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01. August 2008 

Wie haben Sie einst die Dichterin Ulla Hahn entdeckt? Sybille Federsen, Hamburg

Anmutige Verse: Ulla Hahn

Anmutige Verse: Ulla Hahn

Reich-Ranicki: Die Entdeckung junger literarischer Talente ist ein mühseliges Geschäft. Dennoch hat es mir bisweilen Spaß gemacht. Allerdings musste ich oft an meinen Freund Siegfried Unseld denken. Er hat mich einmal, als ich in dieser Branche noch ein Neuling war, freundlich belehrt: Lass es dir von mir sagen - in unserem Geschäft gibt es keine Dankbarkeit.

Zumindest ein Fall ist mir unvergesslich. Anfang August 1979 wurde ich zu einer Fernsehdiskussion in Wien eingeladen. Es sollte um Frauenliteratur gehen, wobei mir freilich nicht klar war, was die Veranstalter im Sinne hatten: Literatur von Frauen, für Frauen oder über Frauen.

Als ich in Wien ins Studio kam, waren dort schon vier Damen versammelt, alle, so wollte es scheinen, kampflustig. Sie schickten sich an, mich, der ich aus mir unbegreiflichen Gründen als Feind der Frauenemanzipation galt, wenn nicht gar des weiblichen Geschlechts, vor laufender Kamera zu bestrafen, wenn nicht zu zerfleischen.

Auch ich war angriffslustig, aber mein Interesse an dem bevorstehenden Streitgespräch war schlagartig geschwunden, als ich plötzlich sah, dass eine meiner Partnerinnen eine außerordentliche Frau war: anmutig und anziehend, verlockend und verführerisch, lieblich und liebreizend, kurz: wunderschön.

Ich war von ihr so bezaubert, dass ich die anderen kaum wahrnahm. In der Diskussion hat sie mir noch besser gefallen. Sie sprach intelligent und hatte die von mir geschätzte Neigung, mit allem, was ich sagte, einverstanden zu sein. Das geplante Streitgespräch verwandelte sich in einen diskreten erotischen Dialog. Was ich sagte, war nur für sie bestimmt, und was sie sagte, war, wollte mir scheinen, an mich gerichtet.

Gleich nach der Sendung wollte sie zurück ins Hotel. Sie verabschiedete sich von mir mit den Worten: „Sie hören von mir sehr bald.“ In der Tat erhielt ich von ihr nach wenigen Tagen einen Brief mit einer Einladung, und dann noch einen zweiten. Ich habe ihr eines meiner Bücher geschickt, die beiden Briefe jedoch nicht beantwortet. Es würde zu weit führen, wollte ich den Grund meiner Zurückhaltung erklären. Ich habe sie nie wiedergesehen. Sie starb 1986. Ihr Name: Lilli Palmer. Ihr Beruf (das sei für jüngere Leser auf alle Fälle hinzugefügt): Schauspielerin, eine hervorragende und berühmte Schauspielerin.

Da Frau Palmer so schnell verschwunden war, kam ich mit einer anderen Diskussionsteilnehmerin ins Gespräch. Es war eine junge Germanistin, ihres Zeichens Literaturredakteurin bei Radio Bremen. Worüber wir uns unterhalten haben, weiß ich nicht mehr. Sie habe gewiss, sagte ich leicht ironisch, einen Roman in der Schublade liegen. Nein, sagte sie schnippisch - aber ab und zu schreibe sie Gedichte.

Mich ritt der Teufel, denn ich sagte zu ihr: „Dann schicken Sie mir mal einige.“ Kaum war mir das Wort entfahren, wollt' ich's im Busen gern bewahren. Doch zu meinem großen Bedauern hat meine Gesprächspartnerin meine Aufforderung ernst genommen. Wenig später bekam ich aus Bremen vier Gedichte, vermutlich - das wusste ich aus langjähriger Erfahrung - schlechte, geradezu miserable. Der Begleitbrief, der an unser Gespräch in Wien erinnerte, war auffallend kurz.

Ich las die Verse gleich. Ich war verblüfft und entzückt. Das hatte es in meiner bisherigen Praxis in der Frankfurter Allgemeinen noch nicht gegeben: Eine junge Frau, von der noch nichts publiziert war, hatte mir druckbare Gedichte zugeschickt, mehr noch, Gedichte, die bewiesen, dass Lyrik auch heute und gerade heute schön sein darf und schön sein sollte.

Ich war entschlossen, die anmutigen Verse der unbekannten Autorin in der Frankfurter Allgemeinen zu veröffentlichen. Aber vorerst rief ich Ulrich Greiner, der damals in der von mir geleiteten Literaturredaktion der Frankfurter Allgemeinen arbeitete (er ging später zur „Zeit“, wo er Feuilletonchef war und wo er noch heute tätig ist). Ohne mein Urteil anzudeuten, bat ich ihn, diese Manuskripte zu lesen. Er kam rasch zurück, beinahe erregt. Sein Urteil: „Sofort alle drucken.“

Ich musste ihm noch den Namen der Lyrikerin nennen, der auf dem Manuskript nicht zu finden war. Ihren Brief hatte ich irgendwo verlegt. Im Papierkorb fand ich ein zerknülltes Kuvert. Der gesuchte Name ließ sich gerade noch entziffern: Ulla Hahn.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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