Von Daniel Boese
27. April 2006 Auf den Straßen von Neu-Delhi wird die Höflichkeit sehr ernst genommen: Jeder hupt, was er kann. Es trötet, quietscht und flötet, denn auf dem Heck der Busse und Autorikschas steht in großen, bunten Buchstaben: Bitte hupen!
Viele Autofahrer klappen ihre Rückspiegel deswegen ein, man hört ja, wenn jemand trötend von hinten kommt. Wir sitzen auf einer Vespa aus dem Jahr 1971, mit weit geschwungenen Seitenbacken, und Pawan Soni, dem der Roller gehört, lotst uns durch das Gedränge der Autos und Motorräder. Er thront ruhig und ohne sich festzuhalten auf der Sitzbank.
Mut und gute Bremsen
Ein befreundeter Inder hatte gewarnt: In Indien braucht man keinen Führerschein, man braucht Mut und gute Bremsen. So schön diese Vespa auch aussieht, gute Bremsen hat sie nicht. Die hintere greift erst gar nicht, dann blockiert das Rad sofort, die vordere tut gar nichts. Trotzdem packt einen auf der Schnellstraße durch einen Park der Übermut, bei fünfzig Kilometern pro Stunde schiebt der Fahrtwind den Helm in den Nacken, das erste eigene Hupsolo auf freier Straße ertönt. Die dicke, warme Luft strömt an den Armen vorbei, so geht es zur Werkstatt von Pawan Soni.
Sechzehn Jahre lang hat Soni die indischen 125er Motorräder repariert. Er mußte sich den Motor nur anhören, um zu wissen, was kaputt war. Doch dann gab es Streit mit seinen Brüdern, sie drängten ihn aus der gemeinsamen Firma, und Soni mußte mit seiner Frau, Sohn Sunny und Tochter Neha in ein ärmeres Viertel ziehen. Erst Sunny brachte ihn wieder zurück ins Geschäft: Sunny war achtzehn, er arbeitete neben der Schule im Motorradmarkt als Bote.
Vater und Sohn
Immer wieder fragten ihn die Europäer nach seiner Vespa. Wie alt sie sei, ob es noch mehr davon gebe, ob sie sie ihm abkaufen könnten. Und so begannen Vater und Sohn, die alten Motorroller zu restaurieren. Letztes Jahr haben sie 70.000 Pfund Umsatz allein in Großbritannien gemacht. Sie nutzen die billigen Arbeitskräfte in Indien - und daß man auf den Dörfern rund um Delhi noch die alten Vespas und Lambrettas findet, für die Nostalgiker in Europa viel Geld bezahlen. Denn dort sind heute die antiken Modelle entweder längst restauriert oder schon lange auf dem Schrottplatz gelandet.
Der Weg zur Werkstatt ist geschottert, vor uns rollt ein Junge einen aufgepumpten Fahrradreifen mit einem Stock durch die Gasse, der Roller parkt neben einer Kuh, und dann führt Pawan Soni in seine Werkstatt: ein fünf mal acht Meter großer Raum, mit einer Werkbank und einem guten Dutzend Rollern und Motorrädern. Im gleichen Viertel besitzen die Sonis noch zwei Lagerhallen mit Hunderten von alten Rollern. Alle zwei Monate schickt Sunny einen ganzen Container los, nach Mumbai mit dem Laster und dann mit dem Schiff bis nach England.
Der Roller hat uns berühmt gemacht
Zurück im Büro zeigt Sunny stolz das Foto von einer Vespa Baujahr 1965, die er komplett verchromen ließ. Alles glänzt von oben bis unten, hinten und vorne. Der Roller hat uns berühmt gemacht in Australien, erzählt Sunny und kramt dann noch ein paar Chromteile hervor. Zierblenden für die Seiten der Lambretta. Die sind von bester Qualität, genau das, was die Kunden in Europa sehen wollen. An der Wand hängt ein Zitat von J. Paul Getty, dem Öl-Tycoon: Es gibt nur einen Weg, ein Vermögen zu machen: in deinem eigenen Unternehmen.
Gordon stellt sein Motorrad neben dem Müllhaufen auf der Gasse ab und setzt sich an den Schreibtisch. Gordon Johnston ist Sunnys Busineßpartner aus Leeds. Er bestellt Tee, nach zehn Minuten kommt ein Junge mit Chai in brühend heißen Gläsern. Gordon exportiert seit Jahren Waren aus Asien, erst schickte er Kleider nach Europa, dann Holzhandwerk, jetzt die Roller.
Ich war immer ein Rocker mit Lederjacke
Ich frage, ob er ein Mod war, so wie seine Kunden. Er schiebt die Träger seines Tank Tops zur Seite, zeigt mir die Tattoos und erzählt: Ich war immer ein Rocker mit Lederjacke. Die Mods mit ihren Anzügen, den manikürten Händen und dem Rouge auf den Wangen, er wackelt mit den Hüften, das war nie was für mich.
Ein paar Tage später geht Sunny abends auf seine Tour durch Karol Bagh. In Delhi sind die Märkte nach Vierteln geordnet, in Karol Bagh gibt es eben nur Motorräder und Zubehör, Swiss Seat Covers zum Beispiel. Im Verschlag neben Sunnys Büro ist eine Allianzvertretung, die Lebens- und Motorversicherungen abschließt, daneben gebietet ein Sikh im Turban über drei Telefone in seinem Telefonladen. Als Sunny ein Kind war, tat sich wenig in den Gassen von Karol Bagh. Erst in den neunziger Jahren, als Indien sich für ausländische Firmen und Investoren öffnete, öffnete sich auch ein Geschäft nach dem anderen.
Summer of 69
Heute reihen sich Hunderte von Rädern, die Freedom und Hero heißen, am Straßenrand auf. Auch Sunnys Onkel verkauft die Hero, ganz allein, seit er Sunnys Vater ausgebootet hat, das meiste läuft auf Kredit. Bei den Prozenten verschiebt man hier und da eine Zahl, das sieht nach nicht viel aus, aber am Ende bringt das den Gewinn, erzählt er.
Dann steigen wir ins Auto, Sunny fährt seit zwei Monaten einen kleinen weißen Hyundai Santro, die Plastikfolie klebt noch an den Sonnenblenden. Noch bevor der Motor läuft, spielt er Summer of 69 von Bryan Adams auf dem CD-Spieler, in einer Panjabi-Version mit lauten indischen Trommeln. Wir fahren ins lebendige West End von Karol Bagh: Hier geht man ins Cafe Nescafe oder ins Kino, die Straßen sind voller Menschen.
Dauernd klingelt das Handy
Dauernd klingelt das Handy. Sunny verabredet sich mit seinen Cousins. An einem Wohnhaus halten wir, gehen ins Schlafzimmer, wo uns die kichernden Cousinen vorgestellt werden. Sie haben sich bei Shackti, der Medizinstudentin, getroffen, um sich die Gesichter zu bleichen. Nächste Woche wird eine Hochzeit gefeiert, da wollen sie schön aussehen.
Wir gehen nach gegenüber, zu Pinchoo, dem großen Cousin. Der liegt gut zwei Zentner schwer mit nacktem Oberkörper auf dem Bett, guckt eine Bollywood-Soap und leert gerade seine Flasche Whiskey. Er klopft dem schmalen Sunny zur Begrüßung auf die Schulter, und dann erzählt er vom Gefängnis. Heute haben sie ihn rausgelassen, nach zwei Wochen in Untersuchungshaft.
Use dipper at night!
Er hat seine Mutter angebettelt, jetzt darf er eine Nacht bei seiner Familie schlafen. Es ging natürlich um Geld, ein Freund aus dem Restaurant hatte Schulden bei Pinchoo, und nach einem Jahr hat der andere gesagt: Ich zahle nicht. Tu, was du tun mußt. Da hat Pinchoo ihm mit einem Messer das Gesicht zerschnitten und in den Bauch gestochen.
Dann muß Sunny noch ein paar Teile bei Gordon Johnston abliefern, dafür geht es einmal quer durch Delhi. Es ist dunkel geworden, und es wird weiter gehupt, obwohl am Heck der Laster auch das Gebot steht, nachts die Lichthupe zu nutzen: Use dipper at night! Ein findiger Geschäftsmann verkauft in ganz Indien Kondome mit dem Namen Dipper, eigene Werbung hat er deshalb nicht nötig.
Er selbst hat keinen Führerschein
Beim Fahren gerät Sunny ins Erzählen, sagt, daß er sich wegen der Straßenrennen immer wieder The Fast and the Furious ansieht. Er selbst hat keinen Führerschein, er hatte nie Zeit dafür, die Arbeit ist wichtiger, er sagt: Mein Geschäftstraum wäre es, eine eigene Fabrik zu eröffnen, die Motorroller komplett selber zu bauen und dann die alten Markenrechte von Lambretta zu kaufen. Und für die Familie will ich ein großes Haus, ein Farmhouse bauen, mit einem Pool und einem Guesthouse für die Geschäftspartner.
Nach rund vierzig Minuten sind wir bei Gordon. In der Wohnung stehen große Teakmöbel vor kahlen Wänden, unter dem Sofa liegen verchromte Lambretta-Front-Kaskaden. Gordon und Sunny verschicken noch ein paar E-Mails, es gibt Probleme mit einem Paket voller Ersatzteile. Gordon erklärt die Geschäftsphilosophie: Wir brechen in den Markt ein, weil wir die Billigsten sind. Unrestaurierte Roller für 400 Pfund, fertig ausgebaute für 2000, das macht keiner billiger. So kriegen wir jede Menge Umsatzvolumen und machen mehr Gewinn.
Eigentlich ist er ein Reisender
Er klingt wie ein Manager, dabei ist Gordon eigentlich nur eines wirklich: ein Reisender. Seit über drei Jahrzehnten fährt er um die Welt, ein Tattoo auf seinem linken Arm zeigt ihn mit Tasche in der Hand und Schlafsack auf dem Rücken. Nach Indien kam er in den Siebzigern eher zufällig, er hatte ein paar Iraner im BMW von München nach Teheran gebracht. Dort wollte er arbeiten, es gab viel Geld für Westler, die Scania- und Mercedes-Laster fuhren. Aber dann, 1979, brannten die Häuser in Teheran, drei Tage mußte er sich verstecken, bis ihn ein Bus nach Osten brachte. Der Schah stürzte, und Gordon Johnston fuhr über Afghanistan und Pakistan nach Indien.
Doch mit dem Alter hat er genug von den Tropen, von dem verdammten Sodbrennen der Currys und der Gewürze, er möchte zurück in sein Haus und zu seiner Katze in Leeds. Seine Rente, das sind die Roller im Lagerhaus der Sonis.
Geld kommt nicht als erstes
Irgendwann will Sunny los, und wir steigen wieder in seinen Kleinwagen. Zu Hause wartet seine Mutter Veena, neulich ist er extra einen Abend zu Hause geblieben, weil sie immer schimpft, daß er so wenig da ist. Er hat sie umarmt und Witze gemacht, und sie hat ihm gesagt, was sie immer sagt, eine Weisheit, die ihr Guru predigt: Geld kommt nicht als erstes.
Doch die Motorräder sind Sunnys Leidenschaft. Er erzählt von dem Rennen vergangenes Jahr: Sie waren zwanzig, alle auf Motorrädern, Sunny auf seiner Enfield mit der großen Hupe. Von Delhi nach Jaipur, zweihundert Kilometer indische Schnellstraße. Der Touristenbus braucht fünf Stunden für die Strecke. Sunny hat die Kamelwagen stehengelassen, er ist den kleinen Mopeds ausgewichen und den riesigen Lastern. Auch an den Getreidetransportern, die meterhohe Getreidesäcke von einer umgebauten Wasserpumpe ziehen lassen, ist er vorbeigefahren, und dann hat er die Motorräder überholt. Eins nach dem anderen, bis er am Ende zweiter war. In einhundertzwanzig Minuten war er in Jaipur, schnell und furios.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 23.04.2006, Nr. 16 / Seite V5
Bildmaterial: Daniel Boese, picture-alliance / dpa