Von Jakob Strobel y Serra
24. Juli 2008 Das ist Heldenliebe! Das ist Humor! Was für ein Willkommen! Ein Bravo auf Belfasts Großmut, das seinen Flughafen ganz ohne Scham und Verzagtheit nach einem heiligen Trinker benannt hat: nach dem whiskeydurchtränkten Lebensanarchisten George Best, der eine kurze Zeit seines Lebens erfolgreich bei Manchester United Fußball spielte, die längste Zeit seines Lebens unter reger Anteilnahme aller nordirischen Landsleute seinen Verstand versoff, vorher aber noch unvergessene Sätze wie diesen prägte: "1969 habe ich mit dem Trinken und den Frauen aufgehört; es waren die schrecklichsten zwanzig Minuten meines Lebens" - um dann vor drei Jahren sturzbetrunken ins Grab zu sinken, nachdem er nicht nur seine eigene, sondern auch eine gespendete Leber ruiniert hatte.
Irland und ganz besonders Nordirland hat ohne Zweifel ein Alkoholproblem - nein, nein, kein moralisch-quantitatives, vielmehr ein historisch-hochprozentiges: Die Iren sind zwar weltbekannt als die größten Guinness-Apostel vor dem Herrn, aber so gut wie unbekannt als die Schöpfer eines der bedeutendsten Beiträge zur globalen Trinkkultur. Es waren sie und nicht die Schotten, diese Plagiatsparvenüs, die den Whiskey erfunden haben. Es waren irische Mönche, nicht irgendwelche halbwilden Torfstecher aus den Highlands, die im Mittelalter so lange mit vergorener Gerste experimentierten, bis ihr Wasser des Lebens die Lebensgeister rief. Und es war die Nordküste Nordirlands, an der die Wiege des Whiskeys stand, im Dörfchen Bushmills nördlich von Belfast, das vor genau vierhundert Jahren von König JamesI. die allererste Lizenz zum Whiskeybrennen erhielt. Deswegen feiert die örtliche Schnapsfirma Bushmills, die sich als legitimen Lizenznehmer bis zum heutigen Tag sieht, das Jubiläum jetzt mit großem Aplomb und einer Sonderabfüllung, die den sprechenden Namen "1608" trägt.
Der Kampf der Riesen
Wie eine Parabel auf die Nordiren, die Schotten und den Whiskey klingt die Geschichte, die man sich über den Giant's Causeway ein paar Kilometer hinter Bushmills erzählt, der mit Abstand größten Touristenattraktion Nordirlands. Es ist ein bizarres Ensemble aus vierzigtausend Basaltsäulen im umtosten Meer, die von oben wie Kopfsteinpflaster und von der Seite wie Orgelpfeifen oder die Skyline Hongkongs aussehen. Sie sind eine Caprice der Natur, die sich hier vor sechzig Millionen Jahren etwas leistete, was sie sich sonst nie gönnt: Sie huldigte der Geometrie, formte aus dem Basalt Pentagone, Hexagone, Heptagone, Oktagone, Trapeze, Parallelogramme, Zylinder, und das mit der maschinellen Gleichmäßigkeit einer industriellen Serienfertigung. Phantasielose Geologen behaupten, die seltsame Säulenlandschaft sei die Folge eines Zusammenspiels aus vulkanischer Tätigkeit und einer langsamen Abkühlung der Lava im Meer. Das klingt allerdings sehr viel unglaubwürdiger als die Geschichte der beiden Riesen Finn MacCool und Benandonner, die unter den Einheimischen seit Jahrmillionen kursiert.
Finn, der Ire, hatte wieder einmal schlechte Laune, weil Ben, der Schotte, auf seinem Dudelsack pfiff. Also baute er sich den Causeway hinüber ins nahe Schottland, um Ben zum Duell zu fordern. Er ging übers Meer, kam aber ganz schnell wieder zurück, als er sah, dass Ben noch viel riesengrößer war als er selbst. Da griff Finn zu einer List: Er schmiss sein Kind aus der Wiege, legte sich selbst hinein, und als der kampfbereite Ben das monströse Baby im Bettchen erblickte, bekam wiederum er einen Riesenschrecken, weil er sich vorstellte, was für ein Gigant erst der Kindsvater sein müsste. Also rannte er heim nach Schottland und zerstörte hinter sich den Giant's Causeway - schlauer ist der irische Riese, größer aber der schottische; die einen erfinden den Whiskey, die anderen beherrschen den Weltmarkt..
Alkohol statt Weltherrschaft
Ketzerei wäre es, diese Geschichte einem notorischen Whiskeykonsum zuzuschreiben, auch wenn der irische Dichter Patrick Murray behauptete, dass Gott den Alkohol nur deswegen erfunden habe, um die Iren von der Weltherrschaft fernzuhalten. Es gibt nämlich noch einen anderen geologischen Beweis für Finn MacCools schlechte Laune: Als Benandonner wieder einmal Krach machte mit seinem Dudelsack, riss Finn einen riesigen Felsen aus Nordirlands Erde und schleuderte ihn Richtung Schottland. Doch er verfehlte sein Ziel, und der Fels plumpste als Isle of Man ins Meer - die Insel hat exakt dieselbe Silhouette wie der größte See Nordirlands, der nichts anderes ist als das mit Wasser gefüllte Felsloch. Im Übrigen kann es gar nicht schaden, sich die Gegend rund um Bushmills ein wenig schönzutrinken. Es ist eine monochrom grün gestrichene Wald-und-Wiesen-Landschaft, in der Schafe wie schmutzige Wollknäuel auf den Weiden herumliegen und sich weiß getünchte Bauernkaten im Wind ducken wie geprügelte Hunde. Schön spektakulär ist aber die Küste, "wie Amalfi ohne Sonne", sagen die Einheimischen in ihrem trocken geräucherten Humor, eine schroffe Abbruchkante hundert Meter hoher Kalksteinfelsen, gegen die das Meer mit blinder Wut donnert und sich die Burgen von den Felsspornen pflückt, die sich hochmütig zu weit nach vorne gewagt haben; vielleicht war daran der Whiskey schuld.
Alle Stürme überstanden hat die Destillerie Bushmills in Bushmills, einem nicht weiter nennenswerten Ort, dessen drei größte Sehenswürdigkeiten zwei nach dem Fett von vorgestern riechende Fish-and-Chips-Buden und eben die Brennerei sind. Sie gehört inzwischen zu einem internationalen Bier- und Schnapsgiganten, der unter anderen Guinness, Carlsberg, Smirnoff und Baileys zu seinen Schäfchen zählt und die Laien in den alten Fabrikgebäuden aus dem neunzehnten Jahrhundert in das Wesen des irischen Whiskeys einweiht: Er wird dreimal destilliert, schmeckt deswegen schmeichelnd weich und rein wie Glockenklang und nicht nach ungewaschenem Holzfäller wie der einfach gebrannte Bourbon oder nach Moorleiche wie der zweifach gebrannte Scotch. Er lagert mindestens drei, manchmal sogar zwanzig Jahre in gebrauchten Holzfässern, wobei die besonders wertvollen Tropfen ihre Ruhe- und Reifezeit im Sherry-, Port- und Madeirafass verbringen. Und er muss, wie Bushmills' Master Distiller bei der Degustation streng anweist, immer mit ein paar Tropfen Wasser getrunken werden, denn nur so wird die ölige Oberfläche des Schnapses durchbrochen, und die Aromen können sich entfalten. Im Übrigen gebe es keinen Katechismus beim Whiskeytrinken, sagt der Chefbrennmeister, er werfe sogar Eiswürfel ins Glas, was manchen falschen Propheten der reinen Lehre als Gotteslästerung gilt.
Glückskind der Industrialisierung
Es gibt allerdings auch kein Mysterium beim Whiskeymachen, jedenfalls offenbart es sich nicht beim Rundgang durch die Destillerie: Gerste mit heißem Wasser zur Matschepampe anrühren, dann ein paar Stunden im Gärtank vor sich hin schmurgeln lassen, danach ab in die Brennerei, dreimal durch die Kupferkessel und schließlich hinein ins Fass - fertig ist das Lebenswasser. Dafür schmeckt es ganz schön gut, die besten Erfindungen sind eben manchmal die simpelsten. Und daran, wer der geistige Vater des geistigen Getränks ist, lassen die vielen patriotischen Plakate in der Bushmills-Destillerie keinen Zweifel. Beware of imitation - Scotch and Bourbon, heißt es da warnend oder: Ulstermen discovered Whiskey, when Scotsmen were still drinking Brogat, eine Art Met für Höhlenbewohner. Und in Belfast, das einmal die Welthauptstadt des Whiskeys war, wirbt die Destille mit einer riesigen Wandzeichnung in Saddam-Hussein-Rhetorik: Bushmills - The Daddy of Whiskey.
In seinen besten Zeiten versorgte Belfast, dieses Glückskind der viktorianischen Industrialisierung, den ganzen Erdball nicht nur mit Whiskey, sondern auch mit allerlei anderem. Die größte Seil- und Schiffstaufabrik der Welt stand einst in jener Stadt, in der der Schlauchreifen, die Hydraulik, der Schleudersitz und der Senkrechtstarter erfunden wurden, die größte Tabakfabrik auch, die größte Sprudelabfüllanlage, die größte Werft sowieso. Auf ihr wurde die unglückselige Titanic gebaut, die vierzehn Tage nach dem Stapellauf in Belfast auf dem Grund des Meeres lag - als sie die Werft verließ, war sie einwandfrei in Ordnung, auf die Feststellung legen die Belfaster allergrößten Wert. Ihr Trockendock klafft immer noch als großes, tiefes, feuchtes Loch draußen im Hafen. Eigenartig berührt steht man davor wie vor einem offenen Grab und spürt, dass dieses tragische Schiff ein Teil der Menschheitsgeschichte ist, allem Schmalz zum Trotz.
Der Schweißer im Smoking
In den Backsteinlagerhallen, in denen früher der Whiskey auf seine Reise in die Welt wartete, sind heute Gourmetrestaurants und Designerateliers untergebracht. Eine Arbeiterstadt mit schwarzen Fingernägeln und Schwielen an den Händen ist Belfast aber bis heute, rauh und grob und stark und auf nichts so stolz wie auf die beiden gigantischen gelben Kranungetüme der Werft Harland and Wolff, ihre Wahrzeichen, ihre Eiffeltürme. Es ist eine Stadt, die nichts anzufangen weiß mit dem Spottspruch Oscar Wildes, der die Arbeit den Fluch der trinkenden Klasse nannte, weil sie immer beides getan hat, schuften und trinken. Es ist eine Stadt, die dank des wundersamen irischen Booms der vergangenen Jahre immer schöner und reicher wird und ihr schickes neues Kleid trotzdem trägt wie ein Schweißer einen Smoking.
Der Aufschwung wirft Belfast nicht aus den Stiefeln, dazu hat es zu viel Glanz und Elend erlebt, die rauschhaften Zeiten, als es neben London, Liverpool und Manchester eine der vier Säulen des Empire war, den Niedergang, als die Schlüsselindustrien kollabierten, die Prohibition in Amerika den Destillerien das Genick brach und aus Nachbarschaft zwischen Katholiken und Protestanten tödliche Feindschaft wurde. So fern und doch so nah ist der Nordirland-Konflikt, Zeitgeschichte und gleichzeitig Beklemmung, vor allem in West-Belfast, dem Frontgebiet des Bruderkriegs, in dem noch immer auf schwülstigen Wandgemälden Mörder als Märtyrer gefeiert werden. Wie eine Demarkationslinie spaltet die Peace Wall das Viertel in einen katholischen und einen protestantischen Teil, gestützt vom Hass auf beiden Seiten, ein fünf Stockwerke hoher Zaun, der wie ein Beil zwischen die niedrigen Reihenhäuser gerammt ist, allein der Anblick schmerzt. Das schwere Eisentor in der Friedenswand wird noch immer jeden Abend geschlossen, man kann ja nie wissen.
Mark Twain wusste Bescheid
Es gibt keinen protestantischen oder katholischen Whiskey, aber es gibt protestantische und katholische Kneipen, die einen voller Union Jacks und royalistischer Devotionalien, die anderen voller gälischer Trinksprüche und Plakate, die zum Vortrag The United Irishmen einladen. Und in allen Lokalen gibt es Schilder, die das Tragen von Fußballtrikots verbieten, weil die Leibchen immer auch eine politische oder konfessionelle Präferenz ausdrücken und man keine Lust mehr auf solchen Ärger hat. Die Schilder hängen sogar in ehrwürdigen Kneipen wie dem Crown Liquor Saloon, einer denkmalgeschützten, vom National Trust verwalteten Trinkstätte aus dem Jahr 1849, einst das Hauptquartier der Whiskeyhändler von Belfast. Es ist mehr Kathedrale als Kneipe, ein heiliger Ort mit Bodenmosaiken, geschnitzten Decken, tugendhaften Allegorien auf buntbemalten Glasfenstern, einer prachtvollen, schrankwandgroßen Bar voller Whiskeyfässer und zehn Separées aus dunklem Holz, die wie Chorgestühle aussehen und von Greifen bewacht werden. Hier gingen stadtbekannte Schnapsliebhaber wie der Dichter Brendan Brehan ein und aus, der von sich behauptete, ein Poet mit einem Alkoholproblem zu sein, während die Belfaster ihn eher für einen Alkoholiker mit einem Schreibproblem hielten.
Das irische Alkoholproblem ist ohnehin ein eher relativistisch-partielles. Für die Guinness-Produzenten existiert es nicht, weil Guinness in den Kneipen das Monopolgetränk ist. Whiskey hingegen wird kaum geordert, und wenn doch, dann selten patriotisch, denn selbst im Fachhandel beherrschen schottische oder sogar amerikanische Imitate und Plagiate die Regale. Dabei hatte schon Mark Twain die anatomische Beschaffenheit des irischen Menschen durchschaut und gewarnt: Gib einem Iren Bier für einen Monat, und er ist ein toter Mann. Denn ein Ire ist mit Kupfer ausgeschlagen, und Bier lässt es rosten. Whiskey aber poliert das Kupfer und ist die Rettung jedes Iren. Gilt das auch für andere Volksstämme? Herrn Twain können wir nicht mehr fragen, also auf zum Selbstversuch mit Originaljubiläumswhiskey - aber nicht ohne seelenrettenden irischen Trinkspruch, falls es in George-Best-Manier schiefgeht: Möget Ihr, wenn Eure letzte Stunde schlägt und Ihr Euch aufmacht zur Himmelspforte, eine halbe Stunde Vorsprung haben, bevor der Teufel von Eurem Tod erfährt. Cheers!
Information: Die Bushmills-Destillerie in Bushmills liegt etwa eine Autostunde nördlich von Belfast. Sie kann im Rahmen geführter Touren besichtigt werden, nähere Auskünfte im Internet unter www.bushmills.com. Touristische Auskünfte: Irland Information, Gutleutstraße 32, 60329 Frankfurt, Telefon: 069/ 9231850, E-Mail: info@entdeckeirland.de, Internet: www.discoverireland.com/de und www.discovernorthernireland.com.
Text: F.A.Z.
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