Von Mark Siemons
22. Juli 2008 Luxushotels gibt's heute wie Sand am Meer, doch das "Peninsula" in Hongkong besetzt noch immer die Marktlücke des "vornehmsten Hotels östlich von Suez", als das es vor achtzig Jahren eröffnet wurde - nicht unbedingt im buchstäblichen Sinn, wohl aber als Platzhalter von Assoziationen, die die Kolonialära mittlerweile als Lebensstilmarkierung weckt. Immer noch gilt es als unentbehrlicher Teil einer Hongkong-Reise, einen Nachmittagstee in der berühmten Lobby des "Pen" einzunehmen - nicht weil hier alles besonders luxuriös und überwältigend aussehen würde, sondern fast im Gegenteil, weil diese vergleichsweise übersichtliche und schwach beleuchtete Halle wie eine Insel maßvoller Bescheidenheit inmitten der glitzernden Hypermodernität des gegenwärtigen Hongkong wirkt. Gerade einmal elf Jahre ist der Kolonialismus in dieser Stadt Geschichte, aber schon erscheint er vielen als der etwas marottenhafte, gewissermaßen alteuropäische Aufhalter der rastlosen Beschleunigung ringsum.
Das waren wahrscheinlich nicht ganz die Vorteile der kolonialen Weltordnung, die Elly Kadoorie aus Bagdad vor Augen hatte, als er 1880 über Bombay nach Hongkong kam und innerhalb weniger Jahrzehnte einen der bis heute wichtigsten Energie- und Hotelkonzerne der Stadt aufbaute. Aber die irakisch-jüdische Kadoorie-Familie war auch nicht gerade eine typische Repräsentantin des britischen Imperialismus; eher schon nutzte sie ihn für ihre Version eines Kosmopolitismus auf höchstem Niveau, für den sowohl ihre international weitgespannten philanthropischen Aktivitäten stehen als eben auch dieses ganz besondere Hotel, das sie in den zwanziger Jahren an der Südspitze Kowloons unweit der neuen Endstation der Bahnlinie London-Moskau-Peking-Hongkong plante.
Eröffnung vor achtzig Jahren
Von Anfang an war das "Peninsula" freilich auch in die rauhe Machtpolitik verwoben. Noch vor der offiziellen Eröffnung am 11. Dezember 1928 waren seine ersten Gäste britische Sondertruppen, die von 1926 an einen Generalstreik unter Kontrolle bringen sollten; London fürchtete, dass die nationale Bewegung aus China auf seine Kolonie überschwappen würde. Weihnachten 1941 wurde in Raum 336 die Übergabe der Stadt an die japanischen Invasoren unterzeichnet; bis zum Ende der Besatzung 1945 hieß das Hotel dann "Toa". Die Rückgabe Hongkongs an China hat das Haus unbeschadeter überstanden. Nachdem schon 1994 ein dreißig Stock hoher Turm dem klassizistischen Kerngebäude hinzugefügt worden war, konnte man sich 2006 den beispiellosen Ankauf von vierzehn Rolls-Royce-Limousinen (Extended Wheelbase Phantoms) auf einmal leisten. Im letzten Jahr durfte Michael Kadoorie den Rekord eines durchschnittlichen Zimmerpreises von 3601 Hongkong-Dollar (360 Euro) verkünden.
Die Nachfrage nach dem speziellen "Peninsula"-Luxus scheint größer zu sein als je zuvor. Das Hotel will Leuten mit Geld etwas bieten, das sie das Geld vergessen lässt: den Vorschein eines wahrhaft natürlichen Lebens, in dem man einfach Mensch sein kann und gleichwohl alles Nützliche und Schöne zur Verfügung hat. Die jetzige General-Managerin, die Hongkong-Chinesin Rainy Chan, betont, das Wichtigste bei der Ausbildung ihres Personals sei die Freiheit: Jeder solle ganz er selbst sein und als solcher dem Gast gegenübertreten. Es gebe keine geschriebenen Verhaltensregeln, wohl aber eine ",Peninsula'-DNA", die jeder, der hier länger arbeite, verinnerliche.
Selbstverständlich richtige Schlüssel
Dieses Gen scheint die Angestellten zu befähigen, das durch Geld erkaufte Dienstleistungsverhältnis, in dem sie zu den Gästen stehen, im entscheidenden Augenblick einzuklammern und den Gästen als freie - freilich auch jederzeit hilfsbereite - Menschen gegenüberzutreten. Wenn sich der junge Mann vom Roomservice zögernd danach erkundigt, ob der Tee, den er gerade brachte, auch die richtige Temperatur habe, glaubt man ihm sofort, dass gerade diese Sorge ihm jetzt tatsächlich am Herzen liegt. So nimmt der Gast jedes Lächeln persönlich; es entsteht ein Eindruck von Echtheit, den gerade solche Leute schätzen, die sich alles kaufen können und es leid sind, sich in ihrem Geld zu spiegeln. Die Tür zum eigenen Zimmer öffnet hier natürlich keine Chipkarte, sondern ein richtiger Schlüssel. Und zum dezent römisch gestylten Swimmingpool gelangt man im Bademantel direkt vom Aufzug her, ohne an einer Servicetheke irgendwelche Formalitäten erledigen zu müssen. Es ist alles so zwanglos wie in der Privatvilla daheim.
Dass das "Peninsula" seine Atmosphäre über die Jahrzehnte hinweg erhalten konnte, führt Rainy Chan darauf zurück, dass es in Familienbesitz ist (ein weiterer Umstand, der der puren Geldwirtschaft eine Grenze setzt). Nur acht "Peninsulas" gibt es in der ganzen Welt bisher; die Kandoorie-Familie hat sich geweigert, das Management von anderen Häusern zu übernehmen. Und als während der Sars-Epidemie nur neun von dreihundert Zimmern belegt waren und niemand wusste, wie lange die Krise noch dauern würde, wurde niemand entlassen - was im reaktionsschnellen Hongkong ein ziemlich ungewöhnlicher Vorgang ist. So scheint in der Belegschaft tatsächlich eine Art Familienbewusstsein entstanden zu sein.
Vorbei die Zeiten der Screwdriver
Der Barmann Johnny Chung, der wahrscheinlich berühmteste Angestellte des Hauses und ein grundsympathischer Mann, begründet seine mehr als fünfzig Jahre Betriebszugehörigkeit jedenfalls damit - und mit der Mahnung seines sterbenden Vaters, diese gute Stelle niemals zu verlassen. Anfang der fünfziger Jahre hat ihm Clark Gable noch beigebracht, wie man einen Screwdriver mixt. Seitdem hat sich manches verändert. Heute weiß kaum jemand mehr, was ein Screwdriver ist, die Gäste bestellen Rotwein und Bloody Mary oder den chinesischen Maotai. Früher nutzten die Leute ihren Hongkong-Aufenthalt, um sich beim Schneider Anzüge machen zu lassen. Heute weist die Hausordnung eigens darauf hin, dass Flipflops und kurze Hosen in den Restaurants des Hauses nicht erwünscht sind. Einen selbstverständlichen Verhaltenscode gibt es eben nicht mehr, was aber nicht heißt, dass der koloniale Blick auf die Welt verschwunden wäre.
Es kommt der Moment, da man nach dem morgendlichen Erwachen die Aufziehautomatik der Vorhänge betätigt und der Blick aus dem Bett auf die unvergleichliche Hochhauskulisse von Hong Kong Island fällt, wie man sie von ungezählten Postkartenansichten her kennt, jetzt aber real und zur persönlichen Verfügung stehend. Spektakulärer dürfte keine Aussicht sein, gerade in ihrer Abgehobenheit vom Straßengewimmel dieser Stadt, doch auch sie ist nun ein Teil der Selbstverständlichkeit dieses Wohnzimmers. Vor der Fensterwand steht auf einem Stativ ein langes Fernrohr aus Holz, das aufs Haar den Fernrohren gleicht, wie sie in Indien um 1780 gebräuchlich waren. Es gibt da eine alte Fernrohrmacherfamilie in Bombay, die diese Geräte in Handarbeit exklusiv fürs "Peninsula" fertigt. Mit dem Fernrohr kann man versuchen, auf der anderen Seite der Meerenge Menschen zu erkennen.
Eine Nacht im Peninsula in Hongkong kostet ab 360 Euro. Weitere Informationen unter www.hongkong.peninsula.com oder unter Telefon 08 52/29 20/28 88.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: Peninsula/Hongkong, picture-alliance / dpa