Ecuador

Holz vor der Hütte

Die „Sani Lodge” im Amazonas-Gebiet von Ecuador

Die „Sani Lodge” im Amazonas-Gebiet von Ecuador

10. Juni 2008 Der See liegt glatt in der Nacht. Im Schilf warten Kaimane auf Beute. Ihre Augen leuchten orange im Lichtstrahl der Taschenlampe. Leise tauchen die Paddel von unserem Einbaum ins Wasser, übertönt vom Zirpen der Insekten und dem Quaken der Frösche. Ein Mohrenkaiman, mehr als zwei Meter lang, liegt regungslos da, der Kopf und die Oberseite des Rumpfs ragen über die Oberfläche. Plötzlich taucht er unter, das Wasser ist glatt wie zuvor.

Die "Sani Lodge" liegt an einem See tief im Amazonas in Ecuador, dreieinhalb Bootsstunden auf dem Rio Napo von Coca entfernt zwischen dem Cuyabeno-Naturschutzgebiet und dem Yasuni-Nationalpark. In Sani und den angrenzenden Gebieten leben fünfhundert tropische Vogelarten, achtzig Fledermausarten, dreizehn Affenarten, Tausende von Schmetterlingen und Hunderttausende Insekten, außerdem gefährdete Arten wie der Jaguar und der Flachlandtapir.

Doch auch unter der Erde des Amazonasgebiets befinden sich große Reichtümer. Seit vierzig Jahren wird im Oriente, im östlichen Teil des Landes, Öl gefördert, zurzeit sind es mehr als 500 000 Fass pro Tag. Ecuadors Ölindustrie trägt zwar nur weniger als ein Prozent zur Weltproduktion bei, ist jedoch für die Wirtschaft des Landes entscheidend: sechzig Prozent der Exporteinnahmen stammten im letzten Jahr aus dem Verkauf von Rohöl. Die Bewohner des Oriente zählen dennoch zu den ärmsten Ecuadors: Den meisten Indigenas fehlt es an Bildung, die Industrie setzt sie als billige Arbeitskräfte ein.

Perspektiven für die Indigenas

Die "Sani Lodge" versucht seit sechs Jahren, den Indigenas eine andere Perspektive zu geben als kurzfristige Arbeit in der Ölindustrie. Der 370 Quadratkilometer große Regenwald, der noch nie gerodet wurde, ist Gemeinschaftseigentum der Sani, einer Gruppe der Kichwa. Im Gegensatz zu anderen Lodges, die von Nordamerikanern und Europäern betrieben werden, gehört nicht nur das Land, sondern auch diese Lodge den Sani. Wichtige Entscheidungen fällen die fünfhundert Mitglieder zusammen, ein externer Manager garantiert die Professionalität. Der Strom wird aus Sonnenenergie gewonnen, die Cabañas sind aus Holz und Bambus gebaut, dem gleichen Material, das die Indigenas für ihre Häuser benutzen. Zehn Hütten und fünf Zelte - die Atmosphäre ist familiär.

Die "Sani Lodge" ist zwar ein Gegenentwurf zur Nutzung des Landes durch die Ölindustrie - dennoch hat die Ölindustrie sie erst möglich gemacht. Die Idee hatte Don Orlando, ein Sani, der als Manager in der Industrie gearbeitet hatte. Als Occidental Petroleum auf dem Land Probebohrungen vornehmen wollte, verpflichtete er das Unternehmen, als Ausgleich die ersten Hütten zu bauen. Später, als die Firma eine Pipeline legen wollte, forderte Don Orlando sechs weitere Cabañas, ein Versammlungshaus, eine Volksschule und eine Krankenstation.

Notruf im Regenwald

Heute arbeiten dreißig Sani in der Lodge, auf sechs Monate befristet, damit möglichst viele die Chance auf eine Anstellung erhalten. Die Bezahlung liegt deutlich über dem Mindestlohn von 170 Dollar. Nur die Biologen, der Koch und der Verwalter bleiben länger. "Wir geben den Menschen Arbeit", sagt Jaime Estrella, der 28 Jahre alte Verwalter. "Das ist das Wichtigste."

Die Tage in Sani beginnen im Dunkeln: Frühstück gibt es um sechs, denn die Dämmerung ist die beste Tageszeit, um Vögel zu beobachten. Aras und Tukane fliegen über die Sümpfe, Bromelien und Moos hängen bis aufs Wasser. An einem Steg machen wir das Boot fest und gehen zu Fuß weiter. Der Boden ist mit Blättern bedeckt, wir hören Affen in den Wipfeln. In dem Gewirr aus Sträuchern, Lianen und Orchideen stehen die Ceibabäume wie Monumente. Die Sani verehren diese Urwaldriesen, die mehrere hundert Jahre alt werden können, und achten sie als Persönlichkeiten. Die Schamanen sollen mit dem Geist des Baums Kontakt aufnehmen können. Die Energie des Ceibabaums ist stark, glauben die Indigenas, er kann helfen oder schaden. Wenn sich ein Sani im Dschungel verirrt, sucht er unter einem von ihnen Schutz, schlägt mit der Machete gegen den Stamm, der Ton steigt auf, dreißig oder vierzig Meter hoch bis in die Krone, und verbreitet den Notruf über den Regenwald.

In den Baumkronen

Neben Dschungelwanderungen und Alligatorenbeobachtung können Gäste der "Sani Lodge" auch Piranhas fischen und Bootsausflüge buchen. Mancher Vogelfreund verbringt Stunden auf der dreißig Meter hohen Aussichtsplattform, das Fernglas im Anschlag, und lauert seltenen Papageienarten auf. Andere genießen einen Nachmittag lang in der Hängematte die Aussicht auf den See und machen nach dem Abendessen einen Ausflug mit dem Boot. Auch das Naschen von lebenden Zitronenameisen und die Nahbeobachtung von Vogelspinnen sind möglich.

Von der "Sani Lodge" werden auch Ausflüge in den Yasuni-Nationalpark angeboten, ein Unesco-Biosphärenreservat, das im Süden an Sani grenzt. Unter dem Park lagern große Ölreserven, die zum Teil bereits erschlossen sind. Im Moment wird über die Förderrechte für den Ishpingo-Tambococha-Tiputini-Block (ITT) verhandelt. Bei den 900 Millionen Barrel im Herzen des Parks handelt es sich vermutlich um ein Fünftel der ecuadorianischen Ölreserven.

Ecuadors Präsident Rafael Correa hat der internationalen Gemeinschaft nun einen spannenden Vorschlag gemacht: Der Staat garantiert, dass der Regenwald erhalten bleibt und das Öl nicht gefördert wird - im Gegenzug soll die internationale Gemeinschaft dem Land die Hälfte der entgangenen Gewinne ersetzen: 350 Millionen Dollar jährlich, über zehn Jahre hinweg. Correas Argument: Von Sauerstoffproduktion und Biodiversität des Urwalds profitiert die ganze Welt. Siebzig Prozent des Fonds könnten über einen Erlass der Auslandsschulden finanziert werden.

Vergütung für die Schonung von Ressourcen

Während einige Umweltschützer das Projekt feiern und sich freuen, dass der Regenwald nun doch geschützt werden soll, kritisieren es andere als PR-Coup: Sollte die Finanzierung scheitern, könnte Ecuadors Regierung die Förderlizenzen vergeben - und die Schuld für die Umweltzerstörung der internationalen Gemeinschaft zuschieben.

Der Vorschlag, sich die Nichtnutzung von Ressourcen vergüten zu lassen, hat Aufsehen erregt. Im letzten Jahr wurde die Idee als einer der innovativsten Klimaschutzvorschläge der Clinton Global Initiative in New York präsentiert. Über hundert Regierungen, Organisationen und Personen haben bereits Interesse angemeldet.

Die Wertschätzung des Urwalds hat nicht nur Auswirkungen auf Weltklima und Artenvielfalt - mit dem Dschungel werden auch seine Bewohner gestärkt. Ebenso wichtig wie das Schaffen von Arbeitsplätzen sei die Bedeutung der Lodge für das Selbstvertrauen der Sani, sagt Jaime Estrella: "Die Kultur der Kichwa ist eng mit dem Regenwald verwoben. Mit dem Projekt der Lodge ist der Stolz auf ihr Land und ihre Kultur neu erwacht."

Die „Sani Lodge“ liegt im ecuadorianischen Amazonasgebiet, 115 Kilometer auf dem Rio Napo flussabwärts von Coca (offizieller Name: Puerto Francisco de Orellana). Gäste werden montags und freitags vom Inlandsflughafen abgeholt, der Flug von der Hauptstadt Quito dauert rund 30 Minuten. Ein Aufenthalt von vier Tagen und drei Nächten kostet 510 Dollar pro Person in einer Zweibett-Cabaña, 300 Dollar im Zelt. Im Preis inbegriffen sind der Transport ab Coca, Vollpension mit Drei-Gang-Menü, Trinkwasser und Exkursionen in den Regenwald. Mehr unter www.sanilodge.com.

Infos zum ITT-Projekt auf der Website der Umweltkampagne „Yasuni depends on you!“ (www.sosyasuni.org ) und von der Regierung von Ecuador auf Spanisch unter www.presidencia.gov.ec .

Text: F.A.S.
Bildmaterial: F.A.Z., Tanja Gabler

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Raus aus dem Alltag! Lassen Sie sich im exklusiven Wellnesshotel verwöhnen und bringen Sie Körper und Geist wieder in Schwung - reiseclub.faz.net

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche