Marokko

Die Taube auf der Schulter Afrikas

Von Peter Oefele

09. April 2008 Am frisch renovierten Grand Socco sitzt ein alter Berber und lacht. Vor ihm hat sich eine große Traube Menschen versammelt, darunter auch einige Touristen, die gebannt an seinen Lippen hängen. Der Mann erzählt und erzählt, und er lacht, deutlich lauter, als ein derart alter Mann üblicherweise lacht. Doch er hat guten Grund dazu. Denn endlich kann er wieder in Ruhe seinen Beruf ausüben: Geschichten zu erzählen. Endlich muss er sich nicht mehr mit dem Zakat, der islamischen Armengabe, über seine Tage retten. Endlich bleiben auch Touristen wieder bei ihm stehen und geben ihm Geld. Ihnen zu Ehren wechselt er manchmal vom Arabischen ins Spanische, und zwei Wörter wiederholt er dabei immer wieder: „alegría“ und „esperanza“ - Freude und Hoffnung.

Wer weiß, welche rauhen Sitten am Grand Socco noch vor fünf Jahren geherrscht haben, empfindet das Lachen des Alten wie ein Wunder. Es ist wie das Ende eines langen, schweren Traumas. Nun aber sind die Schrecken des Niedergangs einer entspannten mediterranen Atmosphäre gewichen. Dort, wo bis vor kurzem nur wenige Reisende durchhetzten, die das „Tor zu Afrika“ einfach nicht umgehen konnten, folgt heute eine Gruppe Tagesausflügler der nächsten, ganz normale Spanien-Touristen, Familien, die mit der Fähre von Tarifa herübergekommen sind. Unter Palmen schlendern sie durchs Bab Fahs hinunter zum Petit Socco und am alten Cinéma Rif vorbei, der nun herausgeputzten und mit internationalem Anspruch ausgestatteten Cinémathèque de Tanger. Ihre Kinder plantschen gemeinsam mit kleinen Tangerinos in den Fontänen der renovierten Brunnen, als wäre nichts gewesen.

Ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht?

Nichts symbolisiert die Renaissance von Tanger so sehr wie der neue Tiefseehafen Tanger Méditerranée etwa dreißig Kilometer außerhalb der Stadt, dessen erster Bauabschnitt vor kurzem vollendet wurde. Bis 2012 soll hier nicht nur der größte Containerhafen Afrikas, sondern auch ein Fährhafen für fünf Millionen Passagiere und fünfhunderttausend Fahrzeuge pro Jahr entstehen, neue Freihandelszonen, mehr als hunderttausend Arbeitsplätze und ganze Städte für die Beschäftigten inklusive. Dass Tangers alter, innerstädtischer Hafen dafür vom interkontinentalen Hauptverkehrsweg abgenabelt wird, verkommt angesichts solcher Zahlen zu einer bloßen historischen Fußnote - immerhin zur Fußnote in einer der ältesten Geschichten der Menschheit. Der vermeintlich ewig währende, gottgegebene geopolitische Sonderstatus einer autarken Hafenstadt unweit der Säulen des Herkules, die der Sage nach Poseidons Sohn gründete, wird nun endgültig zu dem, was es im Grunde schon immer gewesen ist: zur Legende.

Nach dem Willen des Königs werden hier bald Yachten anlegen Die “weiße Stadt“ wie sie sein soll: weiß, nicht mehr unverputzt und schimmel... Tanger: Eine Stadt erlebt ihren zweiten Frühling Für die Expo 2012 hat es dann doch nicht gereicht. Südkorea hatte mehr Glück

Es bleibt nur zu hoffen, dass es sich bei der so plötzlichen und überraschenden Gesundung Tangers nicht doch nur um ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht handelt. Skepsis ist berechtigt, denn Tanger war noch zur Jahrtausendwende ein agonischer Patient, eine Stadt im Endstadium ihres Verfalls. Lethargie, Hunger und Kriminalität hatten die Straßen und Plätze damals für Touristen fast unbegehbar gemacht. Tanger war befallen von zahllosen „faux guides“, nicht lizenzierten Stadtführern, etwas besseren Straßenräubern, die jedem Auswärtigen das Leben zur Hölle machten. Die „weiße Taube auf der Schulter Afrikas“ wurde immer kränker, gelegentlich schon für tot erklärt, sofern sich überhaupt noch jemand für sie interessierte.

Die „weiße Stadt“ ist nicht mehr schimmelgrau

Der „Bewahrer des Mythos“, der Schriftsteller Paul Bowles, war gestorben; um die historische Bausubstanz hatte sich seit Jahrzehnten niemand mehr gekümmert; am Bahnhof lungerte eine Horde Aussätziger herum; und sogar die Rucksackreiseführer rieten nur noch: „Augen zu und durch.“ Gerade erst angekommen, ergriffen selbst hartgesottene Reisende sofort wieder die Flucht, bevor sie auch nur einen Blick auf die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten werfen konnten. Fast konnte man meinen, die Diva Tanger hätte es auf diese Art zu verhindern gewusst, dass sie jemand in ihrem Zustand zu Gesicht bekam. Ihr großer alter Verehrer - die westliche Welt - sollte nichts von ihrem tragischen Verfall bemerken. Er sollte sie einfach vergessen, fünfzig lange Jahre.

Die Letzten, die einigermaßen würdevoll am Tor zu Afrika die Stellung hielten, waren die großen Cafés aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Sie boten Touristen Schutz vor der Straße, waren aber größtenteils verlassen. Es hatte etwas Morbides, dort allein mit einem uniformierten Ober zu sitzen, sich Riesengarnelen auf Salat servieren zu lassen und dabei den melancholischen Balladen der Nachtschicht am Klavier zuzuhören. Salonmusik aus einer vergangenen Zeit. Vergilbte Fotos an den Wänden, auf denen Josephine Baker kaum noch zu erkennen war.

Heute offenbart sich die „weiße Stadt“ schon bei der Ankunft am Hafen wieder so, wie sie sein soll: weiß, nicht mehr gelblich, unverputzt, schimmelgrau. Und sie duftet wieder, vor allem in den zahllosen Straßenrestaurants, in denen das gute Essen noch immer lächerlich günstig ist. Und sie lebt wieder, in den engen Gassen der Medina, zwischen Schlangenbeschwörern, Eseln, Wasserverkäufern, Haschisch-Dealern, sprachverliebten Straßenhändlern. Marktschreierisch wechseln sie vom Arabischen ins Spanische, Französische, Englische und wieder zurück ins Arabische. Zu ihren Füßen stehen prall gefüllte Säcke mit erlesenen Gewürzen. In den Regalen liegen Lederwaren, kopierte Fußballtrikots internationaler Stars und bunte Haushaltswaren. Die Preise, die die Händler nennen, sind traditionell hoch, sinken auf Rückfrage aber schnell und gut gelaunt ins Bodenlose - nicht ohne eine Mahnung gleich vorauszuschicken: Heute wäre es noch einmal der ganz große Mengenrabatt, aber schon morgen, schon morgen werde alles deutlich teurer werden.

Zum Sammelbecken für Glücksritter und Hedonisten

Im „Grand Café de Paris“ versammelt sich wie in den besten Zeiten die Hautevolee zum „Whiskey marocaine“, dem „Thé à la Menthe“, während am Petit Socco die wichtigen Geschäftemacher ihr Revier haben. Und am Klavier sitzt heute ein junger Virtuose, der afrikanisch angehauchten Modern Jazz im Stile Thelonious Monks zum Besten gibt. Wer zu jung ist, um den Niedergang miterlebt zu haben - und das dürften die meisten sein -, gerät bei all der Aufbruchstimmung unweigerlich in Versuchung, am Horizont vergangene goldene Zeiten, am Ende sogar den alten Mythos heraufziehen zu sehen. Und tatsächlich gleicht die gegenwärtige Situation jener, als Tanger von 1923 bis 1956 zur „Internationalen Zone“ wurde. Schon einmal brachen damals alle Dämme. Die Stadt wurde zum Sammelbecken für Glücksritter und Hedonisten. Millionäre, Jetsetter, Künstler, Schriftsteller landeten hier und zogen ihresgleichen nach. Tennessee Williams, Truman Capote, Samuel Beckett, Jean Genet, Jack Kerouac, William S. Burroughs, sie alle kamen und befeuern den Ruhm von Tanger als dem „Place to be“, der in den Köpfen bis heute herumgeistert. Doch Geschichte wiederholt sich nicht. Und der Mythos ist bestenfalls noch Teil eines touristischen Gesamtkonzepts.

Heute sitzt mit Mohammed VI. ein im Westen promovierter Jurist auf dem Alawiten-Thron. Das vielsagende Thema seiner Dissertation lautet „Kooperation zwischen der Europäischen Gemeinschaft und der Union des arabischen Maghrebs“. Er ist ein junger, gutaussehender Monarch, der alles modernisiert, was ihm in die königlichen Finger kommt. Insbesondere Tourismus und Infrastruktur stehen auf der Tagesordnung ganz oben. Die Wiederbelebung Tangers und des lange vernachlässigten Nordens ist dabei nur ein Teil des umfassenden „Plan Azur“, der eine touristische Aufwertung aller Küsten und eine Verdoppelung der jährlichen Besucherzahlen auf zehn Millionen bis 2010 vorsieht.

Der König auf dem Wasserski

Ganz im Gegensatz zu seinem Vater, der Tanger ignorierte und seine Administration verkommen ließ, sagt man Mohammed VI. ein Faible für die Stadt nach. Dort, wo Hassan II. in siebenunddreißig Jahren strenger Regentschaft keine einzige Stunde verbrachte, fährt der neue König heute gerne Wasserski. Vor ein paar Wochen hat er Nicolas Sarkozy in seinem hiesigen Palast empfangen, und gelegentlich lässt sich „M6“ sogar dabei beobachten, wie er sein Mercedes-Cabriolet eigenhändig über die frisch hergerichtete Avenida España steuert, hinunter zum alten Hafen, an dessen Stelle er in einigen Jahren einen exklusiven Sport- und Yachthafen vor Augen haben wird, sobald der neue Hafen draußen vor der Stadt vollendet ist.

Auch die Schriftsteller kommen zurück. Tahar Ben Jelloun und Bernard-Henri Lévy leben in der Stadt, die alte Achse Paris-Tanger formiert sich neu. Yves Saint-Laurent hat eine Villa restauriert, Felipe González unterhält hier einen Zweitwohnsitz. Und noch muss niemand - anders als in Marrakesch, wohin sich die Madonnas, Mick Jaggers und Brat Pitts dieser Welt schon haben rufen lassen - das Klagelied einer verlorengegangenen Authentizität anstimmen, einer Selbstaufgabe, einer Selbstverleugnung mit dem einzigen Ziel, den Fremden zu gefallen. Davor muss sich die Taube auf der Schulter Afrikas nicht fürchten. Denn die Liebesbeziehung mit dem Westen gehört zu ihrem tiefsten Selbstverständnis.

Information: Marokkanisches Fremdenverkehrsamt, Graf-Adolf-Straße 59, 40210 Düsseldorf, Tel.: 02 11/37 05 51/52, E-Mail: marokkofva@aol.com,


Internet: www.tourismus-in-marokko.de.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, F.A.Z.

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