Schweden

Das Land der roten Pferde

Von Julia Bähr

02. November 2006 Neben einem Tümpel sind blaue Plastikwannen gestapelt. Der Himmel ist verhangen, das Wasser sieht mehr kalt als klar aus, und die Begeisterung der Reisegruppe hält sich in Grenzen. "Guldvaskning" steht auf dem Programm, und Touristenführer Claas stellt sich mit einer der blauen Wannen in den Tümpel. Zwischen seinen gummigestiefelten Füßen wühlt er ein wenig im Untergrund, wirft Schlick in die Plastikschale und beginnt mit der Zeremonie: hin- und herrütteln, Wasser ablaufen lassen, Wasser nachschöpfen, weiterrütteln. Am Ende ist der Sand vorsichtig abgeschüttet, und auf dem Blau leuchten ein paar winzige Goldkörner. Wir sollen es Claas gleichtun und machen uns an die Arbeit. Jeder von uns wird Gold finden. Schließlich haben es die Betreiber der Ferienanlage Orsa Grönklitt eigens ausgestreut.

Wer in der schwedischen Provinz Dalarna am nördlichen Ende des Siljansees unterwegs ist, fragt sich bald, wie künstlich die Natürlichkeit hier ist. Mit einer erstaunlichen Konsequenz trägt jedes Detail zum Bild bei, das der Durchschnittstourist von Schweden erwartet. Das beginnt beim einheitlichen Anstrich der Häuser, die hier fast alle aus Holz gebaut sind. Ihr dunkles Rot heißt Faluröd und besteht hauptsächlich aus verwittertem Kupfererz, das als Abfallprodukt beim Bergbau in Falun entsteht. Die Farbe ist kostengünstig, wasserdurchlässig, holzkonservierend und seit dem siebzehnten Jahrhundert überaus beliebt; damals angeblich wegen ihrer Ähnlichkeit zu den Backsteinhäusern der Reichen.

Pferdchen aus Fichtenholz

Heute gelten die dunkelroten Holzhäuser mit ihren weißen Fensterrahmen gleichermaßen als Norm und Nonplusultra. Für die Touristen sind sie das eindeutige Signal: Wir sind jetzt in Schweden, wo alle in diesen putzigen Häuschen wohnen. Denn eine ganze Straße in Faluröd wirkt wie die Wirklichkeit gewordene heile Welt. Sogar die Industriegebiete sind hier bestens geeignet, in Aquarell verewigt zu werden. Ganz abgesehen von der Landschaft, für die kein Architekt dieser Welt verantwortlich ist. Die Wälder und Seen erstrahlen in Edelsteinfarben, der Akkord Grün-Braun-Blau ist überall zu sehen. Nach dieser Region ist sogar eine bestimmte Farbpalette benannt: Dalar-Blau, -Rot und -Grün sind eher dezente Töne.

Ein weiterer roter Touristenfavorit sind die Dala-Pferdchen aus Fichtenholz. Auch sie entstanden in der Region und gelten mittlerweile als Symbol für das ganze Land: Wie früher die Holzfäller beim abendlichen Lagerfeuer, schnitzen heute Selbständige in Heimarbeit die Figuren aus Rohlingen, die dann in Werkstätten meist rot angemalt und mit Verzierungen versehen werden. In Nusnäs, einem der Ursprungsorte der Pferdchen, steht einer der größeren Betriebe. Er ist nach seinem Gründer Nils Olsson benannt, der 1928 fünfzehnjährig mit der Produktion begann. Busweise kommen japanische Reisegruppen an, beobachten den Herstellungsprozeß und kaufen Mitbringsel im integrierten Laden, der mehr Fläche als die Werkstatt einnimmt.

Woher stammt der Weihnachtsmann?

Das sind die zur Schau getragenen Touristenmagnete, die den Eindruck eines Potemkinschen Dorfes erwecken: Wenn man nur heimlich ein bißchen vom Heidenröschen-gesäumten Weg abkäme, könnte man vielleicht einen häßlichen Siebziger-Jahre-Wohnblock entdecken. Oder ein hypermodernes Haus aus Glas und Stahl, gegen das der eigentlich als mustergültig tolerant geltende Schwede einen Nachbarschaftsstreit führt. Aber die Probe aufs Exempel zeigt: nichts. Dalarna ist tatsächlich durch und durch pittoresk und friedlich. Wenn man sich hier überhaupt streitet, dann über die Frage, woher der Weihnachtsmann stammt - um dieses Privileg konkurrieren nämlich mehrere skandinavische Orte. Unstrittig sind allerdings die Legenden: Kein noch so kleiner See hat nicht auch einen Wassertroll, der junge Frauen mit sich in die Tiefe zieht. Und in der Mittsommernacht springt man nicht nur wie ein Frosch um eine Art Maibaum, sondern kann angeblich auch die Sprache der Tiere verstehen.

Inwieweit das der feuchtfröhlichen Feierweise geschuldet ist, sei dahingestellt. Denn auch wenn man in Schweden Alkohol nur in staatlich organisierten Geschäften kaufen kann, welche die Anmutung und Preisgestaltung von Apotheken besitzen, brechen zumindest an Midsommar alle Dämme. Wer in dem ewig dunklen Winter leben muß, muß den dauerhellen Sommer feiern. Das könne man als Deutscher nicht richtig verstehen, wird einem lächelnd erklärt. Gleiches gilt für eine weitere typisch nordschwedische Sitte: den Surströmming, einen sauren Hering, der jedes Jahr im März ohne Kopf, aber mit allen Innereien spärlich eingesalzen wird und dann in Konservendosen gärt. Nach einem halben Jahr haben sich die Dosen kugelförmig ausgebeult und werden geöffnet. Dafür gibt es aufgrund der außerordentlichen Geruchsentwicklung genaue Verfahrensregeln: Wegen der Faulgase hält man die Dose unter freiem Himmel in einen Eimer Wasser und macht ein kleines Loch hinein. Wenn das Blubbern aufgehört hat, kann man den Deckel entfernen. Es wird jedoch empfohlen, zuvor ein Loch zu graben, damit man den übelriechenden Sud sofort abkippen und mit Erde zuschütten kann. In einem Kölner Mietshaus schüttete eine Frau zu Weihnachten 1981 Tunke aus einer Surströmming-Dose aus, wurde fristlos gekündigt und klagte dagegen. Nachdem in der mündlichen Verhandlung eine weitere Dose geöffnet wurde, bestätigte das Landgericht umgehend die Kündigung des Mietverhältnisses.

Die Elche haben besseres zu tun

Daß der Surströmming in Schweden als Delikatesse gilt und jedes Jahr mit einem Fest gefeiert wird, kann man nur als Beispiel für die bezaubernde Andersartigkeit schätzen. Dann aber ist das Land wieder genauso vertraut, wie man es sich vorgestellt hat, wenn man nur einmal gegen Mittag in der Holzhütte den Fernseher einschaltet: Als hätte ein Seifenopernregisseur es arrangiert, läuft prompt "Michel aus Lönneberga". Der heißt hier zwar Emil, was wegen Kästners "Emil und die Detektive" in Deutschland geändert wurde, doch es reicht zum kleinen Schock, die eigenen Vorurteile unversehens bestätigt zu sehen.

Während einem die Menschen und Wassertrolle dazu jede Menge Gelegenheit geben, scheinen die Tiere keine Lust zu haben, als Sympathieträger ihres Landes unterwegs zu sein. Wir gehen auf Elchsafari. Das ist eine recht skurrile Unternehmung: Man steigt am frühen Abend in einen riesigen Reisebus, fährt auf breiten Straßen zügig durch einen Wald und verlangsamt nur an Schonungen, wo - so erklärt es unser Fahrer, der diese Touren seit Jahrzehnten macht - in der Dämmerung stets Elche stehen und an den jungen Bäumen knabbern. Nur just an diesem Tag scheinen sich Dalarnas Elche entschlossen zu haben, uns vergeblich nach ihnen Ausschau halten zu lassen. Der Fahrer ist deprimiert. Er habe seit dem Frühjahr auf jeder Tour mindestens einen Elch gesehen, aber möglicherweise habe ein Rudel Wölfe die Tiere vertrieben. Weil jeder eine Geschichte zu erzählen weiß von Urlaubern, vor deren Auto unversehens am letzten Tag vor der Abreise ein Elch stand, spähen wir in den nächsten Tagen weiterhin durch die Bäume. Erfolglos. Die Elche wollen uns nicht sehen.

Der Mythos vom wilden Bären

Andere Tiere können dagegen nicht umhin, sich uns zu zeigen. Direkt neben der Hüttenanlage liegt der mit neunzigtausend Quadratmeter größte Bärenpark Nordeuropas, der "Orsa Björnpark". Wir stapfen der Biologin Andrea Friebe hinterher. Sie führt uns zu den Vielfraßen, von denen es in Schweden nur noch sechshundert gibt. Die wenig erforschten Mardertiere rennen in ihrem Gehege hin und her. Im Gegensatz zu ihren deutschen Verwandten, die hauptsächlich für Bremsleitungen von geparkten Autos eine Gefahr sind, jagen diese sogar Rentiere. Mit ihrem starken Gebiß zerteilen sie sie vollständig, fressen aber wenig davon. Ihr Name ist also irreführend, geht aber, wie die Expertin berichtet, auf ein Mißverständnis zurück. Im Norwegischen heißen sie Fjellfrass, was soviel wie "Gebirgskatze" bedeutet. Bei der Übernahme des Wortes ins Deutsche gab es offensichtlich ein Verständigungsproblem.

Weiter zu den Namensgebern des Parks. Die Braunbären und ihre Jungen stehen in all ihrer pelzigen Harmlosigkeit hinter dem überflüssig wirkenden Zaun, und auch die Expertin geht auf den Mythos vom gefährlichen Bären so gar nicht ein: Die Tiere seien keine guten Jäger und hätten schlechte Zähne - zu fünfundachtzig Prozent ernährten sie sich sowieso vegetarisch. Sonst fräßen sie hauptsächlich Ameisen und tierische Kadaver. Würde ein Mensch im Wald sterben, rührten die Bären seine Leiche höchstwahrscheinlich nicht einmal an. Dafür riechen sie zehn- bis zwanzigmal besser als Hunde, was ihnen vor allem ermöglicht, beizeiten vor Menschen zu fliehen. Die Exemplare im Björnpark haben sich an Gerüche wie den unsrigen hingegen gewöhnt und lassen sich wie Stallhasen durch den Zaun mit ein bißchen Löwenzahn füttern. Der Winterschlaf steht bevor. Daß sie mit ihrem domestizierten Verhalten nicht zum Image der aufregenden schwedischen Fauna beitragen, scheint sie nicht weiter zu bekümmern. Dafür sind immer noch die Menschen zuständig.

Anreise: Reizvoll ist die Anfahrt mit der Fähre. Die Gesellschaft StenaLine fährt täglich um 19.30 Uhr von Kiel aus ab und erreicht Göteborg um 9 Uhr morgens. Eine Standard-Außenkabine mit zwei Betten kostet 96 Euro; Autos werden für 85 Euro mitgenommen.

Hüttenanlage beim Bärenpark: Im Winter kostet eine Hütte für 4 bis 6 Personen etwa 360 Euro pro Woche. Orsa Grönklitt, Box 133, SE-794 22 Orsa, Sweden, Tel. 0046/ (0) 25046200, im Internet: www.orsagronklitt.se.

Information: www.dalarna.se, Tourismusbüro Dalarna: 0046/ (0) 23 64004 und Schweden Werbung, Michaelisstraße 22, 20459 Hamburg; im Internet: www.visitsweden.com



Text: F.A.Z., 02.11.2006, Nr. 255 / Seite R3
Bildmaterial: dpa, F.A.Z., Patrick Trägårdh, www.imagebank.sweden.se, Patrick Trägårdh, www.imagebank.sweden.se

 
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