Intel-Verwaltungsratschef Barrett

„Wir müssen uns aus der Krise rausinvestieren“

Craig Barrett: “Jede große Krise birgt große Chancen“

Craig Barrett: "Jede große Krise birgt große Chancen"

03. März 2009 

Der Chiphersteller Intel hält auch in schwierigen Zeiten an seinen Investitionsplänen fest. In den kommenden zwei Jahren würden alleine in den Vereinigten Staaten 7 Milliarden Dollar investiert, sagt Verwaltungsratschef Craig Barrett im F.A.Z.-Interview. Schließlich müsse auch Intel „technisch Schritt halten“.

Welche Spuren wird die Weltwirtschaftskrise in der Chipindustrie hinterlassen?

Eine tiefe Spur. Die Industrie wird nach der Krise anders aussehen. Es wird Konsolidierungen und Diversifizierungen geben. Große Hersteller wie TSMC, Samsung und Intel werden auch in Zukunft alles aus einer Hand anbieten. Auf technologischer Seite wird uns das weiter als Schrittmacher der Entwicklung auftreten lassen. Auf wirtschaftlicher Seite werden wir stark unter dem Kostendruck der Konkurrenten stehen. Nur wenn wir technisch gut genug sind, können wir diesem Druck standhalten.

Die Krise hat die Halbleiterindustrie vor einen Scheideweg gestellt. Einige Hersteller stoßen Fabriken ab, andere werden Auftragsfertiger. Hat Intel ähnliches vor?

Warum sollten wir? Wenn Sie eigene teuere Fabriken haben, müssen Sie eine hohe Auslastung dieser Werke gewährleisten und genug Erlöse verbuchen, um letztendlich eine gute Rendite zu erzielen. Das haben wir als Intel, das hat der Auftragsfertiger TSMC, und das hat der Speicherchiphersteller Samsung. Wir können dank unseres Know-hows maßgerechte Chip-Designs und Architekturen vorlegen, in die eigene Massenfertigung bringen und hier die entscheidenden Größenvorteile geltend machen. Dabei sind wir immer von Moores Gesetz ausgegangen, wonach sich die Anzahl der Transistoren auf einem Chip alle zwei Jahre verdoppelt. Diese Herangehensweise hat uns immer zur rechten Zeit die richtigen Investitionen machen lassen; sie hat uns groß gemacht; und sie wird uns auch groß bleiben lassen.

Sie sind also kein bisschen pessimistisch?

Nein. Jede große Krise birgt große Chancen, auch und gerade für so eine kapitalintensive Industrie wie die unsere. Sicher, diese Zeiten sind hart und herausfordernd. Das heißt aber nicht, dass man deshalb seine langfristigen Pläne über Bord werfen muss. Im Gegenteil: Schauen Sie nur auf die Politik in den Vereinigten Staaten. Da haben ich und meine Kollegen jahrelang gefordert, dass Washington Gelder in die Grundlagenforschung steckt, damit Amerika eine führende Industrienation bleiben kann. Nun muss aber erst eine Weltwirtschaftskrise ausbrechen, dass die Politik vom kurz- auf langfristiges Denken umschaltet und die Mittel auch wirklich bewilligt und freigibt.

Intel wird die ersten Chips mit Strukturen von 32 Nanometern auf den Markt bringen. Wäre es angesichts der Krise nicht besser, die Markteinführung dieser teueren Technologie zu verschieben?

Ich habe in meiner 35 Jahre währenden Intel-Karriere mindestens zehn Rezessionen erlebt. Meine Lehre ist die: Der einzige Weg, erfolgreich zu sein, ist jener der Investition. Wir können uns nicht aus der Krise sparen, wir müssen uns rausinvestieren. Das haben wir in den schweren achtziger Jahren gemacht, als wir Intel auf eine neue Basis stellten, die Produktion von Speicherbausteinen aufgaben und ganz auf Prozessoren setzten; und das werden wir auch heute in Zeiten der Diversifizierung und Konsolidierung machen. Wenn Sie nämlich erst einmal anfangen, technologisch an Schwung zu verlieren und sich dann auch noch wirtschaftlich verbremsen, werden Konkurrenten schnell an Ihnen vorbeiziehen - technologisch und wirtschaftlich.

Wie wird denn der Mikroprozessor der Zukunft aussehen?

Er wird ein hochkomplexer und multifunktionaler Baustein sein, der sowohl die traditionelle Aufgabe einer zentralen Steuereinheit wie auch relativ neue Aufgaben, etwa die eines Grafik- oder die eines Audiochips, in sich vereint. Intel hat hierfür die richtigen Architekturen, die richtigen Produkte und die richtigen Fertigungskapazitäten. Das öffnet uns völlig neue Wirtschaftszweige und Kundengruppen. Derzeit können wir schon fast 2 Milliarden Transistoren auf einen daumennagelgroßen Baustein bringen, in zwei Jahren werden es etwa 4 Milliarden sein.

Das macht die Strukturen der Chips immer kleiner, die Leistung aber immer besser. Wo und wann werden hier physikalische Grenzen erreicht?

In unseren Forschungslabors blicken wir bereits weit in die Zukunft. Dort beschäftigen wir uns mit den kommenden fünf Chip-Generationen. Dabei wird in Größenordnungen von nur noch 5 bis 10 Nanometern gedacht. Ich glaube, dass wäre eine Größe, mit der physikalische Grenzen im Rahmen der heute verwendeten Technologien erreicht sind. Bis dahin werden wohl noch 15 Jahre vergehen. Ich will da jedoch etwas vorsichtig sein. Denn die Grenzen des Machbaren sahen wir auch schon vor 30 Jahren erreicht, als wir Größenordnungen von 100 Nanometer für utopisch hielten.

Das ist das langfristige Szenario. Was können wir kurzfristig erwarten?

Eine Erhöhung der Funktionalität. Chips werden anwenderspezifischer entworfen. Auch werden sie energiesparender und preiswerter sein. Ein Mikroprozessor ist im modernen Industriezeitalter jenes Erzeugnis, von dem man beständig mehr Leistung für immer weniger Geld bekommt. Oder lassen Sie es mich in der Sprache der Wirtschaft sagen: Der Mikroprozessor ist das intelligenteste und anti-inflationärste Produkt der Welt.

Vor diesem Hintergrund heben Sie nun auch die sogenannten Intel Europe Labs aus der Taufe?

Ja, wir vergrößern unsere Forschungsaktivitäten in Europa, kreieren eine intelligente Infrastruktur und koordinieren das über unsere Standorte in München und Irland. Von hier aus soll die Zusammenarbeit mit der Wissenschaft, mit Universitäten und mit Forschungslabors verbessert werden. Dabei sprechen wir von 18 Entwicklungseinrichtungen mit mehr als 800 Forschern, die unter das Dach der Intel Europe Labs gestellt werden. Die Brücke zwischen Industrie und Wissenschaft ist für eine forschungsgetriebene Industrie wie die Halbleiterbranche entscheidend.

Nach den letzten Quartalszahlen mit einem Umsatzeinbruch und einem Gewinnrückgang von 90 Prozent gab Intel auch die Streichung von Arbeitsplätzen und die Schließung von Fabriken bekannt. Wie geht das mit Ihren Entwürfen für die Zukunft zusammen?

Das passt schon. Denn die Chipbranche ist stets in einem Prozess des Werdens und Vergehens. Werke, die wir jetzt still- oder mit anderen zusammenlegen, sind Fabriken, die oft 20 Jahre alt sind. Die sind einfach nicht mehr den hohen Anforderungen an moderne Chiptechnik gewachsen. Wir können Chips mit Strukturgrößen von 32 Nanometer nicht in einer Chipfabrik aus den achtziger Jahren bauen. Wir brauchen hier Platz für Neues.

Spielt in Ihren jetzigen Spar- und Konsolidierungsbemühungen nicht auch die rückläufige Nachfrage auf den Weltmärkten eine Rolle?

Ja, das tut sie. Wir richten unser Angebot an der Nachfrage aus. Aber wir treten nicht auf der Stelle. Wir müssen technisch Schritt halten. Moores Gesetz sehen wir auch durch die prekäre Lage der Weltwirtschaft nicht außer Kraft gesetzt; die Arbeit in den Forschungslabors ist nicht gestoppt, der harte Konkurrenzkampf nicht am Ende. Wir werden in den kommenden zwei Jahren allein in unsere amerikanischen Standorte 7 Milliarden Dollar investieren.

Nach einer Klage des Konkurrenten AMD prüft die Europäische Kommission gerade die Rechtmäßigkeit des Vorgehens von Intel gegenüber Konkurrenten und gegenüber den Konsumenten. Dabei könnten hohe Strafen drohen. Sehen Sie sich von Brüssel falsch verstanden

Ich bin nicht überrascht, dass sich AMD über uns beklagt. Das kennen wir seit Jahrzehnten. Die Behörden in Brüssel machen nur das, was sie nach einer Beschwerde machen müssen. Daher sind wir auch kooperativ. Ich bin mir sicher, dass, wenn alle Fakten auf dem Tisch liegen, die Kommission zu dem Schluss kommt, dass wir uns nicht wettbewerbswidrig verhalten haben. Wir sind in einem hart umkämpften Markt, wir investieren jedes Jahr viel Geld, und wir haben sehr gute Produkte. Das ist es, was uns an der Spitze der Branche stehen lässt, und nicht wettbewerbswidriges Verhalten.

Das Gespräch führte Stephan Finsterbusch.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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