07. März 2009 Scheinbar unbekümmert Mut machen in schwieriger Zeit, das ist ja nicht das Schlechteste. Technisch allerdings eröffnet diese Messe keine kühnen Perspektiven, sondern ein längst beschrittener Weg wird uns als weiterhin in die Zukunft führend präsentiert: Einerseits müssen, sollen und wollen wir Energie sparen, andererseits wird mobile und multimediale Informationsverarbeitung noch mehr unser berufliches und privates Leben bestimmen. Und je stärker unser alltägliches Leben von den Datenströmen nicht nur geprägt ist, sondern von ihnen tatsächlich abhängt, desto mehr erheben sich Fragen nach Zuverlässigkeit und Sicherheit im virtuellen Raum.
In ihrer unübersehbar geschrumpften Gestalt entwickelt sich auch die Messe als Veranstaltung weiter in einer nicht erst dieses Jahr eingeschlagenen Richtung: Die Showbühnen und Verlosungen für die Sammler und Jäger von Drops und Datenblättern werden weniger, genauso wie die pompösen Unternehmensauftritte. Von einem Schaufenster zum Anfassen der Objekte privater Begierde wandelt sich die Cebit zum geschäftlichen Treffpunkt von Entwicklern und Herstellern, Distributoren und gewichtigeren Endkunden. Eine Industriemesse und kein Vergnügungspark – das sollte die Cebit schon immer sein; ihren Charakter hat dies in der Vergangenheit aber manchmal kaum noch bestimmt.
Immer mehr Autos auf der Cebit
Auch wenn in diesem Jahr auf vielen – manches Mal durch das Ausmaß der Reduzierung erstaunenden – Ständen auf grelle Effekte verzichtet wird, sind doch immer mehr Autos auf der Cebit zu sehen: Nicht nur spektakuläre Vorführungen wie das Fahrzeug ohne Fahrer, sondern auch die seit langem diskutierten Vorschläge für ein intelligentes Verkehrsmanagement, für die Erfassung und Steuerung der Verkehrsströme. Wireless LAN soll ins Fahrzeug einziehen, das ist nicht neu, aber die Ideen und Ansätze werden zahlreicher. Volkswagen präsentiert Auto @ Web“ in einem Tiguan, der sich ständig mit dem Internetportal Wireless Wolfsburg“ austauscht, und der ADAC zeigt seine Auto Diagnose Digital“.
In Sachen Navigation ist bei den beliebten Saugnapf-Navis für die Windschutzscheibe das Ende der Fahnenstange erreicht: Ans Ziel führen sie alle, und was sich schon im vergangenen Jahr deutlich ankündigte, ist heuer die Leitfrage schlechthin: Mit welchen zusätzlichen Diensten und Angeboten wird die elektronische Routenführung noch komfortabler, welche Funktionen sind sinnvoll, wie lassen sich die Produkte weiter optimieren? Stand auf der Cebit 2008 die Kartenaktualisierung im Vordergrund, bieten die in diesem Jahr vorgestellten Neuheiten vor allem ein Plus bei der Zusatzausstattung.
Tom Tom fehlt dieses Jahr
Navigon rüstet seine neuen Geräte, allen voran das 7310, mit der Spracherkennung Professional Voice Command“ aus, die von Nuance stammt. Ihr größter Vorzug: Sie erkennt frei formulierte Sätze, man muss nicht mehr bestimmte Kommandos auswendig lernen. Ich höre nichts“ erhöht beispielsweise automatisch die Lautstärke der Ansagen. Ebenfalls ein klarer Gewinn: Clever Parking“ mit der Angabe der Öffnungszeiten, Telefonnummern und Gebühren von Parkplätzen in Zielnähe. Nur fehlt noch die Abfrage der freien Plätze im Parkhaus.
Während Tom Tom auf der diesjährigen Cebit fehlt und bei seinen Navis auf intelligente Routenwahl durch die Berücksichtigung von Verkehrsinformationen setzt, heißt die Alternative bei Navigon My Route“: eine Art selbstlernende Funktion, die das individuelle Fahrverhalten auswertet (ob jemand beispielsweise schnell oder langsam auf der Autobahn fährt) und eine dazu passende Strecke zusammenstellt. Das Navigon 7310 kommt im zweiten Quartal in den Handel und ist eine Stufe unter dem Topgerät 8110 angesiedelt. Im mittleren Preissegment gibt es nun eine 4000er-Reihe (4310 max und 4350 max), die vom Sommer an zu Preisen von unter 250 Euro erhältlich ist.
Vorerst einfach noch der Herdentrieb
Wenn es um Umwelt und Energie geht, meinen manche Hersteller ihr Fähnchen nach dem Zeitgeist hängen zu müssen. Ohne Anschluss an den Bordcomputer des Fahrzeugs werden ungefähre Schätzungen der CO2-Emissionen einer Fahrt auf dem Display ausgegeben. Allerdings nur die des Autos, nicht die von Fahrer und Passagieren. Gleichermaßen grenzwertig ist die Fotonavigation mit der Option, Ziele als geokodierte Bilder im Navi-System zu hinterlegen. Das braucht kein Mensch. Wer jeden Morgen auf der Fahrt zur Cebit die eindringliche Mahnung des Verkehrsfunks hörte, nicht dem Navigationssystem im Auto zu vertrauen, sondern der Hannoverschen Verkehrsleitung zu folgen, fragt sich stattdessen, wie bald die Navis auf solche Ausnahmesituationen werden angemessen regieren können: Morgens und abends, zur Messean- und -abfahrt wird Hannovers Messeschnellweg, eine Stadtautobahn, in voller Breite zur Einbahnstraße erklärt: Da funktioniert – mit vielen eher weniger ortskundigen Fahrern – vorerst einfach noch der Herdentrieb.
Blaupunkt zeigt, wie auf der CES im Januar, Autoradios mit UMTS für den Empfang des Internetradios, und was man beim missglückten Travelpilot 700 versprochen hatte, präsentiert nun Clarion mit seinem Mind“: die eierlegende Wollmilchsau unter den Top-Navis mit Internetverbindung, wahlweise via Bluetooth und Handy, Wireless Lan und UMTS. Das Gerät hat einen berührungsempfindlichen Bildschirm mit der opulenten Auflösung von 480 × 800 Pixel und wird wahlweise zur Surfstation oder zum Routenführer. Es bietet Zugriff auf das digitale Fernsehprogramm, auf das Videoportal You Tube und die persönliche E-Mail, hat einen Nachrichtenticker am unteren Bildschirmrand und so gut wie alles eingebaut, was man bei einem Mini-PC erwarten darf. Mit einem Linux-Betriebssystem reagiert Mind flink auf Eingaben; wir sind auf das von April an erhältliche Gerät mehr als gespannt.
Fritzbox 7390: eine der wichtigsten Neuerscheinungen
Merian koppelt seine tollen Reiseführer mit Tipps zum Ausgehen und Empfehlungen der Feinschmecker“-Redaktion von der Hardware ab und bietet die Software künftig auch für Routenführer der Mitbewerber an. Sie soll für Geräte von Tom Tom und Garmin sowie demnächst auch für das iPhone von Apple angeboten werden. Zunächst sind 75 Städteführer für europäische Metropolen geplant. Aldis Hauslieferant Medion zeigte in einem Hotel nahe dem Messegelände sein erstes Navigationssystem mit Mobilfunkanbindung. Damit soll man unterwegs Informationen aus dem Internet abrufen, etwa die Kraftstoffpreise von Tankstellen und besonders aktuelle Stauinformationen, die vom Floating-Phone-Data-Dienst des Kartenherstellers Navteq stammen. Dazu werden Bewegungsdaten der Handys ausgewertet. Das Go Pal P4635 soll 350 Euro kosten.
Die Fritzbox 7390 wurde zwar nicht exklusiv auf der Cebit vorgestellt, aber sie ist eine der wichtigsten Neuerscheinungen für das vernetzte Heim. Der neue Alleskönner von AVM vereint VDSL, ADSL, Telefonanlage, Wireless Lan, UMTS-Router, eine DECT-Basisstation und einen Netzwerkspeicher in einem Gerät. Das W-Lan kann nun gleichzeitig im Bereich von 2,4 und 5 Gigahertz eingesetzt werden, und wie bei den Vorgängermodellen lassen sich zwei analoge Telefone und ein ISDN-Apparat anschließen. Mit dem Dect-Standard Cat-IQ soll die Klangqualität bei Internettelefonen verbessert werden, und der eingebaute 2-Gigabyte-Speicher (erweiterbar mit USB-Sticks oder Festplatten) arbeitet nach dem NAS-System als Netzwerkspeicher. So können alle Bewohner des vernetzten Heims jederzeit auf Sprachnachrichten, Fotos oder Musik zugreifen. Die neue Fritzbox kommt im dritten Quartal zusammen mit der Fritz Media 8260, die Internetfernsehen und Spielfilme aus Online-Videotheken drahtlos auf das TV-Gerät im Wohnzimmer bringen soll – und das sogar in HD-Qualität.
Wireless USB und USB 3.0
In Sachen Drahtlostechnik gibt es auf der Cebit die ersten öffentlichen Vorführungen von Wireless USB und USB 3.0 zu sehen, deutlich mehr Tempo steht auf der Tagesordnung. Auf dem USB Implementors Forum“ brachten seriennahe Geräte und Prototypen bereits bis zu 170 Megabyte pro Sekunde. Die Höchstgeschwindigkeit von USB 3.0 soll indes bei 5 Gigabit pro Sekunde liegen.
Windows 7 kommt, es ist an vielen Ständen bereits zu sehen. Dreieinhalb Millionen Menschen haben die Beta-Version geladen, auch ein Zeugnis der Unzufriedenheit mit Vista. Ob Windows 7 noch in diesem Jahr erscheint – dies ist die allgemeine Vermutung – oder erst Anfang kommenden Jahres, ließ Achim Berg, Geschäftsführer von Microsoft in Deutschland, allerdings offen. Microsoft setzt zudem auf Multitouch, auf die Gestensteuerung am Bildschirm, die mit Windows 7 Einzug halten soll. Allerdings fehlen hier noch die entsprechenden Displays, so dass bei der Präsentation zumeist auf Touchsmart-Geräte von Hewlett-Packard zurückgegriffen wird oder auf Microsofts hauseigenen Surface“, in dessen Tischplatte ein berührungsempfindlicher Bildschirm integriert ist. Spannend für Geschäftsleute: Das amerikanische Unternehmen bietet seine Server-Produkte wie Exchange, Sharepoint und Office Live Meeting künftig als Online-Version an.
Duo- oder Multitouch
Wie anziehend das virtuelle Hantieren bei Duo- oder Multitouch ist, kann man auf dem Stand der Telekom in Halle 26 studieren: Ein großer Tisch lässt einen scheinbar in ein Aquarium blicken. Dort schwimmen Fische, und der Wasserspiegel beginnt sich völlig natürlich ringförmig zu kräuseln, sobald eine Hand ihn berührt – selbstverständlich vollkommen trocken bleibend. Die Fische flüchten vor der Hand und kehren erst zurück, wenn sich über ihnen alles beruhigt hat. Der Nutzen dieses schön gestalteten Schaustücks mag entschieden begrenzt sein, das virtuelle Aquarium – das gelegentlich auch abstürzt und sich dann mit einer Mac-OS-Fehlermeldung im Breitwandformat meldet – ist ständig umlagert von Besuchern, die es wie Kinder bestaunen.
Dass sich auch mit einem einfachen Windows ein Netzwerk gestalten lässt, zeigt LG mit einer Kombi-Lösung für den ganz normalen PC. Hierbei stellt eine spezielle PCI-Netzwerkkarte mit fünf Anschlüssen über eine eigene Software die Verbindung zu dem Arbeitsplätzen her, die jeweils aus einem Netzwerkmonitor N1742L, Tastatur und Maus bestehen. Gearbeitet wird gemeinsam über die verschiedenen Benutzerkonten des Betriebssystems. Mit zwei Steckkarten lässt sich so ein Desktop-Rechner auf insgesamt elf Arbeitsplätze steigern, wobei für die anfallende Rechenleistung schon ein leistungsstarkes System mit Quad-Core-Prozessor als Basis dienen sollte.
Rot-, blau- und grünglühend illuminiert
Ausgewachsene Computer finden im Gegensatz zu schicken kleinen und kleinsten Rechnern ein eher geringeres Interesse – Ausnahme: die Rechner der Computerspieler. Auch bekannte Markenhersteller wie Acer stecken erstklassige Technik in Gehäuse, die mit Hutzen und Klappen ihr grell beleuchtetes Innenleben verbergen. Die Tuning-Szene erfreut sich an Wasserkühlung und rot-, blau- und grünglühend illuminierten Ventilatoren, die Abwärme, die von besseren Grafikkarten heruntergeblasen wird, macht aus den Rechnern Heizlüfter im Klingonen-Design.
Vielfältiger aber erscheint die Welt der nun wirklich auf Buchgröße und weniger geschrumpften Rechnerchen wie sie sich etwa beim Hersteller Asus studieren lässt, der hier die Nase vorn hat: Modelle, die elegantes Accessoire sein wollen, das sich vor keiner Designertasche verstecken muss, Surfbretter für überall, Subnotebooks, die sich den schlanken Hals des Displays herumdrehen lassen und zum Tablet-PC werden. Und kleine Rechner für Schulkinder.
Aus Hannover berichteten: Hans-Heinrich Pardey, Michael Spehr, Raymond Wiseman und Fritz Jörn
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Hersteller