28. Mai 2008 Ich war, in meiner Jugend, und bin immer noch ein Bewunderer von Heinrich Böll. Wie schätzen Sie sein Werk aus heutiger Sicht ein? Wird es Bölls Zeit überdauern? Wolfgang Schönecker
Marcel Reich-Ranicki: Im Jahre 1921 schrieb Kurt Tucholsky in einem Artikel: Weil aber die Zeit läuft und sich das, was zwischen den Zeilen eines Buches ausgedrückt ist, niemals länger als fünfzig Jahre hält und mit den Menschen, von denen es und für die es geschrieben ist dahingeht . . . Natürlich gilt das nicht für die ganz großen Schriftsteller. Und über die Ziffer fünfzig kann man streiten, vielleicht könnte man von sechzig oder siebzig Jahren sprechen.
Bölls Romane und Geschichten, die zunächst während des Zweiten Weltkriegs spielen und dann in der Bundesrepublik, handeln vom Schicksal der Opfer, der kleinen Leute, jener, die getreten und getrieben werden. Aber er zeigt nicht, wie die Menschen den Krieg machen, sondern was der Krieg aus den Menschen macht. Auch in der Nachkriegszeit bleibt der Blick dieses Erzählers auf die Erniedrigten und die Beleidigten gerichtet. Als neues Thema kommt die satirische Kritik des westdeutschen Kulturbetriebs hinzu.
Nun war Böll zwar einer der wichtigsten deutschen Schriftsteller seiner Zeit (er lebte von 1917 bis 1985), doch ein solcher Kerl, dessen Prosa die ganze Epoche überdauern würde, war er mit Sicherheit nicht. Reden wir offen: Schon jetzt ist nur wenig geblieben. Es wird naturgemäß immer weniger werden. Seine Romane sind mittlerweile allesamt in Vergessenheit geraten.
Literarisch wertvoller sind zumindest einige seiner Geschichten, beispielsweise Der Mann mit den Messern, Wiedersehen in der Allee, Wanderer, kommst du nach Spa. . . und die glänzende Satire Doktor Murkes gesammeltes Schweigen. Wie auch immer: Man wird Böll wenig lesen, doch wird man sich an ihn sehr wohl erinnern.
In den Komödien der neueren deutschen Literatur fallen die komischen Rollen immer nur männlichen Figuren zu. Wie kommt das, und seit wann durften auch Frauenrollen komisch sein? Richard Kropf, Berlin
Marcel Reich-Ranicki: Diese Feststellung ist nicht richtig. In den frühen bedeutenden deutschen Komödien, also in der Minna von Barnhelm und im Zerbrochenen Krug, sind alle weiblichen Figuren komisch. In späteren Komödien - über Hauptmann (Der Biberpelz), Sternheim (Die Hose, Der Snob) und Brecht (Dreigroschenoper) bis heute - gibt es ebenfalls komische Frauenfiguren.
In Goethes Tasso kommt nicht eine einzige Zeile aus Tassos Werk vor. Es wäre doch ein Leichtes gewesen, eine Lesung oder halbszenische Darstellung etwa des Befreiten Jerusalem in das Werk einzubauen. Jochen Hensel, Mülheim
Marcel Reich-Ranicki: Sie sollten sich in dieser Angelegenheit nicht an mich wenden, sondern an Goethe.
Sie haben Horaz als Dichter von großem Talent bezeichnet. Entspricht das Ihrer tatsächlichen Auffassung? Gregor Bittko
Marcel Reich-Ranicki: Ja. Übrigens kann ich hinzufügen: Ich bin nicht der einzige Bürger der Bundesrepublik, der dies meint.
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Text: F.A.S.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa
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