Fragen Sie Reich-Ranicki
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Was wäre Wagner ohne die Musik?

Richard Wagner

Richard Wagner

Gibt es Sach- oder Fachbücher, die neben ihrem fachbezogenen Inhalt einen eigenständigen literarischen Wert haben, der sie, unabhängig von ihrer wissenschaftlichen Aussage, auch zu beachtlichen Werken der Literatur macht? Harald L. Weber, Bonn

Reich-Ranicki: Das gilt für alle wichtigen Autoren, deren Werke ihre Wirkung nicht vor allem, aber auch dem sprachlichen Ausdruck verdanken, also beispielsweise Philosophen, Historiker, Psychologen, politische Publizisten, Kunsthistoriker. Hier gleich einige Namen: Schopenhauer, Bismarck, Mommsen, Karl Marx, Meier-Graefe, Wölfflin, Golo Mann, Freud, Scholem, Hannah Arendt, Dolf Sternberger.

Joachim Ringelnatz wird meist auf seine komischen, seine satirischen Gedichte reduziert. Seine ernsten Texte sind dagegen weitgehend in Vergessenheit geraten. Was halten Sie von Ringelnatz? Christian Mangels, Cuxhaven

Reich-Ranicki: Das ist eine ärgerliche Frage. Was soll hier das Verbum „reduziert“? Offenbar soll es andeuten und suggerieren, daß die komischen Gedichte von Ringelnatz schwächer und auf jeden Fall weniger wichtig sind. Wir haben nicht viele Humoristen und Satiriker und können glücklich sein, daß es einen solchen Kerl wie Ringelnatz gegeben hat. In allen ordentlichen Anthologien ist er stark vertreten und natürlich vor allem mit seinen Kabarettexten, seinen Satiren und Humoresken. Es empfiehlt sich, diese Texte sehr aufmerksam zu lesen - und es wird sich herausstellen, daß sie sehr ernst sind. Man hüte sich, das Heitere, das scheinbar nur Lustige zu unterschätzen.

Wären Richard Wagners Texte auch ohne Musik auf der Bühne aufführbar? Was halten Sie von ihrer literarischen Qualität? Stephan Schmitt, Frankfurt am Main

Reich-Ranicki: Erstens: Nein. Zweitens: Wozu sollte man es, um Himmels willen, denn eigentlich tun? Um die Zahl der guten deutschen Opern zu verkleinern und der schlechten deutschen Stücke zu vergrößern? Natürlich sind Wagners Operntexte von unterschiedlicher Qualität. Ich habe wenig Sympathie für das Libretto des „Lohengrin“, noch weniger für den „Siegfried“, vom „Parsifal“ ganz zu schweigen. Die Geschichte des Künstlers zwischen zwei Frauen (der „Tannhäuser“ also) hat mich dagegen immer interessiert.

Doch kein Bühnenwerk Wagners fasziniert mich seit meiner Jugend so stark wie die „Meistersinger“. Das ist ein urbanes Märchen und ein poetischer Traum und zugleich eine Oper über die Kunst und die Literatur, ja über das literarische Leben, genauer: über die Vermittlung von moderner Kunst und moderner Literatur. Das hat es vor den „Meistersingern“ noch nie gegeben: eine Oper, die nicht nur gesellschaftliche Fragen veranschaulicht und erörtert, sondern auch ästhetische - die sich in der Poesie und in der Polemik einander bedingen und eine Einheit bilden.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.09.2006, Nr. 36 / Seite 28
Bildmaterial: Cinetext Bildarchiv

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