit Kronleuchtern, Wasserspielen und pudergezuckerten Weihnachtsbäumen, die aus unerfindlichen Gründen der Planerfüllung das ganze Jahr über in der Lobby stehen. Hier bleibt die Mangelwirtschaft vor der Drehtür, hier kann man großbürgerliche Suiten mit wuchtigem Mobiliar aus dem Zentralkomitee mieten, die indes mit Nasszellen wie im Wohnmobil kombiniert werden. Das muss die Dialektik des Sozialismus sein, die aus purem Übermut den Hotelpagen, einer gänzlich unsozialistischen Berufsgruppe, protzige Kappen in der Art französischer Marschallsmützen aufsetzt - wenn schon Lakai, dann wenigstens mit Generalskopfbedeckung.

Die Sonne des einundzwanzigsten Jahrhunderts: So lässt sich Kim Jong-il nennen.Die Sonne des einundzwanzigsten Jahrhunderts: So lässt sich Kim Jong-il nennen.

Im Hotel fühlt man sich vor der Omnipräsenz des Großen Führers einigermaßen sicher. Das ist Selbstbetrug. Er ist überall. Tausendfach lächelt er sein Volk an. Wer ihn nicht mehr sehen will, muss sich die Augen ausstechen. Doch das Volk will ihn sehen. Als Kim Il-sung sechzig wurde, bekniete es ihn monatelang, sich als Monumentalstatue in Bronze gießen zu lassen. Er aber weigerte sich standhaft und gab schließlich doch "dem unerschütterlichen Wunsch des werktätigen Volkes" nach. So wird der Besucher auf dem Weg hinauf zur Sonne belehrt und außerdem dringend gebeten, dem Großen Führer einen Blumenstrauß zu verehren. Seither also steht Kim so kolossal auf dem exponiertesten Hügel der Stadt, dass der Kollege aus Rhodos wie ein Gartenzwerg neben ihm wirken würde. Er lässt den Blick über Triumphbögen und Siegessäulen, Völkerfreundschaftsmonumente und Kriegerdenkmäler schweifen, alles zu seiner Verherrlichung errichtet als Apotheose des kimilsungistischen Surrealismus.

Alle drei Tage ein Buch

Wie ein Deus ex machina thront er über seiner Stadt und seinem Volk, dem er Sieg und Freiheit geschenkt hat und das er seither in der babylonischen Gefangenschaft ewiger Dankbarkeit hält: Die Sonne der Menschheit wärmt euch, huldigt der Sonne, tragt sie in eurer Brust! Und die Menschen tun es, sie tragen ihren Führer auch auf der Brust. So gut wie jeder Nordkoreaner hat immer einen Kim-Pin am Revers, neunundneunzigkommaneunneun Prozent. Was für ein Ergebnis, was für Kollektivismus, was für ein Erfolg der Propaganda, die den Menschen offenbar mühelos einreden kann, Kim Il-sung habe tatsächlich zehntausend Bücher in seinem Leben geschrieben. Wenn man schüchtern nachrechnet, dass er bei einem Start seiner literarischen Massenproduktion noch vor dem Kindergarten alle drei Tage ein Werk vollendet haben müsse, erntet man nur Achselzucken. Er sei eben ein sehr kluger und sehr fleißiger Mann gewesen, sagen die Nordkoreaner dann freundlich, sie kennen es nicht anders. Und wie könnte man das diesen Menschen übelnehmen, diesen großherzigen Despotenuntertanen, die so wenig Grund zum Lächeln haben und es trotzdem so unerschütterlich tun? Was für eine Anmaßung wäre das!

Der Große Führer ist wirklich ziemlich groß: Kim Il-sungs Kolossalstatue in Pjöngjang.Der Große Führer ist wirklich ziemlich groß: Kim Il-sungs Kolossalstatue in Pjöngjang.

Denn alles in Nordkorea hört auf ein Kommando und am imponierendsten beim Arirang-Festival, dem größten Massensynchronspektakel der Welt. Hunderttausend Darsteller feiern vor hundertfünfzigtausend Zuschauern im Stadion des 1.Mai das Hochamt des Kollektivismus. Es ist eine Show aberwitziger Gleichheit, Gleichförmigkeit, Gleichzeitigkeit. Ganze Kleinstädte marschieren im Gleichschritt über den Rasen, schwenken millimetergenau Fahnen, formen wie von Zauberhand Azaleen, Lotusblumen, wogende Meere aus Menschenleibern, schlagen in Fünfzehnerreihen Flickflacks wie am Schnürchen, bewegen sich wie Fischschwärme, als seien sie Fische. Am unglaublichsten aber sind die fünfundzwanzigtausend Schulkinder auf der Gegentribüne, die mit irrsinniger Präzision und Perfektion in Sekundenbruchteilen mit ihren Klapptafeln Bilder entstehen lassen - Kampfbomber im Sturzflug, Bergpan-oramen im Morgennebel, den Großen Führer im Halbprofil, klapp, klapp, klapp, zack, zack, zack, phantastisch, grandios, das ist doch nicht möglich, ist das noch menschlich? Atemlos starrt man auf das Klapptafelwunder und merkt erst gar nicht, wie einem das Staunen zum Schaudern gefriert. Und dann endlich wird einem klar, was man hier sieht: eine Anzeigentafel aus Oberschülern, eine Computersimulation aus Fleisch und Blut - ein Kind, ein Pixel. Es ist der Exorzismus des Egos, das Autodafé des Individualismus, die Maschinisierung des Menschen. Es ist unfassbar.

Kinder marschieren durch den Kopf

Dann fährt man heim durch die Düsternis sozialistischer Straßenlampenfunzeln und kommt plötzlich am hellerleuchteten Kim-Il-sung-Platz vorbei, auf dem Tausende Kinder spätabends Massensynchrongymnastik für den sechzigsten Jahrestag der Staatsgründung üben. Regungslos stehen sie im gleißenden Licht und warten auf ihr Kommando, ein gespenstisches Bild der Menschendressur, das nach ein paar Sekunden wieder in die Dunkelheit zurückfällt. Die Kinder aber marschieren die ganze Nacht durch den eigenen Kopf. Man glaubt, sie um Hilfe schreien zu hören.

Massentanzen in Nationaltracht: Nordkoreaner feiern den fünfundfünfzigsten Jahrestag des Bürgerkriegendes.Massentanzen in Nationaltracht: Nordkoreaner feiern den fünfundfünfzigsten Jahrestag des Bürgerkriegendes.

Sie schreien nicht. Sie lachen auch nicht. Aber die Kinder lächeln, scheu zwar, doch es ist ein Lächeln, das man auf der Fahrt durch das Land immer wieder sieht. Nach Westen geht es, zunächst auf einer zehnspurigen Autobahn, breit wie zwei Landebahnen, benutzt von zwei Radfahrern und zwei Fußgängern, dann auf kleinen Straßen durch die reinste Pittoreske der Bukolik. Man fährt vorbei an Süßkartoffelfeldern und Reisterrassen, Maulbeerbäumen und Zypressenalleen, Bauerndörfern mit Pagodendächern und Ochsengespannen mit fröhlichen Kindern ganz oben auf dem Heu. Es ist eine Welt wie vor hundert Jahren, Subsistenzwirtschaftsidyll ohne Fortschrittsverschandelung. Jeder weiß, dass es hier den bitteren Beigeschmack des Elends gibt. Doch man schmeckt ihn nicht. Es ist einfach zu schön.

Tanzen auf den Tischen

Stattdessen duftet es nach Grillparty. Vollbepackt ziehen die Menschen zum „Berg des Drachen mit dem weitgeöffneten Maul“. Hier treffen sie sich zum Massenpicknick unter Platanen, lauter schöne, stolze, gutgelaunte Menschen, kein einziger dick, das ist nur die Nomenklatura, grillen Tintenfisch, wickeln ihn mit dem wunderbaren, sauer eingelegten Korea-Kohl Kimchi in Sesamblätter ein, trinken Schnaps dazu und tanzen bald auf den Tischen. Die Quetschkommode quietscht, das Kollektiv singt so lauthals, dass es eine Freude ist und dem Fremden die Zweifel kommen: Ist der Sozialismus doch das bessere System? Ist der Kapitalismus nicht viel griesgrämiger? Hat der Große Führer am Ende recht?

Die Antwort liegt tief im Berg vergraben, zwei Stunden nördlich von Pjöngjang, im „duftenden bizarren Gebirge“, das so anmutig ist wie eine wahr gewordene Kalligraphie mit seinen Weihrauchbäumen und Riesenmagnolien, seinen Felszacken und Sturzbächen. Vor tausend Jahren schon priesen hier buddhistische Mönche die Schönheit der Schöpfung und bauten ein Kloster, das selbst im Zeitalter der sozialistischen Götter wie ein Augapfel gehütet wird. Familie Kim kam gerne hierher, und vor einer achteckigen Pagode mit dreizehn Stockwerken und einem Glöckchen an jeder Ecke wird dem staunenden Besucher von Kim Jong-ils Genie Kunde gegeben: Der Geliebte Führer - so heißt er im Gegensatz zum Großen - sei in sehr jungen Jahren genau hier gefragt worden, wie viele Glöckchen an der Pagode hingen. Schnell wie der Blitz habe er dreizehn mal acht gleich hundertvier errechnet. Donnerwetter!

Ein Prosit auf die Hybris

Mit dreistelligen Zahlen geben sich die Kims üblicherweise nicht zufrieden. Gegenüber dem Kloster haben sie sich zwei Völkerfreundschaftsmuseen von pharaonischen Dimensionen in den Berg sprengen lassen, eines für den Vater, eines für den Sohn, in denen sämtliche Gastgeschenke an die Menschheits- und Jahrhundertsonne präsentiert werden. Es sind, Stand Ende 2007, exakt zweihundertzweiundzwanzigtausendfünfhundertzweiundzwanzig Stück, aufbewahrt in einem kilometerlangen, mit blankem Granit ausgekleideten Stollensystem, einem kafkaesken Labyrinth des kaltes Prunks. Stalin steuerte eine sechs Tonnen schwere Panzerkarosse bei, Sukarno eine raumgreifende Couchgarnitur, Mugabe ein ausgestopftes Nashorn, das sandinistische Brudervolk einen präparierten Kaiman. Je tiefer man in diese Staatsschatzrumpelkammer eindringt, umso bizarrer, umso bescheidener werden die Geschenke, bis man schließlich fast gerührt bei Kuckucksuhren, Flachmännern, Spielzeugpanzern, Nussknackern, Kuhglocken und Maßkrügen landet. Wie gern würde man einen Krug herausnehmen, ihn mit dem guten koreanischen Bier füllen und mit den beiden Sonnen auf den Größenwahn ihrer Kleingeistigkeit anstoßen: Ein Prosit auf die Hybris! Darauf steht wahrscheinlich der Strang.

Wenn es schon kein Bier gibt, braucht man jetzt wenigstens ein bisschen Bescheidenheit als Balsam. Man findet ihn in Kaesung, der alten Hauptstadt der Koryo-Dynastie zwei Stunden südlich von Pjöngjang. Gegen ihren alles überragenden, wie ein Flaschengeist über den Dächern lauernden Kim-Koloss wehrt sich die Stadt standhaft mit konfuzianischen Universitäten, mittelalterlichen Weisheitssäulen, tausend Jahre alten Ginkgos, einer bildhübschen Miniaturaltstadt und vor allem mit dem Mausoleum des Königs Kong Min. Er starb im Jahr 634 vor Kim, also 1374 nach Christus, und ließ sich in den nahen Bergen ein Doppelgrab für sich und seine Frau errichten.

Eine Liebe über den Tod hinaus

Vielleicht gibt es keinen schöneren, harmonischeren, würdevolleren Ort in Nordkorea als diesen, der am Ende einer kilometerlangen Allee aus Zypressen und Platanen liegt wie die Endstation einer glücklichen Reise. Die Bäume behüten die Besucher und die Bauern, die sich aus Erschöpfung auf den blanken Asphalt schlafen gelegt haben, zu müde, um sich vom Hupen vertreiben zu lassen. Dann tauchen die Gräber aus grobem Granit auf. Sie schmiegen sich an eine steile Flanke, blicken auf Berge mit koketten Spitzkegeln, sind von wilden Blumen und steinernen Löwen und Schafen eingerahmt, denn wie ein Schaf war Kong zu seinem Volk, wie ein Löwe aber zu seinen Feinden. Die Grabkammern selbst, die mit einem Geheimgang verbunden sind, weil sich König und Königin so sehr liebten, dass sie auch im Tod nicht voneinander lassen konnten, bestehen aus nichts anderem als zwei schlichten Halbkugeln, jede kaum größer als ein Teepavillon, bedeckt mit einem Flaum aus Gras. Nichts weiter als eine Halbkugel braucht Kong Min als Abbild seiner Vollkommenheit, nichts weiter als ein bisschen Geometrie. Sehr lange bleibt man im Gras sitzen, gerührt von der Liebe des Königspaares, seltsam berührt von diesem unfassbaren Land, von seinen maschinisierten Kindern, seinen erschöpften Bauern, und lässt sich die Seele von der Sonne wärmen. Es ist die richtige.

Reisen im Land: Nordkorea kann man nicht individuell, sondern nur mit Pauschalarrangements der Korean International Travel Company (KITC) bereisen. Sie beginnen und enden immer in Peking und dauern zwischen vier und elf Tagen. Man muss mit etwa 160 Euro pro Person und Tag rechnen; für Gruppen wird es günstiger. Der Hin- und Rückflug von Peking nach Pjöngjang mit der nordkoreanischen Gesellschaft Air Koryo kostet 350 Euro. Die touristische Infrastruktur ist erstaunlich gut, sie erlaubt ein komfortables und sicheres Reisen. Allerdings werden Gäste dringend gebeten, sich nicht von der Reisegruppe zu entfernen.

Information: Korean International Travel Company (KITC), Herzbergstraße 128-139, 10365 Berlin, Telefon: 030/30360254, E-Mail: info@kitceurope.com; das Büro eröffnet im Laufe des September. KITC erledigt auch die koreanischen Visumangelegenheiten, nicht aber die chinesischen; eventuell braucht man bei einem Stop-over in Peking ein Transitvisum (www.china-botschaft.de).

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, Reuters

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2010.
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