Hessische Hochschulen bei der Cebit

Nachricht von der Mausefalle

Von Sascha Zoske

Wettbewerb der Köpfe: Dennis Schwertel (links) und Christoph John von der FH Wiesbaden mit einem Röntgen-Dummy für Zahnmedizinstudenten. Schwertels Computerprogramm soll den Plastikpatienten überflüssig machen.

Wettbewerb der Köpfe: Dennis Schwertel (links) und Christoph John von der FH Wiesbaden mit einem Röntgen-Dummy für Zahnmedizinstudenten. Schwertels Computerprogramm soll den Plastikpatienten überflüssig machen.

07. März 2009 An Hessen führt kein Weg vorbei – auf der Cebit ist der Werbespruch wörtlich zu nehmen. Nahe dem Eingang der Messehalle 9 nehmen die Stände C22 und D22 eine der Hauptpromenaden gewissermaßen in die Zange. Ein Tor, auf dem das Landesmotto prangt, stellt die Verbindung zwischen den beiden Niederlassungen her, hemmt aber auch den Blick auf das, was dahinter liegt. Das hat an den Ständen der anderen Bundesländer, die sich auf der Computermesse präsentieren, zu leichter Verärgerung geführt.

Aber damit kann Torsten Rossmann gut leben. Er ist als Mitarbeiter des Wissenschaftsministeriums für jene Fläche zuständig, auf der die im sogenannten Technologie-Transfer-Netzwerk zusammengeschlossenen Hochschulen ihre Projekte vorstellen. Der hessische Auftritt solle „Stärke demonstrieren“, sagt er. Noch nie sei die Zahl der teilnehmenden Unis und Fachhochschulen so groß gewesen wie dieses Jahr. Besucherzahlen kann Rossmann zur Messe-Halbzeit noch nicht nennen, aber das Interesse des Publikums sei groß: „Wir sind sehr zufrieden.“ Dass die Wirtschaftskrise auf die Stimmung drücke, sei hier nicht zu spüren. Auch in der anderen Hälfte des hessischen Cebit-Territoriums, auf dem die Landesverwaltung zeigt, was E-Government bedeutet, ist die Laune gut. Friedrich Ebner, Abteilungsleiter im Innenministerium, zeigt sich hocherfreut über den Andrang der Neugierigen: „Das ist geradezu erstaunlich, denn wir verkaufen hier ja nichts.“

Wertvolle Lektion in Selbstmarketing

So ganz stimmt das nicht. Eines versuchen die Diplomanden und Doktoranden der Hochschulen, die an den Computerterminals ihre Anwendungen erläutern, auf jeden Fall zu verkaufen: sich selbst. Genau das sollen sie auf der Cebit auch lernen, wie Rossmann deutlich macht. Stundenlang vor ständig wechselndem Publikum seine Arbeit zu erklären, womöglich noch auf englisch, ist eine gute Schule in Präsentationstechnik. Wobei es nicht nur auf Rhetorik ankommt: Manch einer der jungen Leute dürfte hier zum ersten Mal Anzug und Krawatte tragen.

Dennis Schwertel, Diplomand an der Fachhochschule Wiesbaden, erlaubt sich nur die Nachlässigkeit, auf einen Binder zu verzichten. Ansonsten stellt er routiniert seine Software namens „THMile“ vor: Mit ihr können Studenten der Zahnmedizin Röntgenaufnahmen am PC-Monitor simulieren. Bisher werden dazu echte Röntgengeräte und künstliche Köpfe eingesetzt – einer von ihnen grinst den Besuchern an Schwertels Terminal entgegen. „Mein Programm können sich die Studenten auf den Rechner laden, und der Professor kann ihnen dann sogar Aufgaben für zuhause stellen“, verspricht der Nachwuchs-Informatiker. In zwei bis drei Monaten solle „THMile“ an der Universität Mainz erstmals eingesetzt werden.

Etwas länger wird es dauern, bis sich Internetnutzer bei ihren Einkaufstouren des interaktiven Anprobe-Simulationssystems Simakon bedienen können. Entwickelt von den Hochschulen Fulda und Reutlingen, soll es ein Problem lösen, mit dem sich Kleiderkäufer seit Erfindung des Online-Shoppings herumärgern: Sie wissen nicht, ob das, was sie ordern, auch wirklich passt. „Die Leute bestellen dann drei Größen und schicken zwei zurück“, weiß Angela Maier, Professorin für Textil und Design an der Hochschule Reutlingen. Simakon soll das ändern: Anhand der Körpermaße des Kunden erzeugt es dessen virtuelles Ebenbild, auch Avatar genannt, der dann wie eine Anziehpuppe eingekleidet werden kann. Manchmal verheddert sich die Pixel-Dame in den Kleidern, die ihr übergestreift werden, aber sie hat auch noch eine Weile Zeit, bis sie ihren Dienst in der Versandbranche antreten muss. Erst im Februar 2010 soll Simakon marktreif sein. Maier kann sich eine Ausgründung beider Hochschulen vorstellen, die das Produkt dann vertreibt.

Die Nummer für alle Fälle

Gegenüber, am E-Government-Stand, werden schon Geschäfte getätigt, wenn auch nur zu Demonstrationszwecken. „Elektronischer Gefangenen-Einkauf“ – was nach Menschenhandel klingt, ist in Wahrheit ein System, das den Verkauf von Waren in Gefängnissen organisatorisch vereinfachen und Manipulationen verhindern soll. Die Einkaufsscheine, mit denen die Insassen von autorisierten Händlern Artikel erstehen können, werden per Computer ausgefertigt: „Dann kann ein Gefangener auf dem Zettel nicht mehr aus der ,Drei‘ eine ,Acht‘ machen“, erklärt Helmut Roos, Abteilungsleiter im Justizministerium. Noch in diesem Jahr solle das Verfahren probeweise in einer Vollzugsanstalt eingeführt werden.

Deutlich größer ist die Zielgruppe des E-Government-Projekts, das unter dem Schlagwort „EU-Dienstleistungsrichtlinie“ läuft. Bis 28. Dezember dieses Jahres soll nach dem Willen der Europäischen Union das grenzüberschreitende Anbieten von Dienstleistungen wesentlich erleichtert werden. Ein Deutscher zum Beispiel, der auf Gran Canaria eine Kneipe eröffnen will, wird dann statt einer Vielzahl von Behörden nur noch einen einzigen Ansprechpartner kontaktieren müssen, wie Georg Matzner vom Innenministerium erläutert. Zusammen mit der Firma SAP habe man ein Portal entwickelt, das aus den Wünschen des Unternehmers einen fertigen Antrag „komponiert“. Das Programm greift dabei auf den „Hessenfinder“ zurück, eine Datenbank, in der gespeichert ist, welches Amt wofür zuständig ist. Von den dort abrufbaren Informationen sollen auch die Nutzer der einheitlichen Behörden-Rufnummer 115 profitieren, die vom 24. März an in Hessen erprobt wird.

Friedrich Ebner vom Innenministerium sieht in Kreisen und Kommunen grundsätzlich eine große Bereitschaft, sich an diesem Projekt zu beteiligen. Die Begeisterung kühle allerdings oft ab, sobald den Verantwortlichen klar werde, wie stark die Verwaltungsstrukturen geändert werden müssten, wenn tatsächlich jeder Bürger mit einem Anruf die gewünschten Auskünfte bekommen solle. Dennoch ist der Abteilungsleiter zuversichtlich, dass das Vorhaben ein Erfolg wird. „Der Druck von der Politik und vom Kunden hilft.“

Anruf beim Lichtschalter

Nicht das Innen-, sondern das Wirtschaftsministerium ist Gastgeber in Halle 2 der Cebit, am Stand der Hessen-IT. Siebzehn kleinere Computerfirmen zeigen dort ihre Entwicklungen, „das ist die größte Zahl, die wir bisher hatten“, sagt Wolfram Koch von Hessen-IT. Diese vom Ministerium gelenkte Initiative soll das Land als Standort der Informationstechnik-Branche stärken. Auf der Computermesse nimmt sie den Unternehmen nach Kochs Worten alles Organisatorische ab, damit die meist nur wenige Mitarbeiter zählenden Betriebe sich ganz auf die Produktpräsentation konzentrieren können.

Patrick Mause nimmt diese Aufgabe sehr ernst. Mit der Saugkraft eines Reinigungsgerätevertreters preist der Entwicklungsleiter des nordhessischen Herstellers BSC seine Ware an. Dabei ist ihm die Neugier der Messegäste auch so sicher: Sein Unternehmen verkauft Haustechnik, die kabellos und sogar vom Handy aus zu steuern ist. Lichtschalter, Fenstergriffe und Kameras lassen sich mit den BSC-Programmen dirigieren; laut Mause gibt es auch schon Kleintierfallen, die der Überwachungszentrale melden, wenn sie eingeschnappt sind. Bedenken, die Funkkontrolle könne Einbrechern mit Hackerkenntnissen buchstäblich Tür und Tor öffnen, wischt Mause mit einem schier unschlagbaren Argument beiseite: „Die Verschlüsselung, die wir verwenden, ist so sicher, dass wir unsere Geräte in den Vereinigten Staaten nicht verkaufen dürfen. Da will der Geheimdienst nämlich jeden Code knacken können.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Jesco Denzel

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