Von Johannes Winter
17. Juni 2009Die Begegnung mit Rainer Maria Rilke beginnt ein paar Schritte vom Abgrund entfernt, im Garten des Hotels gleich neben der Felskante. Dort steht der Dichter vor einer Zypresse und schaut in der Pose des Sehnsuchtsvollen ins Weite, eine schlanke Gestalt mit Schnauzer, in Bronze gegossen, die rechte Hand hält ein Buch, über dessen möglichen Titel wir keine Einigung erzielen. Es ist kein Zufall, dass wir uns im Hotel Reina Victoria in Ronda einlogiert haben. Hier war Rilke untergekommen, im Winter 1912 wohnte er in Zimmer 34. Wir sitzen auf der Terrasse und atmen eine "Luft von wundervoller Klarheit und Frische", von der schon der Lyriker geschwärmt hatte, Höhenluft, denn hinter dem schmiedeeisernen Gitter fällt der Fels senkrecht ins Bodenlose.
Zum Staunen ist uns zumute und auch zum Schaudern. Denn Ronda liegt, mit Rilkes Worten, "auf zwei immensen Felsplateaus, zwischen denen in einer Tiefe von 150 Metern und in einer Schlucht, die kaum 90 Meter breit ist, unten der Fluss seinen Weg sucht. Diesen Felsmassen, die die Stadt mehr hochhalten als tragen, liegen auf allen Seiten Berge gegenüber, Berge wie aufgeschlagen, um Psalmen daraus vorzusingen, und über diese fort begrenzen grandiose Gebirgsformen den weiteren Horizont: ein Panorama von unbeschreiblicher Hoheit." Um Rilkes Gesundheit stand es nicht gut, als sich der eben siebenunddreißig Jahre alt gewordene Dichter während einer Spanienreise in die Serranía de Ronda zurückzog. Von jeher leidend, schrieb der ewig Heimatlose deshalb gleich an die Freundin Lou Andreas-Salomé, er erwarte "eine bessere Verteilung meines quälenden Blutes durch den Einfluss der hohen reinen Luft".
Nach dem Frühstück Zimmer 208, das "Museo", ein Einzelzimmer ohne Bad. An der Rezeption hat Miguel Guerrero Dienst. Der freundliche ältere Herr hat Muße zu erzählen. Rilke habe zwar nie in diesem Zimmer gewohnt, aber es sei im ursprünglichen Zustand erhalten, gleiche also Zimmer 34, das einem Umbau zum Opfer gefallen sei. Rilke-Pilgern aus nah und fern verpflichtet, bemüht sich die Leitung des Hauses, den Widerspruch von Vergänglichkeit und Bewahren auszugleichen mit knarrenden Dielen und einem Bücherschrank voll Rilke-Werken, garniert mit getrockneten Blättern der Rose, seiner Lieblingsblume. Trotz Kaminfeuer, meint Guerrero, habe sich der Gast mit der Kälte schwergetan und an der Rezeption meist hinterlassen: "Ich muss meinen kalten Füßen zuliebe rasch spazieren gehen."
Wir folgen ihm. Cristóbal Orozco, der Senior der Fremdenführergilde von Ronda, begleitet uns. Orozco stammt sozusagen aus der traditionellen Schule. Er ist bald siebzig, stolz auf seine Stadt und hat alles, was es an Zahlen, Daten, Namen, Fakten gibt, im Kopf. Für ihn liegt es nahe, die Stierkampfarena als Treffpunkt auszuwählen, ihrer einzigartigen Architektur wegen - zwei Arkadengalerien mit heruntergezogenen Bogen auf 136 toskanischen Säulen, die das kreisförmige Dach tragen. Zählte Rilke zu den Besuchern der Plaza de Toros, gar zu den Bewunderern des Stierkampfes? Das Heiligtum der Tauromachie liegt menschenleer im andalusischen Licht. Nur ein paar Spatzen sind zu hören. Die Sonne steht am wolkenlosen Himmel. Ein Schattenriss zieht sich im Bogen über den Kampfplatz. Im oberen Rang der Schattenseite sitzen wir, auf dem Holz der seltenen Igeltanne, und haben das weite Rund aus zerfurchtem Sand vor Augen.
Hier muss die Probe aufs Exempel stattfinden. Wir schlagen nach bei Rilke und stoßen auf ein Gedicht, das den Titel "Corrida" trägt. Der Dichter besingt das Duell zwischen Toro - "die stürmische Gestalt, sieh, zu welcher Masse, / aufgehäuft aus altem schwarzem Hasse, / und das Haupt zu einer Faust geballt" - und Torero, "der in Gold und mauver Rosaseide" auftritt und kämpft bis zu seinem Triumph, "ehe er gleichmütig, ungehässig, / an sich selbst gelehnt, gelassen, lässig / in die wiederhergerollte große / Woge über dem verlornen Stoße / seinen Degen beinah sanft versenkt." Kein Schweiß, kein Blut. Stattdessen verkleidet Rilke seinen Matador mit so viel Eleganz, Kaltblütigkeit und Raffinement, dass wir geneigt sind zu sagen: Der Dichter hat nie einen Stierkampf gesehen. Zu seinen lyrischen Bildern hat er sich wohl von den Tauromaquia-Radierungen Francisco Goyas anregen lassen.
Rilke, so viel wird uns bald deutlich, war nicht von touristischen Attraktionen einzufangen. Er ließ sich von der grandiosen Landschaft entzücken, von der Felsen- und Bergwelt, die ihn verzauberte. Immer wieder vergewisserte er sich der "heroischen" Lage Rondas: "ein gigantischer Felsen, der auf seinen Schultern ein kleines Dorf trägt, geweißt und immer neu gekalkt, das über den schmalen Fluss schreitet wie der Hl. Christophorus mit dem Jesuskind." Auf diesem Felsen bewegte er sich, und wir machen es uns zur Gewohnheit, ihm auf den Fersen zu bleiben, seine Weise nachzuahmen, flanierend die Stadt zu erkunden. Als es Nacht wird, ist der Himmel ein makelloses Sternenmeer. Vor der Kathedrale sitzen wir auf einer Bank, einen rieselnden Brunnen im Rücken, und spüren etwas von dem, was Rilke seiner Mutter schrieb: "Die über und über geweißten kleinen Häuser sahen aus, als hätten sie alle reine Hemden angezogen, und dabei lag der Schein des Vollmonds so stark über allem, dass man gelegentlich meinen konnte, zwischen lauter Schnee zu gehen."
Was Rilke sah, was ihn anrührte, das malte er mit Worten, verwandelte es in lyrische Bilder, ob in Briefen oder Gedichten. Er sandte sie seinen Lieben, seinen Gönnerinnen, seinen Vertrauten. Alle sollten Anteil haben an dem, was ihn an Ronda faszinierte, an seinem "Traumbild". Ob die Freundin Lou Andreas-Salomé hieß oder Sidonie Nádherný oder Marie von Thurn und Taxis, vielleicht hätte es ihn gefreut, wenn die eine oder andere es auf sich genommen hätte, ihn zu besuchen, ihm Gesellschaft zu leisten. Doch war dies wirklich seine Sehnsucht? Jedenfalls verschickte er nicht nur Texte, sondern auch Postkarten, die er, wie Cristóbal Orozco weiß, in einem Bazar an der Arena erstand. Doch sie stellten ihn nicht zufrieden, Rilke suchte nach Fotos, die sein Hiersein, das, was ihm wichtig war in und an Ronda, für die fernen Vertrauten dokumentieren konnten. Keine Kunstwerke, sondern getreue Abbilder der Stadt auf den Felsen inmitten einer großartigen Landschaft. Er nahm sich einen Fotografen.
Zeitgenössische Fotos zeigt uns Miguel Guerrero, gegenüber seinem Arbeitsplatz an der Hotelrezeption hängen sie in einem Winkel, unter ihnen eine schwarzweiße Ansicht des Gebäudes im Urzustand. Guerrero legt seinen Zeigefinger auf das Fenster, hinter dem Rilke einst wohnte. Diese Postkarte habe der Dichter gern, mit einem Kreuz am Fenster markiert, als Gruß aus Ronda verschickt. Im Haus der Kultur graben wir dann einen kleinen Schatz aus: zehn Fotos, aufgenommen im Auftrag von Rainer Maria Rilke. Die Originale bewahre die Schweizerische Nationalbibliothek im fernen Bern auf, sagt der Bibliothekar. Der Fotograf sei unbekannt. Was uns dazu verleitet, ihn unseren Anonymus zu nennen, dessen Auftrag einschloss: kein Bild von Rilke.
Das Fotomotiv schlechthin in Ronda, der am meisten besuchte Ort, sein Wahrzeichen ist die Neue Brücke. Mit Cristóbal Orozco nähern wir uns dem Meisterwerk der Ingenieurskunst, zweihundert Jahre alt und knapp hundert Meter hoch über dem Grund des Tajo, der Schlucht, die das Felsmassiv in zwei Teile teilt, als sei der Axthieb eines Riesen tief hineingekracht. Wirre Rhythmen vom Klicken der Fotoauslöser fliegen uns um die Ohren. Der Wind zerrt an den Bildern aus der Sammlung Rilke, unter denen eines ist, das viel grauen Fels zeigt und die weiße Gischt eines Wasserfalls. Nicht nur für Rilke war das ein Ort, wie geschaffen, um die Fassung zu verlieren. An Lou Andreas-Salomé schrieb er: "Das Rauschen aus der tiefen Flußschlucht macht alles, was war, und alles, was sein kann, überflüssig."
Cristóbal Orozco pflegt eine eigene Erinnerung an das Bauwerk. In der Brückenstube über dem mittleren Bogen, erzählt er mit leuchtenden Augen, habe er einst seine Hochzeit gefeiert. Zu Rilkes Zeit aber sei die Stube als Gefängnis genutzt worden. Dessen war er sich sicher. Dann führt er uns durch die gepflasterten Gassen der Altstadt, entlang maurischer Innenhöfe aus bunten Fliesen und Pflanzen und Brunnen, ein historisches Ensemble, das auch Rilke mit Kälte und Regen versöhnte. Die Arabischen Bäder vor der Stadtmauer mochte er besucht haben, von Bögen und Säulen entzückt gewesen sein. La Mina aber, die düstere, in den Felsen gehauene Wendeltreppe, die einst über 365 Stufen wie ein senkrechter Tunnel hinab bis ans Wasser des Flusses führte, war ihm wohl zu viel Abenteuer. Im schummrigen Licht wagen wir den Abstieg bis zum Boden der Schlucht und müssen erleben, wie die Stufen nicht nur unsere Beinmuskeln misshandeln. Der schier endlose Rückweg nach oben raubt uns auch noch den Atem.
Was Rilke am meisten reizte, war der poetische Blick von außen auf die hochragende Stadt. Wenn es das Wetter zuließ, ging er auf Wanderschaft. Durch das mächtige Almocábar-Tor folgen wir ihm auf dem Fuße. Am römischen Aquädukt machten wir Rast, schauten in die Nähe und in die Weite und entdeckten das, was für Rilke "ein Reichlichsein vorrätiger Natur" war. Die Stadt haben wir hinter uns gelassen und machen uns - wie er - auf "weite weite Wege". Von Mandelbäumen sind sie gesäumt, die seiner Seele wohltaten: "Unendlich staun ich euch an, ihr Seligen, euer Benehmen, / wie ihr die schwindliche Zier traget in ewigem Sinn." Hier war es wohl auch, wo Rilke seinen Fotografen das Stativ aufbauen ließ, an einem Ort, der ihm "besonders lieb" war, wie er seiner Mutter schrieb. Ihr schickte er das Ergebnis des Fototermins, die Stadtkrone aus Kirchtürmen, von der Heilig-Geist-Kirche über das Franziskus-Kloster bis zur Marien-Kathedrale, versehen mit der Bemerkung: "Dieser Blick ist nie aufgenommen worden, und mir schien er einer der schönsten und ganz besonders charakteristisch für Art und Anlage dieser seltsamen Stadt." Der Sohn, der die Einsamkeit so liebte, ließ die ferne Mutter an seinem Glück teilhaben.
Ronda befeuerte offenbar Rilkes Leidenschaft fürs große Unendliche. Auf der Suche danach war er nicht selten unterwegs zur Einsiedelei von Mariae Haupt, der geliebten Zuflucht, einem verwunschenen Fleck. Wir halten uns an seine Spur. Spatzen tanzen über die Kiesel. Die Sonne bewirft jeden Stein mit ihrem Schatten. Ein zottiges Maultier zupft melancholisch an vertrockneten Grashalmen. Das Tor zu einem weißen Atrium öffnet sich, wir stehen vor einer Barockkapelle, die sich an mächtige Kalkfelsen lehnt. In den Stein ist eine Mönchsklause geschlagen, Grotten mit Zellen und Küche unter uralten Bögen, die mancher Pilger mit seinen Dankesschwüren zur Votivtafel umfunktioniert hat. Rilke traf hier einmal, wie er seiner Mutter berichtete, "eine ganz arme Frau mit einer Unmenge Kinder". Sein Herz sei so gerührt gewesen, dass er "die Kinder der Reihe nach mit etwas Kupfergeld (es waren sieben, glaub ich) beschenkte". Das Standbild der Muttergottes mit ihrem strahlenden Kopfschmuck, das die Gläubigen von Ronda jedes Jahr im Sommer durch die Landschaft tragen, war wohl weniger nach seinem Geschmack.
Die Wallfahrtsstätte ist menschenleer. Eine Eidechse sonnt sich auf der Treppe. Die Mittagssonne steht hoch, Zeit für die Siesta. Jenseits einer Pinienreihe erhebt sich das ockerfarbene Felsmassiv, das die weiße Stadt trägt, in der Mitte die tiefe Kerbe der Schlucht, von den drei Bögen der Neuen Brücke zusammengezwungen. Wir haben Ronda auf Augenhöhe. Winzig ragen Häuser und Kirchen aus dem gewaltigen Fundament in den wolkenlosen Himmel. Hier muss der Dichter seinen Fotografen auf ein besonderes Motiv aufmerksam gemacht haben. Das Foto zeigt die riesige Felswand, in drei Stufen abfallend. Und an der Kante ganz links außen steht das Reina Victoria, Rilkes Hotel.
Es wundert uns nicht, als wir von Miguel Guerrero im Hotel erfahren, dass der Dichter irgendwann überstürzt abgereist sei, obwohl sein Spanisch schon bescheiden gewachsen war. Das Wetter, hinterließ er, sei schuld gewesen. Als wir aufbrechen, sind wir uns sicher, dass Rainer Maria Rilke in der Szenerie rund um die Stadt auf dem Felsen eine Prise Lebensglück gefunden hat.
Informationen: Spanisches Fremdenverkehrsamt, Myliusstraße 14, 60323 Frankfurt, Telefon: 069/ 725033, E-Mail: frankfurt@tourspain.es, Internet: www.spain.info. Auskünfte über das touristische Angebot im Bergbaugebiet unter www.parquemineroderiotinto.com.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Johannes Winter