Hermann Hesses Steppenwolf hat mich vor rund fünfzig Jahren fasziniert. Ich erhalte mir diese Erinnerung dadurch, daß ich dieses Buch nicht noch einmal lese. Nun hat mich ein guter Freund gebeten, ihm meine Meinung zu Hesses Gedicht Stufen zu sagen. Wir sind uns nicht einig geworden - er liebt dieses Gedicht, ich halte es für schlecht. Jürgen Busch, Hamburg
Warum zählen Sie Hesse in Ihrem Buch Sieben Wegbereiter nicht zu den einflußreichsten Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts? Raban von Arnim, Bonn
Reich-Ranicki: In den Sieben Wegbereitern habe ich über Schriftsteller geschrieben, die mich schon in ihrer Jugend, in den dreißiger Jahren, interessiert und auch fasziniert haben. Schnitzlers Novellen, die Romane Döblins und, vor allem, Thomas Manns, die frühe Prosa Musils, Kafkas Gleichnisse, Tucholskys Feuilletons und die Lyrik des jungen Brecht - das alles übte auf mich eine beinahe magische Anziehungskraft aus.
Zunächst hat das mit der außerordentlichen Qualität dieser Literatur zu tun. Hinzu kam noch ein aktueller Umstand: Es handelte sich um Autoren, die im Dritten Reich verboten oder zumindest unwillkommen waren. Oder sie waren, wie Kafka und Schnitzler, schon tot, doch als Juden verfemt. Zur Attraktivität, die man immer verbotenen Früchten nachsagt, gesellte sich noch ein anderer, keineswegs schwächerer Reiz - jener der Modernität. Wahrscheinlich habe ich es damals eher gespürt und geahnt als tatsächlich begriffen, daß mit den frühen Büchern dieser Autoren eine neue Epoche der deutschen Literatur begonnen hatte. Aus diesen Wegbereitern wurden dann meine Wegbegleiter.
Das alles gilt für Hesse eben nicht. Seit dem Ersten Weltkrieg lebte er in der Schweiz, seit 1923 war er Schweizer Staatsangehöriger. Den Nazis stand er nie nahe. Er war ein Rebell und ein Anarchist, doch vor allem ein Poet. Sein Werk bietet eine Mischung aus deutschromantischer Tradition und moderner Psychologie, aus Idyllik und Zivilisationsverachtung. Mit der heftigen Kritik des bürgerlichen Lebens verbindet sich bei ihm die Sehnsucht nach einer soliden und stabilen, schließlich doch bürgerlichen Ordnung.
Hesse, vor allem Lyriker, Romancier und Novellist, war außerordentlich erfolgreich, viele seiner Bücher erreichen noch heute sehr hohe Auflagen. Er hatte den Ruf eines strengen Sehers mit zarter Stimme und zugleich eines jugendbewegten Klassikers der Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts.
Zu den vielen, sehr vielen enthusiastischen Lesern Hesses gehörte ich nicht, vielleicht mit Ausnahme meiner frühen Gymnasialjahre. Für einen Wegbereiter der deutschen Literatur habe ich ihn nie gehalten. Daß ich aber sein Werk nicht unterschätze, davon konnte man sich unlängst überzeugen, als der von mir herausgegebene Kanon der deutschen Literatur veröffentlicht wurde: Hesse ist in vier der fünf Teile dieses Kanons vertreten.
In der Kassette mit Erzählungen gibt es zwei größere Arbeiten von Hesse: Knulp und Klein und Wagner. Im essayistischen Teil finden sich Hesses Aufsätze Deutsche Erzähler und Notizen zum Thema Dichtung und Kritik. In den Romanteil habe ich nicht etwa den Steppenwolf aufgenommen. Als ich ihn in meiner Jugend zum ersten Mal las, war ich entzückt, nach der zweiten Lektüre enttäuscht und nach der dritten entsetzt. Daß der Leser aus Hamburg seinem literarischen Geschmack von ehedem mißtraut und daß er sich fürchtet, ihn zu überprüfen, mag nicht unverständlich sein, ist mir aber ziemlich fremd. Für den Romankanon schien mir Unterm Rad geeigneter als der Steppenwolf.
Im Lyrikteil des Kanons werden acht Gedichte von Hesse geboten, auch Stufen mit den beiden berühmten Versen: Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, / der uns beschützt und der uns hilft zu leben. Der Leser aus Hamburg, von seinem Freund um ein Urteil über dieses Gedicht gebeten, teilt uns mit, man habe sich nicht einigen können: Ihm mißfällt das Gedicht, dem Freund jedoch gefällt es - wie auch mir.
Muß man denn, wenn man sich über Gedichte unterhält, unbedingt Einigkeit erzielen? Vielleicht hat der eine Gesprächspartner mehr Sinn für Lyrik als der andere? Wie auch immer: Gönnen Sie Ihrem Freund die Freude an diesen Versen. Und der Leser aus Bonn möge es mir bitte nicht übelnehmen, daß ich manches von Hesse schätze, ihn jedoch nicht für einen Wegbereiter unserer Literatur halte.
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Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 24.09.2006, Nr. 38 / Seite 28
Bildmaterial: Cinetext/Henschel Theater-Archiv